Schmutz, Sex und politische Repräsentation
Der französische Kulturminister Mitterand hat vor Jahren ein Buch geschrieben, in dem von der "schlechten Gewohnheit, gegen Bezahlung Sex mit Knaben zu haben" zu lesen ist. Die Front National verlangt seinen Rücktritt; der Sprecher der sozialistischen Partei ist ebenfalls schockiert. Update
Es gab eine Zeit der Unschuld, als man "Lolita" von Nabokov las und sich wunderte, dass dieses Buch einmal verboten war. Die Zensur und wie schlicht doch die Gatekeeper der früheren Zeiten, vor allem in den "puritanischen" USA, gestrickt waren, kam mir in den Sinn, während ich das virtuose Sprachspiel, mit dem die Qual und die Obsession von Humbert Humbert zu einer Minderjährigen beschrieben wird, gebannt Seite für Seite verfolgte. Und ich war bestimmt keine Ausnahme damit, dass ich das frühere Verbot des Buches als eine anmaßende Bevormundung mit fragwürdigem erzieherischen Inhalt verstand, deren Zeiten zum Glück vorbei waren. Doch manches kommt wieder. Der Vorwurf, der die fehlende Abgrenzung zum kriminellen Vergehen des Sex mit Kindern zum Ziel hat, agiert mit neuer Wucht, die Grenzen negiert wie eine Motorsäge, die ein in seiner Konzentration nachlassender Holzarbeiter in den Händen hält.
In Frankreich gibt es ihm Zuge der Affaire Polanski ein Zweitbeben, das nun den Posten des derzeitigen Kulturministers Frédéric Mitterand ins Wanken bringt. So sieht es die rechtsgerichtete Front National, viele Forumsdiskutanten, und auch der Sprecher der linken PS, Benoît Hamon ist schockiert über den Neffen des früheren Präsidenten François Mitterand.
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Der Kulturminister ist der französischen Öffentlichkeit seit Jahrzehnten bekannt, er moderierte mehrere Fernsehsendungen, in denen er zum Beispiel Filme vorstellte, ein Mann der Kultur, der aus seiner Homosexualität nie ein Geheimnis machte und dass er schließlich anfing, Bücher zu schreiben, war für ein derartiges Kulturleben beinahe zwangsläufig. Ebensowenig war die Öffentlichkeit vor vier Jahren überrascht, als er seine Autobiografie mit dem anspielungsreichen Titel "Une mauvaise vie" (zu deutsch "Ein schlimmes Leben") veröffentlichte, in dem Passagen auch von seiner Liebe zu jungen Männern, "Garçons", handelten. Das Buch verkaufte sich gut, zu einem Skandal kam 2005 es nicht.
Dafür wird es jetzt zu einem gemacht. Für die erste Erregungswelle sorgte Mitterand selbst, als er sich deutlich gegen die Verhaftung des polnischen Filmregisseurs Polanski aussprach und für dessen Freiheit als Künstler plädierte. Da würde mit zweierlei Maß gemessen, hallte es ihm entgegen. Wieso einen Künstler von einer Anklage freisprechen, für die sich jeder andere, ohne solchen öffentlichen Rückhalt, vor Gericht zu verantworten hat. Zumal als Minister, als hochstehender politischer Repräsentant eines Landes, der sich als ausgewiesener Minister ergo im Namen der französischen Regierung die Angelegenheit eines anderen Landes einmischt – so die Argumentation, die in Debatte gebracht wurde.
Die Internetseite AgoraVox reicherte diese Debatte schließlich mit einem neuen Argument für die Befangenheit des Kulturministers an. Sie veröffentlichte Auszüge aus dem "schlimmen Leben" von Fréderic Mitterand, einen Mix aus mehreren Passagen, die derart konzentriert das Bild eines knabenliebenden Lüstlings abgeben, der dem Sextourismus frönt:
Ich habe die schlechte Gewohnheit angenommen, für Knaben zu bezahlen [...] (Auslassungen von AgoraVox übernommen, d.A.) . Selbstverständlich habe ich das gelesen, was man über das Geschäft mit den Jungen hier schreiben konnte [...]. Ich weiß, dass darin Wahrheit steckt. Das Elend, das einen umgibt, die Zuhälterei überall, die Berge von Dollars, die das bringt, während die Knirpse nur einen Bruchteil für sich mitnehmen, die Drogen, die Unglück und Dramen verbreiten, die Krankheiten, die schmutzigen Details dieses Handels. Aber das hält mich nicht davon ab, dahin zurückzukehren. Deise ganzen Rituale, der Zurschaustellung der jungen schönen Männer, der Sklavenmärkte, das erregt mich enorm [...]. Man kann über ein solch verwerfliches Spektakel nicht von einem moralischen Standpunkt aus urteilen, aber es gefällt mir, jenseits desjenigen, was mit vernünftigen Worten zu verhandeln wäre [...]. Die Überfülle der Jünglinge, die so attraktiv sind und zu haben, versetzt mich in einen Zustand des Verlangens, das ich nicht mehr zügeln oder verstecken muss. Das Geld und der Sex, ich bin im Herzen meines Systems, das endlich funktioniert, denn ich weiß, man wird mich nicht ablehnen.
Literatur? Ein Bekenntnis, das eins zu eins wie eine Tatsachenaussage zu lesen ist? Für die Front National gibt es keine solchen Ambivalenzen, wie überhaupt das rechte Denken häufig am Mangel dieser Dimension aus dem wirklichen Leben krankt, auf der Webseite der FN findet sich die oben zitierte "Best of Evil"- Montage aus Mitterands Buch als Beweis der Anklage, zusammen mit einer Petition, die den Rücktritt des Ministers verlangt. Die Äffäre ist gut lanciert. Sie hat sich in den beiden letzten Tagen ausgewachsen, neben Mitterands Erklärungen, die heute abend erwartet werden, wird man nicht lange auf die Einlassung des Staatschefs Sarkozy dazu warten müssen - zumal er heute vom Nouvel Observateur mit einer früheren Meinung zitiert wurde, die dem Buch und dem Autor "Courage und Talent" bescheinigt. Doch wie gesagt, die Zeiten haben sich geändert.
Aktuell wird der Streit auch um einzelne Worte geführt, ob Marine Le Pen, die Tochter des früheren Frontmannes, die die Attacke gegen den Kulturminister anführt, etwa fälschlicherweise den "garçons"/Jungen noch das Wort "jeunes"/"jung" hinzugefügt hat...
Doch bleiben wichtigere Fragen, die auszuhandeln wären. Zum einen, ob ein literarisch angelegtes Buch, das das zweideutige Spiel von echtem und imaginiertem Leben als kreatives Grundprinzip hat, mit der gleichen moralischen Verbindlichkeit zu behandeln ist wie etwa ein Essay, ein Zeitungsartikel oder eine Aussage. Es ist in diesem Zusammenhang kein Zufall, dass Mitterand in einer Fernsehdiskussion, in welcher man ihm die beschriebene Passion mit gekauften Knaben zum Vorwurf macht, mit dem Argument reagiert, dass die betreffende Passage doch "schön geschrieben" sei. Der Stil ist in der Literatur eine eigene Kategorie, die Form wichtiger als die Moral, die sich im echten Leben in anderen Sätzen zeigt. Beides inkompatibel, im besten Fall eine Reibefläche.
Doch wie ist es, wenn der Autor kein bloßer Autor mehr, sondern Minister ist und obendrein einer, der sich in einer Äffäre, bei welcher der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum steht, eindeutig positioniert – mit dem Gewicht, das ihm das Ministeramt verleiht? Ein Buch, das unter ganz anderen Umständen und für eine ganz andere Lektüre geschrieben ist, kann man nicht als kompromittierende Zeugenausage für eine politische Wertung heranziehen, das ist klar. Unklar bleibt aber, wo derzeit die Grenzen verlaufen zwischen Privatmann, Autor und politischem Repräsentanten. Gibt es sie noch, sind sie noch wichtig? Und wo genau liegt der Schmutz in der Affäre? In der Phantasie des Buchautors? In der politisch instrumentalisierten Anklage? In der Anmaßung des Buchautors, ein Ministeramt zu übernehmen?
Update:
Wie die Neue Zürcher Zeitung am Abend berichtet, forderte ein weiterer Abgeordneter der PS, Arnaud Montebourg (in Frankreich bekannt als Sprecher der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal und als Publizist mehrer Artikel), Staatspräsidenten Sarkozy und Ministerpräsidenten Fillon auf, Mitterrand als Minister zu entlassen, da dieser "bewusst gegen nationale und internationale Gesetze verstossen habe". Ein Minister, der Frankreich repräsentiere, dürfe nicht selbst gegen die Verpflichtung verstossen, den Sextourismus zu bekämpfen, soll Montebourg laut NZZ erklärt haben. Darüberhinaus soll eine Polizeigewerkschaft angekündigt haben, dass amn die Staatsanwaltschaft dazu auffordern werde, gegen Mitterrand zu ermitteln - "wegen der Prostitution mit Minderjährigen".
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31269/1.html- Re: ich mach's kurz... (12.10.2009 11:10)
- Re: ich mach's kurz... (11.10.2009 23:56)
- Re: ich mach's kurz... (11.10.2009 21:00)
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