Von Fort Jefferson nach Guantanamo und Abu Ghraib
In dieser Notlage, so der Minister, dürften sich die Richter nicht mit solchen Lappalien wie juristischen Formalitäten, einem pedantischen Beachten rechtlicher Verfahrensregeln oder störenden Grundsätzen wie "Im Zweifel für den Angeklagten" aufhalten. Sie müssten vielmehr die "Stimme des Volkes" sein. Und Volkes Stimme macht sich gerade vor dem Gerichtsgebäude Luft, wo der Mob die Hinrichtung der Schuldigen verlangt. In die Verhandlung werden die Verdächtigen nur gebracht, um abgeurteilt zu werden. Für die Richter ist das eine patriotische Pflicht. Die Angeklagten tragen Kapuzen wie die Gefangenen von Abu Ghraib.
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| The Prisoner of Shark Island |
So führt uns die Handlung, die mit einem Fest der Freiheit beginnt, nach nur vier Etappen (Sieg über die Sklavenhalter - Anschlag - Verhaftung - Verurteilung) auf eine Insel, die ein Gefängnis ist. In diesem Mikrokosmos spielt es letztlich keine Rolle, wer sich auf welcher Seite des Gitters befindet. Frei ist hier keiner mehr. Zanuck wünschte sich für die Werbung Szenen, die sich zu den kürzlich verfilmten Der Graf von Monte Cristo und Les Miserables in Bezug setzen ließen (der echte Mudd hatte Victor Hugos Roman während der Haft in Washington gelesen). Ford inszenierte den Ausbruchsversuch des Helden so, dass vor allem eines deutlich wird: Es gibt kein Entkommen.
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| The Prisoner of Shark Island |
Praktisch an Fort Jefferson war, dass die Dry Tortugas der zivilen Gerichtsbarkeit entzogen waren. Im Film will Dr. Mudd nicht fliehen, um dann unterzutauchen. Er will sich nach Key West durchschlagen, um vor einem Zivilgericht ein ordentliches Haftprüfungsverfahren zu beantragen und sich gegebenenfalls einem fairen, nach den Regeln eines Rechtsstaats durchgeführten Prozess zu stellen. Auch das kennt man aus heutiger Zeit nur allzu gut. Nach dem gescheiterten Fluchtversuch wird Dr. Mudd zur Disziplinierung in ein dunkles Loch unter der Erde geworfen. Das ist der Vorläufer der Folter durch Reizentzug, wie sie inzwischen von der CIA praktiziert wird.
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| The Prisoner of Shark Island |
Diese Gefängnisinsel, hieß es in den Pressetexten der Fox, sei "der dunkelste Fleck auf Amerikas Ehre". Hollywood kann sich die Zeile schon mal vormerken, falls man sich dort demnächst an das Thema Guantanamo herantrauen sollte (Michael Winterbottoms The Road to Guantanamo ist eine britische Produktion). Man wundert sich, wie so ein Film 1935 entstehen konnte. Wahrscheinlich ließen sich die Zensoren durch den Konflikt zwischen Nord- und Südstaaten ablenken, der emotional so aufgeladen war, dass man mit viel Ärger rechnen musste. Die Bewahrer des Motion Picture Production Code waren denn auch stark davon in Anspruch genommen, Mudds Schwiegervater yankeefeindliche Äußerungen zu verbieten und die Dialoge nach dem Wort "Nigger" abzusuchen, das sechsmal gestrichen wurde.
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| The Prisoner of Shark Island |
Interessanterweise hatte niemand etwas dagegen, dass die Schwarzen mit den Augen rollen, offenbar nicht besonders klug sind und eine gebückte Haltung einnehmen, wenn ein Weißer kommt. Aus heutiger Sicht sind solche Darstellungen auf eine bedrückende Weise rassistisch. Allerdings ist auch das komplizierter, als es den Anschein hat. Fords Schwarze wirken nicht zuletzt deshalb so anstößig, weil sie den im Süden favorisierten Stereotypen folgen und sich konsequent dem Geschmack des Nordens verweigern, dessen Präferenzen dadurch, dass wir uns an die dort populären Abziehbilder vom schwarzen Mann gewöhnt haben, nicht weniger rassistisch werden. Natürlich wäre es schön, wenn die Afroamerikaner in Shark Island solch aufrechte und selbstbewusste Menschen wären, wie sie Jahrzehnte später von Sidney Poitier und Halle Berry gespielt wurden. Ehrlicher ist es aber wahrscheinlich, wenn die Schwarzen so kurz nach dem (offiziellen) Ende der Sklaverei in die alten Verhaltensmuster zurückfallen, sobald ihnen ein weißer Herr wie Dr. Mudd die Leviten liest.
Wiederentdeckt: The Prisoner of Shark Island
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Von Fort Jefferson nach Guantanamo und Abu Ghraib
John Ford und Lynndie England aus Kentucky
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31427/1.html- Re: Der Film wurde schnell Wahrheit (1.12.2009 13:06)
- Re: Der Film wurde schnell Wahrheit (29.11.2009 15:57)
- deja vu (29.11.2009 2:53)
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