Das schwächelnde Geschlecht

"Jungen- und Männerförderung" als Schwerpunkt der Jugend- und Familienpolitik

Die kommende Bundesregierung will die Belange von Jungen und Männern fördern, so ist das im Koalitionsvertrag festgehalten: "Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren." Ist das die lange überfällige Antwort auf einen gesellschaftlichen Mißstand oder doch bloß ein konservativer Rollback? Brauchen die Jungen und Männer das in diesem Land überhaupt?

Es sei schlecht bestellt um die Zukunftsaussichten von Jungen in Deutschland, so heißt es landauf, landab. Statistische Trends verwiesen eindeutig darauf, das sich das starke Geschlecht in das schwache Geschlecht bereits verwandelt habe, in den Gymnasien und an der Uni sei es bereits deutlich ins Hintertreffen geraten, Deutschland sei auf dem besten Wege, eine männliche Losergeneration heranzuziehen. Kein Wunder, so die Bannerträger der neuen Männerpolitik - in den Kollegien der Grundschulen fehlten eindeutig die Männer, schon von kleinauf würden die Jungen bloß an weibliche Autoritätspersonen gewöhnt, es drohe gar eine "Feminisierung" der Schullandschaft.

Nun ist ja Jungen- und Männerpolitik nichts wirklich Neues in Deutschland. Von den altbekannten Männergruppen bis zu privat und öffentlich getragenen Anlaufstellen für Jungen und Männer mit ihren spezifischen Problemen reicht das Spektrum; dass daraus nie eine "Männerbewegung" als Parallele zur Frauenbewegung entstanden ist, hat einen ganz einfachen Grund: Die Frauen hatten es bitter nötig, die gesellschaftliche Geschlechterasymmetrie als Kollektiv anzugehen und zu beseitigen; dieser Prozess ist auch dadurch nicht zu seinem Ende gekommen, dass jetzt offenbar mehr Mädchen als Jungen Abitur machen.

Sie mussten und müssen die Machtfrage stellen (als Frage nach den Inhabern der Macht in der Gesellschaft), um überhaupt gehört zu werden. Den Männern hat sich dieses Problem so nie gestellt, weil sie allezeit die gesellschaftliche Macht in Händen hielten, und daran hat sich auch noch nicht so furchtbar viel geändert, selbst wenn eine Frau jetzt Bundeskanzlerin sein kann. So gesehen sind eine Männerbewegung und offizielle Männerpolitik genauso dringend nötig wie Männerhäuser, die von ihren Frauen terrorisierte Männer aufnehmen, oder ausgedehnte Debatten über sexuelle Belästigung durch Frauen am Arbeitsplatz (dass es sehr wohl geschlagene und sexuell belästigte Männer gibt, sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt). Und so hat denn der neue Geschlechterkampf der kommenden Regierung schon beißende Satire provoziert.

Auch die Befürchtung, die Frauenpolitik könnte an der kommenden politischen Männerfreundlichkeit zu leiden haben, Männerförderung könne schnell wieder in Frauenvernachlässigung umschlagen, ja sei sogar als ein- und dasselbe anzusehen, ist nicht ganz unvernünftig. Dass ein Vorbildprojekt in Österreich von der ÖVP zusammen mit der FPÖ angeschoben wurde, verheißt nichts Gutes. Wenn sich hier CDU und FDP als Schwesterparteien österreichischer Vorreiter mit staatlichem Antifeminismus profilieren wollten, dann wäre der Unsinn vorprogrammiert.

Aber es ist ein wenig Gelassenheit angezeigt. Unter anderem auch deswegen, weil noch gar nicht klar ist, wie der neue Politikschwerpunkt überhaupt in der Wirklichkeit verankert werden soll. Da "konkrete Maßnahmen für die kommende Legislaturperiode noch nicht diskutiert worden sind", bekommt man leicht den Eindruck, hier sei zunächst mal ein Testballon gestartet worden, um die Stimmung im Land zu erkunden. Wenn die neue Regierung sich jedoch in der Lage sähe, Jungen- und Männerprojekte zu unterstützen, die dann ihre Arbeit absichern und ausweiten könnten, dann hätte die neue Männerpolitik ja sogar etwas Gutes.

Zwar haben "die Männer" (welche eigentlich genau?) nach wie vor noch den Großteil der gesellschaftlichen Macht inne, aber Macht macht allein bekanntlich nicht glücklich, und es gibt genug Jungen und Männer, die durch den andauernden Paradigmenwechsel in Sachen männlicher Identität verstört werden. Würden mehr Kummertelefone ausschließlich für Jungen geschaffen, während die Mädcheninitiativen erhalten bleiben wäre gar nichts einzuwenden. Man wird sehen.

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