Wunderenergie statt Atomkraft

03.11.2009

Energieprobleme könnten bald der Vergangenheit angehören - meinen jedenfalls die Verfechter der so genannten Freien Energie

Abenteurer und Glücksritter suchten Jahrhunderte lang nach dem Perpetuum mobile. Seit sich herumgesprochen hat, dass es ein solches nicht geben kann, sind freie-Energiemaschinen an dessen Stelle getreten. Deren Konstrukteure versprechen das Blaue vom Himmel: Unter anderem sollen Kraftwerke dank der freien Energie völlig überflüssig werden.

Die Menschheit ist noch nicht reif für diese Erfindung.

Mit dieser Begründung wird seit über 20 Jahren die Funktionsweise einer Maschine namens "Testatika" geheim gehalten. Dabei ist die Testatika dem Vernehmen nach ein äußerst nützliches Gerät. Sie läuft angeblich ohne erkennbaren Antrieb und produziert dabei beträchtliche Mengen an Elektrizität. Sollte diese Maschine tatsächlich funktionieren, dann wären Atomkraftwerke, Windkraftanlagen und Verbrennungsmotoren schon bald nur noch historisch interessant. Kriege, in denen es um Erdöl geht, würden der Vergangenheit angehören, und der nächste Physik-Nobelpreis könnte nur der Testatika gehören. Schade, dass die Menschheit für so ein Wundergerät noch nicht reif ist.

Testatika. Bild: Screenshot YouTube

Fast so ungewöhnlich wie ihre angeblichen Fähigkeiten ist auch die Herkunft der Testatika. Erfunden wurde das revolutionäre Gerät von dem Schweizer Paul Baumann (*1917), der sich vor allem als Gründer der christlichen Sekte Methernitha einen Namen gemacht hat. Die Testatika nimmt in der Arbeit dieser Gruppierung einen wichtigen Raum ein. Außer den Sektenmitgliedern hat allerdings bisher noch keiner verstanden, wie das Gerät funktioniert. Skeptiker witzeln daher, es brauche wohl ein Wunder, um die Testatika zum Laufen zu bringen - für eine Religionsgemeinschaft, die den wahren Weg zu Gott gefunden hat, ist das anscheinend kein Hinderungsgrund.

Die energetische Weltrevolution

Während die Wundermaschine als Mittel zur Stromgewinnung bisher versagte, bewährte sie sich immerhin als PR-Instrument. So berichteten die Medien oft und gern über die Testatika, was der Methernitha einen beachtlichen Bekanntheitsgrad bescherte. Einen größeren Zulauf brachte dies der Schweizer Sekte trotzdem nicht ein. Bisher leben gerade einmal 140 Personen in der Methernitha-Kommune im schweizerischen Linden - zuzüglich eines "Freundeskreises", dessen Größe nicht bekannt ist. Vielleicht ließe sich die Zahl der Anhänger deutlich vergrößern, wenn die Sekte endlich die Konstruktionsweise der Testatika veröffentlichen oder zumindest prüfen lassen würde. Doch die Menschheit ist - wie anfangs erwähnt - für diese Erfindung angeblich noch nicht reif. Offensichtlich gilt dies auch für die Methernitha-Kommune selbst, denn sie ist trotz Testatika nach wie vor auf das öffentliche Stromnetz angewiesen.

Auf der Webseite der Methernitha finden wenigstens ein paar spärliche Informationen zur Funktionsweise. Dort liest man von zwei rotierenden Scheiben, die eine elektrostatische Ladung erzeugen. Weiter heißt es: "Die eine Scheibe stellt die Erde dar, die andere die Wolke. Mit Gitterelektroden wird die Ladung festgehalten. Dann wird sie von so genannten Tastern berührungsfrei abgenommen und geordnet. […] Die Scheiben laufen nach anfänglichem Andrehen von Hand von selbst nach den elektrostatischen Gesetzen von Abstoßung und Anziehung. […] In den Gitterkondensatoren wird die Energie gespeichert und dann gleichmäßig abgegeben, wonach die hohe Spannung durch zusätzliche Einrichtungen heruntergesetzt wird und gleichzeitig die Leistung aufgebaut wird." So einfach funktioniert also die energetische Weltrevolution!

Immerhin räumt die Methernitha auf ihrer Webseite ein: "Die Maschine stellt Fachleute, die in der traditionellen Physik geschult sind, vor eine harte Probe." Dies ist wohl wahr, denn aus Sicht eines Physikers ist die Testatika nichts anderes als ein Perpetuum mobile - und das nimmt in der Physik schon längst keiner mehr ernst. Mit einem Perpetuum mobile will die Sekte jedoch nichts zu tun haben. Die Energie des Geräts, so die Argumentation, komme nicht aus dem Nichts (wie bei einem Perpetuum mobile), sondern werde aus einer der Schulphysik nicht bekannten Quelle gewonnen.

Diese Idee ist nicht neu. Eine geheimnisvolle Energie unbekannten Ursprungs wollen auch andere schon entdeckt haben. Man spricht in diesem Zusammenhang meist von "freier Energie". Auch Raumenergie, Vakuumenergie, Nullpunktenergie, Ätherenergie, Tachyonenenergie und Hyperenergie sind gängige Bezeichnungen. Maschinen, die diese ungewöhnliche Antriebskraft nutzen, heißen "freie Energiemaschinen". Die Testatika ist ein Beispiel dafür, doch es gibt zahlreiche weitere. Als Pionier dieser bisher äußerst erfolglosen Technik kann man den US-Amerikaner John Worrel Keely betrachten, der bereits im 19. Jahrhundert ohne nennenswerten Treibstoff ganze Eisenbahnzüge bewegen wollte.

Zu ihren Gründervätern zählen die Freie-Energie-Anhänger erstaunlicherweise auch Nikola Tesla (1856-1943). Im Gegensatz zu Keely war Tesla zweifelsfrei kein Betrüger, sondern gilt zusammen mit Thomas Edison als einer der Väter der Elektrotechnik. Seine Verdienste sind bis heute allgemein und vor allem auch in den etablierten Wissenschaften anerkannt. Allerdings verstrickte sich Tesla im fortgeschrittenen Alter immer mehr in phantastische Gedankenspiele, die seinem Ruf erheblich schadeten. So lehnte Tesla Einsteins Relativitätstheorie ab und entwickelte seinerseits Hypothesen, die eine vergleichsweise einfache Produktion enormer Energiemengen für möglich erscheinen ließen. Die auf diese Weise gewonnene Energie wollte Tesla unter anderem für eine verheerende Waffe verwenden, deren Wirkung der erst später erfundenen Atombombe ähnelte. Diese Energiewaffe ließ sich laut Tesla nur zur Verteidigung nutzen, da sie Kraftwerke erforderte, die nicht mobil waren. Zum Glück wurden diese Pläne nie Realität.

Nikola Tesla war zweifellos ein bedeutender Pionier der Elektrotechnik. In seinen späten Jahren stellte er jedoch abenteuerliche Behauptungen auf. Durch diese wird Tesla heute von Freie-Energie-Anhängern vereinnahmt.

Auch andere Theorien aus Teslas später Schaffensphase gelten unter konventionellen Physikern längst als widerlegt. Die Anhänger der freien Energie sehen dies anders. Sie interessieren sich jedoch (glücklicherweise) weniger für die militärische Anwendung von Teslas Behauptungen, sondern sehen in dem Elektropionier einen ersten Verfechter der freien Energie. Hätte Tesla Recht behalten, dann wäre es zumindest möglich gewesen, Energie nahezu zum Nulltarif zu transportieren. Das stieß natürlich - so die Freie-Energie-Fans - auf den Widerwillen der Energiekonzerne, die den alten Tesla daher mundtot machten.

Interessant sind in diesem Zusammenhang vor allem zwei Dinge. Zum einen müssten die Energiekonzerne wahrlich ganze Arbeit geleistet haben. Sie haben es nach Ansicht der Freie-Energie-Anhänger geschafft, eine echte Jahrhundert-Idee seit über 70 Jahren totzuschweigen, was nun wahrlich eine Meisterleistung darstellt. Noch erstaunlicher erscheint, dass nicht einmal die mögliche militärische Nutzung den Ideen Teslas den Durchbruch ermöglicht hat. So gesehen müssen wir geradezu froh sein, dass die Nazis die freie Energie nicht für ihre Zwecke nutzten.

Die organisierte Unmöglichkeit

Obwohl Teslas Spätwerk reichlich wirkungslos geblieben ist hat sich inzwischen um das Thema freie Energie eine ganze Szene gebildet. Diese wird in Deutschland von der Deutschen Vereinigung für Raumenergie (DVR) und in Österreich von der Österreichischen Vereinigung für Raumenergie (ÖVR) vertreten. In der Schweiz gibt es mit SAFE (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Freie Energie) eine ähnliche Organisation. Die Ziele der Freie-Energie-Anhänger sind zweifellos ehrenwert. Sie wollen die Welt von ihren Energieproblemen befreien, was mit einer Energie produzierenden Wundermaschine sicherlich gelänge.

Die größte Herausforderung für der genannten Gruppierungen besteht darin, dass es die von ihnen propagierte Energieform höchstwahrscheinlich gar nicht gibt. Dies hält die Freie-Energie-Enthusiasten allerdings nicht davon ab, in Vorträgen, Zeitschriften und im Internet vom bevorstehenden "Übergang ins Raumenergie-Zeitalter" zu schwärmen. Gründe dafür gäbe es genug. So warnt die DVR vor der Ausbeutung fossiler Brennstoffe, die irgendwann zur Neige gehen werden, und deren Nutzung fatale Folgen für die Umwelt haben wird. Die freie Energie bietet also Wohlstand und Umweltschutz im Doppelpack und fast zum Nulltarif.

Kompliziert wird es allerdings, wenn die DVR-Webseite die verschiedenen Varianten der freien Energie aufzählt. Demnach gibt es (1) Niedrigtemperatur-Kernreaktionen, (2) hydrokatalytische Wasserstoffenergie (3), Nullpunkt-Energie, (4) Plasma-Reaktoren, (5) High-Density Charge Cluster-Technologie, (6) Magnetische Systeme (7) Energiegewinnung mit Elektrostatik, (8) Energiegewinnung mit Thermogeneratoren, (9) Solid-State Systeme, (10) Energiegewinnung auf Basis von Elektrogravitation, (11) analoge Magnetogravitation und (12) Energiegewinnung aus Wasser- oder Luftwirbeln. Auf die Nennung der Untervarianten 6a bis 6f soll der Übersichtlichkeit halber an dieser Stelle verzichtet werden. Zu erwähnen ist allerdings noch der Hinweis der DVR, dass diese Liste keineswegs vollständig ist.

Angesichts dieser Vielfalt muss man zu dem Schluss kommen, dass die Physik der freien Energie deutlich komplizierter ist als die herkömmliche Physik. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass die Vertreter der Letzteren die genialen Ideen der Freie-Energie-Anhänger so hartnäckig ignorieren. Laut DVR ist jedoch eher ein anderer Grund entscheidend: "Experten sind in der Regel naturgemäß vor allem Experten für das Bisherige und Herkömmliche", so ist zu lesen, "und sind oft nicht in der Lage, davon Abweichendes und Innovatives zu beurteilen. Sie haben im Gegenteil nicht selten auch ein handfestes Interesse daran, Neues gar nicht aufkommen zu lassen." Trotz dieser Seitenhiebe gegenüber dem wissenschaftlichen Establishment halten sich die Freie-Energie-Organisationen im deutschsprachigen Raum spürbar mit Angriffen gegenüber der Schulphysik zurück. Auch die Energiekonzerne kommen nicht ganz so schlecht weg, wie es angesichts ihrer seit Jahrzehnten andauernden Verhinderung der Weltrevolution zu erwarten wäre. Offenbar will man sich bei DVR und Co. nicht unnötig Feinde schaffen.

Nicht ganz einig sind sich die Freie-Energie-Anhänger über die theoretischen Grundlagen ihrer Entwicklungen. Schon die Vielzahl der Namen und der Erscheinungsformen deutet an, dass bisher noch niemand eine stimmige Gesamtdarstellung dieses Themas geschaffen hat. Einig ist man sich allenfalls darin, dass eine freie Energiemaschine etwas anderes ist als ein Perpetuum mobile. Der Begriff ‚Perpetuum mobile’ ist inzwischen offensichtlich so stark vorbelastet, dass ihn keiner mehr nutzen kann, ohne ausgelacht zu werden. Außerdem nehmen Patentämter keine diesbezüglichen Anmeldungen mehr an.

Trotz dieses Vorwurfs interessiert man sich offensichtlich auch in staatlichen Kreisen für die freie Energie. 2005 gab das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) eine Studie in Auftrag, in der die Möglichkeiten und Risiken dieses Themas abgewogen werden sollten. Zu gern hätte man die freie Energie als Hilfsmittel gegen die Armut in der Welt verwendet. Autoren der Studie waren mit Marco Bischof, Thorsten Ludwig und Andreas Manthey drei erklärte Anhänger der freien Energie, die sich zudem als Unternehmer in dieser Branche betätigten. Ganz geheuer war dem BMZ die Sache allerdings dann wohl doch nicht, weshalb die Öffentlichkeit erst einmal nichts von dieser seltsamen Studie erfuhr.

Wie nicht anders zu erwarten, sehen die Autoren der Studie ein großes Potenzial in der Nutzung der freien Energie. Dieses werde von der etablierten Wissenschaft leider ignoriert. Der Chemiker Klaus Keck, der sich als Vertreter der etablierten Wissenschaft sieht, sieht dies jedoch anders. In einer online abrufbaren Stellungnahme zeigte er zahlreiche Ungereimtheiten auf. Die Autoren behaupten beispielsweise, dass sie mit einer nur 138 Grad heißen Gasflamme das Metall Wolfram zum Sublimieren bringen können. Laut Keck ist dies gleich doppelt erstaunlich: Zum einen sublimiert Wolfram nicht, und zum anderen ist brennendes Gas viel heißer. Erstaunt war Keck auch über die Beschreibung eines Experiments, bei dem eine radioaktive Substanz eine Rolle spielte. Stimmt der Bericht, dann müssten hierbei absurd große Mengen an Radioaktivität freigesetzt worden sein, was nebenbei gegen sämtliche Strahlenschutzvorschriften verstoßen hätte. "Da liegen die Autoren mal eben um etwa 12 Zehnerpotenzen daneben,", so Kecks zynischer Kommentar. Er fügt hinzu: "Vielleicht sollte man nicht so kleinlich sein, wenn es um wirklich große Dinge geht."

Verkannte Genies und verbranntes Geld

Von der energietechnischen Weltrevolution handelt beispielsweise das Buch "Freie Energie, die Revolution des 21.Jahrhunderts" von der US-Soziologin Jeane Manning. Freie-Energie-Enthusiasten betrachten es als das Standardwerk zum Thema. Manning berichtet in ihrem Buch ausführlich über verschiedenste freie Energiemaschinen und deren Erfinder. Stimmen ihre Ausführungen, dann muss es in der Freie-Energie-Szene von verkannten Genies nur so wimmeln. Eine genaue Beschreibung einer freien Energiemaschine, die ein konventioneller Physiker nachvollziehen könnte, hat Manning jedoch erwartungsgemäß nicht zu bieten. Auch kann sie über keine einzige Maschine berichten, die sich tatsächlich durchsetzte.

Im Gegensatz zur DVR und deren Kollegen von ÖVR und SAFE geht Manning mit dem "Wissenschaftsestablishment" hart ins Gericht. So berichtet sie von angeblichen Schikanen gegenüber Freie-Energie-Ingenieuren, die von ungerechtfertigten Verhaftungen über Beschlagnahmungen, Einbrüche in Werkstätten und Sabotage bis zu Morddrohungen reichten. "Die betrügerische Wissenschaft", so zitiert Manning einen Freie-Energie-Verfechter namens Stefan Marinov, "sowie Firmen, Forschungsinstitute und Universitäten ziehen den deutschen Steuerzahlern Millionen von Mark aus der Tasche, … genauso wie sie mit sie mit ihren Energiequellen die ganze Welt ruinieren." Ein weiteres Zitat, von einem gewissen Josef Hasslberger, lautet: "Die Technologie von morgen wurde Hunderte … Male erfunden, doch jedes Mal wurde sie in die Tresore der konventionellen Energiekartelle verbannt. Ließ sich ein Erfinder nicht kaufen, so wurde er auf andere Weise lahmgelegt."

Als Beispiel für solche Praktiken nennt Manning den deutschen Freie-Energie-Unternehmer Jürgen Sievers. Dieser leitete eine Firma namens Becocraft, die mit ihren Maschinen die Energieversorgung revolutionieren wollte. Sievers, der einige Investoren von seinen Ideen überzeugt hatte, wurde 1992 verhaftet, weil ihm die Staatsanwaltschaft Betrug vorwarf. Schuld an diesem Willkürakt waren laut Manning nicht zuletzt die Kölner Stadtwerke, die als Kläger gegen Sievers auftraten. Der bereits erwähnte Stefan Marinov kommentierte dies laut Manning wie folgt: "Es ist den Herrschaften bei den Kölner Stadtwerken zu Ohren gekommen, dass die Leute die Kabel, die sie mit den Stromwerken verbinden, kappen werden […], wenn solche Maschinen auf den Markt kommen".

Während eine Verschwörung der Energiekonzerne wenigstens ansatzweise glaubhaft klingt, müssen sich Freie-Energie-Anhänger ernsthaft fragen, warum sich das Militär so wenig für ihre Theorien interessiert. Schon Nikola Tesla scheiterte beim Versuch, eine energetische Massenvernichtungswaffe zu bauen. Auch ohne diese Energiebombe hätte eine Armee sicherlich einen enormen Vorteil, wenn sie völlig unabhängig von Treibstoffen agieren könnte. Jeane Manning geht auf dieses Thema zwar nicht ein, berichtet aber über den US-Techniker T. Townsend Brown, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts seine freie Energietechnik dem US-Militär wie saures Bier anbot. Angeblich weckte er dadurch ein gewisses Interesse. Dies führte laut Manning jedoch nicht zu einer Zusammenarbeit, sondern zur Beschlagnahmung von Browns Unterlagen und zu mehreren Einschüchterungsversuchen. Manning sieht sogar Hinweise darauf, dass das Militär ein Projekt startete, in dem es Browns Energieideen näher untersuchte. Viel kann dabei jedoch nicht herausgekommen sein. In Vietnam und in den Golfkriegen wurde jedenfalls nichts vom Einsatz freier Energiemaschinen bekannt.

Weniger militärisch ausgerichtet war der US-Amerikaner Floyd Sweet (1912-1995), der zu den bekanntesten Freie-Energie-Ingenieuren gehörte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen war Sweet zweifellos ein Fachmann. Er arbeitete in der Forschungsabteilung des US-Konzerns General Electric und erlangte als Spätberufener im Alter von 56 Jahren einen Abschluss am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sein Spezialgebiet war der Magnetismus. Auch im Ruhestand betätigte sich Sweet weiterhin als Elektrik-Bastler. Bei seinen Arbeiten entwickelte er eine Maschine, die angeblich eine geringe Eingangsleistung in eine sehr hohe Ausgangsleistung umwandelte. Eine 1988 durchgeführte Messung ergab, dass sich die Energie hierbei um den Faktor 1,5 Millionen vermehrte. Sweet nannte seine Maschine "Vakuum-Trioden-Verstärker". Wäre es gelungen, dieses Wundergerät praxisreif zu machen, dann hätte ein einziges Kraftwerk genügt, um die ganze Welt mit Strom zu versorgen.

Zu Sweets wichtigstem Unterstützer wurde der Freie-Energie-Enthusiast Thomas Bearden. Dieser vermutete, dass dem Vakuum-Trioden-Verstärker ein Funktionsprinzip zu Grunde lag, bei dem die Schwerkraft aufgehoben wird. Neben der Energie-Revolution ließ also wieder einmal der Physik-Nobelpreis grüßen. Trotz dieses kaum einlösbaren Versprechens gelang es Sweet dank seiner wissenschaftlichen Erfahrung, Vorträge zu halten und Aufsätze zu veröffentlichen, die eine gewisse Seriosität ausstrahlten. So ragte er deutlich aus der Masse der belächelten Perpetuum-Mobile-Sucher und Freie-Energie-Tüftler heraus. Dennoch konnte Sweet unter konventionellen Physikern nie eine größere Unterstützung gewinnen. Kein Wunder, denn seine Prototypen erwiesen sich immer wieder als unzuverlässig. Für eine praktische Nutzung benötigte Sweet nach eigenen Angaben teure Spezialmagnete, für die er verständlicherweise keine Geldgeber fand. So gelang Sweet nie der Durchbruch.

Floyd Sweet starb 1995 im Alter von 83 Jahren. Angeblich gab es mehrere Freie-Energie-Experten, die seine Idee verstanden hatten. Sein Unterstützer Tom Bearden hielt es daher für möglich, den Vakuum-Trioden-Verstärker nachzubauen. Ganz so einfach war es allerdings dann doch nicht, denn man brauche, so meint Bearden, dazu ein ganzes Team von Spezialisten mit unterschiedlichen Fachgebieten. Da ein solches bisher noch nicht zusammengetreten ist, muss die Menschheit vorläufig auf den Vakuum-Trioden-Verstärker verzichten. Bearding tröstete sich und seine Gesinnungsgenossen mit der Aussage, es gebe "nicht einen, sondern hundert Wege, um dem Vakuum Energie zu entnehmen." Leider hat bisher noch keiner zum Erfolg geführt.

Wer genaues über die Funktionsweise einer freien Energiemaschine erfahren will, kommt meist nicht weit. Auch diese Skizze aus der Patentschrift von Felix Würth trägt wenig zur Erhellung bei.

Die bekannteste deutsche Firma, die sich in den letzten Jahren an der Nutzung der freien Energie versuchte, ist die inzwischen insolvente Felix Würth AG aus Mönchengladbach (nicht zu verwechseln mit dem Würth-Konzern mit Hauptsitz in Künzelsau). Den "energietechnischen Durchbruch für das neue Jahrtausend" strebte das Unternehmen an. Die von Firmengründer Felix Würth konstruierte Maschine (trägheitsaktives Schwungsystem) war recht einfach konstruiert, aber dennoch nicht ohne Weiteres zu durchschauen. Mit der Erklärung, die Maschine funktioniere, "weil die Trägheit der Masse variabel ist und durch Bewegung der Masse auf spiraligen Bahnen so beeinflusst wird, dass sie als Antriebskraft wirkt", konnte kein Physiker etwas anfangen.

Wie alle anderen freien Energiemaschinen befand sich der Energiewandler auf Basis des trägheitsaktiven Schwungsystems noch im Entwicklungsstadium. Deshalb warb die Felix Würth AG um Geldgeber, die mit Genussscheinen (dies ist ein mit einer Aktie verwandtes Wertpapier) ab 1.000 Euro an der Energierevolution teilhaben wollten. Dieses Angebot kommentierte die Zeitschrift Börse Online wie folgt: "Obwohl sich die Unterlagen lesen, als ob die physikalische Revolution schon gelungen sei, wendet sich Würth nicht an das Nobelpreis-Komitee in Stockholm, sondern an Kleinanleger in Ostdeutschland." Abschließend heißt es an gleicher Stelle lapidar: "Die Rückzahlung der Genussscheine halten wir für unwahrscheinlich."

Die Einschätzung des Börsenmagazins trog nicht. Über einen finanziellen Erfolg konnten sich nur die Genussschein-Verkäufer freuen, die zwei Drittel der eingeworbenen Summe als Provision einstreichen konnten. Nur ein Drittel floss dagegen auf das Konto der Felix Würth AG. Mit zahlreichen Vorträgen, E-Mail-Kampagnen, Modellen seiner Maschine und einem Film machte sich eine Vertriebsfirma an die Arbeit und konnte so tatsächlich einige Tausend Unterstützer mobilisieren. Eine funktionierende Maschine bekamen diese zwar nie zu sehen. Dafür gab es das Versprechen, das Gerät werde in zwei Jahren marktreif sein.

Damit wurde es jedoch nichts. 2006 meldete die AG Insolvenz an, inzwischen ist sie vom Markt verschwunden. Ein Opfer, das sein Erspartes in die Felix Würth AG gepumpt hatte, berichtet: "Ich weiß, dass ich über 50.000 € für die Realisierung eines Traums verloren habe. [...] Wenn Sie jetzt weiterträumen wollen, biete ich Ihnen gerne meine Genussscheine und Aktien zu 50% ihres Nennwertes zum Kauf an." Vermutlich hat er nie einen Käufer gefunden.

Klaus Schmeh ist Informatiker, nebenberuflicher Journalist und Mitglied der esoterikkritischen "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP). Zudem schreibt häufig über Verschlüsselung. In der Telepolis-Buchreihe von ihm erschienen: "Versteckte Botschaften. Die faszinierende Geschichte der Steganografie". Seine persönliche Homepage: www.schmeh.org

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