EU-Finanzminister knausern

Wolfgang Pomrehn 21.10.2009

Die Energie- und Klimawochenschau: EU zeigt sich geizig und bremst damit Klimaverhandlungen, Wissenschaftler zeigen, dass die frühe Zivilisation nicht zum Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration beigetragen hat

Gibt es doch noch eine Chance, im Dezember in Kopenhagen einen tragfähigen neuen Klimavertrag zu unterschreiben? In Brüssel werden in den nächsten Tagen wichtige Weichen gestellt, wenn die EU-Regierungen diskutieren, was sie in den Verhandlungen erreichen wollen. Wie üblich werden die EU-Mitglieder in Kopenhagen von der EU-Kommission vertreten. Diese bekommt zuvor von Regierungen per Verhandlungsmandat konkrete Vorgaben.

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Die Zeichen stehen allerdings weiter auf Sturm. Die EU hat am Dienstag die erste Chance vertan, den Klimagesprächen einen neuen Impuls zu geben. Die Finanzminister gingen ohne Beschluss in Sachen finanzieller Zusagen auseinander. Nach einem Bericht der Salzburger Nachrichten ist es vor allem die deutsche Regierung gewesen, die sich gegen eine konkrete Zusage gesperrt habe. Österreich, die Niederlande, Belgien sowie andere Länder seien dafür gewesen. So viel zum Stichwort "Vorreiter im Klimaschutz". Am heutigen Mittwoch werden die EU-Umweltminister weiter über das Verhandlungsmandat für Kopenhagen diskutieren, dass die Staats- und Regierungschefs dann nächste Woche verabschieden werden.

Umweltschützer reagierten enttäuscht. Sonja Meister, Koordinatorin der Klimakampagne von Friends of the Earth Europe, findet, dass die EU nicht ihrer historischen Verantwortung gerecht werde: "Wieder einmal haben die Minister eine Einigung über einen konkreten Beitrag zu den Fonds verschoben, mit denen den Entwicklungsländern geholfen werden soll, mit dem Klimawandel zurecht zu kommen. Wenn es noch eine Hoffnung auf ein gerechtes Abkommen geben soll, muss Europa seinen fairen Beitrag zur notwendigen Finanzierung liefern." Friends of the Earth ist ein internationaler Zusammenschluss von Umweltverbänden. In Deutschland ist das Netzwerk durch den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vertreten.

Was ist fair?

Doch was ist ein fairer Beitrag? In einer anderen Stellungnahme sprechen die Umweltschützer - EU-Dokumente zitierend - davon, dass bis 2020 jährlich 110 Milliarden Euro für den erwähnten Fonds notwendig seien. Dieser Betrag könne sich in Zukunft aber auch ohne weiteres verdreifachen. Der faire Anteil der EU auf der Basis von Verantwortung für den Klimawandel und der Finanzkraft betrage 30 Prozent, also etwas mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr, Geld, das zusätzlich zur Entwicklungshilfe aufgebracht werden müsse, so Meister. 30 Milliarden mag sich nach viel anhören, aber wenn man bedenkt, dass das hoch verschuldete Bundesland Berlin mit einem Betrag in etwa dieser Höhe für die Folgen der dubiosen Geschäfte der Berliner Bankgesellschaft bürgt, dann relativiert sich das. 30 Milliarden Euro sind weniger als ein halbes Prozent der EU-Wirtschaftsleistung.

Des Weiteren fordert das Netzwerk der Umweltverbände von der EU, dass sie sich für eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls einsetzt. Hintergrund ist der Versuch der USA, in Kopenhagen einen gänzlich neuen Vertrag durchzudrücken, weil sie sich nach wie vor weigert, das einst von Al Gore in seiner Funktion als US-Vizepräsident unterschriebene Protokoll zu ratifizieren. In den bisherigen Vorgesprächen hat sich dieser Punkt als einer der Knackpunkte erwiesen. Insbesondere die Entwicklungsländer zeigen wenig Neigung, einen Vertrag, der inzwischen von 179 Staaten ratifiziert wurde und damit die Arbeit von über zehn Jahren, einfach in den Papierkorb zu werfen.

Schließlich fordert Friends of the Earth von den EU-Regierungen, dass sie sich verpflichten, ihre Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren. Rund acht Prozentpunkte sind davon, wie es das Kyoto-Protokoll von der EU verlangt, bereits erreicht. Der EU ist im Protokoll eine kollektive Verpflichtung zugestanden worden, die unter den Mitgliedern nach Gutdünken der Union verteilt werden kann. Einige wie Dänemark und Deutschland haben eine größere Minderung zugesagt, während Länder wie Spanien, Irland und Griechenland ihre Emissionen noch ausdehnen können.

Die Forderung nach 40 Prozent Reduktion bis 2020 entspricht einem Wert, den viele Wissenschaftler als notwendig ansehen, um den Klimawandel noch im halbwegs erträglichen Rahmen zu halten. Leider ist bisher keines der Industrieländer bereit, sich auf eine entsprechende Verpflichtung einzulassen. Die EU hat als internes Ziel für 2020 eine Verminderung der Treibhausgase um 20 Prozent angekündigt und erklärt sich wahrscheinlich bereit, auf 30 Prozent zu gehen, wenn sich auch andere Industriestaaten bewegen.

Größtes Hindernis ist aber aller Rhetorik und Friedens-Nobelpreise zum Trotz nach wie vor die USA, deren Emissionen vor Ausbruch der jüngsten Wirtschaftskrise um 17 Prozent gegenüber dem 1990er Niveau zugenommen hatten. 40 Prozent Reduktion hieße unterm Strich, dass die USA bis 2020 ihren Treibhausgasausstoß in etwa halbieren müssten. Da ist selbst die Tatsache, dass fünf Prozent bereits von der Krise erledigt wurden, nur ein schwacher Trost.

Dennoch halten viele Entwicklungsländer an der 40-Prozent-Forderung fest. Eine Konferenz der Vertreter afrikanischer Parlamente hat letzte Woche in Nairobi eine entsprechende Erklärung verabschiedet, die derzeit unter den Regierungen zirkuliert und zur gemeinsamen Position in Kopenhagen werden könnte. Darin wird auch gefordert, dass die Industriestaaten 1,5 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Anpassungsmaßnahmen in den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen, eine Zahl, die deutlich über die von den Friends of the Earth geforderten 35 Milliarden Euro jährlich hinausgeht.

Unterdessen gibt es aus Indien Anzeichen, dass die dortige Regierung ein wenig nachgeben könnte. Umweltminister Jairam Ramesh hatte in einem Brief an seinen Premierminister vorgeschlagen, dass Indien eine konstruktivere Rolle einnehmen sollte. Was das im einzelnen heißt könnte sich Anfang November in Barcelona zeigen, wo die letzte der offiziellen Vorverhandlungen stattfinden wird.

Der Mensch war es doch nicht

In letzter Zeit wurde unter Paläoklimatologen, also solchen Wissenschaftlern, die sich mit der Geschichte des Klimas vergangener Zeiten beschäftigen, heiß diskutiert, ob der Mensch für einen Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre vor etwa 6500 Jahren verantwortlich sein könnte. Einführung des Ackerbaus, Wachstum der Bevölkerung und die mit beidem verbundene Rodung von Wald käme als Ursache in Frage, so eine Hypothese.

Wächst für die Bäume, die verbrannt werden oder verrotten, kein neuer Wald nach, so steigt der CO2-Gehalt der Atmosphäre. Das Gas entsteht bei der Zersetzung oder dem Verbrennen von Holz und wird von Bäumen und anderen Pflanzen während des Wachstums wieder gebunden.

Wissenschaftler der Universität Bern und des Alfred Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven wollten es genauer wissen und haben alte Luftproben aus Eisbohrkernen untersucht. Die Proben waren bis zu 11.000 Jahre alt, umfassen also die Zeit nach dem Ende der letzten Eiszeit, heißt es in einer Presseerklärung aus Bern. Die Studie wurde kürzlich im Fachblatt Nature veröffentlicht.

Die Wissenschaftler haben sich dabei vor allem für ein besonderes Kohlenstoff-Isotop, das C-13, interessiert, das sie in den Luftproben fanden. C-13 hat im Atomkern ein Neutron mehr als C-12, ist aber relativ selten. Das Mischungsverhältnis ist etwa 1 zu 99. Daneben gibt es noch das radioaktive Isotop C-14, aber das ist noch deutlich seltener und spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Wenn CO2 von der Luft in die Ozeane übergeht oder umgekehrt, gibt es zwischen den Isotopen keine Unterschiede. Anders jedoch bei der Aufnahme durch Pflanzen. Die bevorzugen das C-12. Speichert also die Biosphäre mehr Kohlenstoff, steigt der C-13 Anteil im verbleibenden atmosphärischen CO2.

Genau das konnte die deutsch-schweizer Gruppe anhand der Luftproben zeigen. Ab 11.000 bis etwa 6.500 vor der Gegenwart steigt der C-13-Anteil an. Das passt gut zur Tatsache, dass sich nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren die Biosphäre beginnt auszudehnen. Regenwälder erobern neue Gebiete, die Sahara wird zur fruchtbaren Savanne, Wälder dringen in den hohen Norden vor.

Gegen Ende dieser Zeit macht der Mensch in verschiedenen Regionen einen kulturellen Evolutionssprung und geht zu Ackerbau und Viehzucht über. Doch hat er tatsächlich in solchem Ausmaß mit seinen Steinäxten und mit Feuer Wald vernichten können, dass dadurch die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erhöht wurde?

Nein, meinen die Berner und Bremerhavener und verweisen darauf, dass zwar die CO2-Konzentration leicht anstieg, der Anteil des C-13 jedoch weitgehend gleich blieb. Wäre die Verkleinerung der Biosphäre die Ursache, dann müsste der Anteil zurückgegangen sein, weil das zusätzliche CO2 einen höheren C-12-Anteil hätte. Verbrauch von Holz und großflächige Waldzerstörung scheiden also als Ursache aus.

Atmosphärische CO2-Konzentration auf Hawaii. Die Station gilt als weitgehen repräsentativ für die ganze untere Atmosphäre, weil sie weit entfernt von allen Quellen und Senken ist. Die regelmäßige Oszillation, die dem Trend überlagert ist, ist ein Ergebnis der Jahreszeiten und der ungleichmäßigen Verteilung der Landmassen zwischen Nord- und Südhemisphäre. Dadurch macht sich der winterliche Rückgang der Vegetation in den nördlichen Breiten bemerkbar. Gäbe es im Süden eben so viel Land, würde das dortige Wachstum im südlichen Sommer diesen Effekt ausgleichen. Bild: NOAA

Die Wissenschaftler schlagen stattdessen Mechanismen in den Ozeanen als Ursache der CO2-Zunahme vor. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren hatte die CO2-Konzentration 265 Millionstel Volumenanteile (ppm) betragen und fiel bis 6.500 vor heute auf 260 ppm. Danach gab es bis zum Einsetzen der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert einen Anstieg auf 280 ppm. Inzwischen beträgt die Konzentration knapp 390 ppm und nimmt, wenn nicht gerade eine große Wirtschaftskrise dazwischen funkt wie derzeit, um bis zu drei ppm jährlich zu. Verglichen mit den Auswirkungen industriellen Aktivitäten des Menschen sind die Schwankungen, mit denen man sich in Bremerhaven und Bern beschäftigte, also relativ klein.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31340/1.html
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