Wer wird internetsüchtig?

Matthias Gräbner 06.10.2009

Taiwanische Forscher haben über zwei Jahre untersucht, unter welchen Bedingungen Patienten womöglich eine Internetabhängigkeit entwickeln – wenn es diese Krankheit überhaupt gibt

Nicht nur Patienten mit Internetabhängigkeit, auch die Internetsucht selbst hat ein Problem. Sie muss sich zum Beispiel damit abfinden, dass manche Psychologen ihre Existenz bestreiten. Und selbst wenn sie im Grunde akzeptiert wird, kann man sich nicht auf einen Namen einigen. Handelt es sich um eine Sucht, eine Abhängigkeit, oder vielleicht doch nur um eine Störung der Impulskontrolle oder gar nur um "problematische Internetnutzung"?

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Dass diese Fragen bisher ungeklärt sind, hält aber weder Medien noch Politik noch Wissenschaft ab, das Problem zu thematisieren. Aber ganz egal, ob man darin nun eine neue Modekrankheit oder das Zivilisationsübel des 21. Jahrhunderts sehen mag – dass manche Menschen ein Problem mit ihrer Art und Weise der Nutzung des Internet haben, gibt wohl jeder zu. Vor allem, wer die Standardfragen ehrlich mit Ja beantwortet, sollte sich selbst wohl gewisse Schwierigkeiten eingestehen.

Dazu gehört die Frage, ob die eigenen Gedanken zum großen Teil ums Netz kreisen. Ebenso die Frage, ob man schon mehrfach ohne Erfolg versucht hat, seltener online zu gehen. Traten bei diesen Versuchen vielleicht sogar Stimmungsschwankungen auf, ist man manchmal selbst überrascht, wie lange man nun doch wieder im Chat verbracht hat, mag man anderen gegenüber gar nicht mehr zugeben, so viel Zeit mit dem Internet zu verbringen, und hat diese Zeit eventuell schon zu Beziehungs- oder Bürostress geführt?

Dass eine Internetabhängigkeit selten allein auftritt, weiß die Wissenschaft schon länger. Teilweise charakterisiert man den Komplex schon als Syndrom oder auch nur als äußeres Zeichen einer psychischen Störung aus dem langen Register dieser Krankheiten. Diesen Thesen sind nun taiwanische Forscher über einen Zeitraum von zwei Jahren gefolgt. Im Fachmagazin Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine veröffentlichten sie nun ihre Ergebnisse. In dem Artikel geht es vor allem darum, welche anderen psychischen Konditionen oft mit Internetabhängigkeit vergesellschaftet sind.

Dazu untersuchten sie den Lebenslauf von über 2000 Schülerinnen und Schülern an taiwanischen Gymnasien. Als Maßstab für den Grad einer eventuellen Internetabhängigkeit nutzten die Forscher die Chen Internet Addiction Scale (CIAS), die 26 Fragen umfasst. Alle Schüler, die darauf mehr als 64 Punkte erreichten, wurden als internetabhängig eingestuft. Die CIAS-Werte verglichen die Forscher mit ähnlichen, für die Aufmerksamkeitsstörung ADHS, für Depression, für Angst- und für Aggressionsstörungen entwickelten Skalen.

Etwa zehn Prozent der über 2000 Probanden hatten demnach schon zu Beginn der Studie eine Internetabhängigkeit entwickelt. Nur die Schüler, auf die das nicht zutraf, wurden im zeitlichen Verlauf der Studie weiter berücksichtigt. Dabei zeigten sich einige interessante Details: abhängig wurden demnach vor allem Probanden mit diesen Kennzeichen:

Die beiden letzten Faktoren zeigten sich nur bei weiblichen Probanden:

Als wichtigster Faktor, das zeigte die Statistik, muss dabei ADHS gelten und zwar für beide Geschlechter, gefolgt von Aggression. Die Forscher vermuten, dass Internetnutzung ADHS-Erkrankte besonders anspricht, weil sie unmittelbare Belohnung verspricht und mehrere parallele Tätigkeiten ermöglicht. ADHS-Kranke könnten mit ihrem Dopamin-Mangel auch besonders von der Dopaminausschüttung profitieren, die Onlinegames wohl nachweislich bewirken. Zudem geht ADHS auch oft mit einer leichten Störung der Impulskontrolle einher – das könnte Kinder mit ADHS anfälliger für eine Internetabhängigkeit machen. Die Forscher schlagen deshalb vor, insbesondere ADHS-Patienten bei ihrer Internetnutzung aufmerksam zu begleiten.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31256/1.html
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