Das gute Beispiel

Wolfgang Pomrehn 30.09.2009

Die Energie- und Klimawochenschau: Entwicklungsländer versuchen mit neuen Angeboten die Klimaverhandlungen voranzubringen, während Dürren und Taifune viel menschliches Leid verursachen

Es wird mal wieder verhandelt. Nachdem letzte Woche das Treffen der Staats- und Regierungschefs aus aller Welt ergebnislos geblieben war, zu dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon eingeladen hatte (Hoffnung sinkt), hat am Montag in Bangkok eine weitere Vorrunde für den großen UN-Gipfel im Dezember in Kopenhagen begonnen.

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Auf dem Treffen in der dänischen Hauptstadt soll in zweieinhalb Monaten ein neuer Klimaschutzvertrag unterschrieben werden. Derzeit sieht es damit gar nicht gut aus, denn der Entwurf umfasst noch rund 200 Seiten und ist mit einigen Tausend eckigen Klammern gespickt, die strittige Passagen markieren. Doch während sich die Industriestaaten mit ernsthaften Angeboten weiter zurückhalten, sind es nun vor allem die Entwicklungsländer, die sich bemühen, das Eis zu brechen.

So hatte bereits auf dem Treffen in New Yorck der Präsident der Malediven Mohamed Nasheed angekündigt, dass sein Land mit gutem Beispiel vorangehen wolle. Unabhängig vom Ergebnis des Gipfels in Kopenhagen werde die Wirtschaft der Malediven bis 2020 vollkommen auf erneuerbare Energieträger umgestellt. Die Zeit in der jeder auf den anderen wartet, den ersten Schritt zu machen, müsse vorbei sein.

Auch in einem anderen wesentlichen Punkt kam Nasheed den Industriestaaten entgegen: Wenn die Industriestaaten einschneidende Maßnahmen ergreifen, dann müssten sich auch die Entwicklungsländer auf Ziele zur Verminderung des Treibhausgasausstoßes einlassen. Voraussetzung dafür sei, dass die reichen Länder Technologie und Finanzen für den Umbau der Wirtschaft liefern und zu ihrer historischen Verantwortung stehen. Mit letzterem spielte der Malediver darauf an, dass die in den letzten 100 Jahren in der Atmosphäre angereicherten Treibhausgase, fast ausschließlich von den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern ausgestoßen wurden.

In Bangkok wird seit Montag über Klimaschutz verhandelt. Bild: UNFCCC

Ungewöhnliche Angebote

In das gleiche Horn stieß am vergangenen Freitag im US-amerikanischen Pittsburgh auf dem G20-Gipfel Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono. Seine Regierung bereite gerate ein Klimaschutz-Gesetzespaket vor. Das Ziel: Der Treibhausgasausstoß soll, gemessen an einem Business-as-usual-Szenario bis 2020, um 26 Prozent gesenkt werden. Das geht aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuthers hervor. Mit Business-as-usual ist jenes Niveau gemeint, dass die Emissionen 2020 hätten, wenn sie im gleichen Maße wie in der Vergangenheit zunehmen würden.

Die Maßnahmen bestünden aus einer Mischung aus mehr Investitionen in erneuerbare Energieträger und der Verminderung der Emissionen, die durch Entwaldung entstehen. Viele der Inseln des indonesischen Archipels haben Vulkane, weshalb sich in dem Land Erdwärme, das heißt Geothermie, besonders gut für die Stromproduktion eignet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte hingegen 1995 als frischgebackene Bundesumweltministerin auf einer Indonesienreise versucht, dem seinerzeitigen Diktator und Kohl-Freund Suharto deutsche Atomkraftwerke anzudrehen. Sein demokratisch gewählter Nachfolger Susilo scheint von derlei Technik nicht viel zu halten, wohl aber von Technologietranfer: Das Klimaschutzziel könne mit internationaler Hilfe ohne weiteres auf 41 Prozent aufgestockt werden. "Das Ziel ist vollständig erreichbar, denn unsere Emissionen hängen größten Teils mit Dingen wie Entwaldung und Waldbränden zusammen", sagte Susilo in Pittsburgh. Bis 2030 wolle man die Wälder von einer Kohlendioxidquelle in eine -senke verwandelt haben. Dafür müssten die entwaldeten Flächen zumindest zum Teil wieder aufgeforstet werden.

Dürren und Hunger

Während Australien von schweren Sandstürmen heimgesucht wird, geht in Ostafrika eine schwere Dürre ins fünfte Jahr, wie Reuters berichtet. Über 23 Millionen Menschen in sieben Ländern seien von schwerem Hunger bedroht. Betroffen sind Tansania, Kenia, Uganda, Sudan, Äthiopien, Somalia und Dschibuti. Die hohen Nahrungsmittelpreise würden die Situation verschärfen. In Somalia sei jedes sechste Kind unterernährt, in Äthiopien sind 13,7 Millionen Menschen gefährdet und in Kenia 3,8 Millionen.

Die Menschen müssten teilweise mit zwei Litern Wasser pro Tag auskommen, zitiert die Agentur einen Sprecher der Hilfsorganisation Oxfam, die einen Spendenaufruf herausgegeben hat. Hunderttausende Stück Viehs würden sterben und ein großer Teil der Ernte ausfallen. "Dies ist die schlimmste humanitäre Krise in Ostafrika seit mehr als einem Jahrzehnt", meint Paul Smith Lomas, der Oxfams Programme in Ostafrika leitet. Das Problem seien ausbleibende sowie unzuverlässige Regenfälle. Einst habe es alle zehn Jahre eine Dürre gegeben, nun treten sie alle zwei oder drei Jahre auf. Der Klimawandel führe außerdem dazu, dass die Regenzeit kürzer werde.

Der Hunger in der Welt. Bild: WFP

Und nicht immer bringt der Regen Erleichterung: Im Oktober sollte die Regenzeit starten, aber einige in der Region befürchten, dass die Niederschläge zu heftig ausfallen. Vielerorts ist der ausgetrocknete Boden steinhart und könnte das Wasser aus Wolkenbrüchen nicht rasch genug aufnehmen. Das Ergebnis wären schwere Überschwemmungen, die die Ernten zusätzlich schädigen. Aber selbst bei normalem Regen wird die Ernte erst Anfang 2010 eingefahren werden können, doch so lange können die Hungernden nicht warten.

In diesem Zusammenhang ist besonders fatal, dass dem UN-Nahrungsmittelprogramm WFP fast eine Milliarde US-Dollar für Hilfslieferungen in der Region fehlen. Die Financial Times schreibt, dass nur zehn Prozent der notwendigen Finanzmittel zur Verfügung stehen. Einige Geberländer haben offenbar ihr Budget zusammengestrichen.

Schlimmer als "Katrina"

Auch auf den Philippinen bekam dieser Tage die zerstörerische Kraft von extremen Niederschlägen zu spüren. Taifun "Ketsana", auf den Philippinen "Ondoy" genannt, bescherte der Hauptstadtregion Metro Manila die schwersten Niederschläge seit 1967 und umfangreiche Überschwemmungen, wie die Weltmeteorologieorganisation WMO berichtet. Inzwischen ist "Ketsana"nach Vietnam weiter gezogen, hatte sich aber am Dienstag etwas zur tropischen Zyklone abgeschwächt. Derweil ist südöstlich der Philippinen bereits neues Unheil im Anzug.

Während "Ketsana" nun Vietnam heimsucht und sich abschwächt, sind weiter östlich bereits ein neuer Tropensturm und eine tropisches Tief (tropical depression) im Anzug, die sich beide vermutlich weiter intensivieren werden. Aktuelle Sturmlage im Westpazifik. Bild: WMO

Die Verwüstungen, die "Ketsana" auf Luzon, der nördlichen Hauptinsel der Philippinen, anrichtete, sind enorm. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AP standen 1,9 Millionen Wohnungen unter Wasser. 240 Menschen sind in den Fluten ums Leben gekommen, 37 werden noch vermisst. Die in Manila erscheinende Zeitung The Inquirer schreibt, dass in Metro Manila und Umgebung mehr Regen gefallen sei, als seinerzeit 2005 der Hurrikan "Kathrina" über New Orleans ausgeschüttet hat. Hurrikane und Taifune sind identische Wetterphänomene, die in den jeweiligen Regionen nur unterschiedlich bezeichnet werden.

Laut Inquirer treffen jedes Jahr durchschnittlich 20 Taifune die Philippinen, aber dennoch seien viele Experten von der Intensität des Sturms "geschockt". Er würde ein Muster ungewöhnlich schlechten Wetters fortsetzen. Der Chef der Zivilverteidigung Anthony Golez und der Leiter des Wetterdienstes Prisco Nilo seien erstaunt über befremdliche Veränderungen in den Taifunen, die in den letzten zwei Jahren über das südostasiatische Archipel zogen. Im April 2009, eher eine ungewöhnliche Zeit für die Stürme in dieser Region, wurden die Inseln gleich von drei Taifunen in Folge getroffen, von denen einer einen Erdrutsch auslöste, dem 250 Menschen zum Opfer fielen. Auch die Zugbahnen ändern sich.

Yvo de Boer Sekretär des UN-Klimaschutzrahmenkonvention (UNFCCC) sagte am Montag bei der Eröffnung der Gespräche in Bangkok, dass die Überschwemmungen im Metro Manila ein Schlaglicht darauf werfen, wie wichtig eine Einigung auf einen neuen Klimaschutzvertrag bis zum Klimagipfel im Dezember sei. Mit einer ehrgeizigen Klimaschutzpolitik könne verhindert werden, dass Intensität und Häufigkeit der Stürme zunehmen.

Am Beispiel der Philippinen und dem Taifun "Ketsana" wird deutlich, welche Rolle die Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen im Rahmen der Verhandlungen spielen. Die Entwicklungsländer verlangen von den Industriestaaten, auf deren Konto die bisherige Erwärmung geht, dass sie für den angerichteten Schaden aufkommen. Rund um Manila leben in riesigen Slums über fünf Millionen Menschen, die den Unwettern schutzlos ausgeliefert waren. Sie verfügen weder über die Mittel, sich sichere Häuser zu bauen, noch haben sie einen Anteil an den Ursachen des Klimawandels.

Anderswo auf den Philippinen sieht es kaum besser aus. Die Regierung musste im Ausland um Hilfe bitten, um der Naturkatastrophe Herr zu werden und die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. In der ehemaligen US-Kolonie, deren Wirtschaft schon seit den 1960er Jahren durch einen Freihandelsvertrag mit der ehemaligen Kolonialmacht an der Entwicklung gehindert wird, leben heute nach Angaben des Inquirer 43 Prozent der Bevölkerung also 36 Millionen Menschen von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31223/1.html
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