Zusammenarbeit entsteht aus Kultur

Matthias Gräbner 14.10.2009

Dass der Mensch ein derart soziales Wesen geworden ist, liegt anscheinend nicht an seinen Genen – seine Kultur ist hier der treibende Faktor, behaupten Forscher

Der Mensch ist schon ein seltsames Tier. In den Jahrmillionen seiner Existenz hat er ungewöhnliche Verhaltensweisen entwickelt, für die im Tierreich schwer Äquivalente zu finden sind. Zwar gibt es für einzelne dieser Muster Entsprechungen – auch Affen etwa, das wurde erst kürzlich gezeigt, führen mitunter regelrechte Kriege. Dabei zeigen sie eine Grausamkeit, die der menschlichen gleichkommt: Die Schimpansen der überlegenen Gruppe töten alle männlichen Angehörigen der Verlierer und nehmen deren Weibchen in die eigene Gruppe auf – nicht ohne zuvor noch gründlich alle Jungen umgebracht zu haben, die nicht zweifelsfrei von Männchen der eigenen Gruppe gezeugt wurden.

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Unsere näheren und ferneren Verwandten teilen auch mal ihre Nahrung, sie jagen kooperativ oder kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs. Sie teilen unsere Neigung für Monogamie – und die für Seitensprünge: Bei Gibbons etwa, die lange als Musterbeispiel für lebenslange Beziehungen galten, erwies sich zur Überraschung der Forscher manches als Jungtier geltendes Familienmitglied als Affäre eines der Ehepartner. Einen großen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt es aber doch: Ein ähnliches hohes Niveau von Altruismus lässt sich jedoch bei keiner Tierart nachweisen.

Erklärungen für dieses Phänomen hat die Wissenschaft durchaus zu bieten. So tritt der Mensch in derart großen Gruppen auf, dass Verwandtschaftsbeziehungen einzelner Individuen nicht mehr eine gleich große Rolle spielen können wie in kleineren Trupps. Doch wenn nicht mehr der eigene genetische Vorteil als Auslöser für Altruismus dienen kann, dann hat auf längere Sicht die Gruppe evolutionär die Oberhand, die die größere Zahl geborener Altruisten aufweist. Forscher bezeichnen dieses Szenario als Selektion auf Gruppen-Ebene.

Mit Altruismus beschreiben sie die Entwicklung eines Verhaltens, das zwar die eigenen Überlebenschancen verringert, aber gleichzeitig zum Überleben der gesamten Gruppe beiträgt. Ob sich Altruismus allerdings in der Entwicklung des Menschen tatsächlich durch Selektion auf Gruppenebene herausgebildet hat, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Entscheidend dafür ist, ob es jemals genetisch unterschiedlich ausgestattete, konkurrierende Gruppen gab, für die dieses Phänomen einen ausreichenden Selektionsdruck darstellte. Erst vor ein paar Jahren hat ein Beitrag im Fachmagazin Science diese Frage recht überzeugend bejaht. Zum Status Quo beigetragen hat beim frühen Menschen offenbar, dass Monogamie den Wettbewerb innerhalb einer Gruppe reduzierte.

Auch Kultur wird in größeren Gruppen vererbt

In einem Beitrag in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) diskutieren drei Forscher der University of California nun einen anderen Ansatz: Womöglich vollzog sich die Evolution beim Menschen ja auch mindestens teilweise durch kulturelle und nicht durch genetisch bedingte Unterschiede. Auch Kultur wird in größeren Gruppen vererbt. Menschen entwickelten vor etwa 250.000 Jahren die Fähigkeit zu recht komplexer Kultur. Soziales Lernen kann durchaus zu Unterschieden zwischen Gruppen führen – selbst von einer afrikanischen Affenart ist bekannt, dass manche Gruppen sich wasserscheu verhalten, andere nicht.

Auch so könnte sich ein Selektionsdruck hin zu Altruismus aufgebaut haben – allerdings mit einigen zur genetischen Variante wichtigen Unterschieden. So braucht kultureller Selektionsdruck zum Beispiel weder Gewalt zwischen den Gruppen noch das Ausrotten der unterlegenen Gruppe. Stattdessen ist es möglich, die Verlierer-Gruppe ins eigene kulturelle System zu integrieren – in einem Prozess, der an die Entnazifizierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.

Die kalifornischen Forscher benutzen nun die Price-Gleichung, um den tatsächlichen Einfluss von genetischem versus kulturellen Selektionsdruck zu berechnen. Dazu nutzen sie, und das ist eine potenzielle Schwachstelle, als Faktoren die derzeitigen genetischen und kulturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen menschlichen Nationen. Ließen sich diese auf frühe Menschenpopulationen übertragen, ist das Ergebnis eindeutig: Der Einfluss der Kultur liegt um eine Größenordnung über dem der Gene.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31295/1.html
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