Dopingtests vor der Prüfung?
Neurodoping oder "kosmetische Neurologie" könnte auch mit besseren Wirkstoffen immer attraktiver werden
Es gibt schon eine ganze Reihe von psychotropen Wirkstoffen, die gerne einmal zur kognitiven Leistungssteigerung eingesetzt werden. Ähnlich wie im Sport wird etwa beim Lernen oder bei Prüfungen jetzt schon gedopt. Manchen trinken Kaffee, um sich wach zu halten, oder beruhigen sich mit Alkohol, andere nehmen Ritalin oder Amphetamine und greifen zu Modafinil, um Ängste zu vertreiben. In der Diskussion steht, wie man mit solchen Substanzen zum Neurodoping umgehen soll? Müssten sie verboten werden und sollte nur ihre "medizinische" Anwendung erlaubt sein? Oder sollte jeder, der meint, er könne auf diese Weise seine Leistungen verbessern, frei die Wirkstoffe kaufen können (Experten fordern Regeln für den Smart-Drugs Menschenpark; Ritalin für alle!, Warum nicht sein Gehirn mit Medikamenten und Drogen aufputschen?)?
Im Hochleistungssport wird versucht, Doping zu bekämpfen, um die Gesundheit der Sportler zu schützen und Wettbewerbsgleichheit herzustellen. Manche aufputschenden Mittel wie Kaffee sind nicht verpönt, Sportler können auch in Höhenlager gehen, um zur Leistungssteigerung mehr rote Blutkörperchen zu bilden, körperlich bzw. genetisch bestehende Ungleichheiten werden nicht kompensiert. Auch bei denselben Trainingsmöglichkeiten und –förderungen kann wohl nicht jeder Hochleistungssportler werden. Chancengleichheit besteht hier also nicht, wenn man nicht biologisch identische Körper klont. Soll man beim Gehirndoping ähnlich vorgehen wie beim Doping im Sport, also für Prüfungen etwa nicht nur die Einnahme von bestimmten Neuro-Enhancern verbieten, sondern auch entsprechende Kontrollen durchführen?
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Der Psychologe Vince Cakin von der University of Sydney könnte sich durchaus vorstellen, dass in Zukunft mit der erwartbaren Verbesserung und Erweiterung der kognitiven Leistungsverstärker auch darüber nachgedacht werden können, diese in Schulen und Universitäten zu verbieten und bei Prüfungen Routineuntersuchungen, beispielsweise Urintests, für "akademische Doping" durchzuführen. Und weil sich kognitive Leistungen durch Medikamente auch vor Prüfungen erhöhen lassen, müssten konsequenter Weise Tests auch während des Studiums durchgeführt werden, um Betrüger zu entlarven. Wäre dies aber sinnvoll, fragt Cakin, nach den Erfahrungen, die man mit dem Dopingverbot im Sport gemacht hat.
Ganz allgemein sieht er Probleme, Neuro-Enhancer oder "kosmetische Neurologie" zu verbieten, weil sie die Bewertung von Leistungen unfair beeinflussen. Schließlich würden viele Voraussetzungen, die eine Chancengleichheit verhindern, gesellschaftlich akzeptiert. Es gebe zahlreiche Faktoren. Angefangen von einem genetisch bedingten höheren IQ bis zu besseren Umweltbedingungen, etwa Ernährung, Bildung oder Fürsorge, müssen bessere Ergebnisse keineswegs alleine auf größere individuelle Leistungen zurückzuführen. Es müsse auch keineswegs so sein, dass nur die Angehörigen der bürgerlichen oder reicheren Schicht ihre möglichen Vorteile dadurch noch weiter stärken, es könnte auch sein, dass sie gerade die Benachteiligten stärken und von ihren "neurologischen Behinderungen" befreien. Angeblich würde Modafinil am stärksten bei denjenigen wirken, die einen niedrigeren IQ haben. Müssten dann noch möglicherweise umgekehrt soziale Programme gestartet werden, um durch kostenlose Verschreibung von Enhancern auch kognitiv Chancengleichheit zu verbessern.
Das Argument ist freilich höchst theoretisch. Ein anderes Argument, das auch im Sport gerne verwendet wird, lautet, dass es alle so machen und man daher gezwungen sei, auch zu dopen, weil man sonst benachteiligt sei. Angeblich haben 95 Prozent der Hochleistungssportler leistungssteigernde Mittel genommen. Ähnlich könnten Schüler oder Studenten sich gezwungen sehen, Pillen zu schlucken, um die Konzentration aufzupeppen. Das könnte bereits der Fall sein, wenn es stimmt, dass an einigen Universitäten bereits ein Viertel der Studenten Cognitive Enhancer nimmt. Das wäre besonders schlimm dann, wenn der indirekte Zwang dahin ginge, durch die Einnahme von Leistungssteigerern psychische oder physische Gefährdungen zu riskieren.
Soll man also zumindest riskante Enhancer verbieten? Cakin verweist auf das Verbot von Sportdoping. Das habe auch nicht viel geholfen, schließlich sei das Doping weithin verbreitet. Er ist der Ansicht, dass ein Verbot von Cognitive Enhacern faktisch nicht möglich sei, weil die Substanzen auch medizinische Anwendungen hätten und es daher sehr wahrscheinlich sei, dass sie auch in andere Hände kommen. Aber ist es wirklich ein Argument gegen ein Verbot, dass es nicht wirksam durchgesetzt werden kann und weiterhin Verletzungen stattfinden? Nach dieser Logik müsste man auch das Verbot von Diebstahl oder Mord aufheben.
Cakin tritt für einen weitgehend liberalen Umgang ein. Ein Verbot durchzusetzen, wäre sehr schwierig und höchst aufwändig, sagt er. Die jetzt schon weit verbreitete Einnahme der Leistungsverbesserer spreche dafür, dass Schüler und Studenten sie unabhängig ihrer Gefährlichkeit oder Legalität einnehmen. Am ehesten könne man darauf hoffen, dass die Gefahren der "kosmetischen Neurologie" besser erforscht werden, noch ist keineswegs bekannt, wie die Enhancer langfristig bei Gesunden wirken. Damit würden die Gefahren deutlicher und auch von denjenigen berücksichtigt werden, die überlegen, ob sie sie nehmen wollen. Keine wirklich überzeugende Position. Aber wer hat die schon? Die Menschheit experimentiert mit sich. Langfristig werden wir die Folgen schon sehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31282/1.html- Re: Wo kriegt man das Zeug ? (13.10.2009 21:12)
- Der Unterschied zum Sport-Doping: Echte Behinderungen/Minderbegabungen (13.10.2009 17:51)
- Re: Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe! (13.10.2009 11:04)
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