Katholizismus und Freiheit

27.10.2009

Das Drama der Papstkirche nach Aufklärung und Revolution. Ein Blick in die Geschichte. Teil 2

Im Jahr 1870 entscheidet sich Rom auf dem I. Vatikanum für den Papstzentralismus mit absoluter Machtkonzentration und "unfehlbarer" Lehrautorität des obersten Amtsträgers (vgl. Teil 1). Wie fatal die so entstandene Kirchenkonstruktion ist, wird endgültig das 20. Jahrhundert zeigen: Die Glaubensbezeugung in einer Welt der Abgründe bleibt aus. Es regiert purer Selbsterhalt. Die Kirche kollaboriert – nicht nur als Dulderin – mit autoritären und faschistischen Regimes. Da sie sich selbst doktrinär von der Geschichte losgekoppelt hat, muss ihr Agieren auf dem Schauplatz des leibhaftigen Weltgeschehens schizophren ausfallen.

Teil 1: Die dritte "Inkarnation Gottes" in Rom

Pius IX., der Papst des I. Vatikanischen Konzils, nahm den Parteistandpunkt der feudalen Machtausübung ein. Er hat die Unversöhnlichkeit der Kirche mit dem Zeitalter der Freiheit und der modernen Kultur in extremster Weise festgeschrieben. Längst vergessen war, dass ein Reformpapst wie Benedikt XIV. (1740-1758) den Austausch mit Voltaire und eine Aussöhnung mit der Aufklärung gesucht hatte. Das blieb – von der Inquisition beargwöhnt – eine Episode. Den nachfolgenden Herausforderungen der französischen Revolution war die Kirche deshalb nicht gewachsen. Papst Pius VI. hat am 10.3.1791 nicht etwa nur die kirchlichen Regelungen der französischen Republik (Zivilkonstitution) verworfen, "sondern – sehr zur Bestürzung der meisten französischen Bischöfe – auch die Menschenrechte und die Prinzipien der neuen politischen Ordnung" verurteilt (Klaus Schatz). Die nächste Papstwahl erbrachte noch einen Lichtblick. Gewählt wurde Kardinal Chiarimonti (Pius VII., 1800-1823), der immerhin die demokratische Regierungsform als mit dem Evangelium vereinbar betrachtet hatte. Nach ihm haben Kompromisse keine Chance mehr.

Katholizismus abseits von Freiheit, Menschenrechten und Zivilisationsringen

Der Syllabus, den dann Pius IX. 1864 – ein Menschenalter nach der Revolution – in die Welt schickt, beweist die Lernunfähigkeit der von Primatsanbetern okkupierten Kirche. Er verbietet jedem Katholiken, sich anzufreunden: mit den Menschenrechten (der Gleichheit aller Menschen, der Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit, der Meinungsfreiheit), der Freiheit der Wissenschaft, der Trennung von Staat und Kirche (sowie der Trennung von päpstlich-geistlicher und weltlicher Macht), dem Gedanken, dass die in einem Staat lebenden Menschen der einzige Souverän sind und es ein legitimes Recht zu Gehorsamsverweigerung und Widerstand gegenüber der Obrigkeit gibt … (auffällig ist allerdings, dass die förmliche Heiligsprechung des Privateigentums durch die französische Republik hier nicht zum Problem wird).

Der rechtslastige Pacelli-Papst Pius XII. (1939-1958) hätte im 20. Jahrhundert die Möglichkeit gehabt, durch ein "unfehlbares Dogma von der Einheit des ganzen Menschengeschlechts" allen Katholiken die Kollaboration mit dem Rassenwahn der Faschisten unmöglich zu machen. Nicht ein einziges (!) Klartextwort zum Massenmord an den Juden ist von diesem absolutistischen Kirchenoberhaupt bezeugt. Bild: Wikimedia Commons

Durch diese Kampfansage an die bürgerliche Revolution wurden die Katholiken im 19. Jahrhundert zur politischen Abstinenz verdammt. Erlaubt war es ihnen lediglich, unter der Aufsicht ihrer geistlichen Obrigkeit Freiheitsrechte der neuen Ordnung auszunutzen bzw. einzuklagen, wo dies strategisch sinnvoll erschien und der kirchlichen Macht zugute kam. Die Papstkirche war – anders als etwa der liberale Katholik Charles Montalembert oder Bischof Ketteler von Mainz – unfähig, Freiheit immer auch als Freiheit der anderen zu achten (geschweige denn, der Freiheit in ihren eigenen Mauern eine Heimstatt zu bereiten). Dieses egomanische, rein instrumentelle "Freiheitsverständnis" ist, nicht nur bezogen auf die Gängelung des politischen Katholizismus, ihre neuzeitliche Ursünde. Man mag schließlich über einen christlichen Ursprung der Menschenrechte streiten soviel man will, erkämpft wurde die Geltung der Menschenrechte auf jeden Fall gegen den Widerstand der Römischen Kirche oder an ihr vorbei.

Keine Themen der Papstkirche: Ausbeutung, Rassismus und Militarismus

So sehr war diese Kirche 1870 mit sich selbst, ihrem Hass auf die Moderne und ihrem selbstverliebten, zu allem entschlossenen Papst beschäftigt, dass brennende Anliegen der menschlichen Weltgesellschaft erst gar nicht zur Beachtung kommen konnten. "Nötig wäre es damals gewesen, sich der bereits auf ganz Europa lastenden Arbeiterfrage zuzuwenden, wie es z.B. [der adelige!] Bischof Ketteler in den Jahren um das Konzil energisch forderte" (Rudolf Lill). Es ging an dieser Stelle nicht um Jahrzehnte, sondern um Jahre. Bedenkt man, welches Problembewusstsein und welche Kompetenzen hierzulande längst vorhanden waren, kann man das Aufgreifen der Arbeiterfrage durch Papst Leo XIII. (1878-1914) im Jahre 1891 ("Rerum Novarum") eigentlich nur als tragisches Zuspätkommen verstehen.

Bischof Augustin Vérot von Savannah aus den Südstaaten der USA regte sich auf dem Konzil auf, weil man sich dort haarspalterisch mit der Verurteilung von deutschen Idealisten und Rationalisten befasste. Im Gegensatz zu den Irrtümern der Gelehrten hätten, wenn es um den Ursprung der Menschheit in Adam ginge, aber ganz andere, primitive Ideologien Resonanz bei den Massen. Es werde z.B. erfolgreich propagiert, die Neger seien anderer Abstammung als die übrigen Menschen oder gar "zwischen Mensch und Tier" angesiedelt.1 Auch dieser so dringende Einspruch blieb erfolglos. Was interessiert einen Neuscholastiker schon die blutige Wirklichkeit von Rassismus? Die Fleischwerdung der an sich unstrittigen "Einheit des Menschengeschlechtes" ist kein Konzilsthema. – In der Folge wird ungezählten Katholiken, die der Rassenideologie des späten 19. Jahrhunderts erliegen, die notwendige christliche Unterweisung fehlen. Das Versagen der Römischen Kirche angesichts der Shoa geht auch auf Versäumnisse des I. Vatikanums zurück. Unter Pius XII., der kein einziges klar verständliches Wort zum Massenmord an den Juden verlauten ließ, hat das absolutistische Papstsystem seine Unschuld endgültig eingebüßt. Bezogen auf diese traurige Papstgestalt ist der Forschungsstand so erschütternd, dass Rom wohl alle Seligmach-Pläne wieder begraben muss.2

Schließlich gab es auf dem Konzil 1870 eine Eingabe von 40 Konzilsvätern, welche den Blick auf Militarismus, Aufrüstung und Zerfall der internationalen Moral im Imperialismus lenkte (die Eingabe ging auf den späteren Konvertiten David Urquhart und eine armenische Patriarchalsynode zurück). Das Anliegen lässt sich am ehesten als moralische Variante des Ultramontanismus charakterisieren. Mit höchster Verbindlichkeit sollten Klärungen zu Kriegsethik und Völkerrecht erfolgen. Trotz drängender Kriegsgefahr beschäftigte sich das Konzil stattdessen lieber mit römischer Schultheologie und – unter oberster Priorität – mit dem Papsttum. Die Kirche wird wieder – ein halbes Jahrhundert – zu spät kommen. Der Friedenspapst Benedikt XV. (1914-1922) liegt dann mit seinem weithin "erfolgslosen" Einsatz wider das Völkergemetzel des Ersten Weltkrieges in keiner Weise falsch. Aber das papstbesessene Konzil von 1869/70 hat diesem Ehrenretter des Stuhls Petri einen Katholizismus beschert, der – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht aufnahme- und handlungsfähig ist im Sinne einer dem Frieden dienenden Weltkirche. Hauptarbeitsschwerpunkt seines unmittelbaren Vorgängers Pius X. war es gewesen, mit Hilfe eines Spitzelsystems innerkirchlich Jagd auf "Modernisten" zu machen, bis ins Kardinalskollegium hinein!

Rom als Heilmittel gegen den Nationalismus?

Auch die Revisionen zur Demokratiefeindlichkeit der Römischen Kirche erfolgen dann – nach mehr als 55 Millionen weiteren Toten des Zweiten Weltkrieges – wieder zu spät (erst Weihnachten 1944 sah sich Pius XII. veranlasst, die Demokratie unter Vorbehalten erstmalig päpstlich als "zeitgemäße Staatsform" zu würdigen; das feierliche Bekenntnis der röm.-kath. Kirche zur Religionsfreiheit erfolgte erst am 7.12.1965 auf dem II. Vatikanum; 1970 hat dann Paul VI. – nach den bloßen Arrangements einiger Vorgänger – auch den Verlust der weltlichen Macht des Papsttums ausdrücklich als etwas Gutes anerkannt).

Fazit: Das unfehlbare und absolutistische Papsttum hat die Kirche nicht schlagkräftiger gemacht, sondern impotent in allen zivilisationsrelevanten Fragen der Glaubensbezeugung. Das gilt insbesondere für eine Zeitkrankheit, die von führenden Infallibilisten mehrfach gerade angeführt worden ist, um die Dringlichkeit der neuen Papstdogmen zu unterstreichen: Gegen die Pest des Nationalismus müsse man im Papsttum ein unerschütterliches Bollwerk errichten. Der Nationalismusvorwurf gegen die Gegner war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Den überkommenen regionalkirchlichen Strömungen im Umfeld von Episkopalismus und Konziliarismus ging es um die Freiheit der Ortskirchen; sie waren gewiss noch nicht nationalistisch. Doch ein schlechter Klang kommt ins Spiel, wenn z.B. der überzeugendste Kopf der deutschen Unfehlbarkeitsgegner, Ignaz von Döllinger (1799-1890), mehrfach das "Germanische" gegen das "Romanische" auszuspielen versucht. Die durch Exkommunikation hervorgerufene Abspaltung der Alt-Katholiken, die die neuen Papstdogmen nicht annehmen, hebt sich im 19. Jahrhundert sehr wohltuend vom ultramontanen Judenhass ab. Indessen ist sie – wie der Protestantismus – auch wegen ihrer Staatsnähe später anfälliger für deutschnationales Gedankengut. Es lässt sich aber aufzeigen, dass das unfehlbar-allgewaltige Papsttum den römischen Katholizismus keineswegs immun gemacht hat gegen den Nationalismus. Ganz im Gegenteil!

Viele liberale Kräfte, die gar nicht nationalistisch ambitioniert sind, verlassen 1870 die Römische Kirche oder werden ins Abseits gedrängt. Die Bahn ist frei für reaktionäre Wortführer im Katholizismus, die Rom noch immer protegiert hat. Der Kulturkampf in Deutschland, der nach den Kölner Wirren von 1837 so lange geruht hatte, flammt in unglaubliche Schärfe wieder auf (allein wegen der preußischen Kriegspolitik gegen "katholische Mächte" wäre es soweit kaum gekommen). Obwohl Rom bei Konflikten zwischen Ortskirche und Staat je nach Eigeninteresse gar nicht immer hilfreich oder mäßigend agiert, kann es sich am Ende stets als große Retterin präsentieren. Doch den Romkatholiken vor Ort bleibt hinterher überall das Stigma, vaterlandslose Gesellen zu sein.

Erst auf dem Boden dieses Minderwertigkeitskomplexes gelingt ab dem späten 19. Jahrhundert eine schier unglaubliche Patriotisierung und Militarisierung der nach der Französischen Revolution zu "Neupreußen" gewordenen Katholiken (eine der wichtigsten Zentrumszeitungen wurde allerdings schon 1870 gegründet und hieß "Germania"). Der Kulturkampf hat zweifellos zur Politisierung und letztlich zur Stärkung des deutschen Katholizismus geführt. Doch nach seinem Ende wollte man sich beweisen und besonders "deutsch" sein. Da außerdem der Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gleichsam zu den römischen Grunddogmen gehörte, kam es trotz aller Erfahrungen im Widerstand gegen eine ungerechte Staatsmacht nicht zu einem durchgreifenden Lernprozess.

Über den protestantischen Nationalismus kann man nur weinen; aber nicht weniger Tränen sollte man über nationalistisch infizierte Teile des Milieukatholizismus und Episkopen vergießen oder über einen Pius XI., der aus nationaler Gesinnung heraus Mussolini lieber mochte als die bösen Linkskatholiken und 1929 bei dessen Massenmord an koptischen Christen in Äthiopien sich fügsam still verhielt.

Hier nur noch ein späteres Beispiel: Bischof Clemens August Graf von Galen hatte in seinen berühmten Lamberti-Predigten (1941) gegen den "Euthanasie"-Massenmord an Behinderten opponiert und diesen als Tor zur Tötung aller "Unproduktiven" beschrieben. Der junge Katholik Ferdinand Vodde verteilte unter Lebensgefahr Abschriften dieser Predigten unter Wehrmachtssoldaten an der Ostfront. Als der Bischof in einer persönlichen Begegnung davon erfuhr, rügte er Vodde äußerst scharf: das sei Wehrkraftzersetzung, und dazu seien die Hirtenschreiben nicht gedacht!3 Galen, der erwiesenermaßen militaristisch und deutschnational dachte, liebte Hitlers Siege und war 1945 ob der "Niederlage Deutschlands" zu Tode betrübt. So stand es um die tradierte Moral der Papstkirche von 1870. Wohlgemerkt, es geht hier vielleicht um den Besten des damaligen deutschen Episkopates, der zum Schutz "unproduktiven Lebens" wirklich Kopf und Kragen riskiert hat.

Das autoritäre Führerprinzip der Kirche und der Faschismus

Der römisch-katholische Kirchenleib, an ein allmächtiges Oberhaupt gekettet, wurde noch von anderen Krankheiten befallen, so von einem blinden Antikommunismus. Als man im Umfeld des I. Vatikanums noch gar nicht wusste, worum es sich da eigentlich handelte, verurteilte die römische Kirchenzentrale schon per se jede Art von Sozialismus (noch bevor ihr später eine alleinseligmachende Partei, die immer Recht hatte, den Spiegel vorhielt). Besonders auch über die "sozialistische" Idee, der Herrschaft von Menschen über Menschen ein Ende zu bereiten, war man empört. Umso wohlwollender verhielt sich Rom in der Folgezeit selbst gegenüber den extremsten Feinden der Linken (was seit Johannes Paul II. z.T. wieder Schule gemacht hat). Die Verbindungen zwischen Katholizismus und Faschismus oder autoritären Regimes in Europa und Südamerika sind zu zahlreich, um sie an dieser Stelle ausführlich darzustellen. Man kann nicht nachdrücklich genug betonen, dass diese Schande der Kirche nur zum geringen Teil vom politischen Katholizismus der Basis zu verantworten ist. Die Wurzel ist – mittelbar oder unmittelbar – in den allermeisten Fällen der Zentralismus der Papstkirche.

Der unfehlbare Papstzentralismus von 1870 mündete schließlich in Roms Konkordatsabschluss mit Hitler-Deutschland. Soweit es unten im katholischen Kirchenvolk Antifaschismus gab, hat er nunmehr zu schweigen. Bild: Deutsches Bundesarchiv/ Bild 183-R24391 /CC-BY-SA 3.0

Bezogen auf die entsprechenden Bündnisse und Verstrickungen spielt das autoritäre Führerprinzip, welches auf dem I. Vatikanum kanonisiert worden ist, eine herausragende Rolle. Diese Kritik ist keine Erfindung von Kirchenfeinden. Der Kölner Prälat Robert Grosche konstatierte 1933:

Als im Jahre 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes definiert wurde, da nahm die Kirche auf der höheren Ebene jene geschichtliche Entscheidung voraus, die heute auf der politischen Ebene gefällt wird: für die Autorität und gegen die Diskussion. Für den Papst und gegen die Souveränität des Konzils, für den Führer und gegen das Parlament.

In der Tat betrachtete der deutsche Dogmatiker Michael Schmaus im gleichen Jahr "die starke Betonung der Autorität in der neuen Staatsführung" als wesensverwandtes, natürliches "Gegenstück zur kirchlichen Autorität auf übernatürlichem Gebiet". Er setzte die Kenntnis der "autoritären Führung der Kirche" voraus und sah durch den neuen Zeitgeist ein besseres Verständnis für diese als gegeben an. 1933 prophezeite er passend dazu, das jüdische Volk werde "seinen Wahn mit der Verwerfung" büßen müssen. Bei Schmaus lässt sich gleichzeitig aufzeigen, wie die auf dem I. Vatikanum abgesegnete dogmatische Konzeption von "Übernatürlichkeit" geradewegs zur Kollaboration mit dem Faschismus führen kann:

Die Tafeln des nationalsozialistischen Sollens und die der katholischen Imperative stehen freilich auf verschiedenen Ebenen des Seins, jene in dernatürlichen, diese in derübernatürlichen Ebene … Aber sie weisen in dieselbe Wegrichtung.

Der katholische Kirchengeschichtsprofessor Joseph Lortz, NSDAP-Mitglied, sprach ebenfalls wohlwollend von einer "grundlegenden Verwandtschaft zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus" im Kampf gegen Bolschewismus, Liberalismus und Relativismus (er hat dies später als einer der wenigen aufrichtig bedauert). Prälat Ludwig Kaas, der feige Ausverkäufer des Zentrums, hatte zu diesem Zeitpunkt schon von einer idealen "Vereinbarung zwischen dem modernen totalitären Staat und der modernen Kirche" gesprochen. "Der autoritäre Staat", so meinte er, "musste die autoritäre Kirche besser in ihren Postulaten verstehen als andere." Ausdrücklich bejahten auch die deutschen Bischöfe in ihrem Hirtenbrief vom 3.6.1933 die starke Betonung der Autorität seitens des neuen Nazi-Staates.

Wer sich vorurteilsfrei kundig macht über diese Zeit, weiß heute, dass die Liste der Abscheulichkeiten aus der "Mutter Kirche" Bibliotheken füllt und die selbstherrliche Darstellung der Kirchenführer ab 1945 weithin auf Geschichtslügen basiert. Einige politische Vorgänge in Telegrammstil: Schon Ende der 1920er Jahre wird das Zentrum unter dem Vorsitz von Ludwig Kaas, der rein zufällig Eugenio Pacelli (ab 1939: Papst Pius XII.) sehr verbunden ist, auf Rechtskurs gebracht. Die klerikale Steuerung verhindert, dass couragierte Zentrumsleute zusammen mit der Sozialdemokratie einen letzten Versuch unternehmen können, das Ende der Weimarer Republik und Adolf Hitlers totale "Machtübernahme" zu vereiteln.4 Der Vatikan schlägt die drängende Warnung des Zentrumspolitikers Heinrich Brüning in den Wind; er schließt 1933 das Konkordat mit Hitler, das diesem zu ungeheurem Ansehen verhilft und die deutschen Katholiken in der Folgezeit zur politischen Abstinenz verurteilt. Kardinal Faulhaber gratuliert von München aus dem Führer am 24.7.1933:

Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertig brachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in 6 Monaten weltgeschichtlich verwirklicht. … vor der ganzen Welt bedeutet dieser Handschlag mit dem Papsttum, der größte sittlichen Macht der Weltgeschichte, eine Großtat von unermesslichem Segen.

Man bedenke bezogen auf die Reichweite solcher Ausführungen: das katholische Kirchenvolk vertraute seinen geistlichen Führern fast blind! Auf Vatikanseite maßgeblich beteiligt: der vormalige Nuntius für Deutschland Pacelli (s.o.), dessen persönliches Steckenpferd seit Studienzeiten die kirchliche Konkordatswissenschaft ist. Sein Vorsatz: autoritären Zentralismus und Machtansprüche des Heiligen Stuhles vermehren. Personalisierungen tragen an dieser Stelle aber nur bedingt zur Klärung der historischen Vorgänge bei. Entscheidend ist die Kirchenstruktur, in der Konkordate und staatskirchliche Garantien wie ein goldenes Kalb umtanzt werden.

Das gleiche Spiel in den romanischen Ländern

In Italien das gleiche Muster, nur um einiges früher. Dort hatte das Papsttum – aufgrund seines Festhaltens am verlorenen Kirchenstaat – den Katholiken lange ein regelrechtes Politikverbot auferlegt und damit die Entwicklung des politischen Katholizismus nachhaltig gehemmt. Fast muss man die Gründung der katholischen "Partito Populare" 1918 – noch unter Benedikt XV. – als Wunder betrachten. Doch der Vatikan verbietet dieser Partei 1924 jegliche Annäherung an die Sozialisten. Unter Beteiligung der Kurie wird Don Sturzo, der wichtigste katholische Antifaschist, aus der Parteileitung herausgedrängt. Der ab 1922 regierende Mussolini bedankt sich 1929 für solche Dienste durch ein Konkordat, das dem Vatikan und der italienischen Kirche alle Herzenswünsche erfüllt. Italien ist wieder ein "katholisches Land" und der Vatikan ein kleiner Kirchenstaat; die Einflussnahme der Kirche auf das Schulwesen ist gesichert. Auch hier findet man es moralisch in Ordnung, "kirchliche Freiheit" (Macht) zu erkaufen, indem man den politischen Katholizismus fallen lässt (die in Deutschland und Italien durch Rom verratenen Volksparteien waren ein Werk des katholischen Kirchenvolks, nicht der Hierarchie!). Der Heilige Stuhl, die italienische Kirche und besonders eifrig Männer wie der Ex-Modernistenjäger von Pius X., Prälat Umberto Benigni, sympathisieren offen mit dem Mussolini-Regime. Von Umkehr aber wird auch nach Niederwerfung des Faschismus keine Spur zu finden sein. Pius XII. steht nach der Gründung der katholischen Democrazia Christiana (Oktober 1942) unter Zugzwang und findet Weihnachten 1944, als eine Kriegsniederlage der Demokratiefeinde absehbar ist, endlich ein gutes Wort über die Demokratie. Er nimmt danach immer wieder direkten Einfluss zugunsten rechtslastiger Politik, verhindert zeitlebens eine Zusammenarbeit des politischen Katholizismus mit Sozialisten und vollzieht die – an Hitler nie ausgeübte – Exkommunikation 1949 an allen katholischen Kommunisten. Sein Inquisitor, Kardinal Alfredo Ottaviani, ist ein Freund des Arrangements mit autoritären Regimes, weil darin die Kirche gut überleben kann. Vor parteilicher Politisierung hat er keine Angst:

Ihr könnt über die göttliche Natur Christi sagen, was ihr wollt, aber wenn ihr kommunistisch wählt …, so habt ihr am nächsten Tag die Exkommunikation auf dem Tisch.

Die Geschichte findet nach dem Tod des linksintellektuellen Paul VI. ihre Fortsetzung. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich mehrfach sehr freundlich gegenüber Berlusconi erwiesen (sofern es nicht um dessen Ehemoral ging). Für diesen Partner von Neofaschisten kann man auch schon mal einen praktizierenden Katholiken mit sozialdemokratischer Gesinnung übersehen. So steht es um die vom derzeitigen Papst so sehr verabscheute "parteipolitische" Indienstnahme der Kirche.

Die Säuberung der Kirche Frankreichs von "gallikanischen" Bischöfen und die Schwächung der in ihr immer wieder imponierenden liberalen Katholiken (und "Modernisten") zeitigten nicht minder Folgen. Die Bündnisse zwischen Ultramontanismus und reaktionärsten Kräften reichen über die monarchistische "Action Française", 1926 ob ihrer ungläubigen Führer von Rom verurteilt, bis in die Gegenwart hinein. Die Kollaboration so vieler französischer Bischöfe mit dem von Hitler abhängigen Vichy-Regime (bei gleichzeitigem Widerstand von zahlreichen einfachen Gläubigen) war alles andere als ein dem "Gallikanismus" anzuhaftender Betriebsunfall. Auch das Schisma der rechtsradikalen Lefèbvre-Anhänger ist in historischer Sicht ein spätes Produkt von Ultramontanismus und I. Vatikanum.

In Spanien schließlich hatte Rom schon 1869 das Ende des letzten "katholisches Staates" in Europa zu beklagen. Die siegreichen Nationalisten unter Franco machen diesen Verlust wieder rückgängig. Pius XII. gratuliert dem General am 1.4.1939 in einem Telegramm:

Indem Wir unser Herz zu Gott erheben, sagen Wir zusammen mit Ihrer Exzellenz innigen Dank für den Sieg des katholischen Spanien, den Wir herbeisehnten. Wir wünschen uns, dass dieses so teure Land … seinen alten Traditionen, die es groß gemacht haben, neue Kraft verleihe.

Der Heilige Stuhl erreicht im Konkordat mit Spanien vom 27. August 1953 "zum letzten Mal, dass die katholische Religion zur einzigen Religion des Staates erklärt und die Eheschließung … dem Kanonischen Recht unterstellt" wird (Rudolf Lill). Der mit dem Franco-Regime bis hin zur Regierungsbank verbundene Klerikalfaschismus hat über seine gezähmten Nachfahren im "Werk Gottes" (Opus Dei) heute großen Einfluss in der römischen Weltkirche (vor Ort kann man sich auch anhand der Lage des spanischen Katholizismus ein Bild davon machen, welchen fragwürdigen Segen ein "katholischer Staat" der Kirche am Ende einbringt). Darf der Mord an über 7.000 Geistlichen durch Antifaschisten während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939), an den schon Johannes Paul II. 2001 durch Seligsprechung von 233 Opfern erinnert hat, zum Vorwand dienen, die antirepublikanische und profaschistische Parteinahme der Kirche zu verharmlosen? Eine Würdigung jener Leutepriester, die auf Seiten der Spanischen Republik standen, dürfen wir von Rom ohnehin nicht erwarten. Julián Casanova von der Universität Zaragoza und andere Historiker rechnen, ab dem 18. Juli 1936, mit 30.000 Verschwundenen unter der Herrschaft der Franco-Generäle. Dass sich seit 2008 ein Richter der Sache annimmt, hat besonders seitens der katholischen Presse scharfe Kritik hervorgerufen.

Perspektiven heute: Kirchenbewegung von unten

Durchgreifende Lernprozesse gab es, verstärkt nach dem Reformkonzil (1962-1965), in Lateinamerika. Auch viele Bischöfe bekehrten sich und rückten ab von dem jahrhundertealten Bündnis der Kirche mit den Oberschichten, die ihre Minderheitsinteressen stets über autoritäre Politiker und Militärs durchsetzten. Doch wieder – bis zur Stunde – das gleiche Spiel (vgl. Ratzingers Angst vor der Kirche der Armen: Rom protegiert im Zuge des Konzilsrevisionismus ab 1979 die Gegenseite (und hält gegen alle Zeichen der Zeit viele Katholiken davon ab, sich am Aufbruch des Kontinents zu beteiligen). Zur Zeit der argentinischen Militärdiktaturen (1976-1983) standen Priester den Folterern noch bei und erteilten im Beichtstuhl Ratschläge, wie man Regimegegner gottwohlgefällig ermordet. Solche Exzesse im katholischen Traditionalismus hat jene Papstkirche mitzuverantworten, die Antifaschisten in den eigenen Reihen oft genug im Regen hat stehen ließ. Noch 1987 zeigte sich Papst Johannes Paul II. bei seiner Chile-Reise den Gläubigen und den Kameras eng an der Seite des General Augusto Pinochet. Diesen Massenmörder und Opus-Dei-Freund zu exkommunizieren (wie 1949 viele katholische und zugleich kommunistische Proletarier in Italien), das ist dem Vatikan nie in den Sinn gekommen. Vielmehr hat man dort für Pinochet gebetet und interveniert, als seine Verbrechen vor Gericht sollten.

Der Papstabsolutismus von 1870 ist kein überwundenes historisches Kapitel. Johannes Paul II. hat den äußerst umstrittenen Pius IX., dessen Werk die Unfehlbarkeit ist, sogar selig gesprochen. Papst Benedikt XVI. aus Deutschland tendiert zu integralistischen und fundamentalistischen Ansätzen. Er baut keine Brücken, die zu einer gleichberechtigte Zusammenarbeit aller "Menschen guten Willens" führen (in Deutschland gibt es 2010 zwar einen Ökumenischen Kirchentag, aber der jetzige Papst erkennt die protestantischen Kirchen als Kirchen gar nicht an; während das Vaticanum II unabhängig von der Weltanschauung das gemeinsame Menschliche betont, wird heute wieder Atheistenhetze zur Lieblingsbeschäftigung). Rom, so Hermann Häring, ist inzwischen wieder "zu einer gefürchteten monokratischen Kontrollinstanz geworden". Um die Freiheit des Geistes an den theologischen Fakultäten ist es schlecht bestellt (werden dort bald nur noch dressierte Papageien "rechtgläubige" Formeln daherkrächzen?). Innerkirchlich werden nicht nur Linkskatholiken, sondern auch selbstbewusste bürgerlichen "Laien" kaltgestellt. Angesichts der seit Anfang 2009 nicht mehr zu übersehenden Annäherung Roms an die Rechtsaußenränder im Katholizismus gibt es noch mehr Grund zu Besorgnis.

Allerdings zeigen Initiativen wie die Petition Vaticanum 2 (mit über 54.000 Unterzeichnenden) und eine ganze Reihe von Buchveröffentlichungen dieses Jahres, dass die Zahl der Liebhaberinnen und Liebhaber des Reformkonzils von 1962-1965 zumindest in der vermutlich letzten Generation von Milieukatholiken noch beachtlich ist. Die Zukunft der röm.-kath. Kirche hängt davon ab, ob das nächste Konzil ein Konzil von unten sein wird und das reaktionäre Modell einer großen Sekte abzuwehren vermag.

Noch nie wurden die päpstlichen Instrumente "Unfehlbarkeit" und "Universaljurisdiktion" eingesetzt, um – durch Bezeugung wie Kirchenpraxis – die Bedeutung des christlichen Glaubens inmitten der Abgründe der menschlichen Geschichte ernst werden zu lassen. Die Papstideologie diente – ganz im Gegenteil – stets dazu, befreiendes Handeln der Leutekirche von unten zu bremsen oder ganz zu verbieten. Die innerkirchliche Kritik verteilt sich – grob gesagt – auf die Lager von Mystik und Politik. Beim "bürgerlichen" Protest gegen das zentralistische Papstsystem und seine Lehramtssätze geht es vornehmlich darum, Anwalt der religiösen Erfahrung des Einzelnen und der Freiheit in der Kirche zu sein. Der Linkskatholizismus kritisiert die platonischen Dogmen- und Naturrechtsgespenster, weil sie die gesellschaftliche bzw. zivilisatorische Bedeutsamkeit der Botschaft Jesu in nichts sagende Abstraktionen auflösen.

Alles kommt wohl gegenwärtig darauf an, diese beiden Ansätze in der Kirchenbewegung von unten nicht gegeneinander auszuspielen, sondern miteinander zu verbinden. Die Kampfansage des mit absoluter Macht ausgestatteten Lehramtes an die subjektive Evidenz des Religiösen und die Verneinung der gesellschaftlichen Relevanz des Christentums stehen im gleichen Zusammenhang. Deshalb darf sich auch die Gegenseite nicht auseinanderdividieren lassen. Kirchenpolitisch sitzen die bürgerliche und die linke Richtung letztlich im selben Boot. Der durch den Klimawandel angezeigte zivilisatorische Ernstfall auf dem Globus bezieht sich auf die Zukunft des Lebens überhaupt, kann also keine der beiden Strömungen kalt lassen (die neue Sozialenzyklika lässt auch an dieser Stelle jede Entschiedenheit vermissen). Die Entwicklung hin zu einem autoritären Kapitalismus mit Bürgerrechtsabbau und Kontrollwahn zeigt schließlich auch im Nahbereich, dass die jeweiligen Kernanliegen sich gar nicht voneinander scheiden lassen. Die Anwälte von Freiheit und Gerechtigkeit sind heute aufeinander angewiesen wie nie. Ginge es um Kirchenreförmchen, so wäre heute die Komödie einer um drei Jahrhunderte verspäteten bürgerlichen Revolution in der Kirche aufzuführen. Die Frage eines ernstzunehmenden Aufbruchs lautet aber, ob sich der römische Katholizismus, dem weltweit – wie eingangs angemerkt – mehr als eine Milliarde Menschen zugerechnet werden, heute partnerschaftlich in den globalen Überlebensdialog aller Religionen und Weltanschauungen einbringen kann. Literaturverzeichnis (Auswahl)

Dieser Beitrag folgt weitgehend einem Kapitel des Buches "Die fromme Revolte – Katholiken brechen auf", das der Verfasser soeben in der Publik-Forum-Edition veröffentlicht hat.

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