"Ein Kapitalist wird Dir noch den Strick verkaufen, an dem Du ihn dann aufhängst"

14.11.2009

"Sie müssen gestoppt werden!" - Ein Gespräch mit Michael Moore über seinen neuen Film, über die Medien und die Gesellschaft unter dem Regime des Kapitalismus

Welchen Preis zahlt Amerika für seine Liebe zum Kapitalismus? Nur vor vielen vielen Jahren schien diese Liebe noch unschuldig zu sein: Moores neuer Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" (siehe "Wo ist unser Geld?") erzählt nach "Roger & Me", "Bowling for Columbine", "Fahrenheit 9/11" und "Sicko" nun wieder davon, welche Auswirkungen das desaströse Verhalten von Großunternehmen und ihr ungebändigtes Profitstreben auf das Leben der Menschen hat - konkret diesmal über die Ursachen und Auswirkungen der globalen Banken- und Finanzkrise. Ein Gespräch mit Michael Moore.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte. Bild: Concorde

Sie sind eine Ausnahmeerscheinung. Fühlen Sie sich unter den US-Filmemachern isoliert?

Michael Moore: Es kostet seinen Preis. Das mag ich nicht. Ich wünschte es gäbe mehr, die tun, was ich tue. Ich mag es nicht, so allein zu stehen. Man könnte glauben, der Profitmotor könnte Leute ermutigen. Aber Dokumentarfilmer haben es eher noch schwerer, einen Verleih zu bekommen. Nonfiction und Dokumentation wird im Kinobereich wie ein Paria behandelt. Im Sachbuchsektor ist es ganz anders. Da gibt es ein immenses Interesse. Schauen Sie mal in die New York Times, da werden dreimal so viel Sachbücher besprochen, wie Romane. Im Fernsehen sind Dokumentarprogramme der Renner. Aber wenn es ums Kino geht, ist alles anders.

Aber ich tue mein Bestes als Filmemacher: Ich nenne Namen, ich nenne Schuldige. Es gibt Schuldige an der Börse, es gibt Schuldige in den Unternehmen, in der Regierung - aber auch unter der Bevölkerung. Jeder sollte sich fragen, wie er auch an dem Funktionieren des Systems Anteil hat, und jeder sollte sein Verhalten entsprechend ändern. Ich hoffe, dass die Leute endlich aufwachen und begreifen, dass sie bei etwas mitmachen, das ihnen selbst sehr schadet. Ich liebe Amerika - das ist kein Witz!

Man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, dass es endlos so weiter geht

Ihren neuen Film "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte" haben Sie sehr lange vor dem Ausbruch der Bankenkrise angefangen. Wie hat dieser Ausbruch den Film verändert?

Michael Moore: Ich wollte schon sehr lange einen Film über den Kapitalismus drehen. Und vor etwa zwei Jahren fing ich dann endlich damit an. Man konnte schon damals sehen, dass etwas passierte: Entlassungen nahmen zu, Fabriken wurden geschlossen.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte. Bild: Concorde

Ich denke, dass unsere Ökonomie auf Sand gebaut ist, sie ist ein einziges Kartenhaus. Man macht sich etwas vor, wenn man glaubt, dass es endlos so weiter geht. Und es ist unmoralisch: Das reichste Prozent der Bevölkerung kommt sogar mit Mord davon. Und 50 Prozent kämpfen um ihren täglichen Lebensunterhalt. Der Film hatte seinerzeit noch keinen Titel. Aber ich fange auch nie mit dem Titel an.

Hatten Sie während ihrer Recherchen den Eindruck, dass es zu einem derartigen Absturz in den Abgrund kommen würde?

Michael Moore: Ja. eigentlich fand ich, dass wir schon lange darüber hinaus wären. Die einzigen, die noch nicht litten, waren die Jungs von der Wall Street. Die Arbeiter in Michigan und Indiana und Kalifornien wussten es schon lange. Während der acht Jahre unter George W. Bush mussten sie einen Schlag nach dem anderen einstecken: Die Arbeitslosigkeit nahm kontinuierlich zu, die Kluft zwischen Arm und Reich wurde immer größer. Nichts davon war neu. Wer am 15. September 2008 einen scharfen Blick in die Mainstream-Medien warf, musste sich schon wundern über die Überraschung, die da geäußert wurde. Wer konnte überrascht sein?

Michael Moore in "Roger & Me". Bild: Warner Bros.

Entweder sie waren extrem gute Schauspieler, oder sie sind wirklich Vollidioten. Und ich möchte glauben, dass sie keine Vollidioten sind. Denn wenn man das nicht kommen sah, muss man schon sehr beschränkt sein. Besonders in den letzten acht Jahren. aber eigentlich seit 30 Jahren. Seit dem Anfang der Reagonomics, denn damit begann alles: Der Wahlsieg von Ronald Reagan 1980, der ein Sieg von Milton Friedman war, freie Märkte, freie Unternehmen- lasst die Wölfe los! Tut, was immer Euch gefällt! Als Resultat dieser Politik haben wir über 30 Jahre lang einen kontinuierlichen Verfall erlebt. Und die Leute haben immens darunter gelitten. Diese Politik war der Grund, warum ich vor 20 Jahren mit dem Film "Roger & Me" anfing. Denn meine Heimatstadt Flynt, Michigan war zusammengebrochen nach acht Jahren Regierung durch Ronald Reagan.

Aber wenn Sie sich die jetzigen Anstrengungen ansehen, um "ihr" Unternehmen, um "General Motors" zu retten, wie geht es Ihnen da? Was halten sie von der Wirtschaftspolitik der Obama-Administration?

Michael Moore: Nun, um mal so anzufangen: Einer der glücklichsten Tage meines Lebens seit langer Zeit war der, an dem Präsident Obama die Chefs von General Motors hinausschmiss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas während meines Lebens je in den USA erleben würde. Das war ein großer Tag.

Man könnte einen ganzen Haufen nennen, an Dingen, die die Gesellschaft braucht

Haben Sie es gedreht?

Michael Moore: Ja. Aber die Szene hat es nicht in den Film geschafft. Darauf komme ich noch. Nein, ich finde, die Unterstützung von "General Motors" mit Regierungsgeldern ist keine gute Idee. Das habe ich von Anfang an gesagt. Man schmeißt das Geld zum Fenster raus. "General Motors" wird nicht besser, weil man ihnen mehr Geld gibt. Fremdes Geld nehmen die schon seit sehr langer Zeit. Von den Steuerzahlern, von ihren Arbeitern und von den Konsumenten, von Leuten, die ihnen immer noch vertrauen, dass sie ein anständiges Auto bauen. Aber sie machen einfach weiter und bauen Autos, die die Leute nicht kaufen, die sie nicht wollen. Europäische und japanische Autos sind einfach besser: Komfortabler, sicherer, energieffizienter, angenehmer zu fahren - und sie fallen nicht auseinander nach einem Jahr oder einem Monat.

Also, damit ich Sie richtig verstehe: Sie hätten es bevorzugt, dass man "General Motors" hätte den Bach heruntergehen lassen?

Michael Moore: Das derzeitige "General Motors"? Ja. Aber natürlich nicht die industrielle Infrastruktur der USA. Die müssen wir schützen. Wenn wir das Geld haben, dann sollten wir es dafür ausgeben, diese Fabriken und damit diese Jobs zu retten. Wir müssen die richtigen Leute aus Deutschland und Japan holen, die das Unternehmen managen, wie es gemanaged werden sollte: Als Transportkonzern des 21. Jahrhunderts. Das Schlimmste, was man machen könnte, wäre diese Fabriken einfach abzuwickeln und verschwinden zu lassen. Denn diese industrielle Basis brauchen wir noch: "Fabriken für" - für Massentransport, für alternative Energiesysteme. Man könnte einen ganzen Haufen nennen, an Dingen, die die Gesellschaft braucht. Das zu unterstützen wäre das Richtige. Aber einfach den Bau von "Chevy Malibus" zu unterstützen, ist nicht das Richtige.

Was würden Sie sagen, was ist die zentrale Botschaft ihres Films?

Michael Moore: Es ist ein bisschen seltsam, über einen Film zu reden, den die Leute sehen sollen...

...aber es ist eine Liebesgeschichte, wie der Titel suggeriert?

Michael Moore: Vielleicht doch - kommt darauf an, wie Sie Liebe definieren... Das Hauptproblem ist doch: Wir haben derzeit ein Wirtschaftssystem, das unfair ist, das ungerecht ist, undemokratisch, und das all den Prinzipien widerspricht, an die wir angeblich glauben und unser Verhalten ausrichten wollen: Demokratie, Teilhabe, ein ethisches Verhalten, das darauf basiert, das wir eine Verantwortung für die Schwächeren haben, für diejenigen, die arm sind. Ich denke, so lange wir nicht einige fundamentale Dinge an der Art und Weise ändern, wie unsere Wirtschaft funktioniert und gesteuert wird, werden wir immer wieder ähnliche Probleme haben. Und es wird tendenziell immer schlimmer werden. egal wie hoch der Dow Jones ist. Der sollte nicht der wahre Indikator dafür sein, wie wir in den USA Erfolg definieren.

Wir brauchen eine andere Wirtschaftsstruktur

Was passiert gerade in der Weltwirtschaft?

Michael Moore: Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Ich weiß nur, was ich sehe. Und was ich sehe, ist Folgendes: Alle 7,5 Sekunden verliert in den USA eine Familie ihr Haus. Eines von acht Häusern ist gepfändet oder wird bereits zwangsversteigert. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 9,7 Prozent - offiziell. Inoffiziell sind es etwa doppelt so viel - man zählt ja all die nicht mehr mit, die keine Arbeitslosen-Unterstützung mehr erhalten. Ich sehe nicht, dass es irgendwie besser wird. Und Wall Street versucht gerade einen neuen Weg zu finden, um weiterhin straflos mit dem von ihnen geschaffenen wahnsinnigen Glücksspiel-System davonzukommen. Und das in einem Land, in dem Glücksspiel illegal ist! Bis auf Las Vegas und ein paar staatliche Lotterien. Aber Wall Street haben wir das Glücksspiel erlaubt. Sie haben mit dem Geld anderer Leute gespielt.

Und da sind wir! Die brauchen mehr als nur ein paar Regulierungen. Wir brauchen eine andere Wirtschaftsstruktur.

Die letzte Generation hat nach der Theorie gewirtschaftet, dass Schulden, jede Form von Schulden akzeptabel seien. Ohne Grenzen. Solange die Schulden nur in solche esoterischen Instrumente wie Derivate verlagert werden. Viele Wirtschaftswissenschaftler halten die Überschuldung der USA für die Ursache der Krise...

Michael Moore: Ja. Aber ich glaube nicht, dass dies wirklich das Hauptproblem ist. Unser Problem ist nicht, dass ein paar Leute zu hohe Schulden gemacht haben. Was bedeutet Verschuldung wirklich? "Verschuldung" im Sinne unserer Wirtschaftswissenschaftler ist aber vor allem, dass die Leute ihre Arzt- und Krankenhausrechnungen nicht mehr bezahlen können. Die Gesundheitsrechnungen sind der Hauptgrund dafür, dass Privatleute pleite gehen, und Familien ihre Häuser verlieren. Weil sie plötzlich ihre Raten nicht bezahlen können. Das wird öffentlich einfach totgeschwiegen. Und es wird sogar noch jetzt totgeschwiegen, obwohl wir uns derzeit in den USA mitten in einer Gesundheits-Reform befinden.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte. Bild: Concorde

Wir haben Wall Street erlaubt, die industrielle Struktur unseres Landes zu ruinieren. Die Jobs der Industrie haben die Einkommen der Mittelklasse finanziert. Die Mittelklasse hat diese Einkommen genommen, und dafür Produkte gekauft, die Herstellung dieser Produkte hat wiederum Jobs für andere Leute geschaffen - so hat es funktioniert. Aber dann hat man rausgefunden, dass man noch mehr Geld damit verdienen kann, dass man möglichst viele Leute entlässt. Zumindest erzielt man damit Kurzzeit-Profit und Kurzzeit-Gewinne. Denn die, die bleiben, müssen dann doppelt so viel arbeiten.

Etwa seit Reagans Machtantritt hat sich die Produktivität in Amerika nahezu verdoppelt, aber die Einkommen wurden eingefroren. Also: die Leute werden - inflationsbegradigt - genauso bezahlt, wie vor 30 Jahren, aber sie produzieren doppelt so viele Güter. Das ist so eine geniale Idee, mit der das Unternehmensamerika (Corporate America) da angekommen ist: Man schmeißt die Hälfte der Leute raus und lässt die übrige Hälfte die ganze Arbeit machen. Ich denke, dass diese Leute Amerika ruiniert haben und dabei sind, den ganzen Planeten zu ruinieren. Sie müssen gestoppt werden! Reform ist nicht genug.

Journalisten bekommen übrigens noch nicht einmal die Hälfte.

Michael Moore: Journalisten... Ja. Wenn ich in Amerika die Interviews für meinen Film mache, dann denke ich: Wahrscheinlich ist das jetzt mein letztes Interview mit dieser Zeitung oder Zeitschrift, denn nächstes Jahr wird es sie gar nicht mehr geben. Das Mediensterben ist riesig. 400 Jahre lang gab es Zeitungen - der Kapitalismus hat die Printmedien gemordet, zumindest in Amerika.

Die Zeitungen haben die Verdummung unterstützt

Zeitungen sollten wie Gesundheitsversorgung keine Profitindustrie sein.

Michael Moore: Ganz genau! Lassen Sie mich noch etwas zu den Medien sagen: Wir müssen uns daran orientieren, was für das Allgemeinwohl das Beste ist. Wir brauchen eine starke und vor allem unabhängige Presse. Unabhängig ist sie, wenn sie nicht den wirtschaftlichen Profit zum einzigen Ziel erhebt. Heute ist es zu spät, das Rad herumzudrehen. Printjournalismus wie wir ihn kennen, wird sterben, und es wird etwas anderes daraus entstehen.

In Amerika neigen die Verleger dazu, das Internet dafür verantwortlich zu machen: Dort gibt es alles frei und kostenlos... Dies sei der Grund. Der wahre Grund ist, dass die Zeitungen nicht die Interessen der Leser bedienen. Wer etwas wissen will, geht ins Internet. Kein Leser kauft eine Zeitung, bei der die Hälfte aus reinen Anzeigen besteht, und die Hälfte der zweiten Hälfte aus versteckten Anzeigen und der Rest vor allem aus Agenturmeldungen und oberflächlich rechechierten Geschichten. Darum gehen die Leute ins Internet.

Es geht aber auch anders: In Schweden verkaufen sie genug Tageszeitungen. Eine pro Bürger, Babys eingeschlossen. Warum? Nicht Anzeigen sind das Wichtigste, sondern Auflage. Und die Zeitungen schlagen sich ab und zu auf die Seite der Leute, sie sind unabhängig, sie sind gut recherchiert. Darum will man sie lesen, und ist bereit, einen Euro dafür zu zahlen. Das ganze Muster ist falsch: Anzeigen zuerst bedeutet, sich auf die Seite der Leute mit dem Geld zu schlagen, und die Leser erst an die zweite Stelle zu setzen. In der Demokratie ist das keine gute Idee. Denn dort braucht man starke, unabhängige Medien, die der Wachhund der Regierung sein können. Ich denke, dass unsere Medien sich selbst den Hals durchgeschnitten haben, indem sie Anzeigenaufkommen und unglaublichen Profit zur Hauptsache gemacht haben: 20 Prozent, 30 Prozent, und wenn man das nicht schafft, ist das schnell das Ende. So funktioniert das nicht in Amerika.

Lassen sie mich noch eines hinzufügen: Bei den 17 Präsidentschaftswahlen zwischen 1940 und 2004 haben die amerikanischen Tageszeitungen mehrheitlich 14 Mal die Republikaner unterstützt. 14 von 17! Zeitungen haben die Partei unterstützt, die den Bildungssektor massiv gekürzt hat, die Alphabetisierungsprogramme abgeschafft hat, etc, etc. Darum haben wir heute 40 Millionen erwachsene de-facto-Analphabeten. Das heißt: Die Zeitungen haben eine Politik unterstützt, die eine Nation produziert hat, in der die Leute analphabetisch sind, ungebildete, ignorant, jedenfalls mit Sicherheit wenn es um irgendetwas außerhalb Amerikas geht - und dann wundern sie sich, wenn keiner mehr die Zeitung liest.

Was haben Sie eigentlich mit dem vielen Geld gemacht?

Da wir über den Non-Profit-Sektor reden: Wie werden Ihre Filme finanziert?

Michael Moore: Durch zwei der größten Medien-Titane der USA: Liberty Media und Paramount. Das sind die zwei, die das Geld locker gemacht haben.

Darum heißt der Film "Capitalism - a Love Story"?

Michael Moore: Ja, denn ich liebe sie dafür, dass ich den Film machen konnte.

Naja, ihre Filme machen ja auch Gewinn. Also was haben Sie angesichts ihrer skeptischen Ansichten über Kapitalismus, eigentlich mit dem vielen Geld gemacht?

Michael Moore: ich hab mir ein Boot gekauft... Nein, stimmt nicht, kleiner Scherz. Nun, die eigentliche Frage, die Sie stellen, ist ja: Warum geben diese Leute Geld für einen Typ, der diametral gegen alles ist, wofür sie stehen?

Ich kann diese Filme machen, weil ich das Glück habe, eine der wunderschönsten Schwächen des Kapitalismus auszunutzen: Ein Kapitalist wird Dir noch den Strick verkaufen, an dem Du ihn dann aufhängst, wenn der damit was verdient. Und weil ich den Studios Geld bringe, kann ich machen, was ich will. Ich verspreche Ihnen: Jeder Film, den ich gemacht habe, ist profitabel, und hat schwarze Zahlen und damit viel Geld gemacht. Das bringt mich aus Studiosicht in eine sehr begehrenswerte Position: Eine Dokumentation die ich für eine Handvoll Dollars mache, bringt zwischen 20 und 50 Millionen Dollar. Oder im Fall von "Fahrenheit 9/11" 120 Millionen. Und das sind nur die USA. Wenn Sie bei "Fahrenheit 9/11" die Rechte für die ganze Welt einberechnen, TV-Rechte und DVD-Erlöse, dann kommen sie auf eine halbe Milliarde Dollars!

Michael Moore in "Fahrenheit 9/11". Bild: Frenetic Films

Also: Ich glaube, es ist ihnen völlig egal, was ich denke. Diese Firmen sind nicht ideologisch, sie sind nicht republikanisch oder demokratisch. Sie wollen Geld machen. Letztendlich kommt es auch hier auf die Zuschauer an: Wenn Sie meine Filme einfach nur lustig finden, dann nach Hause gehen, ein Bier trinken und einschlafen, dann geht es so weiter. Darauf zählen Sie: Denken Sie daran: Die großen Medienkonzerne haben aktiv daran mitgearbeitet, uns zu verdummen. Sie haben das Kino in einen Ort verwandelt, an dem sich die Menschen "einfach nur amüsieren" wollen, und sich von Politik gestört fühlen. Wenn die Leute aber aus dem Kino kommen, und wirklich etwas verändern wollen, und es auch tun, dann mag das dazu führen, dass man mich keine Filme mehr machen lässt. Aber keine Sorge: Ich habe mein eigenes Geld zusammengehalten und gespart, und denke, ich werde immer in der Lage sein, meine Filme zu machen.

Ich möchte Sie nicht desillusionieren, aber könnte es nicht sein, dass Ihre Filme darum Erfolg haben, weil sie sie sehr unterhaltsam erzählen und gar nicht wegen ihrer Botschaft?

Michael Moore: Ja, kann schon sein. Aber es gibt Untersuchungen: Meine Zuschauer sind für eine Gesundheits-Reform. Sie sind gegen den Irak-Krieg. Wie übrigens auch die Studiobosse in Hollywood. Ich habe eine gute Beziehung zu Hollywood, weil viele dieser Individuen persönlich viel von meinen Inhalten unterstützen. Sie wollen auch nicht in einer Welt leben, in der Präsidenten lügen, und jedes Kind an eine scharfe Waffe herankommt, wenn es will. Aber wir alle sind natürlich Teil dieser Maschine, die verändert werden muss. Ganz klar. Wir alle kennen Leute, die etwas ändern könnten oder müssten.

Internet: "Die tollste Erfindung während meines Lebens"

Ich wüßte gerne, wie Sie über die Rolle des Internet in diesem System denken. Es ist sehr frei und kosenlos. Ist das gut?

Michael Moore: Es ist die tollste Erfindung während meines Lebens. Wir können über Kontinente kommunizieren. Ich kann ganz schnell online sehr viel recherchieren. Früher hätte ich monatelang durch die Archive reisen müssen, um das zu finden, was ich heute an einem einzigen Tag Online-Recherche finde. Ich denke das Internet ist großartig. Wir müssen nur darauf achten, dass es in den Händen der Bürger bleibt.

Glauben Sie, dass der Amtsantritt von Barak Obama fundamentale Änderungen bringt?

Michael Moore: Der 4. November 2008 war ein sehr emotionaler Tag - für mich wie für Millionen in Amerika und in der Welt. Acht Jahre Wahnsinn kamen an ihr Ende. Seine Botschaft an den Iran, in der er zugab, dass wir Amerikaner dafür verantwortlich waren, dass 1953 die demokratisch gewählte, legale Regierung weggeputscht wurde, das war eines von vielen sehr erstaunlichen Dingen, die er in den ersten Monaten seiner Amtszeit getan hat. Ich bleibe voller Hoffnung, dass er etwas erreicht - trotz aller Umstände, die dagegen sprechen, einschließlich seiner rückgratlosen Parteifreunde im Kongress. Ich hoffe, dass er dem Geist treu bleibt, der seine Kandidatur auslöste.

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte. Bild: Concorde

Ich kann jetzt nicht sagen: Irgendein Satz im Film richtet sich an ihn persönlich. Ich erinnere mich immer an diese berühmte Anekdote über Präsident Franklin D. Roosevelt. Nach ein paar Jahren Amtszeit sprach ihn eine alte Frau an: "Sie haben uns doch eine Sozialversicherung versprochen. Warum gibt es sie immer noch nicht?" Roosevelt antwortete: "Well M'am. You have to make me do it." "Sie müssen mich dazu bringen, dass ich das mache." So ist es: Obama braucht uns US-Bürger, damit der die Dinge auch tun kann, die der tun will. wenn wir ihm nicht im Nacken sitzen, wird es nicht geschehen.

Aber nachdem Sie den Film "Sicko" über das Desaster des Gesundheitssystems gemacht haben: Wie erklären Sie sich, dass so viele ihrer Mitbürger auch nur die Idee der Einführung allgemeiner Krankenkassen als feindlichen Angriff verstehen? Dass über die Hälfte aller Amerikaner eine allgemeine Gesundheitsversorgung als Bedrohung ihres persönlichen Wohlstands, als Attacke auf ihre persönliche Sicherheit verstehen?

Michael Moore: Wissen Sie: Es gibt eine relativ neue Umfrage der Zeitschrift "National Geographic" unter jungen erwachsenen US-Amerikanern zwischen 18 und 25 Jahren. Nach der können 60 Prozent Großbritannien nicht auf der Weltkarte finden. 60 Prozent können auch Israel nicht finden. Um die 80 Prozent wissen nicht, wo der Irak liegt. Nebenbei gesagt: Wenn man eine Invasion plant, sollte es erforderlich sein, dass die Mehrheit der Bürger weiß, wo das Land liegt. Es sollte ein Gesetz dafür geben: Vor einer Invasion muss man einen schriftlichen Test absolvieren: Wer das Land nicht auf der Karte findet, darf nicht bei der Invasion mitmachen. Mit anderen Worten: Ich lebe in diesem Land. Mich überrascht in der Hinsicht gar nichts mehr. Ich könnte ihnen noch eine lange Liste anderer Dinge nennen: Die Mehrheit der Amerikaner kennt noch nicht einmal die zwei Senatoren ihres Bundesstaats.

Michael Moore in "Sicko". Bild: Dog Eat Dog Films

Wir leben in einem System fortwährend verstärkter Ignoranz. Es wird ermutigt durch Schulen, die ihren Schülern nichts beibringen und durch eine Gesellschaft, deren Medien ihre Aufgabe nicht wahrnehmen. Nein, es überrascht mich nicht, was Sie sagen. Sie in Europa haben relative soziale Sicherheit, also kann ich Ihnen nur sagen: Nehmen Sie uns nicht zum Vorbild! Glauben Sie uns nicht!

Warum machen Sie überhaupt Ihre Filme? Wollen Sie die Gesellschaft verändern? Oder machen Sie einfach gerne Filme?

Michael Moore: Wenn es nur um die Politik ginge, gäbe es auch andere Wege. Ich liebe Filme. Wenn die ganz normalen Leute am Freitagabend ins Kino gehen, 10 Dollar für eine Karte ausgeben, 7 Dollar für Popcorn, noch was für den Babysitter, dann will ich ihnen etwas bieten: Eine gute Geschichte, mit interessanten Figuren, Schauplätze wo man noch nie war, überraschende Einsichten und etwas zum nachdenken. Die Menschen haben einen Anspruch darauf, nicht für dumm verkauft zu werden. Und die sogenannte "reine Unterhaltung" macht genau das.

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