Warum wir von ihnen nichts hören

22.10.2009

Anmerkungen zum Fermi-Paradoxon und SETI – Teil 1

Der italienische Kernphysiker und Physik-Nobelpreisträger von 1938, Enrico Fermi (1901-1954), warf im Sommer 1950 im Beisein von drei weiteren Wissenschaftlern während eines Gesprächs in einer Kantine des geheimen US-Atom-Forschungslabor Los Alamos National Laboratory in New Mexiko (USA) beiläufig die simple Frage auf: Wo sind sie? Als Fermi das Fernbleiben der Aliens als Indiz dafür wertete, dass diese nicht existieren, war das vermeintliche Fermi-Paradoxon geboren. In Wahrheit aber ist dieses alles andere als ein echtes Paradoxon, kann doch das Schweigen im kosmischen Äther und die Abwesenheit von ET die Folge unzähliger Gründe sein …

Bild: NRAO / AUI / NSF

Eine Folge unzähliger Gründe

Wer um Kreativität und Verwegenheit nicht verlegen ist, kann das Fernbleiben der Aliens mit der noch so absurdesten Theorie erklären oder verklären. Da keiner weiß, warum sie sich nicht melden, hat fast jede Interpretation ihre Daseinsberechtigung. Alles ist möglich, alles erlaubt, weil alles bloße Spekulation ist. Nur eines ist gewiss: dass es sie geben muss! Sie sind irgendwo da draußen. Sie leben in und außerhalb unserer Galaxis, weil unser Universum schlichtweg zu kreativ und groß ist, um nur einer intelligenten Lebensform ein passendes Biotop zu geben. Millionen bis Milliarden Zivilisationen mögen es sein, die in diesem Universum nebeneinander, aber nicht miteinander leben.

Bei alledem müssen wir grundsätzlich von einer Prämisse ausgehen, die oft übersehen wird: Viele Autoren listen nur eine Handvoll Gründe auf, um das reservierte Verhalten der Außerirdischen pauschal zu erklären. Zuweilen kommt es auch zu missverständlichen Generalisierungen, wie etwa bei der Frage, was wohl wäre, wenn alle nur senden, aber keiner zuhört, oder alle nur zuhören, aber keiner sendet? Solche oder ähnlich geartete Fragen sind aus dem Grund vernachlässigbar, weil es extrem unwahrscheinlich ist, dass mit einem Male alle existierenden Zivilisationen in der Galaxis unabhängig voneinander demselben Motiv folgen und sich bewusst abkapseln. Einige mögen diesen Grundsatz beherzigen. Die Logik sagt uns aber, dass nicht alle Technologien aus demselben Grund schweigen oder fleißig senden. Nicht jede Art beschränkt sich darauf, bloß zuzuhören oder unentwegt ins All zu funken. Wo Vielfalt ist, herrscht Pluralismus, entstehen viele Meinungen und ergo unterschiedliche Verhaltensweisen. Dieses ungeschriebene irdische Gesetz sollte auch die Soziologie vieler außerirdischer Kulturen prägen.

Kaum ein Planetenjäger zweifelt daran, dass bewohnte Exoplaneten, die unserer Heimatwelt ähneln, im All en masse vorhanden sind. Und kaum einer bezweifelt, dass auf einigen intelligente Lebensformen existieren. Bild: NASA

In Wahrheit hat jede einzelne der Millionen bis Milliarden intelligenten Lebensformen und Hochkulturen, die im Universum leben, gelebt haben oder noch leben werden, ihren ganz speziellen Grund, von sich nichts hören zu lassen. Ja, es werden wohl immer mehrere Gründe zusammenkommen, die in der Summe den Ausschlag geben und die Entscheidungsfindung beeinflussen. Das Schweigen im Äther ist die Folge unzähliger Gründe, die wir in ihrer Gesamtheit nicht erfassen können.

Eine Handvoll Gründe

Einer von vielen Gründen für die Abwesenheit extraterrestrischer Intelligenz könnte darin liegen, dass einige unserer in der Milchstraße oder in den anderen 500 Milliarden Galaxien beheimateten kosmischen Mitstreiter mit anderen Zivilisationen ganz bewusst keinen Kontakt aufnehmen, um den Zorn der Götter nicht heraufzubeschwören. Das klingt im ersten Moment nach finsterem Mittelalter, könnte aber Millionen Lichtjahre entfernt auf anderen Welten ein religiöses Dogma sein, dem strikt Folge geleistet wird. Gefangen in Katechismen und Glaubenszwängen, würden solche Wesen womöglich ihre heimatliche Sphäre weder körperlich noch gedanklich verlassen, auch wenn ein "First Contact" im Bereich des Möglichen wäre. Vielleicht existieren auf einigen Planeten sogar radikal theokratische Systeme, die Begegnungen mit fremden Kulturen aus religiös-sozialen Gründen strikt verbieten, weil als Folge eines Kontaktes die eigene Staatsreligion auf eine zu ernste Probe gestellt werden könnte. Schließlich könnte ein Dialog mit einer fernen Intelligenz das theologische Weltbild stark erschüttern, vor allem dann, wenn die Fremdlinge Atheisten purster Ausprägung wären oder mit völlig anderen Gottheiten aufwarteten.

So nah und doch so fern: Die Spiralgalaxie M81 befindet sich "nur" 12 Millionen Lichtjahre entfernt; für eine Kommunikation mit dortigen Bewohnern ist sie gleichwohl zu weit weg vom Schuss. Bild: NASA/JPL-Caltech/S. Willner (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics)

Welche Konsequenzen hätte es wohl für das Christentum, insbesondere für die katholische Kirche, kommunizierten wir als Erdenbürger in naher Zukunft mit einer fortgeschrittenen Kultur und würden so ganz nebenbei via Radiowellen erfahren, dass auf deren Welt noch kein "Heiland", kein "Befreier", kein "Sohn Gottes" die frohe Botschaft verkündet hat. Würde dies nicht der so genannten Allmächtigkeit und Allgegenwärtigkeit Gottes widersprechen, der doch all seine Schäflein im Universum mit der gleichen Liebe umarmen und väterlich behüten sollte? Hätte er nicht dafür Sorge tragen müssen, dass sein Sohn alle bewohnten, mit Bewusstsein und Intelligenz gesegneten Welten seines grenzenlosen Universums aufsucht?

Denkbar wäre auch, dass extraterrestrische Lebensformen, die über Bewusstsein und Selbstbewusstsein verfügen, schlichtweg kein Interesse an Wissenschaft und Technik haben und anstelle von Astronomie, Exobiologie oder Raumfahrt ihr vollkommenes Glück in der Literatur, Musik und Kunst suchen und dort aus- und erleben. Ja, warum sollten sich nicht zahlreiche Gesellschaften fernab der Erde voll und ganz der Dichtkunst, Musik, den bildenden oder darstellenden Künsten verschrieben haben? Was oberhalb ihrer Sphäre geschähe, würde bestenfalls in Gedichten oder Kantaten und Gemälden Ausdruck finden. Die Sterne wären nicht mehr als schmückendes Beiwerk ihrer Muse, potentielle Lebewesen auf fernen Welten nur Romanfiguren ihrer Fantasie. Vorstellbar ist daher, dass kunstbesessene Aliens für einen interplanetaren Austausch, der einen wissenschaftlich-technischen Kraftakt voraussetzte, im wahrsten Sinne des Wortes keine Antennen haben.

Demgegenüber könnten andere Zivilisationen an kulturellem Niveau eingebüßt haben oder mit Kultur schlechthin nichts zu tun haben wollen. Anstatt sich den schönen Künsten und sinnlichen Genüssen zuzuwenden, könnten sie glücklich vor sich hinvegetieren und im vollen Bewusstsein der Dekadenz frönen, aber ihrem Lebensstil ausschließlich Positives abgewinnen. Ihr Leben stünde unter dem Stern, den exzessiven Medien- und Spielkonsum mit allen Mitteln zu befriedigen. Auch ein übermäßiger kulinarischer oder sexueller Trieb könnte so manch Alien-Kultur die Lust auf Wissenschaft und die Neugierde auf andere Lebensformen genommen haben. Schlimmstenfalls betäuben sie ihre Sinne mit Alkohol und Drogen, diskutieren den ganzen Tag über Politik oder richten ihre aggressive Energie gegen sich selbst und bekriegen sich ohne Unterlass. Oder sie leben nur noch auf virtuelle Weise im PC-Spiel oder Computerexperiment respektive im Second-Life-Kosmos weiter, quasi als Avatar in einer 5-D-Welt. Erste Anzeichen eines solchen Verfalls sind auf unserer guten alten Erde längst zu beobachten.

Vieles ist denkbar, alles möglich. Selbst das Vorhandensein einer superintellektuellen, rein geisteswissenschaftlich orientierten Gesellschaft, die – dem irdischen Vorbild Sokrates (469–399 v. Chr.) folgend – gewissermaßen tagein, tagaus unentwegt philosophiert und problematisiert, mag man nicht ausschließen. Ob eine solch distinguierte Art überhaupt Zeit und Muße für ferne Exoplaneten und deren Bewohnern hätte? In der Theorie vielleicht schon – aber auf rein praktischer Ebene?

Selbst auf fernen bizarren Welten könnten intelligente Lebensformen eine Nische gefunden haben. Bild: NASA/JPL-Caltech/T. Pyle (SSC)

Andererseits könnten auf maritimen Welten fischartige Lebewesen hausen, die im Verlaufe ihrer Evolution zwar Intelligenz ausgebildet haben, sich aber ausschließlich im nassen Milieu heimisch fühlen und naturgemäß keine Sensibilität für die Sterne mitsamt deren Bewohnern mitbringen. Die Welt, in der sie lebten und die sie als einzigen Forschungsgegenstand erachteten, wäre ein marines Universum. Genauso gut könnten auf anderen Planeten geistreiche Geschöpfe in Höhlen oder zwischen den Sedimentschichten weit unterhalb der Planetenoberfläche schlummern, weil die Welt oberhalb völlig unbewohnbar ist. Ihren Blick nach unten und nach vorn gerichtet, würden sie der lebensfeindlichen, über ihrem Haupt gelegenen Sphäre wenig Beachtung schenken.

Und was wäre, wenn manche von ihnen eine unerklärbare Vorliebe für den Mikrokosmos haben, folglich mit allen Sinnen und technischen Instrumenten die Welt des Sub-Universums analysierten? Der Makrokosmos wäre nur Mittel zum Zweck, um hinter die Fassade des Mikrokosmos zu blicken; das Universum hingegen in seiner komplexen Gesamtheit als Forschungsgegenstand nicht der Rede wert. (…).

Youtube-Video mit Dr. Seth Shostak vom SETI-Institut über das Fermi-Paradoxon.

Teil 2: Das Ende des "Fermi Paradoxon" und das Schweigen im Äther

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