Social Business/Social Entrepreneur

13.11.2009

Wie unternehmerisch kann und darf das Geschäft mit sozialen Werten sein?

Social Business ist ein wirtschaftliches Konzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeführt wird. Vereinfacht ausgedrückt lautet die Lösungsformel so: Unternehmen sollen soziale Probleme lösen und nicht nur Gewinne machen. Die Renaissance genossenschaftlicher Konzepte könnte dem nachhaltigen Unternehmertum zu einem Aufschwung verhelfen. Ist der "Sozialunternehmer" eine kurzlebige Modeerscheinung oder Vorzeichen eines beginnenden Wandels im kapitalistischen Koordinatensystem?

Der "Erfinder" des Begriffs Social Business, eine etwas seltsam anmutende Wortschöpfung, die irgendwie alles und nichts sagt, war zum 20-jährigen Jahrestag des Mauerfalls eigens nach Deutschland gekommen: Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank, www.grameen.de war fast mit seiner kompletten Führungsriege zum Visionsummit nach Berlin gereist. Doch irgendwie schien sich eine seltsame Kluft abzuzeichnen, zwischen jenen Sturm erprobten Protagonisten, die vorne in gewohnter Manier auf dem Podium redeten, und jenen, denen unten in der Aula des Henry-Ford-Baus an der Freien Universität eher die Rolle des Zuhörens vorbehalten war.

Yunus: "In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, benötigt man eine hohe Frustrationstoleranz, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu ertragen, und täglich dafür zu arbeiten, diese zu überwinden." Bild: L. Lochmaier

Ein bisschen hatte man das Gefühl, dass die wesentlich jugendlicher angehauchte digitale Netzgeneration mit so mancher Begrifflichkeit ihre Schwierigkeiten hatte. Es zeichnet sich allmählich ein Generationenwechsel und Paradigmenwandel in der Welt der sozialen Nachhaltigkeit ab. Im Publikum auf dem Visionsummit saßen immerhin mehrere Hundert Menschen, die überwiegend Anfang bis Mitte Dreißig waren. Männlein wie Weiblein waren fast in gleicher Zahl vertreten. Oben referierten die bekannten Vertreter, die überwiegend dem Geist der Alt-68-er entspringen. Diese kämpften für ihre Ideale, sie gründeten später eigene Unternehmen, oder sie prägten Wissenschaft und Kunst. Und einige darunter engagierten sich bis heute für ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem.

Gerade jetzt, im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise. läuft "Social Business" in Gefahr, zum geflügelten Modewort als nicht Zielführendes Konzept abgestempelt zu werden. Der Streit tobt in den eigenen Reihen. Es reicht nicht mehr, nur auf den bösen Kapitalismus mit dem Finger zu zeigen und sich selbst als die idealtypische gute Alternative darzustellen. Stellen wir also lieber die Frage: Was ist Social Business? Eine Studie des Genisis Institute for Social Social Business and Impact Strategies definiert es als intelligente Verknüpfung von sozialen und wirtschaftlichen Zielen. Wie das konkret funktionieren kann, das liest sich zunächst etwas handbuchartig so: Social Business hebe den traditionellen Widerspruch zwischen sozialen und ökonomischen Zielen auf. Als Geschäftsmodell charakterisiere es ein Unternehmen, das soziale Probleme versuche auf wirtschaftliche Weise zu lösen.

Derzeit gibt es vereinfacht ausgedrückt zwei konkrete Modelle von Social Business: Die von der Grameen Bank und seinem Initiator Muhammad Yunus verfolgte Variante definiert den Unternehmenszweck von Social Business ausschließlich als gesellschaftlichen Lösungsansatz, unter Ausschluss jeglicher Gewinnmaximierung. Sozialunternehmen (Social Businesses) sollen zwar wirtschaftlich nachhaltig arbeiten. Doch die erwirtschafteten Gewinne sollen nicht als Dividende an die Kapitalgeber zurückfließen, sondern stattdessen direkt in den produktiven Kreislauf reinvestiert werden, um die dadurch generierten positiven Effekte weiter zu verstärken.

Eine weitere Variante gegenüber dem von Yunus ins Leben gerufenen quasi reinrassigen Konzept, das im Expertenjargon als Social Impact Business bezeichnet wird, zielt auf einen größeren Freiraum für unternehmerische Projekte ab. Die Sozialgeschäfte sollen zwar allen Leitkriterien eines "Grameen Social Business" vollständig entsprechen, lassen dabei jedoch eine begrenzte Verzinsung des für ihr Projekt bereitgestellten Kapitals als sinnvoll und gerechtfertigt zu.

Kleinteilige Banken-Ökonomie: "Peanuts" für die Armen?

Soweit die graue Theorie. Auf dem Podium während dem Visionsummit wurde die Konfliktlinie zwischen verstärkter Gewinn- und der reiner Sozialorientierung in plakativer Form deutlich. Der in legerem Outfit angereiste BASF-Chef Jürgen Hambrecht, immerhin einer der Global Player in der Wirtschaft, streute seine nicht ganz so frohe Botschaft mit deutlichen Worten unters Volk: "Social Business kann profitabel sein und darf sogar Gewinn abwerfen, aber die Gewinne fließen nicht an die Shareholder, sondern in den Ausbau weiterer Aktivitäten."

Eigentlich ist diese Diskussion etwas haarspalterisch. Die Diskussion kam jetzt aber richtig in Gang: Denn Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus akzentuiert die Kernfunktion von Social Business – wenn man genauer hinhört – doch etwas anders: Er bestand in seiner Rede darauf, dass sich Unternehmen, die ein gesellschaftliches bzw. soziales Problem mit unternehmerischen Mitteln lösen wollen, "sich selbst aus dem Profitstrang heraus nehmen müssen, also keinen Gewinn erzielen und kein privates Eigentum bilden dürfen."

Ein bisschen helfend zur Seite sprang dem BASF-Chef Jürgen Hambrecht nun die beinahe zur Bundespräsidentin gekürte SPD-Politikerin Gesine Schwan. Nomen est Omen: Social Business könne nur einen gewissen Teil des kapitalistischen Systems beeinflussen und zum Besseren verändern. Notwendig sei jedoch vor allem eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft zur nachhaltigen Unternehmensführung (Good Governance).

Das alles klang irgendwie für die vom theoretischen Disput schon etwas Ermüdeten jüngeren Zuhörer rhetorisch zwar ganz gut, aber irgendwie doch wenig praktikabel und handlungsleitend. Eine Art diplomatische Kompromisslösung ums Social Business, zwischen reiner Renditeorientierung und bloßen Spendenwirtschaft, stellte der Initiator des Visionsummits Peter Spiegel in Aussicht. Social Business sei, so der Gründer des Genisis Instituts, für alle Beteiligten ein Lernprozess, bei dem es zu groben Missverständnissen kommen könne. Er lenkte den Blick vor allem auf diese Frage: Welche praktischen Finanzierungsinstrumente sind geeignet, der erst wenige Jahre alten Begriffsschöpfung nachhaltiges Leben einzuhauchen?

Nachhaltigkeitsmedien erreichen den Mainstream

Wer genauer hinschaut, der entdeckt, dass Social Business durchaus der Rolle eines Botschafters von einer neuen Klasse von Unternehmertun zukommt. Viele spannende Vorhaben kursierten auf den Fluren während der Pausengespräche. Es werden neue Projekte angestoßen, zugegeben, es sind erst kleine Pflänzchen, es werden Denkfabriken gegründet, zugegeben, man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen - und es werden neue Medienkanäle erschlossen, wie etwas das auf Nachhaltigkeit spezialisierte Magazin Enorm. Dort sind professionelle und erfahrene Journalisten jenseits eines gängigen ideologischen Strickmusters am Werk, keine Sektierer, Ökos und Müslis. Auch Social (Media) Entrepreneurs können genau kalkulieren. Anfang 2010 soll das Printmagazin an den Start gehen.

Überhaupt: Den neuen Medien in der digitalen Kommunikation fällt eine Schlüsselrolle zu, beim Wandel von einem bislang vom Almosen- und Spendenbegriff an die "Armen in der Dritten Welt" geprägten Selbstverständnis in den industriellen Nationen. Das war bequem für uns. Wir konnten weiter unseren Wohlstand genießen, und uns doch im sicheren Gefühl wiegen, ab und an mal mit einer guten Tat die Ungerechtigkeiten dieser Welt in den entlegenen Regionen abzumildern. Spätestens seit der Finanzkrise blicken alle Erdenbürger fragend in die Zukunft, unabhängig davon, wo wir auf dem Globus gerade sind und leben. Man könnte es zugespitzt so ausdrücken: Social Business lässt sich neuerdings wie folgt definieren: "Intelligent investieren statt "nur" spenden.

In Stand-by-Funktion, dieses neue Prinzip umzusetzen, befindet sich eine neue Gründergeneration von Sozialunternehmern, die sich gleichwohl ebenso hohe Ziele steckt wie die stärker vom Selbstverständnis zwischen Dritter und Erster Welt geprägten Vorgänger. Nämlich die soziale Motivation mit einem konkreten - nicht immer monetären - Gewinnversprechen zu verbinden. Das klingt verführerisch, ist es auch praktikabel? Nähern wir uns dem Thema langsam an: Die "Sozialunternehmer", die Gewinnabsichten sowie sozial-ökologische Ziele durch neue Investitionsmodelle gleichzeitig ermöglichen wollen, die Social Entrepreneurs, sie können zwar die Spielregeln an den internationalen Kapitalmärkten nicht entscheidend beeinflussen.

Der Einfluss von nachhaltigen Wachstumskonzepten wächst aber zweifellos vor allem im Bereich von kleineren Unternehmensfinanzierungen, im Fachjargon als Microfinance oder als Mikrofinanzinstitutionen (MFI) bezeichnet. Zur Einschätzung dieses Trends in das große Konzert an den globalen Finanzmärkten auf makroökonomischer Ebene ein kleiner Exkurs: Mittlerweile ist das Volumen der weltweit mehr als 3.000 MFI-Darlehen laut Angaben der Frankfurt School of Finance & Management auf rund 25 bis 30 Milliarden US-Dollar angewachsen, von denen rund 125 bis 150 Millionen Menschen vor allem in den Entwicklungsländern profitiert hätten.

Es geht nicht darum, die positiven Triebe zu lähmen, sondern einen klaren Kopf zu behalten. Die Wachstumsraten in diesem Marktsegment sind in der großen Finanzwelt immer noch keine signifikanten Zielgrößen. Wer diesem nüchternen Befund keinen Glauben schenken mag, dem sei ein simpler Vergleich empfohlen: Allein das kriminell organisierte Schneeballsystem des Finanzjongleurs Bernard L. Madoff umfasste ein Volumen von rund 65 Milliarden US-Dollar, also doppelt so viel Geld wie alle weltweit derzeit zirkulierenden Mikrofinanz-Darlehen zusammen.

Es gibt einen weiteren Wermutstropfen: Letztlich ist nicht auszuschließen, dass auch der Sektor der Mikrofinanz-Institutionen noch einige Überraschungen bereit hält und mittelfristig auch größere Teile dieses (teils informellen und undurchsichtigen) Sektors in eine finanzielle Schieflage geraten. Auch dort tummeln sich kleine Madoffs, ohne die Guten jetzt diskreditieren zu wollen. Was zu tun ist? Um eine weitere "Spekulationsblase" in diesem boomenden Marktsegment zu vermeiden, raten Experten dazu, sowohl Kreditnehmer als auch Kapitalgeber sorgfältig auszuwählen. Die gewachsene Schlagkraft erfordert außerdem eine Professionalisierung von internen Risiko-Management-Strukturen.

Passend dazu kündigte der neue Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) an, in der Entwicklungszusammenarbeit künftig stark auf das Instrument der Mikrofinanzierung zu setzen. Bei einer Veranstaltung im Rahmen des Berlin-Besuchs des Friedensnobelpreisträgers und Kleinstkredit-Erfinders Muhammad Yunus, sagte Niebel, er halte Mikrofinanzierung für eine der kostengünstigsten und zugleich effizientesten Möglichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit und der Armutsbekämpfung, berichtete die FAZ.

Auch dieses Statement klingt auf den ersten Blick recht stimmig. Aber die gängige Praxis hinkt den hohen Ansprüchen, wie zuvor beschreiben, deutlich hinterher. Es geht mit Blick auf die Akteure nicht darum, einen guten Gedanken madig zu machen, sondern den Blick fürs Wesentliche zu schärfen. Sorgen bereiten den Finanzexperten derzeit die Ausfallraten und Seriösität der Geschäftsmodelle von Microfinance. Die gewachsene historische Rolle der Mikrofinanz aus unterschiedlichen Blickrichtungen muss zudem nicht zwingend bedeuten, dass die weltweit führende Institution, die Grameen Bank, neben der in diesem Jahr gegründeten Niederlassung in New York bald auch in Deutschland vertreten sein wird.

Im Klartext: Was in der Dritten Welt mit dem Erfolgsbeispiel der Grameen Bank bislang gut funktioniert hat, das lässt sich als Blaupause nicht ohne weiteres auf die ökonomische Realität in den Industrieländern übertragen. Die in New York gestartete Niederlassung von Grameen kann zwar bereits erste Erfolge vorweisen, und will ihr Engagement auch auf andere Metropolen und Regionen in den USA ausweiten. Ein klares Statement zur Gründung eines deutschen Standortes war aber von der in Berlin fast vollständig vertretenen Führungsmannschaft der Grameen Bank nicht zu hören. Offenbar hemmen neben grundsätzlichen Bedenken auch steuerliche Aspekte mit Blick auf die Abzugsfähigkeit von Spenden in Deutschland eine allzu rasche Etablierung, orakeln Branchenkenner.

Schon deutlich präziser diskutierten die Experten aus der Mikrofinanzbranche auf dem Visionsummit in Berlin die Folgen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Kreditversorgung der einheimischen Wirtschaft. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die derzeitige Lage von Existenzgründern, sowie mit Blick auf die drohende "Kreditklemme" bei klein- und mittelständischen Betrieben. Die Bundesregierung hat dazu vor kurzem ein mit einem Volumen von 100 Millionen Euro ausgestattetes Mikrokreditprogramm aufgelegt, das auch in die Vereinbarungen der neuen Regierungskoalition eingeflossen ist.

Mikrokreditprogramm für Kleinunternehmen

Die Mikrokredite sollen speziell Kleinunternehmen in der Finanzkrise unterstützen. Aus dem Fonds mit einem geplanten Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro sollen Einzelkredite von höchstens 20.000 Euro mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren vergeben werden. Die bislang vergebenen rund 500 Kredite aus dem Europäischen Sozialfonds sollen binnen einer Woche ausbezahlt sein, wobei die Ausfallrate bislang unter sechs Prozent liege, erläutert ein Vertreter vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMA).

Die Motivation aus Sicht der Gründer und Unternehmenslenker beschreiben die Initiatoren wie folgt: Rund 15 Prozent der Kleinunternehmen benötigten externe Finanzierungen. Diese lägen bei der ersten Zielgruppe von Existenzgründern im Bereich zwischen 10.000 und 25.000 Euro. Bei laufenden Investitionsvorhaben von bereits etablierten Unternehmen sei der Kapitalbedarf mit Summen ab 25.000 Euro in der Regel etwas höher. Bis zum Jahr 2015 sollen mit dem neuen Programm rund 13.000 Kredite zu einem Zinssatz von fünf Prozent vergeben werden, kalkulieren das Arbeitsministerium. Geplant sei des Weiteren ein ergänzender Wachstumsbaustein auf Basis von Mezzanine-Kapital für größere Finanzierungen über 200.000 Euro.

Zu den Partnern im Kreditprogramm gehört die für ihr nachhaltiges Geschäftsmodell in jüngster Zeit mir zweistelligen Zuwächsen an Neukunden und Einlagen belohnte GLS Bank in Bochum. Sie betreut neben Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Europäischem Sozialfonds (ESF), Deutschem Mikrofinanz-Institut (DMI) und den beiden Bundesministerien für Arbeit und Soziales sowie Wirtschaft und Technologie auch den mit einem Gesamtvolumen von 100 Mio. Euro ausgestatteten Mikrofinanzfonds.

Das Institut hat erst vor kurzem gemeinsam mit anderen Ethik- und Ökobanken eine globale Allianz für nachhaltige Bankdienstleistungen gegründet. Aber auch die Verantwortlichen der GLS Bank bestätigen, dass das Konzept von Microfinance zwar weiter an Akzeptanz gewinne, sich jedoch nicht ohne weiteres auf das ganze Bankensystem übertragen lasse. Dort dominiere die Philosophie "Weiter so wie bisher" (Business as usual), und durch Übernahmen und Fusionen weiter wachsende Großbanken.

Sozialunternehmer treiben hybride Marktmodelle voran

Neue Instrumente dürften im Bereich der Mikrofinanz deshalb vor allem hybriden Marktmodellen einen Auftrieb verleihen, die zwischen den beiden Polen Gewinn- und Sozialorientierung eine intelligente Brücke schlagen. Als "Kapitalrecycling mit größtmöglicher sozialer Wirkung" beschreibt Johannes Weber, Gründer des Social Venture Fonds, die Geschäftsphilosophie seiner kleinen Fondsgesellschaft. Ein Dutzend Sozialunternehmer will der Gründer in den nächsten Monaten mit einem Volumen von rund zehn Mio. Euro ausstatten.

Im Social Venture Fonds sollen die Investoren demnach zweigleisig fahren können, entweder mit einem primär "philantropisch" ausgerichteten Denkansatz, der eine relativ niedrige Kapitalverzinsung bringe, oder aber mit einem renditeorientierten Modell, bei dem der Social Venture Fonds auf eine Verzinsung von sechs bis acht Prozent abziele. "Mit dem zweigleisigen Modell können wir gerade Finanzierungslücken abdecken, die sich durch die mangelnde Nahtstelle zwischen Sozialorientierung und Gewinnstreben gebildet haben", bilanziert Weber.

Deutlich wurde auf dem Visionsummit auch, dass eine junge Gründergeneration die Rolle der Microfinance auch mit spielerischen Instrumenten redefiniert. Dass sich etwa die "virtuelle Kundenkarte" als unmittelbares kreatives Spendeninstrument im näheren örtlichen Umfeld und im Freundeskreis einsetzen lässt, das verdeutlicht der Gründer von Helpdirect, Harald Meurer. Auf dem Online-Portal helpcard.de kann der Nutzer eine Geschenkkarte selbst gestalten, etwa zum Einsatz im Einzelhandel im kommenden Weihnachtsgeschäft. Um jeglichen Missbrauch bei der Spendenpraxis von vorne herein auszuschließen, arbeite HelpDirect ausschließlich mit Hilfsorganisationen zusammen, die eine offizielle Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt nachweisen, verdeutlicht Meurer. (Diese Textpassage wurde nachträglich verändert, die Red.)

Internet als Katalysator für Social Entrepreneurs

Manch einer wird jetzt sagen, eine Geschenkkarte für Weihnachten könne doch kein Lösungsansatz für das Social Business sein. Das stimmt. Blickt man aber etwas hintergründiger auf die technologischen Innovationen, dann spielen neue Technologien und insbesondere das Internet in der Welt der Microfinance künftig eine gewichtigere Rolle. "Es bildet sich eine neue Klasse von sozialen Investoren heraus, die mittlerweile auch auf dem Makrolevel große Wirkungen erzielt", beschreibt Bennett Grassano von der amerikanischen Online-Spendenplattform Kiva.org diesen Trend.

Grassano legt einige erstaunliche Zahlen vor: So habe sich das weltweit über spezielle Internetplattformen generierte Spendenaufkommen innerhalb von einem Jahr auf mehr als eine Milliarde US-Dollar erhöht. Allein in den USA hätten 600.000 Menschen aus ganz durchschnittlichen Bevölkerungsgruppen bereits übers Netz gespendet. Auch anhand der Blogosphäre wird deutlich, dass sich der Geist etwas rascher wandelt als dies viele wahr haben. In der Huffington Post läuft seit kurzem ein kleiner Kreativwettbewerb. Jene Unternehmen, die am konsequentesten die alten Spielregeln in der Wirtschaft "zerstörersich-kreativ" aufbrechen, werden anhand einer von den Nutzern erstellten Rangliste ausgezeichnet.

Es gibt neben den schwergewichtigen Wirtschaftsthemen eine "philantropische" Abteilung, die mehr bedeutet, als nur eine quasi im Kleingedruckten versteckte Spendenrubrik. Ganz vorne mit dabei in der Rubrik sind nämlich die beiden Online-Spendenplattformen Kiva und Vittana. Der gemeinnützigen Plattform Kiva zu einer Art Starstatus in den USA verhalf ein Auftritt des Gründerpaares Matt und Jessica Flannery in der Oprah Winfrey Show.

In Deutschland gehört zu dieser neuen Generation von Social Entrepreneurs, die ein neues Selbstverständnis weg von der passiven Gebermentalität vorwärts treiben, die Spenden-Plattform Betterplace.org. Die Mitgründerin Joana Breidenbach beschreibt die Motivation der Marktteilnehmer wie folgt: "Das Internet hat die Märkte auch im sozialen Sektor massiv verändert." Im Zuge dieser Entwicklung hätten sich das bislang hierarchische Gebermodell und das damit einher gehende Machtverhältnis zwischen Spendengeber und Spendennehmer drastisch gewandelt. Der gesamte Ablauf und Spendenprozess sei im Gegensatz zum oftmals staatlich organisierten Mikrofinanzwesen mit Hilfe des Internets jederzeit transparent einsehbar, was dazu führe, dass die Begünstigten an Selbstvertrauen gewännen – und plötzlich eigene weitere Projekte starteten.

Das neue Motto für die Akteure laute, so definiert es Joana Breidenbach, zu investieren, statt nur zu spenden: "Das Internet dient dazu, dass unproduktive Mittelsmänner und Organisation über sich selbst organisierende Netzmechanismen ausgeschaltet werden können", fasst sie zusammen. Mit der Internetplattform Ashoka hat sich bereits eine Art sich selbst verstärkendes Monitoring-Netzwerk gebildet, das die soziale Wirkung der unterstützten Projekte misst. "Wir schaffen im Bereich der Social Entrepreneurs eine Transparenz, bei der sich soziale und finanzielle Rendite nicht ausschließen", bilanziert Plattform-Gründer Felix Oldenburg.

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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