"Monetäre Konjunkturstimulation muss scheitern"

02.10.2009

Obamas Konjunkturprogamm fuße auf falschen theoretischen Grundlagen und sei von vornherein zum Scheitern verurteilt, meint der australische Wirtschaftsprofessor Steven Keens

Als US-Präsident Obama im Frühjahr sein Konjunkturprogramm erläutert hatte, war seine Begründung, warum er das Geld vor allem den den Banken und nicht den Menschen geben wolle, der ökonomische Multiplikatoreffekt: "Ein Dollar an Kapital für die Banken kann zu acht oder zehn Dollars an neuen Krediten an Familien und Unternehmen werden, ein Multiplikatoreffekt, der letztendlich zu einem höheren Wirtschaftswachstum führen kann", sagte Obama wörtlich im April.

Geht es nach den ökonomischen Lehrbüchern, dann hätte Obama die richtige Entscheidung getroffen. Denn wie da stets zu lesen ist, hänge die Kreditvergabe der Banken allein davon ab, wie viel Geld ihnen an "Reserven" zur Verfügung steht und mit welchem Faktor diese in Kredite umgesetzt werden dürfen, was eine politische Entscheidung darstellt. Dieser "Geld-Multiplikator" (nicht zu verwechseln mit dem steuerlichen Multiplikator) hänge dann davon ab, mit wie viel eigenem Geld die Banken ihre vergebenen Kredite unterlegen müssen, was durch die politisch festgelegte Mindestreserve bestimmt wird. Diese Reserven würden letztendlich von der Notenbank bereitgestellt, die diese wiederum nach belieben vermehren oder verringern kann, indem sie Wertpapiere von den Banken gegen Cash oder Gutschriften auf deren Reservekonten kauft, oder an diese verkauft, was die verfügbare Menge an Reserven reduziert.

Diese von den Banken auf Zentralbankkonten gehaltenen Reserven und das umlaufende Bargeld, die übrigens das engste Geldmengenaggregat darstellen, werden von Ökonomen dann auch gerne als "hot powered money" bezeichnet, weil sie für die Banken einen Kostenfaktor darstellen, den sie nur durch Kreditvergaben abbauen können. Je mehr an Reserven die Banken also erhalten, um so mehr an Krediten werden sie vergeben, wozu sie von ihrem eigenen Gewinnstreben getrieben werden, so jedenfalls die neoklassische Standard-Theorie.

Üblicherweise wird hoffnungsvollen Jungökonomen die Kreditproduktion dann anhand des "fractional-banking"-Schemas erklärt. Eine Bank erhält z.B. 100 Geldeinheiten an Einlagen und reicht – bei z.B. zehn Prozent Reserveverpflichtung – 90 davon als Kredit wieder aus. Dieses Geld landet, wenn es investiert oder konsumiert wird, sofort wieder als Einlage im Bankensystem, wovon neuerlich 90 Prozent, d.h. 81 Einheiten, ausgereicht werden. Diese landen ebenfalls im Bankensystem und können wiederum zu 90 Prozent ausgereicht werden, so dass am Ende ein Mehrfaches der Primäreinlagen (bei zehn Prozent Reserveverpflichtung das Zehnfache) an Krediten generiert wird.

Dementsprechend müsste sich nach den massiven Maßnahmen der US-Behörden nun ein üppiger Strom an neuen Krediten in die US-Wirtschaft ergießen, der sämtliche Konjunkturprobleme eliminieren sollte, jedenfalls wenn sich die von der Standard-Geldtheorie der Volkswirtschaftslehre angenommenen Zusammenhänge auch nur irgendwie in der Realität widerspiegeln würden.

Das dem nicht so ist, hat zuletzt am deutlichsten wohl der australische Wirtschaftsprofessor Steve Keen angemerkt. Das beginne schon damit, dass alle Statistiken darauf deuten, dass die Geldproduktion in genau umgekehrter Richtung erfolgt: Denn offenbar vergeben die Banken zuerst ihre Kredite und erst dann kümmern sie sich um die Beschaffung der dafür erforderlichen Reserven, was wohl jeder bestätigen wird, der die Liquiditätssteuerung im Treasury einer Bank aus der Nähe betrachten konnte. Keen beobachtet jedenfalls, dass das engste Geldmengenaggregat, das laut Standardtheorie noch vor einer Kreditexpansion ansteigen müsste, tatsächlich erst rund ein Jahr später ansteigt, also lange nachdem die breiteren Geldmengenaggregate bereits die Kreditexpansion widerspiegeln. Denn: "In Wirklichkeit vergeben die Banken zuerst die Kredite, kreieren in diesem Prozess die Einlagen und suchen sich erst später die erforderlichen Reserven", wie der renommierte Ökonom Basile Moore schon 1983 betont hat, der sich dabei auf Beobachtungen der US-Notenbank stützen konnte.

Nach der neoklassischen Standardtheorie müsse, so Keen. zudem die gesamte im System verfügbare Geldmenge die Kreditmenge übersteigen, was historisch gleichfalls nirgendwo und niemals der Fall gewesen sei. Tatsächlich übersteige der umlaufende Kredit bei weitem die vorhandene Geldmenge, wobei dieses Verhältnis stetig zuungunsten der Kreditmenge zunehme, was im neoklassischen Standardmodell unmöglich wäre.

Im neoklassischen Modell wedle laut Keen also "der 'fiat-money'-Schwanz mit dem 'credit-money'-Hund", was eine darauf basierende Geldpolitik von vornherein zum Scheitern verurteile. So würde laut Keen die monetäre Expansion schon allein deshalb nicht zur gewünschten Expansion von Konsum- und Investitionskrediten führen, weil beispielsweise die US-Konsumenten längst viel zu hoch verschuldet sind und gerade dabei wären, ihre Vermögensbilanzen auszugleichen, wozu sie ihre Ersparnisse und nicht ihre Kredite erhöhen müssten.

Quelle: Steve Keen

Nach dem klassischen Modell hätte Fed-Chef Ben Bernanke zuletzt hingegen alles richtig gemacht. So wurde die monetäre Basis, die für eine Verdoppelung immerhin 14 Jahre benötigt hatte, nun in nur vier Monaten verdoppelt. Das müsste zu einer massiven Kreditexpansion führen und gleichzeitig sollten auch die herrschenden deflationären Tendenzen eliminiert werden. Laut neoklassischer Theorie müssten also die privaten Schulden der USA, die Keens aktuell mit 42 Billionen Dollar beziffert, um weitere sieben Billionen ansteigen, was jedoch schon an den querbeet verschärften Kreditvergabestandards und der offensichtlich sinkenden Verschuldungsneigung der Konsumenten scheitern müsse.

Und da scheinen auch die direkten Konjunkturmaßnahmen wie die hohe KFZ-Abwrackprämie oder das Förderprogramm für erstmalige Wohnimmobilienkäufer wenig zu helfen. Immerhin erhalten erstmalige Hauskäufer einen Steuerkredit von 8000 Dollar, der auch dann in Cash ausgezahlt wird, wenn keine offene oder absehbare Steuerschuld besteht. Ob es klug ist, nach den Erfahrungen mit den Subprimekrediten nun neuerlich Hypotheken auszureichen, die dem Preis der Immobilie entsprechen oder übersteigen und folglich keinerlei Eigenkapital des Hauskäufers erfordern, wird sich noch herausstellen. Immerhin könnte diese Aktion, die freilich demnächst ausläuft, geholfen haben, den weiteren Verfall der US-Eigenheimpreise zu stoppen. Insgesamt haben diese und andere Kreditaktionen der US-Regierung aber noch lange nicht ausgereicht, um die privaten Kredite insgesamt auszuweiten.

Nach den aktuellen Angaben der Fed sind die Schulden der privaten Haushalte im 2. Quartal das vierte Mal in Folge zurückgegangen. Die Hypothekarkredite fielen auf Jahresbasis um 1 1/2 Prozent, Konsumkredite um 6 1/2 Prozent, die Unternehmen reduzierten ihre Schulden um 1 3/4 Prozent.

Folglich dürften die überschüssigen Reserven großteils bei der Fed verblieben sein oder zur Finanzierung von Finanzinvestments geführt haben, was immerhin den jüngsten Boom an den Aktienmärkten und bei praktisch allen anderen irgendwie riskanten Asset-Klassen erklärt. Aufgrund der inzwischen wieder üppigen Gewinne einiger Banken dürften gewichtige Teile der Hilfsgelder zudem durchaus auch in Managerboni geflossen sein

Zusätzliches reales Wachstum könnten die Konjunkturprogramme dann aber allenfalls über ein verbessertes Konsum- und Investitionsklima erzielt haben, dass aus dem Börsenboom erwächst. Der von Bernanke/Obame erhoffte Multiplikatoreffekt, den es geben sollte, wenn die Hilfsgelder den Banken und nicht den Privathaushalten oder Unternehmen in die Hand gegeben werden, wäre dann also nicht nur nicht eingetreten, sondern vermutlich sogar negativ.

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