Viele türkischstämmige Akademiker wollen aus Deutschland abwandern

26.10.2009

Kamuran Sezer über die erste Studie über türkische Studenten und Akademiker in Deutschland

Sie haben erfolgreich studiert, sind bilingual und in zwei Kulturen heimisch: Die türkischstämmigen Akademiker in Deutschland. Eine Studie legt nun erstmals Zahlen zu dieser Bildungselite vor und bringt überraschende Erkenntnisse zu Tage. Nimet Seker sprach mit Kamuran Sezer, dem Leiter des futureorg Institut für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung, die diese Studie gestartet hat.

Warum hat das futureorg Institut die Studie über TASD – Türkische Akademiker und Studierende in Deutschland gestartet?

Kamuran Sezer: Weil zu türkischen Akademikern und Studierenden in Deutschland überhaupt keine Erkenntnisse vorliegen, ein Umstand, der uns sehr, sehr überrascht hat. Wir haben es ja hier in Deutschland mit mehreren so genannten Mega-Trends zu tun: Da ist zum einen der demografische Wandel. Dann der Fachkräftemangel, der durch den demografischen Wandel bedingt ist, der meines Erachtens Deutschland noch nicht erreicht hat. Vielleicht in wenigen Jahrzehnten wird er aber Deutschland wie ein Tsunami überrollen.

Womit wir heute zu tun haben, sind die Folgen struktureller Vernachlässigung in der Wirtschaftspolitik und Bildungspolitik. Der dritte wichtige Trend ist Multikulturalisierung: Schon für 2010 wird erwartet, dass jedes vierte Kind einen Migrationshintergrund haben wird. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund wird also stetig zunehmen. Wenn man nun alle drei Mega-Trends zusammen betrachtet und sich die Wechselbeziehungen vor Augen führt, kommt man auch angesichts der Integrationsdebatten der letzten Jahre zum Ergebnis, dass die Förderung der Bildungseliten mit Migrationshintergrund einen besonders hohen Stellenwert haben sollte. Aber wenn man sich die Datenlage zu dieser Bevölkerungsgruppe anschaut, findet man einfach nichts. Es gibt nur ältere und kleinere Studien, die allerdings kaum eine Aussagekraft haben und auch nicht erkennen, wie man das Potential der Bildungseliten mit Migrationshintergrund für die deutsche Gesellschaft nutzen könnte.

Was sind die zentralen Erkenntnisse der Studie?

Kamuran Sezer: Vor dem Hintergrund unserer These, dass das Potential der Bildungseliten mit Migrationshintergrund nicht wahrgenommen und genutzt wird, ist es interessant, die politische Einstellung dieser Menschen zu kennen. Ich persönlich finde das besonders wichtig, denn die Integrationsdebatte ist gleichzeitig eine Wertedebatte. Deutschland liegt mitten in Europa und ist geprägt durch die Geschichte der Aufklärung; die Werte der Aufklärung bestimmen das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft. Da hat uns interessiert, inwiefern diese Werte von den türkischen Bildungseliten vertreten werden.

Punkt Nummer zwei ist der Aspekt Religion: Aufgrund der aktuellen Islamdebatten wollten wir wissen: Was für ein religiöses Selbstverständnis haben die türkischen Akademiker, wie leben sie ihre Religion aus und wie religiös sind sie überhaupt? Das dritte wichtige Thema ist das Konsumverhalten dieser Gruppe. Wenn man heute z.B. von Ethno-Marketing spricht, meint man eigentlich die Russen und die Türken. Da haben die Unternehmen verschiedene Schwierigkeiten, weil über das Konsumverhalten nicht nur der türkischen Akademiker, sondern der Türken in Deutschland ganz wenige Erkenntnisse vorliegen.

Ein ganz wichtiger Punkt ist – und das haben wir in unserer Studie herausgefunden - , dass die türkischen Akademiker Multiplikatoren und Meinungsführer innerhalb der türkischen Community sind. Das sind also Personen, die die türkische Gemeinde in Deutschland in ihrer Meinung beeinflussen und prägen können. Damit stellen sie eine Schlüsselressource dar. Ich denke, dass die Kommunikation zwischen Unternehmen und der türkischen Zielgruppe, aber auch von Institutionen und dieser Gruppe durch die Akademiker beschleunigt und vereinfacht werden kann.

Warum ist die türkische Bildungselite so wichtig für Deutschland?

Kamuran Sezer: Diese Gruppe ist deswegen so wichtig, weil in Deutschland kein realistisches Bild über die Türken existiert. Wie gesagt liegen keine nennenswerten wissenschaftlichen Studien zu dieser Gruppe vor. Die türkischen Akademiker können ein realistisches Bild von den Türken vermitteln. Ein Problem ist ja, dass die türkische Community als eine homogene Gruppe wahrgenommen wird. Das betrifft Religion, politische Einstellungen, Heimatbezug und so weiter. Wir haben unsere Studie über eine Teilmenge der türkischen Community gemacht, weil man anhand der Gruppe der Akademiker sehen kann, dass da milieuspezifische Unterschiede existieren und dass innerhalb dieser Gemeinde ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen und Lebensentwürfe vertreten werden. Unsere Studie zeigt, dass das Bild der türkischen Akademiker auf jeden Fall korrigiert werden muss.

Die Medien griffen das Thema Abwanderung von türkischen Akademikern auf. Gibt es in dieser Gruppe vielleicht das Gefühl, dass ihre Leistung nicht genug anerkannt und geschätzt wird?

Kamuran Sezer: So detailliert haben wir nicht abgefragt. Wir wissen nur, dass ein überraschend hoher Anteil von türkischen Akademikern auswandern möchte. Unsere ersten Auswertungen zeigen, dass das Gesicht der Abwanderungswilligen unter den türkischen Akademikern weiblich ist. Es wollen mehr türkische Akademikerinnen und Studentinnen in die Türkei auswandern, als Akademiker. Wir hatten die These formuliert, dass unter den Studierenden die Abwanderungsbereitschaft höher liegt, weil sie beruflich nicht gefestigt sind. Aber wir konnten hier zwischen Studierenden und Absolventen keinen signifikanten Unterschied erkennen.

Wie viel Prozent haben denn angegeben, dass sie in die Türkei auswandern möchten?

Kamuran Sezer: In der finalen Auswertung wollen 35 % in die Türkei abwandern. Davon gaben 41% als Grund an, dass sie sich mit Deutschland nicht identifizieren können.

Studienfach: Die meisten abwanderungswilligen TASD sind in den Studienfächern "Medizin und Gesundheit", "Ingenieurwissenschaftler" und "Wirtschaftswissenschaftler" festzustellen. Es wird angenommen, dass die Abwanderungsbereitschaft bei jenen Studienfächern am höchsten ist, die eine Äquivalenz auf dem türkischen Arbeitsmarkt aufweisen. Diese können sich besser in den türkischen Arbeitsmarkt integrieren.

Deutschland verschwendet damit ja eigentlich ein enormes Potenzial. Was müsste sich ändern, damit die türkischen Akademiker hier im Land bleiben?

Kamuran Sezer: In einer liberalen, offenen Gesellschaft wie der deutschen kann der Staat in die Entscheidung seiner Bürger nicht eingreifen. Aber der Staat kann Rahmenbedingungen schaffen, um die Entscheidung eines abwanderungswilligen Akademikers zugunsten Deutschlands zu prägen. Zunächst müsste man sich fragen: Warum können sich die türkischen Akademiker, die erfolgreich das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, nicht mit diesem Land identifizieren? Das ist immerhin das Land, das ihnen das Studium ermöglicht hat. Danach müssen entsprechende Maßnahmen getroffen werden, damit das Maß der Identifikation der türkischen Akademiker mit Deutschland erhöht und stabilisiert wird. Man müsste aus Betroffenen Beteiligte machen, sie stärker an der Politik teilhaben lassen, nicht nur auf Bundes- und Landesebene, sondern auch in den Kommunen. Gerade die Städte mit Universitäten sind da besonders gefordert. Man kann auch in Zusammenarbeit mit Unternehmen Kampagnen starten, z.B. in Bezug darauf, wie man türkische Akademiker unter Berücksichtigung ihrer Leistungsfähigkeit stärker in deutsche Unternehmen integrieren kann. Die Arbeitsmarktintegration ist ein ganz wichtiger Aspekt. Wenn ein türkischer Akademiker vier Mal mehr Bewerbungen schreiben muss als sein deutscher Kommilitone mit der gleichen Qualifikation, dann frustriert das. Dann hinterfragt man und entwickelt eine gewisse Skepsis gegenüber Deutschland.

Wie bewerten Sie den Umstand, dass ein großer Teil von Akademikerinnen den Wunsch hegt abzuwandern?

Kamuran Sezer: Mich persönlich hat das sehr überrascht. Über die Türkei hört man viel in Zusammenhang mit Ehrenmorden, Zwangsheirat usw., daher würde man annehmen, dass die Frauen die Vorteile einer offenen, liberalen Gesellschaft bevorzugen und die Freiheiten in diesem Land nutzen möchten.

Die Autoren werten die Ergebnisse als Bereitschaft zur Abwanderung und tendieren eher dazu, das durch diese Studie diagnostizierte Abwanderungsphänomen zunächst als "mentale Abwanderung" zu bezeichnen. Es konnte nämlich identifiziert werden, dass bei den TASD eine gewisse Türkeiorientierung existiert, die für die Autoren zunächst widersinnig erscheint, da die meisten TASD in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Diese Türkeiorientierung führen die Autoren auf die Versäumnisse der deutschen Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte zurück.

Es gibt aber auch Kritiker Ihrer Studie, die sagen, sie sei nicht repräsentativ genug.

Kamuran Sezer: Diese Kritik ist berechtigt, was aber für unsere Studie spricht. Die Kritik bezieht sich darauf, dass man die Grundgesamtheit der Türken in Deutschland und auch der türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland nicht kennt. Man weiß nicht, wie viele türkischstämmige Akademiker in Deutschland leben und arbeiten. Man kennt das Geschlechterverhältnis nicht. Die Bildungs- und Karriereverläufe sind unbekannt. Darauf bezieht sich die eigentliche Kritik. Unsere Studie ist aussagekräftig und repräsentativ. Es ist im Sinne der deutschen Wirtschaft und Politik, diese Studie zu vertiefen und auch die anderen Bildungseliten mit beispielsweise russischem, italienischem und anderem Migrationshintergrund zu untersuchen. Deren Lebenswelt und –situation muss man verstehen, um sie in Deutschland zu behalten.

Also gibt es bei diesen Bildungseliten auch die Tendenz oder den Wunsch abzuwandern?

Kamuran Sezer: Gefühlt: ja. Ich glaube, wenn wir unsere Frage anders formuliert hätten, wäre der Anteil der Abwanderungswilligen noch größer gewesen. Unsere Frage lautete ja: Beabsichtigen Sie in den nächsten Jahren "in die Türkei" zu ziehen? Hätten wir formuliert "ins Ausland zu ziehen", z.B. nach Kanada, England, Australien oder in die Arabischen Emirate, dann wäre der Anteil der Abwanderungswilligen vielleicht höher gewesen.

Ihre Studie hat in den Medien eine Debatte über die Abwanderung von türkischen Akademikern ausgelöst – sehen Sie da eine Veränderung in der Integrationsdebatte?

Kamuran Sezer: Ich denke, wir konnten mit unserer Studie deutlich machen, dass nicht nur die Migranten von Deutschland abhängig sind, sondern Deutschland auch von seinen Migranten. Die Studie hat Entscheider in der Politik und Wirtschaft etwas mehr sensibilisiert für die Situation der türkischen Bildungseliten; das zeigen auch die Rückmeldungen, die wir bekommen haben. Wir bekommen durch die Medien mit, dass unsere Studienergebnisse auch die Politik in Berlin erreicht haben.

Blog von Nimet Seker

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