Drinnen und Draußen im Nachbarland

07.10.2009

Die Angst vor dem sozialen Abstieg in Frankreich

Von dem französischen Soziologen Eric Maurin sind immer überraschende Analysen zu erwarten, die den Blick auf den Zustand der Gesellschaft neu öffnen. Während sich die Politik und die Öffentlichkeit in Frankreich an den sozialen Brennpunkten in den Vororten ihr Profil schärfte, wollte Maurin das Phänomen der gesellschaftlichen Abschottung nicht allein auf die sogenannten Problemzonen beschränkt wissen (vgl. Allgemeine Abschottung).

Die Trennungslinie, so der Wissenschaftler, Chef der renommierten Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS), laufe quer durch die gesamte französische Gesellschaft (vgl. Gesellschaft ohne Kitt). Sie sei deutlich auch mitten in den Städten zu beobachten, wo sich die besseren Familien Stadtviertel aussuchen, die ihren Nachkommen eine gute Zukunft versprechen (siehe dazu auch Mit dem Umzug das Leben verbessern). Das "soziale Schicksal" der Kinder werde als gleichbedeutend mit der Wahl des Viertels interpretiert: "Sag mir in welcher Nachbarschaft du lebst und ich werde dir sagen, an welcher Gesellschaft du mit baust". In seiner jüngsten Arbeit - "La Peur du déclassement" - konzentriert sich Maurin, der seine Thesen durch das ausgiebige Studium statistischer Daten gewinnt, auf ein weiteres Reizwort der heutigen Zeit: die Angst vor dem sozialen Abstieg. Auch hier legt er eine andere, nicht oft vernommene, Perspektive an.

Die Angst um den Arbeitsplatz ist auch in Frankreich groß. Französische Studenten dürften von ähnlichen Ängsten heimgesucht werden, von denen britische Studienabgänger berichteten, und bei denen, die einen Arbeitsplatz haben, ist die Angst groß, dass er gestrichen wird. Der soziale Abstieg, der damit assoziert wird, ist auch in Frankreich ein Schreckensgespenst, das besonders im bürgerliche Milieu, das sich lange Zeit sicher glaubte, größere Sorgen bereitet und ein pessimistisches Lebensgefühl – die französischen Medien waren in den letzten Monaten voll mit Kommentaren und berichten über diesen Klimawandel in der Gesellschaft.

Geschützt werden die, die schon drinnen sind

Auch in seiner neuen Analyse folgt Maurin seiner Leitidee, welche die inclus (Eingeschlossenen) den exclus (Ausgeschlossenen) gegenüberstellt. In einem Gespräch mit der Zeitung LeMonde stellt Maurin die Angst vor dem sozialen Abstieg dem tatsächlich in Zahlen beschriebenen déclassement gegenüber. Er konstatiert, dass es zwar eine bedeutende absolute Zahl derer gibt, die im letzten Jahr ihre Arbeit verloren haben – 300.000 -, dies sei aber eine relativ kleine Größe, nur 1 Prozent der aktiven Bevölkerung.

Dennoch sei die Angst vor dem sozialen Abstieg enorm. Die Gründe dafür findet er in einer Politik, die seit Jahren mit großer Mühe darauf bedacht war, diejenigen, die schon drinnen sind, vor denen zu schützen, die draußen bleiben sollen. Entsprechend schwer sei es, den Fuß wieder in die Tür zu bekommen, die Wiedererlangung des Status des festen Arbeitsplatzes äußerst schwer. Das bürgerliche Milieu sei sich darüber im klaren. Aus der Kluft zwischen drinnen und draußen resultiere die Angst vor dem Abstieg, die mit den Zahlen allein nicht zu begründen sei.

"Festungsmauer an sozialen Rechten"

Seit 50 Jahren habe die Politik in Frankreich systematisch den Schutz jener privilegiert, die einen festen Arbeitsplatz haben, statt jene zu schützen und zu unterstützen, die keinen haben, so Maurin. Man habe eine Art "Festungsmauer an sozialen Rechten" um die Arbeitsplatzbesitzer gezogen. Draußen bleibe das Prekariat mit Zeitarbeitsverträgen. Diese Barriere wurde in den letzten Jahren ausgebaut, es werde immer schwieriger, sie zu überwinden.

Im Unterschied etwa zu Großbritannien und den skandinavischen Ländern sei die soziale Würde in Frankreich historisch an die Erlangung und das Festhalten eines Arbeitsplatz-Status gebunden. Die Angst davor, diesen Status nicht zu erlangen, bzw. nicht ausreichend schützen zu können, sei essentieller Bestandteil des farnzöischen Lebens. Und eine Gesellschaft, die sich darauf gründe, sei besonders schwer umzuformen, weil jede Reform eine Generation benachteiligen müsse - zum Vorteil der folgenden.

Die Jüngeren haben es – besonders angesichts der Wirtschaftskrise – besonders schwer, in diesem hierarchischen System Fuß zu fassen. Hinzu kommt, dass sie ihrerseits, sobald sie es trotz der Hindernisse mit viel Mühe geschafft haben, an die unterste Sprosse der sozialen Leiter zu kommen, das System bestärken und dessen Werte gegen die Außenstehenden verteidigen. Man mag nicht entwerten, was so viel Mühe gekosten hat, um es zu erreichen.

Eltern unter Druck

Der Druck darauf, in diesem Arbeitsplatzsystem Platz zu finden, ist ungemein groß. Wer dieser Tage Frankreich besucht, kann beobachten, dass die franzöische Art der Kindererziehung, zumindest in finanziell einigermaßen abgesicherten Kreisen, die unter angenehmen Bedingungen leben, angenehm unhysterisch ist im Vergleich zu übernervösem Kümmern, das hierzulande häufiger zu beobachten ist; vielleicht ist man dort besser an Kinder im Alltag gewöhnt, so dass man die Aufmerksamkeit ihnen gegenüber nicht so sehr betonen muss und Kinderzentriertheit ein unverständliches Fremdwort aus anderen Ländern bleibt. Das schöne Bild von den gelasseneren französischen Eltern ändert sich aber sofort, wenn es um Schule und Schulerfolg geht. Die französische Eltern nerven die Lehrer mindestens so sehr wie deutschen, der Erfolgsdruck, dem sich ausgesetzt fühlen, ist kaum zu beherrschen.

Dieser Druck ist nicht nur privat-anekdotisch zu belegen, sondern auch Sujet für die Sozialforscher. Maurin macht in diesem Zusammenhang auf einen Widerspruch aufmerksam: War in letzter Zeit häufig die Angstmacherrede davon, dass Diplome weniger wert als früher seien, so zeige sich in der Wirklichkeit, dass die Chancen auf einen Arbeitsplatz unter Bewerbern mit Studienabschluss ungleich höher sind als bei anderen. 2008, so Maurin, lag die Arbeitslosigkeit unter den Personen, die über einen höheren Schulabschluss verfügen, unter 10 Prozent. Bei denen, die über keinen Abschluss verfügen, lag er bei 50% - ein Unterschied von 40 Prozent. Dieser Unterschied betrug in den 1970er Jahren lediglich 10 Prozent.

Dilemma für die Linke

Die französische Linke, die seit dem Wahlsieg Sarkozys in einer Dauerkrise steckt, steht laut Maurin vor einem Dilemma: Sie vertritt einerseits einen traditionellen Wäherstamm, der von der Überzeugung her links ist, aber auf guten Posten sitzt und diesen Platz mit allen Kräften verteidigen will, und anderseits gibt es das ebenfalls traditionelle sozialistische Klientel derjenigen, die keinen guten bzw. überhaupt keine Arbeit haben und auf Öffnung der Festungen rund um die Arbeitsplätze und Beamtenjobs drängen. Doch bleibt auch die Regierung, sollte sie etwas gegen die Angst vor dem sozialen Abstieg unternehmen wollen, nicht davon verschont, eine Politik ins Auge zu fassen, die die Kluft zwischen denen, die geschützt sind, und den anderen zu verkleinern, da ja gerade dieser Abgrund zwischen drinnen und draußen Quelle und Prinzip der Angst ist.

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