Noch schlimmer als zuvor

30.10.2009

Was Banken und Banker aus der Krise gelernt haben

Heute ist Weltspartag. Früher kamen zu diesem Ereignis Vertreter von Geldinstituten in die Grundschulen und erklärten den Kindern in einer Art Religionsunterricht II, dass sie bei ihnen auf wundersam einfache Weise ihr Geld vermehren könnten. Dazu passend gab es Märchenbücher mit Bildern zum Einkleben und bunte Metallsparbüchsen mit beweglichem Henkel, die man hin- und herschwingen konnte.

Solche Büchsen werden heute nicht mehr verteilt. Möglicherweise auch deshalb, weil zu viele Kunden auf die Idee kommen könnten, sie spontan Bankmitarbeitern auf den Kopf zu hauen. Einen Fall, bei dem große Teile der Öffentlichkeit wahrscheinlich viel Verständnis für solch ein Handeln hätten, schildert der Blogger Torben Friedrich.

Die Geldkarte seiner Freundin erwies sich plötzlich als gesperrt. Nach einer Odyssee, bei der sie unter anderem von der Stadt- zur Kreissparkasse und von einer zur anderen Filiale verwiesen wurde, landete sie zwei Tage später schließlich bei der verantwortlichen Mitarbeiterin, die ihr dem Blogeintrag zufolge ins Gesicht sagte, sie hätte die Karte trotz gedecktem Konto deshalb gesperrt, weil sie der Kundin einen Riester-Renten-Vertrag verkaufen wollte, sie aber angeblich nicht erreichen konnte.

Bei der Sparkasse Weserbergland, bei der bereits die mindestens 3,9 Cent teuren Telefonnummern auf einen gewissen Mangel an Kundenfreundlichkeit hindeuten, reagierte man erst gar nicht auf Anfragen von Telepolis, zu dem Fall Stellung zu nehmen. Schließlich behauptete eine Mitarbeiterin, sie könne den (anderswo tadellos sichtbaren) Blogeintrag nicht abrufen und versprach nach telefonischer Schilderung der Behauptungen einem Rückruf, dem trotz Fristsetzung bis jetzt nicht nachgekommen wurde. Allerdings soll man sich Torben Friedrich zufolge mittlerweile bei seiner Freundin entschuldigt haben.

Als die Zig-Milliarden an Steuergeldern, mit denen nun unter anderem die angebliche Notwendigkeit einer Krankenversicherungs-Kopfpauschale und einer "Pauschalisierung" der Unterkunftskosten von Hartz-IV-Beziehern begründet wird, an die Banken flossen, da wurden viele Änderungen versprochen: Gesetze sollten die Gefahren von Spekulationen begrenzen, Managergehälter sollten sinken, "Bankberater" sollten Kunden nicht mehr mittels Täuschen und Verschweigen in angeblich sichere Anlageformen locken dürfen und Banken wollten sich mehr auf ihren eigentlichen Existenzzweck konzentrieren und den Mittelstand mit Krediten versorgen. Nichts von dem wurde umgesetzt. Stattdessen wurde es sogar noch deutlich schlimmer.

Eine EU-Richtlinie, die damit verkauft wurde, dass sie Bankkunden besser stellen würde, erwies sich nach ihrer Umsetzung als das glatte Gegenteil: Nun haften die Kunden in weit stärkerem Ausmaß für Verluste, die Banken und Sparkassen entstehen, weil sie Verbraucher zum Einsatz unsicherer und technisch veralteter Systeme zwingen. Manager, die derart versagten, dass die Commerzbank vom Steuerzahler "gerettet" werden musste, klagen auf Boni in Millionenhöhe, der neue Finanzminister Schäuble lässt mit dem SPD-Staatssekretär Jörg Asmussen den wahrscheinlich wichtigsten deutschen Verantwortlichen für die Finanzkrise im Amt und mittelständische Unternehmen klagen trotz Niedrigzinspolitik der EZB über eine "Kreditklemme".

Mit am Augenfälligsten sind die Entwicklungen hin zum Schlechteren auf dem Gebiet der Täuschung von Verbrauchern. Nach der Lehmann-Pleite durfte Melanie Bergermann in der Wirtschaftswoche plötzlich das schreiben, was davor jahrelang unter den Teppich gekehrt worden war: Dass in deutschen Banken "Zustände wie in einer Drückerkolonne" herrschten, dass Bankkunden "eiskalt angelogen" wurden und dass man alles unternahm, damit sie Formulare bloß nicht mit nach Hause nahmen und dort durchlasen.

Mitarbeiter von Geldinstituten, so die Reportage Ich habe sie betrogen, versuchten als Erstes in Erfahrung zu bringen, wie viel ein Kunde weiß. Die "informierten und selbstbewussten" bezeichnete man im Bankgewerbe als "Patienten" und versuchte sie loszuwerden. Den weniger selbstbewussten und weniger informierten versuchte man dann Anlageformen zu verkaufen, für welche "Ziele" vorgegeben waren, bei deren Nichterfüllung die Mitarbeiter Drohungen, Demütigungen, Mobbing und Kündigung befürchten mussten. Angestellte, so kam heraus, mussten für die Bank wöchentliche "Roherträge" von 1.500 Euro erwirtschaften - auf Kosten der Kunden.

Dabei kam dem System das Arbeitsrecht zugute, das Abmahnungen und Kündigungen erlaubt, wenn "ein Mitarbeiter dauerhaft mehr als ein Drittel der durchschnittlichen Arbeitsleistung der Kollegen" unterschreitet. Die Arbeitszeitbegrenzung auf acht Stunden wurde durch solche Zielvorgaben zur Makulatur, weil es für viele Angestellte in diesem Bereich bald normal war, auch Abends und an Wochenenden Kunden wie ein Callcenteragent zu beschwatzen, um die geforderten Verkäufe von Produkten zu erreichen, die für die Verbraucher häufig riskant, für die Geldhäuser dafür aber um so lukrativer waren.

Wurden in dieser gnadenlosen Planwirtschaft Ertragsziele oder Absatzvorgaben für den Verkauf von einzelnen "Finanzprodukten" nicht erreicht, dann bestrafte man das Team, so dass skrupellosere Angestellte die Skrupel anderer durch noch kundenfeindlichere Praktiken ausglichen. "Gruppengespräche" in denen Vertriebsziele überprüft wurden, liefen angeblich ab wie in Dokumentationen über verbrecherische Sekten. Krankenstände spielten keine Rolle, und Verkaufsziele wurden stets nur nach Oben geschraubt. Ziel von Vorgesetzten war es offenbar, dass ihre Untergebenen mehr Angst vor ihnen haben sollten als vor den Reaktionen der betrogenen Verbraucher. Und so sehr die Vertriebsziele kontrolliert wurden, so sehr fehlte eine Kontrolle über Kundenaufklärung.

Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die von Bergermann festgestellten Zustände geändert haben. Im Gegenteil. Der Gewerkschaftler Uwe Foullong beklagte vor zwei Wochen, dass der Vertriebsdruck sogar gestiegen sei, weil die Banken versuchten, eigene Verluste aus der Finanzkrise mit allen Mitteln wieder wettzumachen. Nachdem Begriffe wie "Zertifikat" und "Verbriefung" relativ verbrannt waren, ließen sich die Geldinstitute einfach neue Namen für "innovative Finanzprodukte" einfallen, mit denen Kunden übers Ohr gehauen werden. Dem Ver.di-Funktionär nach wollen die Banken die "Leistungselemente" sogar tarifvertraglich ausweiten: Danach soll zukünftig auch das vom Provisionsanteil bereinigte Grundgehalt eines Mitarbeiters gekürzt werden, wenn er Vertriebsziele nicht erreicht.

Meinte Nietzsche einst, man solle die Peitsche nicht vergessen, wenn man zum Weibe geht, so ist es heute der MP3-Recorder, der Laptop mit Mikrofon oder das Mobiltelefon mit Aufnahmefunktion, ohne das man besser kein Wort mit einem Bankangestellten wechseln sollte. Diese Weisheit scheint über ein Jahr nach der Bankenkrise in noch wesentlich stärkerem Maße zu gelten als vorher. Es wird Zeit, dass man sie auch in den Grundschulen lehrt und die Kinder dort vor dem "Onkel" vom Geldinstitut warnt.

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