Die Bank sind wir

07.11.2009

Was der Fall der Mauer mit der Bankenindustrie gemein hat

Es war an einem regnerischen Herbsttag im Oktober dieses Jahres, als ich mich mit Francois Jozic im Cafe Einstein unter den Linden in Berlin verabredet hatte. Der 36-jährige Belgier erzählte mir das erste Mal von seiner Idee, eine neue Bank zu gründen. In einem Artikel auf meinem Weblog Social Banking 2.0 hatte ich kurz zuvor das Geschäftsmodell der von ihm gegründeten Noabank recht kritisch beleuchtet. Eigentlich war ich nach dieser Manöverkritik doch sehr überrascht, dass er sich überhaupt mit mir treffen wollte, um mir sein Konzept näher zu erläutern.

Immer noch war ich mir nicht sicher, ob die Noabank nicht mehr als ein theoretisches Konstrukt bedeutete, das sich des allgemeinen Bankenfrusts nur vordergründig zum Kundenfang bediente - ob das Modell also seriös genug war, um am Markt zu bestehen. Jetzt kam die Gelegenheit, sich mit Francois Jozic darüber auszutauschen, was er konkret vor hatte. Der Impuls dazu, als Privatperson, ohne über den "Stallgeruch" eines Bankers zu verfügen, ein Geldinstitut zu gründen, kam dem Belgier infolge der Finanzkrise. Beruflich beschäftigte er sich bereits seit 15 Jahren damit, klein- und mittelständische Unternehmen bei ihren neuen Geschäftsideen und bei der Suche nach geeigneten Bankkrediten zu beraten und zu unterstützen. Doch er spürte: Irgend etwas hatte sich in den letzten Jahren verändert.

Jozic, der mit Familie und zwei Kindern in Barcelona lebt, begann intensiver über die Spielregeln an den Finanzmärkten nachzudenken. Dienten sie eigentlich noch den Interessen der Wirtschaft und der arbeitenden Menschen? Im Zuge der Finanzkrise merkte Jozic, dass etwas nicht mehr mit der schleichenden Kreditvergabe stimmte, die sich wie ein großes und undurchschaubares Räderwerk in der Wirtschaft abspult. Für die Banken war es meist nur ein notwendiges Übel, sich näher mit dem jeweiligen Unternehmen und deren geschäftlichen Perspektiven zu beschäftigen. so erklärt der gar nicht wie ein konservativ gewandeter Banker aussehende Jozik. Letztlich ging es nur darum, ohne jegliche Kenntnisse des geschäftlichen Umfeldes den´Daumen rauf oder runter zu halten. Sprich, den Betrieben einen Kredit nach kurzer Abwägung von Chancen und Risiken zu gewähren oder eben nicht.

Die Zeit nach der Finanzkrise machte ihm deutlich, dass die Spielregeln aus der Balance waren, und er fragte sich, was er tun könne. Er hatte die Wahl, entweder dem Treiben in der Wirtschaft und Finanzindustrie nur passiv zuzusehen oder zu handeln. "Die Banken thronen wie der französische Landadel vor der Revolution über der Realwirtschaft", bilanziert Jozic. Dieses Vabanque-Spiel habe ihn dazu motiviert, selbst eine eigene Bank zu gründen.

Eigentlich eine komplett verrückte Idee? Das mag stimmen. Da gibt's doch Regeln und Gesetze, nach denen nicht jeder private nicht einschlägig vorgebildete Mensch sich plötzlich zum Herr über das Geld aufschwingen kann. Auch das mag oberflächlich betrachtet zutreffen. Aber um etwas Neues zu erfinden, hat es schon immer eine gehörige Portion Verwegenheit gebraucht. Das lief schon bei Bill Gates so, oder bei den beiden Gründern von Google. Viele später große Unternehmen haben mal in einem Hinterzimmer oder einer Garage begonnen. Warum sollte das auch nicht für die vermeintlich unantastbare Kaste der Finanzindustrie gelten.

Facebook für die Bankenwirtschaft

Kann man die Art und Weise, wie Banken die private Geldanlage und Kreditvergabe betreiben, durch ein besseres nachhaltigeres Modell revolutionieren? Grau ist alle Theorie, dachte sich jedenfalls Francois Jozic. Er glaubte fest daran, eine eigene Bank ins Leben zu rufen. In Deutschland fand er den passenden rechtlichen Rahmen in Abstimmung mit der Bundesbank und der Finanzmarktaufsicht (Bafin). Seit wenigen Wochen ist die Noabank am Start. Kunden gibt es noch keine. Jeder normale Bankier würde jetzt sagen, es fehle ein klares Konzept. Jozic antwortet darauf nur: "Die Zukunft ist unvorhersehbar. Vielleicht gelingt es ja, eine Art Facebook für die Bankenwirtschaft ins Leben zu rufen, das die Nutzer selbst gestalten."

Trotzdem ist auch Francois Jozic sich unsicher, ob er mit seinem Konzept erfolgreich sein würde, oder ob die Noabank nur zu einem Abfallprodukt der Geschichte taugte. Würden die Menschen ihn überhaupt beachten? Oder würde die Finanz- und Wirtschaftspresse ihn als Träumer oder Spinner abqualifizierten, ohne jegliche Chance, mit seinem Geschäftsmodell Fuß zu fassen?

Worin besteht also das Geschäftsmodell: Francois Jozic gibt den Nutzern die Möglichkeit, selbst über den Fluss ihrer Geldströme zu bestimmen. Der Anleger gibt eine Einlage an die Noabank. Diese deponiert es anschließend bei der Bundesbank als Tagesgeld oder in Form einer Festzinsanlage. Soweit verläuft alles ganz normal, fast wie bei jeder anderen Bank, die für die Einlagensicherung bis zu einer Obergrenze gerade steht. Das spannende Element sei nun, dass die Anleger danach selbst bestimmen, was mit dem Geld in produktiver Weise passieren solle.

Es gibt dazu für die Anleger bei der Noabank die vier Bereiche Kultur, Gesundheit, Energie und lokale Wirtschaftsförderung. Die Einlagen sollen direkt in die Förderung von kleinen und mittelständischen Unternehmen fließen. Jedes Mitglied kann konkrete Projekte vorschlagen. Die Finanzgemeinschaft und natürlich auch der Betreiber entscheiden darüber, was am Ende gefördert wird und was nicht. Noch ist diese Form der Wirtschaftsfinanzierung unter Ausschaltung von traditionellen Banken erst in Umrissen erkennbar. Doch das genossenschaftliche Prinzip der Geldanlage sieht Jozic gerade durch die Verschmelzung mit dem Internet im Kommen, um die Finanzindustrie zu revolutionieren. Die digitalen Erdenbürger sollen dem Genossenschaftsmodell auf spielerische und unideologische Weise zu einem neuen Auftrieb verhelfen. Und zwar, ohne gleich einen direkten Gegensatz zum Renditestreben herzustellen, das betont Jozic immer wieder.

Worin liegen die Vorteile, wenn die Nutzer sich direkt an der Gestaltung der Noabank beteiligen?

Francois Jozik erläutert, dass die erwirtschafteten Profite zu je einem Drittel an die Anlegergemeinschaft, die Mitarbeiter der Noabank und die Anleger flössen. Der Betreiber und damit auch der Gründer profitiere von einer moderaten Gewinnspanne, zwischen dem moderaten Guthabenzins und dem höheren Zinsniveau bei der Kreditvergabe an die Unternehmen. Dies sei jedoch eine Spanne, die bei maximal sieben bis acht Prozent liegen dürfe, hält der Bankgründer fest.

Die Banken hätten ja eigentlich eine unterstützende Funktion in der Kreditvergabe, so Jozic weiter, nämlich die Realwirtschaft mit Krediten zu versorgen. Jetzt sei es an der Zeit, dass die Menschen die Verantwortlichen daran erinnerten, zu ihren Wurzeln zurück zu kehren, und das zu tun, was die Zukunft bringe: Geldkreisläufe wieder nach dem Genossenschaftsprinzip zu gestalten. Also quasi die Rückkehr zu den bodenständigen Funktionen in der örtlichen Nachbarschaft, die in Deutschland meist den Volks- und Raiffeisenbanken oder Sparkassen zugeschrieben wird.

Während unseres Gesprächs im historischen Cafe Einstein unweit vom Brandenburger Tor erwähne ich beiläufig, dass direkt hinter Francois Jozic gerade zufällig der Mann sitze, der die Existenz der DDR vor zwanzig Jahren formal beendet hatte: Günter Schabowski. Ihm kam die heikle Mission zu, am 9. November 1989 vor die in- und ausländische Presse zu treten, um den Bürgern mitzuteilen, dass ihre Ausreise nach West-Berlin künftig auch ohne Visum gestattet sei. Francois Jozic schaute kurz rüber zu dem ehemaligen SED-Spitzenfunktionär, den kaum ein Gast im Cafe wirklich beachtete. Der Gründer der Noabank lächelte nur und entgegnete: Das war doch derjenige, der auf die Nachfrage eines Journalisten, ab wann denn diese visumsfreie Reiseregelung nun gelte, mit dem Satz antwortete: Ab sofort! Vielleicht ist die Zeit reif, dass der Bürger direkt in das Räderwerk der Finanzindustrie eingreift, statt sich diesem nur ohnmächtig ausgeliefert zu sehen.

Der Gegenwind für die neuen Himmelsstürmer in einer von den Nutzern nach demokratischen Regeln in der internetbasierten Kommunikation auf gleicher Augenhöhe gestalteten Bankenindustrie dürften derartige Verstöße zunächst milde belächeln. Doch es regt sich bereits Widerstand, um die Revolution von der Basis her im Keime zu ersticken. Ralph Duell, Gründer und Geschäftsführer von Expacto, einem für die Bankenwirtschaft tätigen Beratungsunternehmen, bleibt beispielsweise aus einem klar ersichtlichem Grund skeptisch: "Die Menschen sind nicht reif für ihre neue soziologische und wirtschaftliche Rolle als Banker, es ist und wird für die nächsten Jahre eine Utopie bleiben."

Dieser abwertenden gesellschaftlicher Diagnose eines letztlich in der breiten Masse unmündigen Bankkunden widerspricht Alexander Artopé ganz vehement. Er hat vor gut zwei Jahren die Online-Plattform Smava gegründet, die sich der Kreditvergabe von Mensch-zu-Mensch widmet. "Selbstbestimmung bedeutet, dass Privatanleger ihre Finanzen nicht mehr in die Hände eines Bankberaters geben müssen, sondern sich selbst informieren und entscheiden", bilanziert der Firmenchef. Immerhin 16 Mio. Euro haben die Anleger und Kreditnehmer bereits über die Plattform vergeben. In Zeiten der Finanzkrise, wo das Vertrauen gegenüber Banken stark gesunken sei, hätte dieses Bedürfnis erheblich zugenommen. "Deshalb hat es uns auch nicht überrascht, dass Anleger bei Smava in einer Online-Umfrage die Selbstbestimmung als eines der zentralen Motive für ihre Geldanlage genannt haben", fasst Artopé zusammen.

Rückenwind erhalten die neuen Himmelsstürmer in der sozialen Geldanlage und Kreditvergabe auch von den grünen Öko- und Ethikbanken. "Die Gewinnmaximierung kann nicht das oberste Ziel der Wirtschaft sein", sagt Vorstandssprecher Thomas Jorberg von der GLS Bank, die Kundengelder von rund einer Milliarde Euro betreut. Die Herausforderung und Kernaufgabe liege darin, die Bedürfnisse der Kunden zu befriedigen. "Und die Kunden wollen heute mehr als nur die Höhe des Zinssatzes wissen", fasst der Banker zusammen, der vor einigen Jahrzehnten bereits als Auszubildender bei der GLS Bank begonnen hatte.

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0

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