Ich bin auch noch da

08.10.2009

Im Streit mit Peter Sloterdijk demonstriert Axel Honneth, dass die Kritische Theorie 3.0 außer Zorn und Wut intellektuell nicht mehr viel zu bieten hat

Nein, "albern" oder gar "belanglos" ist die Debatte nicht. Da haben weder der SZ-Kommentator noch "unser Mann" in Stanford Recht. Philosophisch mag sie es ja sein, kultur- und gesellschaftspolitisch aber gewiss nicht. Dafür sind der Einsatz und der Aufwand, den der Kontrahent und seine Auftraggeber betreiben, doch zu groß. Und dafür steht auch zu viel auf dem Spiel. Immerhin prallen hier zwei vollkommen unterschiedliche Geisteshaltungen, Weltsichten und intellektuelle Lebensstile aufeinander, die, seitdem wir auf eine Re-Ideologisierung von Politik und Kultur zusteuern, um die Meinungsführerschaft in den Redaktionsstuben ringen.

Wäre es ein bloßer Streit zwischen zwei philosophischen Diven, wäre wohl kaum zu vermitteln, warum einige Zeit-Redakteure, nachdem sie den Streit angezettelt haben, nichts Eiligeres im Sinn hatten, als beim Angegriffenen um eine Stellungnahme nachzusuchen. Doch dieser war zwar schlau genug, sich der angetragenen Bitte zu entziehen, aber offenbar hinreichend gekränkt und auch so uncool, seine Antwort, statt zu schweigen, als offenen Brief via FAZ unters Volk zu bringen.

Um dem Streit noch etwas mehr Drive zu geben, hielten die Zeit-Leute zugleich Ausschau nach prominentem Ersatz. In Hans Ulrich Gumbrecht fanden sie schließlich doch einen willigen Sprecher, der bereit war, den Angegriffenen mit einem launigen Kommentar zu verteidigen.

Das Vorspiel

Doch worum geht der Streit. Vor einigen Wochen hatten wir an dieser Stelle () über einen Essay berichtet, den Peter Sloterdijk unter dem Titel: Die Revolution der gebenden Hand in der FAZ publiziert hatte. Darin hatte dieser den sozial aufgeblähten Wohlfahrtsstaat als "geldsaugendes Ungeheuer" bezeichnet, der durch "Zwangsbesteuerung" sich in einen "kleptokratischen" verwandelt habe und es möglich mache, dass die "Produktiven von den Unproduktiven" ausgeplündert werden. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, hatte er die Betroffenen in einer für ihn typischen ironischen Wendung zum "antifiskalischen Bürgerkrieg" angehalten.

Dass diese Attacke im politisch linken Milieu Anstoß erregen würde, war klar und vom Philosophen auch so beabsichtigt. So war es kein Wunder, dass ein paar Wochen später jemand aus diesem Milieu das Wort ergriff und den Philosophen Sloterdijk (Sloterdijk macht den Westerwelle) daran erinnern wollte, dass er als Vorsteher einer öffentlichen Einrichtung von dem gleichen Staat, der Zwangssteuer erhebt, alimentiert werde. Die Antwort von Sloterdijk auf Honneth kann man hier lesen: Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer.

Die Verschärfung

In der vorletzten Ausgabe der Zeit legte nun Axel Honneth, Sachwalter jenes Instituts an der Senckenberganlage in Frankfurt, das mal die Heimatadresse einer "bemerkenswerten Sekte" (G. Scholem) war, nochmals eine Schippe drauf (Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe). Er titulierte den Philosophen aus Karlsruhe nicht nur als "kleingeistig", der "Nebenkerzen" zündet und absichtlich "moralisch gut begründete Prinzipien verletzt", er sah in ihm auch den Ressentiment geladenen "Freigeist", der mit der "einsamen Entschlossenheit und Radikalität eines Nietzsche" auftritt und der "Wohlfahrtsmentalität des sozialdemokratischen Zeitalters unbedingt ein Ende bereiten" will.

Mal abgesehen davon, dass es dazu weder eines Sloterdijk noch einer anderen Person bedarf, weil diese Aufgabe im Zweifelsfall die Partei schon selbst besorgt, überraschte doch der rüde und wutschnaubende Ton, den der Sozialphilosoph aus Frankfurt anschlug. Bislang war Axel Honneth mit derartigen Wutreden nicht öffentlich aufgefallen. Im Allgemeinen gilt er (und so habe ich ihn vor Jahren auch kennengelernt) als besonnener Denker, der nur selten aus sich herausgeht. Anders als sein Kontrahent aus dem Badener Land ist er in aller Regel sehr zurückhaltend in der Wahl seiner Sprache.

Der Hintergrund

Darum ist die Frage nicht ganz unberechtigt, was den eher schüchternen Menschen Honneth dazu veranlasst hat, sich zu einer solchen Schimpftirade hinreißen zu lassen. Ob sein Lehrmeister Jürgen Habermas da eine gewisse Rolle spielt, darüber kann nur spekuliert werden. In der Vergangenheit hat es Habermas bekanntlich immer wieder verstanden, Leute aus seinem Umfeld zu animieren, statt seiner die intellektuelle "Drecksarbeit" zu verrichten.

Im Falle der "Menschenpark-Rede" war es Thomas Assheuer von der Zeit, der damals die Sache anstößig gemacht und den Stein gegen Sloterdijk erst ins Rollen gebracht hat (Das Zarathustra-Projekt 2.0). Hätte der Philosoph nicht schon damals über eine entsprechende "Hausmacht" in den Redaktionen verfügt, wäre er damals "persona non grata" und "gesellschaftlich tot" gewesen.

Ein offenes Geheimnis ist auch, dass Habermas mit dem Verlagskollegen Sloterdijk überhaupt nicht kann und er auch schon mit dem Gedanken gespielt hat, wegen ihm den Verlag zu verlassen. Bei einem Vortrag, den Honneth vor Monaten an der Werner-von-Siemens-Stiftung zur "sozialen Gerechtigkeit" gehalten hatte (Normatives Versprechen), hatte er an seinem ehemaligen Meistschüler Honneth noch dessen akademischen Stil gerügt und ihn ermahnt, die gesellschaftliche Relevanz bei all seinen sozialpolitischen Erörterungen nicht zu vergessen. Als öffentlicher Intellektueller müsse man nicht nur wissen, für wen man schreibe, sondern müsse sich auch darum kümmern, von denen, für die man schreibt, auch verstanden zu werden.

Vielleicht hat sich Honneth diese Kritik ja auch zu Herzen genommen und seinem Lehrmeister mal beweisen wollen, dass er durchaus eine flammende Rede wider den Zeitgeist halten kann. Vielleicht war er von der 750seitigen Lob- und Festschrift, die ihm einige Kollegen zum 60. Geburtstag in diesem Jahr besorgt haben, aber auch nur so überwältigt und gerührt, dass er sich ermuntert und herausgefordert gefühlt hatte, um mittels eines Großangriffs auf den ungeliebten Philosophen die in Frankfurt vor sich hin darbende Kritische Theorie 3.0 wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Die Kulturklage

In einigen Dingen hat Axel Honneth ja durchaus Recht. Es gibt auch in Deutschland ein stetig wachsendes "soziales Milieu", das den "kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates" rege "Verachtung" entgegenbringt. Doch diese Geisteshaltung ist nicht neu. Die Kritik an den "kulturellen Widersprüchen des Kapitalismus" (D. Bell), an geistiger Verflachung und massenkultureller Verblödung, ist mindestens so alt wie die Forderungen der 68er nach politischer Teilhabe, sozialem Ausgleich und betrieblicher Mitbestimmung.

Noch die Großväter der von Honneth geerbten Großtheorie haben sich über den geisttötenden Charakter der "Kulturindustrie" beschwert. Und noch heute wird diese Kritik an der Popkultur von politisch links denkenden Intellektuellen praktiziert (Adorno im Zeitalter der populären Kultur; Glühwein für alle).

Die Klage über kulturellen Verfall und geistigen Niedergang sowie den Durst nach "geistiger Größe" und Führung, den Honneth ausschließlich einem "neokonservativen" Milieu zuschreiben will, gibt es aber auch bei der politisch Linken. Honneth sollte sich mal in seiner näheren Umgebung umsehen und sich dann an die eigene Nase fassen

Die Enttäuschung

Richtig daran ist auch, dass die Alt-Achtundsechziger und der Sozialdemokratismus eine erhebliche Mitschuld am Aufkommen des Neokonservatismus tragen. Mit ihrer Sozialrhetorik und "Umverteilungspolitik" haben sie selbst dafür gesorgt, dass sich wohl gesonnene Bürger und Bürgerinnen von ihnen abgewendet haben. Genau die Leute, die Honneth als "Foucault-Leser" identifiziert und die er einer "ungebundenen, elastischen und sprunghaften Geisteshaltung" bezichtigt, sind Teil jener von der SPD umworbenen "neuen Mitte", die früher für Rot oder Grün votiert haben, sich aber enttäuscht über die hohlen Versprechungen von der Partei abgewandt haben.

Umgekehrt wird erst ein Schuh draus. Honneth müsste sich erneut an die Nase fassen und fragen, welchen Anteil all die Steuerdebatten am rasanten Absturz der Sozialdemokratie in dem von ihr einst heftig umworbenem Mitte-Milieu gehabt haben. Eigentlich müsste es das Frankfurter Institut, das durchaus Wert auf empirische Studien legt, besser wissen. Es müsste wissen, dass zu diesem Milieu nicht nur die wirtschaftlich Erfolgreichen und Besserverdienenden gehören, Filmschaffende, Galeristen oder Fernsehproduzenten, sondern eben auch die Handwerker und Kleinunternehmer mit ihrem Drei-, Fünf- oder Zehn-Mann-Betrieb, die unter der staatlichen Abgabelast leiden, sowie all die Geringverdiener, Ich-AGs und Nichtfestangestellte, die das so genannte "kreative Prekariat" bilden.

Die aber haben weder die von Honneth vermuteten "Machtpositionen" inne noch eine Festanstellung in Aussicht. Als freischaffende Selbstständige oder Subunternehmer hangeln sie sich in aller Regel von Beitrag zu Beitrag für Hörfunk, Agenturen und Onlinemedien. Für die geringe Entlohnung, die auf Arbeitsstunden umgerechnet dem Stundenlohn eines Wachmanns oder einer Hairstylistin entspricht, werden sie auch noch mit einem hochprozentigem Abschlag einer Umsatzsteuer belohnt, sodass für sie "Umverteilung" und Transferleistung eine finanzpolitische Anschaulichkeit gewinnen, die den linken Umverteilern, die vor allem Hartz IVler, Rentner und Wohlfahrtsempfänger im Blick haben, eher fremd ist.

Das Publikum

Andererseits ist noch die Frage, ob Sloterdijk in und von diesen Kreisen überhaupt aufmerksam beobachtet und gelesen wird. Wer jemals bei einer Sloterdijk-Lesung gewesen war, und Honneth war es sicher nicht, wird vergeblich nach jenen "Casinobankern", "Werbefritzen" und "Designergesellen" Ausschau halten, die ergeben auf neue Stichwörter und Wortungetüme warten, die der "Seher in dürftiger Zeit" womöglich als weitere Losung ausgeben wird.

Zumeist handelt es sich dabei um alt eingesessene, gut situierte und hoch gebildete Bürgerinnen und Bürger, die ein lebhaftes Interesse an philosophisch-literarischen Themen zeigen, die eher Oper und Theater aufsuchen als Clubkonzerte und Thomas Mann, Franz Kafka und Uwe Timm genauso bewundern wie Günter Grass oder Walter Kempowski.

Gewiss wird es darunter auch den einen oder anderen aus dem juste milieu geben, der mal in Berlin-Mitte oder am Prenzlauer Berg gewohnt hat und genervt von Kindergartenspielplätzen und Nichtraucher-Lounges in die Garten- und Speckviertel der Hauptstadt gezogen ist, und/oder auch dem "kreative Prekariat" angehört (Berlin-Mitte). Und gewiss werden sich darunter auch Leute befinden, die das Befriedungsmodell, das der Sozialstaat anbietet, als langweilig erachten.

Aber ob die am Sprachspieltheater des "Formulierungsvirtuosen" ihren Spaß haben (Publikumsmagnet und Rotes Tuch), sei mal dahingestellt. Peter Sloterdijk zum Lautsprecher, intellektuellen Repräsentanten oder gar Fürsprecher jenes Mitte-Milieus hochzujazzen, ist nicht nur falsch, sondern einfach Blödsinn. Mit der herkömmlichen Links-Rechts-Codierung ist dem "Konsensverächter" jedenfalls nicht beizukommen. Falls Sloterdijk sich überhaupt zu etwas verpflichtet fühlt, dann höchstens sich selbst und der Philosophie.

Der Intellektuelle

Im Kern geht es bei dem Streit wohl auch um die Rolle, die der Intellektuelle auf den öffentlichen Bühnen spielen sollte. Honneth scheint diese Rolle trotz aller Kritik am universell agierenden Intellektuellen (Die Hacker als Erben der Intellektuellen) immer noch sehr traditionell zu interpretieren, paternalistisch und "miserabilistisch" Er glaubt nicht an die Kraft der sozial Schwachen, Benachteiligten und Entrechteten, ihre Stimme selbst zu erheben, sondern meint, dass sie eine Art Sprachrohr für all ihre Nöte, Sorgen und Kümmernisse brauchen, jemanden, der für sie Partei ergreift und in ihrem Namen das Wort ergreift.

Um das umsetzen zu können, muss der Intellektuelle besondere Qualitäten haben. Er muss tugendhaft sein und Mut zeigen, er muss die Fähigkeit zum Mitleid haben und er muss das rechte Augenmaß dafür aufbringen (Die mythischen Mächte zerstören). Was ihn allerdings dazu berechtigt, dafür auszeichnet oder wer ihn dazu beauftragt hat, diese Frage bleibt in aller Regel unbeantwortet. Als Legitimation reicht der Wunsch, dass "soziale Gerechtigkeit" herrschen möge.

Sloterdijk hat davon bekanntlich eine völlig andere Vorstellung. Für ihn muss der Intellektuelle eher ein unangepasster Freigeist und Freidenker sein, der subjektiv urteilen darf und soll, aber (partei)politisch unabhängig und klassenmäßig ungebunden sein muss. Verpflichtet ist der Intellektuelle allenfalls "der Wahrheit", auch und vor allem der unangenehmen. Moralische Bedenken oder politische Korrektheiten haben da nichts verloren. Stattdessen soll der Denker die Schwachstellen des westlichen Denkens freilegen und die Dinge beim Namen nennen.

Die Differenz

Deutlich wird das, wie beide den "Kampf um Anerkennung" deuten. Der Sozialphilosoph hat davon eher ein idealistisches Bild. Für ihn geht es dabei vorrangig um die Zustimmung des Gegenübers, während Sloterdijk eher das Überwältigen und den Erfolg des Siegers im Auge hat. Sucht der eine nach sozialem Ausgleich und gegenseitiger Verständigung, zeigt der andere, warum dieser Glaube ein Idyll ist und an seinem eigenen An- und Widerspruch scheitern muss.

Den Beitrag von Peter Sloterdijk dazu haben wir vor einiger Zeit hinreichend gewürdigt (Produktivkraft Wut) und die diversen Auslegungen des Kampfes auch (Die Eule der Minerva). Bemerkenswert an Honneths Ausführungen ist, wie er seine Perspektive begründet. Denn ganz offensichtlich kann er die "moralischen Grundlagen" des Kampfes um Anerkennung nicht recht ausweisen. Vergeblich sucht man in Honneths Ausführungen nach einem rechten Maß, das uns sagt, wann Löhne, Chancen und Zuschläge als fair, gleich oder berechtigt oder wann ein sozialer Ausgleich durch "Umverteilung" denn nun als gerecht und angemessen zu bewerten wäre. Ganz offensichtlich ist es letztlich dann doch eine "Machtfrage".

Der Nachholbedarf

Die Behauptung, dass der moderne Wohlfahrtsstaat, wenn er nur von der richtigen Regierung geführt werde, das "sozial gerechter" hinbekomme als andere, ist ein sehr gewagter Schluss. Nimmt man nur den Solidaritätszuschlag, der den finanziellen Ausgleich von Ost und West besorgen sollte, dann sieht man, wie unehrlich und fahrlässig mit dem Instrument der Besteuerung verfahren wird. Mittlerweile wird er als Besitzstand des Staates verstanden und zum Stopfen diverser Haushaltslöcher verwendet.

Die kritische Gesellschaftstheorie hat diesbezüglich ein erhebliches Defizit und akuten Nachholbedarf. Außer Moral, Werten und Ideen, die sie allenfalls für wünschenswert hält aber ihrerseits nicht ausweisen, geschweige denn begründen kann, hat sie wenig bis nichts zu bieten. Mehr und schlimmer noch: Bis auf den heutigen Tag hat sie es nicht geschafft, eine rechte Vorstellung von Gesellschaft oder eine Theorie von ihr hervorzubringen (Der Vermögensverwalter).

Auch wüsste man gelegentlich gern, welche "tragfähige Idee" sie denn besitzt, um die Zukunft politisch zu gestalten, wenn schon die Verächter der politischen Kultur nach Meinung Honneths dazu nicht in der Lage sind. Außer bloßen Appellen, antifaschistischem Credo und der Moralisierung von Diesem und Jenem hat sie über all die Jahrzehnte nicht viel geliefert.

Das Höherwertige

Deutlich wird das, wenn wir uns jenem "Universalismus" zuwenden, in dessen Namen die Frankfurter Sozialphilosophen üblicherweise zu sprechen gedenken. Honneth wirft Sloterdijk vor, ein "Amalgam aus Gehlen und Ernst Nolte" anzurichten. Indem er die Zornmotive, die Massenkollektive entwickeln, auf die "thymotischen Energien" der Gier und des Ressentiments zurückführt, habe er nicht nur stillschweigend Faschismus und Sozialismus gleichgesetzt, sondern dabei auch übersehen, dass der um völkische Ehre und Solidarität bemühte Faschismus auf einer völlig anderen Gleichheitsvorstellung gründe als der um gleiche Rechte für alle kämpfende Sozialismus. Folglich handle es sich nicht um die zwei Seiten der einen Medaille, sondern um völlig verschiedene Wertsysteme, die "unterschiedlichen Stufen in der Entwicklung der Sozialmoral" darstellen.

Auch diese Behauptung wirft natürlich Fragen auf. Zumal sich Honneths Einschätzung mit dem Datenbild keinesfalls deckt. Rein zahlenmäßig betrachtet hat der Sozialismus stalinistischer und maoistischer Prägung (und dafür braucht es auch keinen Ernst Nolte, um das zu belegen) weitaus mehr Opfer gefordert als der Faschismus und/oder Nationalsozialismus. Hatten die Todes-, Arbeits- und Umerziehungslager in dem einen Fall beispielsweise knapp zwölf Jahre Bestand, dauerten die des Sozialismus vierzig (maoistisch) oder siebzig (stalinistisch) Jahre.

Das Kavaliersdelikt

Obwohl es seit Langem auch ein "Schwarzbuch des Kommunismus" gibt, das all das penibel dokumentiert, werden die Verbrechen und Untaten dieser Ideologie, die sich bekanntlich international und universalistisch definiert, in gewissen Kreisen immer noch gern verniedlicht, totgeschwiegen oder als weniger schlimm behandelt. Es scheint immer noch einen Unterschied zu machen, von welcher Hand man ins Lager verfrachtet oder liquidiert wird, von einer eines rechten oder linken Gesinnungstäters.

Mit eingerechnet sind dabei noch gar nicht all jene Opfer und Tote, die im "Mittleren Osten", in Latein- und Mittelamerika oder anderswo im Namen universalistischer Werte und humanistischer Ideen zu beklagen sind (Schlagseiten der Freiheit).

Wie Honneth sich zu der Einsicht versteigen kann, dass es sich im Falle des Internationalismus und/oder Universalismus um eine "Höherstufigkeit der Sozialmoral" handeln könnte, bleibt wohl sein Geheimnis und seiner Interpretation der Ereignisse vorbehalten. Gewiss ist nur, dass es den Toten und Opfern ziemlich egal sein wird, ob sie für einen guten Zweck oder eine höherwertige bzw. minderwertige Sozialmoral ihr Leben lassen mussten.

Der Vermögensverwalter

Neben der Asymmetrie in der moralischen Aufarbeitung verblüfft schließlich auch der Kleinmut, mit dem der Sozialphilosoph dem "Wahrheitsphilosophen" in die Parade fährt. Im Prinzip hält er Sloterdijk vor, nicht eigenständig zu denken, sondern allenfalls Altbekanntes in eine blumige Sprache zu fassen. Pech nur, dass dieses Urteil auf ihn selbst zurückfällt. Als neutraler Beobachter fragt man sich schon, welchen Beitrag er bislang in die Sozialphilosophie eingebracht hat. Seit zwanzig Jahren müht er sich redlich an der Anerkennungsdialektik des jungen Hegel. Ihr will er im Lichte der Diskurstheorie eine neue anthropologische Bedeutsamkeit verleihen, um sie danach ins Zentrum einer kritischen Sozial- und Gesellschaftstheorie rücken zu können.

Doch zu mehr als bloßen Beteuerungen und diversen Ausdifferenzierungen, Idealisierungen und Gerechtigkeitspostulaten (Ein mehrdimensionaler Gerechtigkeitsbegriff ist unverzichtbar) hat es bislang nicht gereicht. Im Grunde greift auch er auf "Gedankenmotive der Vergangenheit" zurück, um "das Alte als das Allerneueste" zu verkaufen. Auch er muss die Erfahrung machen, dass er mit und/oder gegen Habermas nicht über Habermas hinauskommt, über Positionen, die sein Vorgänger auf dem Lehrstuhl bereits festgezurrt hat, aber die durch die Ereignisse der letzten Jahre falsifiziert worden sind.

Die Staatsdoktrin

Selbstverständlich geht es in dem Streit auch um die Hoheit über die intellektuellen Stammtische. Honneths zweites Pech ist, dass er sich mit Sloterdijk dafür den falschen Gegner ausgesucht hat. Auch Sloterdijk ist ein Altachtundsechziger, der deren Ideologie zwar mit fetzigen Gedanken und Geistesblitzen attackiert. Über all die Jahre hat er dem herrschenden Sozialdemokratismus, der Staatsdoktrin des Landes, genauso die Treue gehalten wie die CDU/CSU unter Kohl und Merkel.

Die Vorstellung, dass Sloterdijk für "soziale Verelendung", "sozialen Kahlschlag" oder "Sozialabbau" plädiert oder ihr gleichgültig gegenübersteht, ist daher abenteuerlich. Zu glauben, dass die liberale Gesellschaft sozial gerechter wird, wenn man die "Umverteilung von unten nach oben" weiter fortsetzt, aber genauso. Dann wird man genau das provozieren, wovor der Philosoph aus Karlsruhe in seinem Beitrag gewarnt und an die Wand gemalt hat, einen "Klassenkampf von oben". Und den kann wirklich keiner wollen – auch Axel Honneth und sein Umfeld nicht.

Darum trägt der Konflikt zwar ideologische Züge, kann aber mit den durch die Wahlen reaktualisierten politischen Lagern nicht zureichend beschrieben werden. Allein die FDP, die alles andere als eine marktradikale Partei ist und im Zweifelsfall der Piratenpartei ähnlicher ist als dem Neokonservatismus, ist in Teilen davon auszunehmen.

Im Lichte dessen betrachtet, ist es ein Streit um des Kaisers Bart. Der Unterschied besteht vor allem im intellektuellen Stil. Will der eine sein Publikum provozieren und zu Diskussion und Widerspruch reizen, möchte der andere vor allem gefallen und als rechtschaffen gelten; bevorzugt der eine einen eher luftig-lockeren Umgang mit seinen Gegenständen, fehlt es dem anderen offenkundig nicht nur an dieser Leichtigkeit, er verliert sich auch geradezu bärbeißig in ihnen; sucht der eine das intellektuelle Abenteuer, um vermeintliche Gewissheiten und Gepflogenheiten und die Geltung von Normen und Werten zu hinterfragen, will der andere ja nicht "hinter einmal erreichte gesellschaftliche Positionen zurückfallen."

Der Anmaßende

Ein Vor und Zurück in der Zeit gibt es aber nicht. Sie schreitet und tickt unweigerlich voran und weiter. Der Zeitpfeil kennt kein solches Hin und Her. Auch kein Einhalten am einmal gesellschaftlich Erreichten. An den von Honneth der "sozialen Gerechtigkeit" für bedürftig und nachholend gehaltenen Werten der "ökologischen Rücksichtnahme" und "Generationenbenachteiligung", die beide eigentlich rückwärts gewandtes Gesellschaftsbild vermitteln, lässt sich gut zeigen, warum es ein gesellschaftliches Vor und Zurück im Prinzip nicht gibt. Das vermeintlich Älteste, Überholte oder Überwundene ist, falls es wiederauftaucht oder revitalisiert wird, immer auch das Neueste.

Daher kann man auch in der Geschichte weder vor- noch zurückfallen, höchstens ausfallen, wie der Soziologe Luhmann darauf gern zu antworten pflegte.

Über ein solches Vor und Zurück höchstrichterlich entscheiden und urteilen zu wollen, hieße, die Position Gottes oder eines anderen extraterristischen Beobachters einzunehmen. So gesehen ist die Haltung Honneths und seiner Mitstreiter eine anmaßende.

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