Neuer Journalismus: Leser finanzieren Artikel?

12.11.2009

In der New York Times erschien erstmals ein Artikel, der großenteils durch Spenden von Internetbenutzern finanziert wurde

Die New York Times veröffentlichte am Dienstag erstmals einen Artikel mitsamt einer Fotostrecke, der teilweise mit Spenden finanziert wurde, die die Website Spot.us von mehr als 100 Personen sammeln konnte. Lapidar steht unter dem Artikel: "Travel expenses were paid in part by readers of Spot.Us, a nonprofit Web project that supports freelance journalists." Allerdings scheute man doch noch zurück, die Website zu verlinken und zu sagen, wie viel die Zeitung und wie viel Spot.us beigetragen haben.

Zwar wurden bereits an die 40 Veröffentlichungen mit der Hilfe von Spot.us finanziert und realisiert, aber dass die New York Times nun einen solchen teils fremdfinanzierten Artikel aufgenommen hat, dürfte sicherlich ein erster Durchbruch sein, der die interessante, aber auch heikle Idee, dass Leser Inhalte, die sie realisiert sehen wollen, finanzieren, bekannt und womöglich auch attraktiv macht. Spot.us will in Zeiten, in denen die Medien darben und immer weniger Geld für investigativen Journalismus vorhanden ist, garantieren, dass durch "cloud financing" auch Themen behandelt werden, die sonst im Schwarzen Loch der Medienaufmerksamkeit versinken. Wenn nicht genügend Geld zusammen kommt, um den Artikel tatsächlich zu schreiben, wird das Geld zurücküberwiesen.

Bei dem Artikel Afloat in the Ocean, Expanding Islands of Trash von der jungen Journalistin Lindsay Hoshaw geht es um die gewaltigen Plastikinseln, die sich in Strudeln des Pazifiks bilden (Plastik vergiftet die Meere, Gigantische Plastikmüllhalde im Meer). In diesem Fall könnte man sich zwar fragen, warum die freie Journalistin unbedingt die teure Reise im September und Oktober zum Plastikmüllkontinent unternehmen musste.

Wegen des Artikels sicherlich nicht, einzig die Fotostrecke würde dies rechtfertigen. Die Fotos werden aber urheberrechtlich von der New York Times beansprucht, obgleich sie nur 750 USD von der New York Times bekommen hat, während sich Spot.us mit immerhin 6.000 USD beteiligte (erforderlich wären 1000 USD gewesen). Dafür verlinkte aber die NYT nicht einmal auf das Blog, den Hoshaw während ihrer Reise schrieb und das weitaus informativer ist als der Artikel. Hoshaw hat natürlich auch getwittert, worauf man auch nicht verlinkte. Offenbar fühlt man sich bei der NYT, obgleich man das Experiment einging, unsicher und will man sich nicht als Flagschiff für weitergehende Veröffentlichungen hergeben, die man eigentlich hätte auch gleich vereinnahmen können.

Zur Rechtfertigung hatte der NYT-Redakteur Clark Hoyt bereits im Juli einen Beitrag geschrieben. Kritik an dem Verfahren ist natürlich wohlfeil. Die Medien zahlen ihren freien Autoren, wie auch jetzt schon, immer weniger und setzen auf Fremdfinanzierung. Das ist einerseits Ausbeutung, andererseits öffnen die Medien sich dadurch auch Beiträgen, die interessengesteuert sind. Es könnten ja auch Firmen, Organisationen oder interessengeleitete Gruppen Journalisten und Beiträge finanzieren. Wo bleibt die Souveränität der Redaktion? Gerade bei finanziell darbenden Redaktionen könnte die Bereitschaft wachsen, möglichst billig oder kostenlos bereit gestellten Content zu übernehmen – egal, woher er kommt.

Für die Times, so Hoyt, ist die Fremdfinanzierung des Artikels ein Schritt in eine neue Welt. Da die Technik drastisch das Verhältnis der Öffentlichkeit zu den Medien verändere, suche die Times, nachdem die Werbung zurückgeht, nach neuen Möglichkeiten der Finanzierung und öffne sich für "Partner und Arrangements, die vom alten Modell weit entfernt sind, in dem die Redakteure bestimmen, was eine Nachricht ist, ihre Reporter anweisen und die Ausgaben zahlen, unterstützt durch Aberhunderte von Werbekunden, von denen keiner groß genug ist, den Journalismus zu beeinflussen". Da bemüht sich sichtlich ein Redakteur, die alten Zeiten zu verklären und die neuen ebenso. Allerdings hat die Times bereits auch mit der Stiftung ProPublica kooperiert, die auch mit Spenden investigativen Journalismus fördert, dazu aber nicht die Internetbenutzer mit kleinen Geldspenden zur Unterstützung einzelner Beiträge aufruft. Hier wird eine Spende von mindestens 500 USD verlangt.Wichtig für die Times ist, dass die Unterstützer von Spot.us namentlich genannt werden. Damit würde klar, welche Interessen dahinter stehen. In diesem Fall haben die meisten 20 USD gespendet, der größte Beitrag betrug 699 USD. Jimmy Wales, Gründer von Wikipedia, hat gerade einmal 20 USD gegeben.

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