Kraftwerktaugliches Uran für den Iran - made in France

Nathalie Roller 14.10.2009

Während sich die internationale Gemeinschaft stark gegen die Atomgelüste der Mullahs macht, wurde bekannt, dass der Iran 10%-tiger Teilhaber der französischen Urananreicherungsanlage in Tricastin ist

Tricastin, im Süden Frankreichs gelegen, hatte im Sommer 2008 durch eine ganze Reihe von Störfällen für internationale Schlagzeilen gesorgt hatte. Tricastin ist eine Atomanlage mit vier Reaktorblöcken und zwei Urananreicherungsanlagen. Aus der Urananreicherungsanlage Eurodif (European Gaseous Diffusion Uranium Enrichissement Consortium) traten im Juli 2008 30 Kubikmeter radioaktive Flüssigkeit aus und gelangten teilweise in umliegende Flussläufe. Eurodif sind die einzigen beiden Urananreicherungsanlagen des Nuklearkonzerns AREVA, welche die 58 französischen Kraftwerke und weltweit insgesamt rund 100 Kernkraftwerke mit angereichertem Uran versorgen. Zur Erinnerung: Natürliches Uran enthält bloß 0,7% spaltbares Uran, das auf 3% bis 4% angereichert werden muss, um in den Kraftwerken einsetzbar zu sein. Die Anlage in Tricastin produziert stolze 25 % des weltweit benötigten angereicherten Urans. Uran wird ab einem Anreicherungsgrad von 85% als waffentauglich angesehen.

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Tricastin von der A7 (Lyon - Marseille) aus. Bilder: Telepolis

Die Beteiligung des Iran an der Betreibergesellschaft der französischen Urananreicherungsanlagen EURODIF stammt aus dem Jahre 1974 und wurde von einem Premierminister namens Chirac, ausverhandelt. Demnach sollte der Iran gegen die Vorauszahlung von einer Milliarde Dollar, um den Bau der Anlage mitzufinanzieren, von Frankreich mit angereichertem Uran für die zivile Nutzung versorgt werden. Dieser Deal war wohlgemerkt noch zu Zeiten des Schahs geschnürt worden. Die islamischen Revolution 1979 und Machtübernahme durch den Ayatollah Khomeini, brachte etwas Veränderung in das französisch-iranische Abkommen. Der Iran setzte seine Zahlungen aus und verlangte seine Vorauszahlungen zurück. Die Attentatswelle in Paris und zahlreiche Entführungen von Franzosen im Jahre 1986 wird dem iranischen Regime und u.a. dem politisch brisant gewordenen EURODIF-Abkommen zugerechnet. Das Problem gilt heute als geregelt, und der Iran ist nach wie vor Teilhaber der Uranaufbereitungsanlage in Tricastin.

Laut Gilles Salgas von AREVA sei die Beteiligung des Iran an EURODIF nie ein Geheimnis gewesen: "Wir waren da immer transparent. Die Verbindung mit dem Iran ist Teil der Geschichte unseres Landes, und das übersteigt bei weitem AREVA." Nachdem der Iran bloß 10%-iger Teilhaber von EURODIF sei, ein sogenannter "stiller Aktionär", habe das Land der Mullahs absolut keinen Einfluss auf die Entscheidungen, welche die Uranaufbereitungsanlage betreffen. Es sei in dieser Angelegenheit, laut Salgas, rein gar nichts vom Iran zu befürchten.

Nach Informationen von AREVA endet die Beteiligung des Iran in einigen Monaten, weil EURODIF zu Gunsten einer neuen Gesellschaft aufgelöst wird. Künftig soll das Uran nicht mehr durch Gasdiffusion, sondern mittels Zentrifugen angereichert werden, was weniger energieaufwendig, also kostengünstiger sein soll. Vielleicht aber steigt der Iran auch aus, weil er jetzt selbst über eine weitere, diesmal unterirdische Urananreicherungsanlage in Quom verfügt? Diese soll am 25. Oktober von den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde unter die Lupe genommen werden.

Von den good guys und den bad guys

In der Welt, wie Präsident Sarkozy sie wahrnimmt, ist natürlich völlig klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. In dieser binären Welt seien die Träume von einer Atomwaffenfreien Welt des nunmehrigen Friedensnobelpreisträgers Obama, nur Schäume. In seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat am 24.September brachte das der französische Präsident folgendermaßen auf den Punkt:

Wir sind hier, um den Frieden zu garantieren. Wir haben Recht, von der Zukunft zu sprechen, doch vor der Zukunft kommt die Gegenwart, und die Gegenwart. das sind zwei schwerwiegende nukleare Krisen (...) Die Menschen in der gesamten Welt hören, was wir sagen und versprechen, aber wir leben in einer realen und nicht einer virtuellen Welt. Wir sagen: "Man muss reduzieren." Und Präsident Obama hat sogar gesagt, dass er von einer Welt ohne (Nuklearwaffen) träume. Doch vor unseren Augen haben wir es mit zwei Ländern zu tun, die das genaue Gegenteil praktizieren (...) Der Iran hat seit 2005 fünf Resolutionen des UN-Sicherheitsrates ignoriert, und die internationale Gemeinschaft wird nicht müde, den Iran zum Dialog aufzufordern. (...) Herr Präsident Obama, ich unterstütze die ausgestreckte Hand der Amerikaner. Was aber hat denn dieses Angebot zum Dialog der internationalen Gemeinschaft gebracht? Nichts! Mehr angereichertes Uran, mehr Zentrifugen und obendrauf eine Erklärung der iranischen Führung, ein Mitgliedsland der UNO von der Landkarte zu entfernen.

Nicholas Sarkozy

Mit dem zweiten "Schurkenstaat", von dem Sarkozy spricht, ist natürlich Nordkorea gemeint. Selbstverständlich hat Sarkozy Obama nach seiner Rüge im Sicherheitsrat zu seinem Friedensnobelpreis gratuliert und die endgültige Rückkehr der USA in die internationale Staatengemeinschaft willkommen geheißen. Manche amerikanische Medien haben die Schelte des kleinen Franzosen natürlich gar nicht goutiert. Motto: Wie tief sind wir denn gesunken, um uns von den Franzosen zu große Friedfertigkeit vorwerfen lassen zu müssen? Laut der Zeitung Liberation hat Sarkozy damit den amerikanischen Neokonservativen Munition gegen den demokratischen Obama geliefert. Die Washington Post spricht sogar von einer französischen Lektion, wonach Sarkozy Obama und seine Friedensträume für naiv halte: "Wenn Frankreich Ihnen vorwirft, nur noch Frieden stiften zu wollen, wissen Sie, dass Sie am Boden sind."

Und wer bereitet nun das Uran für den Iran auf?

Russland und die USA verfügen über 95 Prozent des Atomwaffenarsenals. Die Nuklearwaffe ist unumgänglich geworden, um potentielle Gegner abzuschrecken. Niemals hätten die USA den Irak angegriffen, wenn Saddam die Bombe gehabt hätte, wie etwa die Tageszeitung Liberation anmerkt. Daher wollten der Iran und Nordkorea sich diese eben unbedingt aneignen. Und diejenigen, welche sie schon haben, versuchen derweilen "Neulinge" tunlichst daran zu hindern. Am 1. Oktober haben der Iran und 6 Großmächte (China, Russland, Frankreich, USA, Großbritannien, Deutschland), die 5 +1, in Genf beschlossen, dass der Iran einen Teil seines zu weniger als 5% angereichertes Uran an ein anderes Land liefern soll, um im Gegenzug dazu ein auf 19,75% angereichertes Uran für seinen medizinischen Forschungsreaktor, der völlig unter IAEA-Kontrolle steht, zu erhalten. Dieses Genfer Abkommen soll es erlauben, die iranischen Uranvorräte besser zu kontrollieren.

Der angesprochene Forschungsreaktor wurde übrigens noch zu Zeiten des Schahs von Frankreich gebaut. Wie der Sprecher von AREVA schon sagte: Die Geschichte der Beziehung zwischen Frankreich und dem Iran ist eine lange. Und scheint noch ein wenig länger zu währen, obwohl der Iran ja eigentlich demnächst aus der französischen EURODIF aussteigt. So wurde in Genf beschlossen, dass es Russland sein wird, welches das iranische Uran nicht waffentauglich anreichert, und anschließend soll es dann von Frankreich aufbereitet werden, womit es dann endgültig nicht mehr für DIE Bombe tauglich sein soll Der Umstand, dass die Iraner diesen Deal akzeptiert haben, verwundert manche. Ein Durchbruch für die internationale Gemeinschaft? Sieht der Iran endlich ein, dass es besser für ihn sein könnte zu kooperieren? Oder will der neue Erzfeind der vielzitierten internationalen Gemeinschaft ganz einfach nur Zeit gewinnen? US-Außenministerin Hilary Clinton hat am Sonntag in London jedenfalls den Iran eindrücklich gewarnt und erklärt, dass "die Welt nicht mehr ewig warten würde, dass die Iraner die Vereinbarungen einhalten".

Nächste Etappe der schier endlosen nuklearen Verhandlungen mit dem Iran, ist die IAEA in Wien am 19. Oktober. Der französisch-russische Deal rund um das Uran für den Iran soll übrigens von Präsident Obama eingeläutet worden sein. Ist die französische Rüge vor dem UN-Sicherheitsrat vergeben und vergessen? Oder war die Aufblähgebärde des französischen Gockels namens Sarkozy ganz einfach nur dazu da, den Freunden von AREVA Arbeit zu liefern? Vive la France! Vive AREVA!

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31293/1.html
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