Quo Vadis Gesundheitskarte?

22.10.2009

In Nordrhein findet ein "Basis-Rollout" statt, die schwarz-gelbe Koalition will ein Moratorium

Fragen wie "Möchten Sie glücklich sein?" oder "Wären Sie gern Millionär?" sind uns von dumm-dreisten Drückerkolonnen – etwa aus dem Finanzdienstleistungsgewerbe – bekannt. Man nennt sie "Suggestivfragen", weil sie nur eine – die vom Fragenden beabsichtigte - Antwort zulassen. Wikipedia zufolge bedient sich aber auch die Markt- und Meinungsforschung dieser Technik.

Der Bitkom – die Lobbyorganisation der deutschen Informationstechnik – zauberte zu seiner telefonischen Pressekonferenz vom vergangenen Donnerstag auch eine "Untersuchung" derartiger Qualität auf den Rechner der Teilnehmer. Die Aris Umfrageforschung hatte im Auftrag des Bitkom gefragt: "Hätten Sie gerne direkten Zugang zu Ihren persönlichen Gesundheitsdaten (Diagnosen des Arztes, Laborergebnisse etc.)?"

Seriös wäre etwa die Frage gewesen: "Aus Sicherheitsgründen ist es notwendig, dass sich die Patienten mit einer Persönlichen Identifikationsnummer (PIN) als berechtigt ausweisen, um an Ihre Gesundheitsdaten zu kommen. Anders wie am Bankautomaten ist diese PIN nicht vier- sondern sechsstellig. Glauben Sie, dass der Bevölkerungsdurchschnitt mit einer solchen PIN klarkommt?" In der Praxis scheitern nämlich – wie etwa im Feldversuch in Schleswig-Holstein – 70 Prozent der Patienten an dieser PIN.

Datensalat hat Bitkom-Pressesprecher Christian Hallerberg gefragt, ob denn die Probleme bei der eGK gelöst seien. Hallerberg verblüfft darauf mit einer Gegenfrage: "Ich weiß jetzt nicht, von welchen Problemen Sie sprechen?!" Tatsächlich kennt er die Probleme sehr wohl: Zum Beispiel ist ihm bekannt, dass in fünf Jahren alle heutigen Karten erneut ausgetauscht werden weil, da der aktuelle Verschlüsselungsalgorithmus RSA als nur noch begrenzt sicher gilt. Künftig sollen die Daten mit Hilfe von elliptischen Kurven verschlüsselt werden. Daten in der zentralen Infrastruktur, die mit Hilfe von RSA verschlüsselt wurden, können mit den neuen Karten aber nicht gelesen werden. In dem Augenblick, in dem er das Stichwort "Datenerhalt" hört, reagiert Hallerberg prompt: "Ach Sie meinen das Problem mit den elliptischen Kurven? - Also ganz ehrlich: Es ist jetzt 18 Uhr und ich muss noch die Pressekonferenz für morgen vorbereiten – ich bitte um Verständnis, dass ich dafür im Augenblick keine Zeit habe."

Derweil bestehen die Ärzte weiterhin auf der Freiwilligkeit der Online-Anbindung als das Mittel zur Akzeptanzförderung: "Wir glauben, dass wir mit Hilfe der Freiwilligkeit ein Höchstmaß an Sicherheit und Bedienkomfort für die Kollegen erreichen können", wirbt der Telematikbeauftragte der Bundesärztekammer Franz Joseph Bartmann. Außerdem könne nur ein überzeugter Arzt die Vorteile der Karte gegenüber den Patienten glaubwürdig vertreten.

Die Freiheit der Ärzte, online zu gehen oder es nach Gusto auch bleiben zu lassen, ist für die Krankenkassen wiederum ein rotes Tuch: "Ob freiwillig oder nicht freiwillig – wenn nicht 90 Prozent der Ärzte mitmachen, lohnen sich die erheblichen Investitionen für uns nicht", stellt Hermann Bärenfänger, Pressesprecher der Technikerkasse klar.

Dessen ungeachtet findet derzeit der "Basis-Rollout" in Nordrhein statt. Allein, die Ärzte wissen nichts davon: "Gesundheitskarte? Hab ich schon mal gehört – um was geht's da nochmal?" fragt ein Düsseldorfer Internist. Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) bestätigt: "Es wurde noch keine Gesundheitskarte 'im Feld' gesichtet." Eine Schulung der Ärzte und ihres Personals ist in Nordrhein nach Angaben der KVNO nicht vorgesehen. Eine derartige Schulung wird wohl auf absehbare Zeit auch nicht zwingend erforderlich sein: Die Tigerentenkoalition aus CDU und FDP will der Gesundheitskarte ein "Moratorium" verordnen. Nicht alle Beteiligten mögen diesen Begriff. Er sei dem "Krematorium" zu ähnlich. "Bestandsaufnahme" sei besser geeignet.

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