Der humanistische Vampir
Keine Angst vorm Fliegen: Park Chan-wooks so virtuoser wie subtiler "Durst" zeigt einen Blutsauger mit Gewissensbissen
Leicht und schwerelos, Arm in Arm, schweben sie durch die Nacht. Es muss eine Lust sein, als Vampir sich die Welt noch einmal zu erobern - wenn man nur erst einmal den Sprung auf die andere Seite geschafft hat. Vamoire sind sexy. Aber Vampir zu werden ist anstrengend in Park Chan-wooks "Thirst" ("Durst") und auch mit Schmerzen verbunden. Wie soll es auch anders sein, kein Vergnügen - man weiß das - ohne Opfer, und die beiden Hauptfiguren dieses in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Vampirfilms haben manch' guten Grund, die Welt, wie sie ist, hinter sich lassen zu wollen.
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Langsam beginnt alles, fast schwerblütig möchte man sagen, wäre der Ausdruck hier nicht zu frivol: Ein katholischer Priester spielt Bachs "Ich habe genug" auf der Flöte und begleitet so Sterbende auf ihrem letzten Weg. Sang-hyun ist Seelsorger in einem Krankenhaus. In der Praxis ist er aber vor allem zuständig für letzte Ölungen, ein Job, der auf die Dauer frustriert, und als man ihn sieht, wie er einer Krankenschwester bei der Beichte Antidepressiva statt Ave Marias empfiehlt, da ist schon klar, dass er das viele Sterben nicht mehr erträgt und in einer Glaubenskrise steckt. "Überlassen Sie mir mal das Weltliche, Vater", sagt sie ihm ganz pragmatisch und enthüllt dabei seinen Hang zum Weltlichen, "beten Sie einfach für mich." Er aber redet von Selbstmord und damit gegen seine innersten Gedanken, zitiert den heiligen Bruno: "Suicide is to die a martyr for satan." Und erklärt, das sei ja noch eine schlimmere, schwerere Sünde als Mord.
Das Böse kommt aus Afrika
Sang-hyun ist ein echter Humanist, darum lügt er eben mal, wenn's dem Seelenfrieden dient, er liebt Barockmusik, und auch sonst steht ihm das Weltliche spürbar nahe. Er erträgt den Tod nicht. Will wie jeder Christ ewiges Leben. Aber am besten jetzt und hier. So meldet er sich als Freiwilliger bei einem afrikanischen Versuchslabor, auch eine Art Auslebung des Todestriebs, denn es geht dort im "Emmanuel Labor" um Seuchenbekämpfung - "Vatican does not approve" -, gibt ihm sein querschnittgelähmter Mentor noch mit auf den Weg.
Und wieder einmal kommt im Horrorfilm das Böse, Kranke aus Afrika, wenn dies am Ende auch ganz so krank und böse doch nicht ist: Mit ekligen Pusteln übersät wird Sang-hyun auf die Intensivstation eingeliefert, dann stirbt er selbst an einer schweren Virusinfektion oder eben doch nicht, sondern schon für klinisch tot erklärt, folgt eine wundersame Heilung - und denen, die an Wiederauferstehung glauben, gilt er von nun an als gottbegnadet und mit überirdischen Heilkräften ausgestattet. Wir Zuschauer allerdings ahnen mehr, wissen bald um seinen Blutdurst, und nach dieser etwas umständlichen, im Kino allerdings recht sinnlich-kurzweiligen, Exposition nimmt der Film Fahrt auf und die Dinge recht gradlinig ihren Lauf.
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Glucksen und Gluckern, Beißen und Lecken
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, so bewegt sich der Plot von "Thirst" ("Durst"), dem neuen Film des (Süd-)Koreaners Park Chan-wook, der 2004 in "Old Boy" bereits seine sehr freie Film-Version von Alexandre Dumas' Rachegeschichte "Der Graf von Montechristo" präsentiert hatte, doch in überaus ehrenwerten klassischen Bahnen: Der Film, der im Mai im Wettbewerb von Cannes seine Weltpremiere hatte, versetzt Emile Zolas erfolgreiches Romandebüt "Thérèse Raquin" in die Gegenwart - und erzählt das Ehebruchsmelo als religionskritische Vampirgeschichte über einen blutsaugerischen Priester. Inszeniert ist das mit Anleihen an die klügsten und sinnlichsten unter den modernen Vampirfilmen - mit viel Glucksen und Gluckern, Beißen und Lecken, durchaus sinnlich und leicht, voll schwarzem Humor, in atemberaubenden, dick aufgetragenen Bildern.
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"Jesus hat sein Blut vergossen"
Was haben Christentum und Vampirismus eigentlich überhaupt miteinander zu tun? Vielleicht mehr, als mancher wahrhaben möchte. Nicht allein deshalb, weil man sich gar zu hungrige Blutsauger bekanntlich mit einem Kreuz ganz gut vom verwundbaren Leib halten kann. Und weil katholische Priester das in Horrorfilmen gern tun. Sondern auch weil beide, Christen wie Vampire, gerade da, wo sie ganz bei sich sind, nicht ganz von dieser Welt sind. Sie haben auch andere Seiten gesehen, und daher ist für sie das pralle Diesseits immer schon relativiert.
Das ewige Leben, an das Christen nur glauben, haben Vampire, auf ihre Art, allerdings schon längst erreicht. Und dann ist da noch die obsessive Beziehung zum Blut. "Jesus hat sein Blut für uns vergossen", sagt der Priester, und weil wir Zuschauer wissen, dass er auch ein Blutsauger ist, ist die zweite Ebene bei solchen Sätzen immer präsent.
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In Parks Filmen spielen Anstalten und Institutionen immer eine wichtige Rolle. Sie verwandeln ein Individuum, sie spucken es dann wieder aus in die Welt, und dort hinterlassen sie über das Individuum Spuren. Diesmal ist es ein Krankenhaus, dann ein zweites, das auch eine Art Kloster ist.
Die Räume bei Park sind dabei eng wie eine Klosterzelle. Fast immer ist man drinnen, hier tobt das Leben und leben die Untoten. Draußen, im Freien, Offenen wird gestorben und getötet: Am See, am Meer, nahe der Wüste. Park gibt den Zuschauern die sichere Geschlossenheit des filmischen (Innen-)Raums, um diese dann zu zerbrechen, die strikte Trennung von Zuschauerraum und fiktionaler Welt aufzuheben.
Die Schweinerei sieht kühl und sexy aus
Es sind überaus virtuose Passagen, wenn Park zeigt, wie dieser Mann sein Vampir-sein entdeckt. Eine Verwandlungsgeschichte als Bilderrausch, in dem der Film plötzlich loslegt, das Bild von einer Zecke mit einem friedlichem Sonnenaufgang verschneidet, einen missglücktem Selbstmord als Vampirslapstick inszeniert. Und überaus ironische Momente, wenn er zeigt, wie dieser als Christ nicht töten will und daher vor allem an auf die Blutkonserven im Krankenhaus angewiesen ist.
Wer die bisherigen Filme dieses vielleicht genialsten unter den vielen interessanten südkoreanischen Regisseuren kennt - seine "Rachetrilogie" machte ihn zu einem internationalen Regiestar -, der weiß, wie dieser Regisseur mit Zeit umgeht, wie er sie zusammenrafft und verdichtet, und dann der Film mal kurz einfach abhebt, so als würde man selbst als Vampir sanft über die Silhuette der Stadt gleiten.
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Auch sonst hat hier niemand Angst vorm Fliegen: Den erotischen Subtext, der Vampirstoffen per se eingeschrieben ist, entfaltet Park ganz offen. "Durst", der im Mai in Cannes den "Preis der Jury" bekam, ist eine unkonventionelle Liebesgeschichte voller Zärtlichkeit und untergründiger Poesie. Obwohl der Regisseur ohne Frage alle möglichen älteren Filme des Vampirgenres kennt, ist "Durst" dessen absolut moderne Variante. Sie schert sich um Regeln nur als Zitat, sieht bei aller gelegentlichen Schweinerei zugleich kühl und sexy aus und erinnert darin am ehesten an "So finster die Nacht" von Tomas Alfredson und an Claire Denis' "Trouble every day", etwa wenn es zu Küssen mit aufgeschnittener Zunge kommt und sich Blut mit Blut mischt.
Ohne ein bisschen Depression ist das Vampirleben nicht vorstellbar
Ohne ein bisschen Depression, das hat man bei letzterem gelernt, ist das Vampirleben aber nicht vorstellbar. Und es geht sowieso auch immer um Schuld und Sühne in den Filmen von Park - der übrigens einmal deutsche Philosophie studierte und sich dabei, man hätte es sich denken können, vor allem mit Kant, mit Feuerbach und mit Nietzsche beschäftigte. Wie letzterer manchmal mit dem Hammer philosophierte, so ist Park bereit mitunter mit dem Hammer zu filmen - sprich: Opulente, opernhafte, kalkuliert übertriebene, übertreibende Bilder zu bieten und steile Thesen. Park bietet nicht nur immer eine sehr eigentümliche, rigide Genealogie der Moral, er spielt nicht nur mit Motiven des in Korea relativ starken Christentums, sondern adaptiert vor allem gern europäische Stoffe, vorzugsweise aus dem 19. Jahrhundert, und formuliert sie für die Jetztzeit um.
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In "Durst" ist das nun nicht etwa ein berühmter Vampirroman, sondern Emile Zolas "Thérèse Raquin". Darin geht es um ein unglückliches Mädchen, das mit dem Sohn ihrer bösen Stiefmutter verheiratet wird, dann der wahren Liebe begegnet, mit dieser den Gatten umbringt und nun ob all der Schuldgefühle auch nicht glücklich wird.
Weil damit in sehr groben Zügen auch schon die Handlung von "Durst" erzählt ist - der Gottesmann lernt eine unglückliche Ehefrau kennen und spendet ihr höchst irdischen Trost: Beide verlieben sich, beseitigen den Gatten, und die Dame wird auch zur Vampirin, um sich dem Biorhythmus ihres Geliebten anzupassen. Doch der Geist des Ermordeten sucht sie heim… -, ist klar, dass es hier keinen märchenhaftes "ever after" geben kann.
Der Vampirismus ist ein Humanismus
Diese Erwartung wird schon deswegen enttäuscht, weil die Auffassungen des zentralen Liebespaares über das Jenseits gehörig kollidieren: Der Mann glaubt als katholischer Priester an ein Leben nach dem Tod und an die Hölle. Hier werde man sich wiedersehen, sagt er - nicht gerade die leidenschaftsloseste Liebeserklärung des Kinos. Die Frau hingegen ist Realistin und also Hedonistin und ganz diesseitig: Tod ist Tod und nichts außerdem, weiß sie. Das Publikum darf entscheiden. Aber der Film ist auf ihrer Seite: "It's been fun, father", sagt sie noch.
Was aber am Ende des Films, als die Dinge, wie das so ist im Leben, zunehmend außer Kontrolle geraten, immerhin bleibt, ist die schöne Erfahrung, dass auch ein Vampir seine Triebhaftigkeit transzendieren kann, dass so etwas wie ein menschenfreundlicher Blutsauger möglich ist. Denn Sang-hyun hat wirklich Gewissensbisse, wenn er einmal nicht auf Blutkonserven zurückgreifen kann. Der Vampirismus ist ein Humanismus - wer hätte das gedacht?
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31365/1.html- What a movie! (24.10.2009 14:00)
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