Zuhause trinken lernen
Eine britische Studie rät von einer asketischen Erziehung ab, um Binge-Drinking von Jugendlichen zu vermeiden
In Europa wird mehr Alkohol getrunken als anderswo. Das ist in einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2004 nachzulesen. Möglicherweise könnte man das Trinken auf dem alten Kontinent als "Kulturtechnik" auffassen. Allerdings eine mit beachtlichen, tödlichen Risiken für die Konsumenten, wie die WHO warnt - und leider auch oft genug für unschuldige Anwesende in der Nähe von Betrunkenen, wie täglich in den Nachrichten zu verfolgen ist. Besonders gefährdet für Alkoholmissbrauch und dessen verheerende Folgen sind Heranwachsende. Eine Untersuchung aus Großbritannien legt nun den – nicht neuen - Gedanken nahe, dass der Umgang mit Alkohol, wie eben eine Kulturtechnik, gelernt werden kann. Zuhause am Familientisch.
Die Wissenschaftler aus Liverpool, dem dortigen Centre for Public Health an der Liverpool John Moores University, sind Trinkgewohnheiten von 15- bis 16jährigen Schülern in einem Gebiet nachgegangen, das für eine außerordentlich hohe Zahl an alkoholbedingten Schäden berüchtigt ist: die North West Region Englands. Man hat sich aus den dortigen Schulen (140) etwa 10.000 Teilnehmer ausgesucht, nicht repräsentativ, sondern nach Maßgabe eines möglichst weiten Spektrums von "community types", denen Fragebogen zugeschickt wurden.
|
|
Gefragt wurde nach Alkoholkonsum - wieviel, was, wo und woher - und unangenehmen Begleiterscheinungen. Als negative Erfahrungen, die den stärkeren Alkoholrausch begleiten, wurden zentrale Kategorien aufgestellt, wie "Gewalt", eine Erfahrung, die von 28,8 Prozent der Befragten bestätigt wurde; "Sex, den man später bedauert" (12,5%) und den "Filmriss" ("forgetting things"), den 45,3% als alkoholbedingte Erfahrung angaben. Die Korrelationen, die das Forscherteam dazu errechneten, sind wenig überraschend: Je mehr Alkohol die Teenager tranken, desto eher hatten sie unter solchen Kollateralschäden zu leiden, sogenannte Binge-Trinker waren dem häufiger ausgesetzt als Gelegenheitstrinker, die also weniger oft und weniger viel Alkohol zu sich nehmen.
Gewalt wurde öfter bei männlichen Trinkern festgestellt, die Reue über den alkoholisierten Geschlechtsverkehr wurde eher mit "weiblich" assoziert, ebenso der Filmriss. Binge-Trinker greifen öfter zu billigem Alkohol und der Konsum von Wein korreliert weniger mit Abusus und Gewalt.
Interessant war für die Verfasser der Studie, dass bei ähnlich großen Mengen des Konsums, eine Gruppe signifikant weniger negative Erfahrungen angab: Schüler, die von ihren Eltern zuhauise Alkohol bekamen und deren Alkoholkonsum überwacht wurde. Ihr Schluss daraus: Möglicherweise hat das absolutes Verbot von Alkoholgenuß zuhause genau die Folgen, die man verhindern will. Die Heranwachsenden trinken außerhalb und dort umso mehr. Die Ergebnisse, so wird in aller Vorsicht gefolgert, "legen nahe, dass jene Eltern, die ihren 15-bis 16jährigen Kindern erlauben, dass sie Alkohol trinken, auch damit verbundene schädliche Auswirkungen in Grenzen halten" - wenn sie deren Konsum auf einmal pro Woche einschränken und "unter keinen Umständen" "Binge drinking" erlauben.
Das statistische Material der Wissenschaftler zeigt aber zugleich, dass diese Empfehlung mit Vorbehalten versehen werden muss. Unter denen, die angaben, dass sie einmal die Woche einen kräftigen Rausch haben, finden sich 34,5 Prozent, die "Gewalt" als Begleiterfahrung angaben – und die zuhause von ihren Eltern Alkohol bekamen. Desweiteren warnen die Studienverfasser vor erschreckenden Ergebnissen, die in der Forschung über Kinder nachzulesen sind, die schon als 12Jährige mit Alkohol vertraut wurden. Das Risiko später zum Binge-Drinker, mit körperlichen, psychischen und sozialen Schäden zu werden, sei enorm und nicht tragbar.
Eine Folgerung aus ihren Ergebnissen ist für die Wissenschaftler allerdings unumstößlich, die Abgabe von billigem Alkohol erhöht das Risiko, dass Jugendliche mehr und öfter bis zum Vollrausch trinken.
Im Zeitraum von 1990 bis 2008 hat sich nach Berichten, die der Untersuchung zugrunde liegen, der wöchentliche Konsum von Alkohol durch 11 bis 15Jährige in Großbritannien verdoppelt; die Anzahl der Kinder unter 16 , die alkoholbedingt ins Krankenhaus mussten, wuchs von 1995 bis 2005 um fast 30 Prozent - solche ansteigenden Werte seien allerdings nicht auf das UK beschränkt, wird angefügt, auch Deutschland und Australien hätten ähnlich schlimme Zahlen. Hinzu kommt eine andere Entwicklung, wonach sich der Alkoholkonsum der britischen Mädchen dem ihrer männlichen Altersgenossen anpasse.
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31274/1.html- Einstiegsdroge (14.10.2009 13:33)
- Legales Opium! (12.10.2009 13:02)
- Legales Opium? (12.10.2009 11:20)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2
