Iranische Führung will in eine neue Hauptstadt umziehen

Florian Rötzer 02.11.2009

Teheran liegt in einem extrem erdbebengefährdeten Gebiet, aber für den geplanten Umzug könnten noch andere Gründe sprechen

Der Iran will nicht nur zur Atommacht werden, vielleicht auch zu einer Atomwaffenmacht, sondern auch in anderen technischen Bereichen mithalten, beispielsweise in der Weltraumtechnologie. Nun hat Ajatollah Khamenei, der oberste geistliche Führer der Islamischen Republik, auch noch beschlossen, ein großes urbanes Projekt zu starten. Die Hauptstadt soll nicht mehr länger Teheran sein, man will entweder eine völlig neue Hauptstadt bauen oder die Regierung zumindest in eine andere Stadt verlegen.

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Letzte Woche hat dem auch der Schlichtungsrat als Projekt im Rahmen des 20-Jahres-Programms zugestimmt, das die Zeit von 2005 bis 2025 abdeckt. Der Grund ist, dass nach Seismologen das Risiko groß ist, dass irgendwann in naher Zukunft die iranische Metropole von einem Erdbeben verwüstet werden könnte. Die Stadt liegt in einem stark erdbebengefährdeten Gebiet. Das letzte schwere Erdbeben, bei dem die Stadt weitgehend zerstört wurde, hat sich 1830 ereignet. Statistisch ereignet sich alle 150 Jahre ein solch verheerendes Beben. Danach wäre es nun bereits überfällig.

Schon 2004 wurde überlegt, die Hauptstadt zu verlegen, nach dem im Dezember 2003 ein Erdbeben die Stadt Bam verwüstet hatte. Die meisten Häuser wurden zerstört, mehr als 30.000 Menschen fanden den Tod. Man erwog, die Hauptstadt weiter nach Süden, beispielsweise nach Isfahan, zu verlegen, wo das Erdbebenrisiko viel geringer ist.

Blick über Teheran von Süden, im Hintergrund das Elburs-Gebirge

Teheran, Hauptstadt seit Ende des 18. Jahrhunderts, ist im Nahen Osten mit mehr als 12 Millionen Einwohnern die größte Stadt und gehört auch zu den größten Megacities der Welt. Vor 100 Jahren war Teheran mit einer Viertelmillion Einwohner noch relativ klein und ist dann durch Zuwanderung aus den ländlichen Gebieten explodiert, vor allem seit den 70er Jahren, was vermutlich auch die Revolution 1979 begünstigt hat.

Viele der Einwohner der überbordenden Stadt, in der die Luftverschmutzung hoch ist, sind arm, entsprechend sind auch die Häuser in keiner Weise gegen ein starkes Erdbeben gesichert. So könnte nach einem Szenario ein schweres Erdbeben im Süden der Stadt, wo die ärmeren Viertel liegen, 80 Prozent der Häuser zerstören und Hunderttausenden das Leben kosten. Problematisch, dass meist zu eng gebaut wurde, wodurch sich Feuer verbreiten können und Rettungseinsätze erschwert werden, aber auch, dass es viel zu wenige freie Flächen als sichere Rückzugsräume gibt.

Teheran. Bild: NASA

Die iranische Führung stellt natürlich die Sicherheit vor einem schweren Erdbeben in den Vordergrund. Die Verlegung der Hauptstadt heißt wohl allerdings nur der Umzug der Regierungsbehörden in eine neue oder andere Stadt. Eine ganze Megacity mit 12 Millionen Menschen lässt sich freilich nicht schließen und örtlich verschieben. Die Führung des Landes will sich also vornehmlich selbst schützen und nimmt in Kauf, dass weiterhin viele Menschen sterben könnten.

Dem käme eine Verlegung in eine kleinere Stadt noch auf andere Weise entgegen. Revolten, Aufstände oder Unruhen entstehen vor allem in den Städten. Das haben auch die Proteste gegen die Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahlen gezeigt. Die riesigen, unübersichtlichen und kaum zu kontrollierenden urbanen Räume der Megacities stellen ein wachsendes Problem dar, sie sind auch Hauptschauplatz der asymmetrischen Kriege geworden und daher zum primären Objekt der Militärstrategen. Und ebenso wie der Schah in Teheran durch Massenproteste schließlich gestürzt wurde, könnte dies auch dem Mullah-Regime gehen, das die Erdbebengefährdung nutzt, um auch politisch auf mehr Sicherheit in einer besser zu kontrollierenden Umgebung zu setzen.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31426/1.html
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