Umsetzung der Globalisierung jenseits von Weltmusik-Kitsch
Der Komponist Johannes Kreidler lässt Auftragsarbeiten in Billiglohnländern fertigen
Der Neue-Musik-Komponist und Aktionskünstler Johannes Kreidler erregte in der Vergangenheit unter anderem durch ein Musikstück, mit dem er die Genehmigungsvorstellungen der Gema ad absurdum führte, und mit einer Vertonung von Aktienkursen Aufsehen. Sein neuestes Werk beschäftigt sich mit der Globalisierung.
Das Kunstprojekt entstand aus einem Kompositionsauftrag für das Festival Klangwerkstatt Berlin. Für die dafür fälligen vier Stücke suchte Kreidler nach "Fremdarbeitern" aus "Billiglohnländern", die nicht nur Musik nach den Vorgaben des Festivals schreiben, sondern auch den Stil des Berliners nachmachen sollten. Dabei fand er einen Komponisten aus China und einen Audioprogrammierer aus Indien, die seinen eigenen Angaben zufolge "typische Exemplare" seiner eigenen Musik produzierten und die Rechte zu ihren "üblichen Preisen" (300 Euro) an ihn verkauften.
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| Der Inder |
Jeweils eines der Stücke wurde vom Chinesen beziehungsweise vom Inder alleine gefertigt, die beiden anderen komponierte der Chinese mit der Software des Inders. Als Vorlage hatte Kreidler ihnen Musik von sich geschickt, die sie mit anderen Instrumenten und anderen "Dauern" imitieren mussten, damit etwas Neues dabei herauskommt. Bei einem der vier Stücke stellte der Auftraggeber die zusätzliche Anforderung, Elemente von Ragtime und Samples aus klassischen Opern einzuarbeiten.
Angeblich waren die beiden "Fremdarbeiter" mit westlicher Avantgardemusik wenig vertraut. Der chinesische Komponist verdient sein Geld beispielsweise mit Auftragsarbeiten für Hochzeiten in den USA. Laut Kreidler ist das Ergebnis deshalb ein "sehr merkwürdiger Mischmasch aus westlichen und östlichen Einflüssen, aber interessant".
Der deutsche Avantgardekomponist bekam für den Auftrag 1.500 Euro, dazu erwartet er in den nächsten 12 Monaten einen dreistelligen Betrag aus der Gema-Kasse, der aufgrund der undurchsichtigen Berechnungsweise der Verwertungsgesellschaft aber unsicher ist.
Mit dieser "Kunstaktion zur Globalisierung" will der Neunundzwanzigjährige nach eigenen Angaben "die global ungleichen Löhne und das Outsourcing in einschlägige Billiglohnländer [thematisieren], die für im Westen vergleichsweise teuer verkaufte Waren ausgebeutet werden", indem er "diese Mechanismen provokant vor[führt] und [...] sich jeder scheinbar versöhnlichen Geste [enthält], die der ökonomischen Realität widerspräche." Gleichzeitig stellt er mit dem Auftrag zur Kopie auch "die Frage nach der Autorschaft und dem Urheberrecht".
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| Der Chinese |
Fraglich ist jedoch, inwieweit die dabei entstandenen Werke nun (wie der Dozent für Musiktheorie, Gehörbildung und elektronische Musik, selbst verkündet) "rechtlich allein ihm gehören". Die Verträge möchte er nicht online stellen, verrät aber gegenüber Telepolis, dass sie nach deutschem Recht gestaltet sind, weshalb sie lediglich Verwertungsrechte übertragen, da Urheberpersönlichkeitsrechte nicht transferiert werden können. Bei der Gema-Werkanmeldung ließ er den Chinesen und den Inder als Anteilhaber fremder Urheberteile eingetragen - mit jeweils 33 Prozent, weil ihnen als Vorlage ja bereits existierende Stücke dienten, die sie "plagiierten". Allerdings unterschrieben sie vorher eine Einverständnisverklärung, nach der ihrem Arbeitgeber alle daraus resultierenden Einnahmen zur Verfügung stehen.
Laut Kreidler wissen die beiden "Fremdarbeiter" bis jetzt noch nichts vom künstlerischen Hintergrund der Aktion, weil er sie erst nach der Uraufführung der vier Stücke informieren will. Die findet am 7. November um 20.30 Uhr im Studio 1 des Künstlerhauses Bethanien in Berlin-Kreuzberg statt.
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- Kreidler ist großartig. (30.10.2009 0:17)
- Re: weshalb ich kreuzberg nicht mag (29.10.2009 18:34)
- "Musik ohne Musik ? 70200 Formulare für die GEMA" (29.10.2009 18:29)
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