Happiness, Infantilität und das saudische Realitätsprinzip
Eine saudi-arabische Journalistin wurde von einem Gericht zu 60 Peitschenhieben verurteilt, weil sie einen Angeber für Sex-Geständnisse gecastet hat. Update
Ob Jimmy Carter, der menschenfreundliche, davon weiß? Er war am Wochenende zu Besuch in Saudi-Arabien, in Jeddah. Dort sprach er vor geladenen Gästen über die Zukunft von Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen und den Religionen und über den Frieden. Während Carter Saudi-Arabien dafür ehrte, dass das Königreich die gemeinschaftlichen Aspirationen von vielen Menschen repräsentiere - "Frieden, Zusammenarbeit, Vergebung und die Fähigkeit für gemeinsame Ziele zusammenzuarbeiten", stach ein Urteil eines Gerichts in Jeddah unübersehbar Löcher in die Sprechblase. Der Jeddah Summary Court, unter Vorsitz des Richters Muhammad Amin Mirdad, verurteilte an diesem Samstag eine Journalistin zu 60 Peitschenhieben. Ihr Vergehen: Vorbereitung und Mitwirkung an einem TV-Interview eines Mannes, der als "Sex Braggart", Sex-Angeber, die saudische Öffentlichkeit seit Sommer mit einer Soap fütterte, die die Eiferer und Sittenwächter im Reich des Wahabismus schäumen ließ.
Der zuständige Staatsanwalt in Jeddah ließ heute verlauten, dass er Berufung gegen das Urteil einlegen werde: die Strafe gegen die Journalistin sei zu milde. Die Journalistin, die für den libanesischen Fernsehsender LBC arbeitet, hatte zuvor in ihr Urteil eingewilligt. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, davor zu warnen, welche Implikationen das Urteil hat: "Es ist eine Bestrafung aller Journalisten. Ich bin nur eine Stellvertreterin."
Update: Mittlerweile hat König Abdullah die Journalistin begnadigt
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Der Erklärung des Gerichts, wonach der Fernsehsender illegal sei, hält sie entgegen, dass der saudische Informationsminister kürzlich dort aufgetreten sei. Diesen Widerspruch hätte sie noch deutlicher machen können: Denn der libanesische Sender gehört saudischen Prinzen.
Im Juli dieses Jahres strahlte LBC im Rahmen seines Programmes "Bold Red Line" ein Art Home-Story-Clip aus, in dem sich ein geschiedener saudischer Mann, in den Dreißigern, gutgelaunt über sein Sexleben verbreitet. Im Clip, längst auf YouTube, führt der Mann im offenen roten Hemd den Kameramann (der dafür zu einigen Monaten Gefägnis verurteilt wird) in sein Schlafzimmer, wo Mickey Mouse von den roten Kopfkissen auf der roten Tagesdecke westliche Happiness und Infantilität verbreitet.
Der Mann erzählt sichtlich stolz vom Schlafzimmerleben, hält Sextoys, die im Bild verschummern und ein paar ebenfalls verschummerte Fläschchen mit unbekannten Lösungen in der Hand, später gesellen sich in einem anderen Raum ein paar Freunde zu ihm und setzen sich bündlerisch still neben den weiter erzählenden Mann, nicken – der Auftritt wird sie, obwohl sie nichts sagten, zwei Jahre ihres Lebens hinter Gittern und jeweils 300 Peitschenhiebe eintragen. Mazen Abdul Jawad muss seinen Playboy-Auftritt mit 5 Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben abbüßen. Seinen Job bei Saudi-Airlines verliert er auch. Grundlage des richerlichen Urteils: Der Mann gestand ein sexuelles Verhältnis, das vor seiner Hochzeit stattfand, und, das wiegt noch schwerer, er gab über diese Verfehlung öffentlich Auskunft – dies fällt unter das sogenannte "tash’hir"-Prinzip der Scharia.
Folgt man der Entwicklung des Skandals, wie er ausgiebig und trotzdem in aller Knappheit in der saudi-arabischen Zeitung Arab-Newsnachzulesen ist, so erfährt man, dass der "Angeber" Kopf und Kragen riskierte. Die Reaktionen auf seinen Fernsehauftritt waren maßlos, 100 Anzeigen, Todesdrohungen in Foren und zwischendrin erwog auch die Justiz – in Gestalt der Prosecution and Investigation Commission (PIC) die Todesstrafe. Möglicherweise half, dass der Sünder öffentlich weinend Reue zeigte. Für Vergebung hat man im Königreich einen offenen Sinn, wie auch Jimmy Carter betonte.
Ganz offensichtlich gibt es auch in Saudi-Arabien Parallelwelten, die anders als von Carter samstäglich beschworen, nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Wie absurd das sein kann, zeigt unter anderem das Bild von einem Platz, der für eine öffentliche Auspeitschung (von jugendlichen "Rioters") geräumt wird, und von den gelben Lichtern der Mc-Donald Pommes-Frites-Bögen beleuchtet wird. Dass der Mann in seinem Auto mit Handy auf Bluetooth-Empfang im saudischen Nachtleben nach Bekanntschaften sucht, wird ihm von den Sittenwächtern besonders vorgeworfen. Das sei Übernahme von Werten aus dem dekadenten Westen. Zugleich ist es Wirklichkeit jenseits der offiziellen Wahrnehmungsschwelle, wie dies aus inoffiziellen Quellen immer wieder zu erfahren ist.
Erschreckend sind nicht nur die brutalen Strafen des sudischen Gerichts, sondern auch – wie der Anwalt und die Journalistin, die zunächst nur Zeugin in dem Prozess war, hervorheben – die einseitige Art des Verfahrens. Obwohl eine vom saudischen König vor einiger Zeit pompös gegründete Medienkommission angerufen wurde, damit sie ihr Urteil zu dem Fall abgebe, ignorierte das Gericht diese Dimension des Falles völlig. Während die Prinzen ihr Geld mit dem libanesischen Fernseh-Sender verdienen, kümmert sich das Gericht nur um den sittlichen Gehalt, während man, wenn es um den Auftritt von religiösen Fanatikern in TV-Programmen geht, freizügiger agiert.
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31387/1.html- Bitte Scharia auch für hiesigen Trash-TV einführen (kwt) (29.10.2009 21:47)
- Eher Halbverständnis (29.10.2009 19:33)
- Halbwahrheiten (29.10.2009 17:57)
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