Elitenkontinuität

11.11.2009

Über die familiären und finanziellen Verbindungen Karl Theodor von und zu Guttenbergs

Es wäre unangemessen, Personen nach ihrer Verwandtschaft zu beurteilen. Allerdings zeigen familiäre Beziehungen manchmal interessante Elitekontinuitäten auf. So ist Familienministerin Ursula von der Leyen etwa die Tochter des langjährigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und der neue Innenminister Thomas de Maizière der Sohn des ehemaligen Bundeswehr-Generalinspekteurs Ulrich de Maizière. In vielen Staaten der Erde werden formale Demokratien sogar regelrecht von Dynastien beherrscht.

Oft bleibt politische Macht über viele Generationen hinweg in den Händen einer Familie. Verteidigungsminister Karl Theodor von und zu Guttenberg ist ein besonders gutes deutsches Beispiel für diesen Effekt. Seine Vorfahren verfügen nachgewiesenermaßen seit dem 12 Jahrhundert über beträchtlichen Einfluss, ohne das sich große Brüche ergeben hätten. Guttenbergs Großvater war in den 1960er Jahren außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion und parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt, sein Onkel Jakob Graf und Edler Herr von und zu Eltz genannt Faust von Stromberg saß nach der Abspaltung Kroatiens von Jugoslawien lange im dortigen Parlament.

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) während einer Wahlkampfveranstaltung in Hamm. Bild: Dirk Vorderstraße

Seine Ehefrau Stephanie, eine geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen, ist einer Ur-Ur-Enkelin des Reichskanzlers Otto von Bismarck. Und sein Bruder, der 1973 geborene Philipp Franz, heiratete eine Tochter von Baron Godfrey James Macdonald. Neben ihm hat der Verteidigungsminister auch noch zwei Halbbrüder, den 1989 geborenen Rudolf und den 1990 geborenen Friedrich Henkell von Ribbentrop. Auch seine Mutter, eine geborene Gräfin und Edle Herrin von und zu Eltz genannt Faust von Stromberg, trägt heute den Namen Christiane Henkell von Ribbentrop. Das liegt daran, dass sie sich von Guttenbergs Vater Enoch scheiden ließ und einen der Sprösslinge Joachim von Ribbentrops ehelichte - den am 2. September 1935 geborenen Adolf. So gesehen ist der Verteidigungsminister also der Stiefsohn Adolf Henkell von Ribbentrops und der Stiefenkel Joachim von Ribbentrops - verwandtschaftlich gesehen natürlich, nicht politisch.

Joachim von Ribbentrop war nämlich nicht nur Außenminister, sondern auch NSDAP-Mitglied und enger Vertrauter Hitlers. Seine Rolle im Dritten Reich wurde als so bedeutend eingestuft, dass er als einer der 24 Hauptkriegsverbrecher vor dem Nürnberger Tribunal erscheinen musste, das ihn in allen Anklagepunkten für schuldig befand und am 16. Oktober 1946 hängen ließ. Der niederrheinische Adelige galt als gutaussehender Karrierist, der seine Frau Annelies vor allem deshalb heiratete, weil sie die Tochter des Sektmagnaten Otto Henkell war (was seine Karriere gehörig beförderte). Als Ribbentrop, der unter anderem als Deutschlandvertreter der Whiskymarke Johnnie Walker agierte, Hitler kennen lernte, machte er sich als Türöffner in gehobene Kreise beliebt. Nachdem man in Folge der Blomberg-Fritsch-Krise den noch von Reichskanzler Franz von Papen ins Kabinett geholten Konstantin Freiherr von Neurath 1938 zum Minister ohne Geschäftsbereich degradierte, wurde Ribbentrop dessen Nachfolger als Reichsaußenminister. Abgezeichnet hatte sich diese Ernennung bereits vier Jahre vorher, als der "Führer" seinen Gefolgsmann zum "außenpolitischen Berater" und zum "Beauftragten der Reichsregierung für Abrüstungsfragen" ernannte.

Joachim von Ribbentrop. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-18083 / CC-BY-SA 3.0

Möglicherweise noch interessanter als familiäre Beziehungen sind jedoch finanzielle - gerade auch im Fall Karl Theodor von und zu Guttenbergs. Der war nämlich vor seiner Zeit als Minister geschäftsführender Gesellschafter der Guttenberg GmbH, die damals das Familienvermögen verwaltete. Auch wenn sich die GmbH-Rechtsform nach Wenig anhört, so hielt die Familie doch ganz beträchtliche Vermögenswerte - darunter über ein Viertel der Stammaktien der Rhön-Klinikum AG, in deren Aufsichtsrat der Jurist saß. Die heute über zwei Milliarden umsatzstarke Aktiengesellschaft verdient an Privatisierungen indem sie kommunale Krankenhäuser aufkauft. Für die nächsten Jahre rechnet das Unternehmen, das bereits 47 Kliniken führt, mit einer neuen Privatisierungswelle. Zu dieser nicht unrealistischen Einschätzung dürfte auch die Steuer- und Gesundheitspolitik der Regierung sowie deren voraussichtliche Auswirkungen auf die kommunalen Haushalte nicht unwesentlich beitragen.

Allerdings verweigerte das Bundeskartellamt der Rhön-Klinikum AG in der Vergangenheit schon einmal den Ankauf von Krankenhäusern in Bad Neustadt an der Saale und Mellrichstadt, weil es die Entstehung einer "marktbeherrschenden Stellung" befürchtete. Kritiker werfen dem Konzern vor, den deutschen "Krankenhausmarkt" zusammen mit drei anderen Unternehmen (Asklepios, Sana und Fresenius) in ein Oligopol umwandeln und dadurch die eigenen Gewinnspannen erhöhen zu wollen. Guttenberg hat mit all dem natürlich nichts mehr zu tun - denn seine Familie verkaufte ihre Anteile 2002 an die HypoVereinsbank. Wo genau sie derzeit ihr vom Spiegel auf 600 Millionen Euro geschätztes Vermögen investiert hat, ist nicht ganz klar.

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