Lang lebe der Verfahrensfehler
Nach der letzten Zählung werden in Guantanamo noch 221 Gefangene festgehalten. Etwa 40 von ihnen, schätzt man, wird irgendwann der Prozess gemacht, weil die Ankläger glauben, über genügend gerichtsverwertbare Beweise zu verfügen. Mehr als 80 Personen (und unserem Freund Obama) könnten wir sofort helfen, indem wir sie bei uns aufnehmen. Nach Auffassung des US-Verteidigungsministeriums könnten sie jederzeit entlassen werden, weil sie "ungefährlich" sind. Übersetzt heißt das: sie sind unschuldig. Das Wort wird vermieden, weil das Pentagon Angst vor Entschädigungsforderungen hat. Falls der US-Bürger Samuel A. Mudd für völlig unschuldige Uiguren ein Maßstab ist, sollten diese sich nicht allzu viel erwarten.
Dr. Richard Mudd, ein Enkel, nahm in jungen Jahren den Kampf für die Rehabilitierung seines Opas auf. Das wurde zu einer Lebensaufgabe. Er schlug sich mit allerlei Behörden, Würdenträgern und Gerichten herum und veröffentlichte 1951 ein zweibändiges Werk mit dem Titel The Mudd Family of the United States. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, weil zur Wiederherstellung von Dr. Mudds Reputation auch der Nachweis gehört, dass ein gewisser Thomas Mudd bereits 1665 von England nach Amerika übersiedelte. Damit sind wir wieder sehr nah bei Cecil B. DeMille, der 1950 beim Treffen der Regisseure im Beverly Hills Hotel suggerierte, dass eine Geburt außerhalb der USA automatisch verdächtig macht.
Dr. Richard Mudd wandte sich an mehrere US-Präsidenten. Ronald Reagan ließ wissen, dass er und Nancy zu der Überzeugung gelangt seien, dass Dr. Samuel Mudd unschuldig war. Das hatte vor ihm schon Jimmy Carter so gesehen, allerdings auch mitgeteilt, dass er leider gar nichts machen könne; zuständig sei die Armee. 1990 beantragte der Enkel bei der Kommission für die Änderung von Militärakten, die Verurteilung seines Großvaters wegen der Beteiligung am Lincoln-Attentat zu streichen und die im Nationalarchiv verwahrten Dokumente entsprechend zu ändern. Die Armeekommission leitete eine Überprüfung ein, fand Verfahrensfehler und empfahl die Streichung. Der Fall hätte vor einem Zivilgericht verhandelt werden müssen. Dr. Mudd sei daher zu unrecht verurteilt worden.
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| Dr. Samuel A. Mudd |
Über Schuld und Unschuld sagte das noch nichts. Die zuständigen Stellen hatten deshalb eine gute Begründung, warum sie der Empfehlung nicht folgen mochten. 1992 beantragten zwei Abgeordnete des Repräsentantenhauses, das Urteil aufzuheben. Der Antrag wurde an den zuständigen Ausschuss verwiesen und dort begraben. Mudds Enkel prozessierte noch immer gegen irgendwelche Behörden, als er starb. 2003 weigerte sich der Oberste Gerichtshof, den Fall zur Verhandlung anzunehmen, weil eine Antragsfrist nicht eingehalten worden war. Das war das letzte Wort in der Angelegenheit.
Dr. Mudds Haus in Maryland ist heute ein Museum. Die ehemalige Pension von Mrs. Surratt in Washington steht unter Denkmalschutz; in dem Gebäude befindet sich jetzt ein chinesisch-japanisches Restaurant; wer mal hinkommt und glaubt, dass die Chinesen in Deutschland scharfes Essen servieren, weil es so auf der Speisekarte steht, probiert besser das Sushi und die Tee-Kreationen). Fort Jefferson wurde schließlich aufgegeben - nicht wegen der menschenunwürdigen Lebensbedingungen für Gefangene und Wachpersonal, sondern wegen der Kosten. Anfang 1935 stattete Präsident Roosevelt der Insel einen Besuch ab und erklärte die Festung zum National Monument. Fort Jefferson wurde zur Touristenattraktion, mit der Zelle von Dr. Mudd als besonderer Sehenswürdigkeit (inzwischen ist die ganze Gegend ein Naturschutzgebiet).
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http://www.heise.de/tp/artikel/31/31427/1.html- Re: Der Film wurde schnell Wahrheit (1.12.2009 13:06)
- Re: Der Film wurde schnell Wahrheit (29.11.2009 15:57)
- deja vu (29.11.2009 2:53)
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