Was Doppelgänger denken

Unser Universum ist nur eines von vielen – behaupten seriöse Kosmologen. Damit gibt es auch gute Argumente für die Existenz von Doppelgängern. Philosophen streiten darüber, ob diese dasselbe denken wie wir.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen neuen Fernsehanschluss. Unendlich viele Kanäle hat der Verkäufer versprochen. Sie schließen den Receiver an und zappen begeistert durch die scheinbar unerschöpfliche Programmvielfalt, bis Sie nach einer Weile enttäuscht feststellen: Es gibt lauter Wiederholungen. Hat man Sie übers Ohr gehauen? Nein – es geht gar nicht anders! Unendlich viele Programme sind schlicht zu viel für einen Fernseher mit endlich vielen Bildpunkten. Es gibt unvorstellbar viele, aber eben nicht unendlich viele Möglichkeiten, die Pixel zu einem Bild zusammenzusetzen, und die Bilder zu einem Film. Irgendwann ist jede erdenkliche Sendung bis zu einer gewissen Länge ausgestrahlt. Was dann läuft, ist schon mal gelaufen und wird noch unzählige Male laufen.

So ähnlich ist es im Kosmos, wenn man an die Existenz von Paralleluniversen glaubt. Unser Heimatuniversum ist demnach riesig, aber endlich. Hinter dem Horizont gibt es weitere Universen, hinter ihnen noch mehr und noch mehr. Und im Prinzip funktionieren Universen wie Fernsehsendungen. Raum, Zeit, Energie und Materie sind atomisiert – gepixelt. Wenn das Multiversum – so nennen Physiker die Gesamtheit aller Universen – aus unendlich vielen dieser endlichen Parallelwelten besteht, sind Wiederholungen unvermeidlich. Wie im Fernsehen, mit einem wichtigen Unterschied: Vor dem Fernseher sind wir bloß Zuschauer. In der wirklichen Welt sind wir Teil der Handlung und damit Teil der Wiederholung. Jeder ist schon mal dagewesen und hat alles, was er tut, schon mal getan. So und so ähnlich.

In den Weiten des Multiversums existieren Welten, die unserer bis aufs letzte Atom gleichen, mit exakten Kopien unserer Milchstraße, unseres Sonnensystems, unserer Erde und jedes Menschen. In manchen Universen imitieren Ihre Doppelgänger jede Ihrer Bewegungen bis ins Detail. Andere Universen weichen ab: Ihr Doppelgänger steht auf, wenn Sie sitzen bleiben. Oder fällt mit Herzinfarkt vom Stuhl.

Das klingt verrückt, ist aber ernst gemeint. Immer mehr Physiker glauben, dass es nicht nur ein All, sondern viele Universen gibt. Es sind nicht mehr nur ein paar Exzentriker, die die Theorie des Multiversums vertreten. Es ist die Führungselite der Theoretischen Physik.  

Im Multiversum nimmt jede erdenkliche Geschichte ihren Lauf. Je nach Sichtweise ist das Multiversum die spannendste oder die langweiligste aller Welten. Einerseits hat es alles zu bieten, was nur passieren kann. Andererseits bietet es nichts Neues, nur das Leben als Endlosschleife.

"Alles in unserem Universum – einschließlich Ihnen und mir, jedes Atom und jede Galaxie – hat ein Pendant in anderen Universen", glaubt David Deutsch, ein kauzig-genialer Physiker von der Universität Oxford, der durch seine Theorie eines Quantencomputers berühmt wurde. Der Kosmologe Max Tegmark vom Massachusetts Institute of Technology behauptet: "In einem unendlich großen Universum muss man nur weit genug gehen, und dann wird man eine zweite Erde mit einer Kopie von Ihnen finden". Selbst Sir Martin Rees, der Präsident der ehrwürdigen britischen Royal Society, nimmt das Szenario ernst. "In einem unendlichen Ensemble von Universen wäre das Vorhandensein einiger weniger, besonders ausgezeichneter Universen mit den besonderen Voraussetzungen zur Entstehung von Leben kaum überraschend", schreibt er in seinem Buch Das Rätsel des Universums.

Doch von unseren Doppelgängern fehlt bislang jede Spur. Warum hören wir nichts von ihnen? Warum sehen wir sie nicht mit dem Hubble-Teleskop oder empfangen ihre Signale mit den Radioteleskopen? Und warum sind gestandene Professoren dennoch so felsenfest überzeugt von ihrer Existenz?

Mit Affen rechnen

Wissenschaftler, die an Doppelgänger glauben, argumentieren meist mit zwei Theorien: Wahrscheinlichkeitstheorie und Quantenphysik. Das Multiversum, so das Argument aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, ist so gewaltig, dass alles, was eine Wahrscheinlichkeit größer Null hat, irgendwo passieren muss – also auch die Geburt unserer Doppelgänger. Es ist wie mit dem unsterblichen Affen, der wahllos in die Tasten einer Schreibmaschine haut, einem berühmten Gedankenexperiment, das Schriftsteller, Philosophen und Mathematiker seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Varianten erzählen. Eine beliebte Version, angelehnt an ein Szenario des französischen Mathematikers Émile Borel von 1909, geht so: Hätte der Affe unendlich viel Zeit und würde er die Buchstaben einer Schreibmaschine rein zufällig anschlagen, so würde er nicht nur Abermilliarden Zeilen unverständlichen Buchstabensalat hervorbringen, sondern eines Tages mit ziemlicher Sicherheit auch Shakespeares Hamlet – ohne einen einzigen Tippfehler.

Auch Harry Potter, Faust I und II, die Bibel und den Koran sowie den Fermatschen Beweis würde der Affe irgendwann zufällig in die Tasten hauen, ebenso alle Dieter-Bohlen-Biografien, Doktorarbeiten und Kochbücher, die von Menschen erst noch geschrieben werden müssen. All das ist sehr unwahrscheinlich, und der Affe müsste viel länger an der Schreibmaschine sitzen als die 14 Milliarden Jahre, die das Universum heute alt ist. Schon die Wahrscheinlichkeit, dass er die ersten zwanzig Buchstaben von Hamlet tippt, ist so gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in vier Lottoziehungen hintereinander den Jackpot knackt. Die Wahrscheinlichkeit für den gesamten Affen-Hamlet ist noch unvorstellbar viel kleiner, aber eben nicht null, und daher wird er irgendwann geschrieben, denn der Affe hat ja ewig Zeit.

Mit diesem Gedankenexperiment, genannt "Infinite Monkey Theorem", führen die Gelehrten sich und uns die Macht der Unendlichkeit vor Augen. Seine Essenz: Jede (endliche) Buchstabensequenz kommt in einer unendlichen Zufallsfolge von Buchstaben tatsächlich vor. Was mit "odixc z wnxclfdghasl pqqmybn" beginnen kann, enthält irgendwann "Sein oder Nichtsein". Angewandt auf die Kosmologie folgt aus dem Affen-Theorem: Ein Ereignis mit noch so kleiner Wahrscheinlichkeit tritt in einer unendlichen Welt tatsächlich ein.

Warum bringt diese Welt tatsächlich Zwillingsuniversen hervor? Könnten im unendlich großen Multiversum nicht auch unendlich viele unterschiedliche Subuniversen existieren, jedes anders, ohne Wiederholung? Nein, sagen Kosmologen wie Alexander Vilenkin von der Tufts University in Massachusetts, dies verhindert die Quantenphysik. In jedem Ausschnitt des unendlichen Raums gibt es nur eine endliche Menge Elementarteilchen wie Elektronen und Quarks (aus denen die Atome bestehen). Und der Quantenphysik zufolge gibt es nur eine endliche Anzahl von Möglichkeiten, die Elementarteilchen im Raum anzuordnen. Jedes Subuniversum gleicht demnach einem Schachbrett: Die Elementarteilchen dürfen nur die Felder besetzen, nicht die Linien dazwischen. Würden wir unser Universum Elektron für Elektron, Quark für Quark, Atom für Atom woanders im Multiversum nachbauen, hätten wir also nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, die Atome anzuordnen.

Damit ist das Kopiergerät für Universen fertig. Zwar baut kein höheres Wesen unser Universum anderswo Atom für Atom nach. Aber das braucht es auch nicht. Zufall und Unendlichkeit übernehmen das. Der Zufall verteilt die Materie nach dem Urknall im Raum. Die Unendlichkeit sorgt für die Wiederholungen: Demnach ist es nur eine Frage der Entfernung, bis man aus statistischen Gründen auf gedachte Sphären im Multiversum trifft, die so aussehen wie unsere, inklusive Doppelgänger der Erde und des Menschen. Man muss in Gedanken nur weit genug reisen. So wie der Affe nur lange genug tippen muss, um eines Tages die fünf Akte des Hamlet hervorzubringen. So wie man nur lange genug zappen muss, um in unendlich vielen Fernsehkanälen auf eine Wiederholung zu stoßen.

Denken alle Klone dasselbe?

Finden wir uns für einen Moment damit ab: Es gibt Zwillingsuniversen, in denen physikalische Doppelgänger von uns leben. Aber denken, glauben und empfinden sie genauso wie wir, nur weil sie bis aufs letzte Atom gleich gebaut sind – somit also auch die gleichen Gehirnzustände haben? Kann man das Bewusstsein eines Menschen überhaupt mit dem eines anderen vergleichen? Hartgesottene Naturwissenschaftler neigen zu der Annahme, dass Bewusstsein nichts als ein Muster von Neuronenaktivität ist. Aber vielleicht machen sie es sich damit zu einfach. Für Philosophen ist die Frage noch lange nicht geklärt. 

Reduktionisten wie Daniel Dennett von der Tufts University glauben, dass es gar nichts zu vergleichen gibt: Wir haben keine subjektiven Zustände, nur materielle. Sie und Ihr Doppelgänger im Paralleluniversum wären also wirklich ununterscheidbar. Die gegenteilige Ansicht vertritt David Chalmers aus Australien. Er glaubt, dass das subjektive Erleben eines Menschen nicht auf seinen materiellen Zustand reduzierbar ist. Im Extremfall würde Ihre Kopie im Kino überhaupt nichts erleben, während Sie mitfiebern. Wenn Sie etwas schmecken oder fühlen, tut er nur so. Er spukt durch seine Welt wie ein Zombie, eine tote Maschine aus Fleisch und Blut. Chalmers glaubt also an eine Seele jenseits der Moleküle, Philosophen reden vom Dualismus. Nur: Woher haben wir sie, und warum fehlt sie dem Zombie? Das kann auch Chalmers nicht sagen. Vielleicht haben Sie einfach das richtige Universum erwischt. Ihr Doppelgänger wird sein Pech nie bemerken.

Einen Kompromiss zwischen den Extrempositionen suchte der 2003 verstorbene amerikanische Philosoph Donald Davidson. Er war kein Dualist wie Chalmers, sondern Monist wie Dennett: Alles ist Materie. Und dennoch war er überzeugt, dass zwei Menschen in exakt dem gleichen physikalischen Zustand verschieden sein können. Und auch er hat sich einen Doppelgänger für sich ausgedacht, nur spielt sein Gedankenexperiment nicht in einem fernen Universum, sondern auf der Erde. Es beginnt mit einem unglaublichen Zufall: Über einem Sumpf tobt ein Gewitter. Ein Blitz formt aus den Molekülen des Sumpfs einen Körper, der Davidson bis ins letzte physikalische Detail gleicht – der doppelte Davidson. Käme die Kopie aus dem Sumpf in Davidsons Alltagswelt spaziert, dann würde sie exakt wie das Original handeln. Aber ist sie der gleiche Mensch?

Davidson (das Original) bestreitet es. Er weigert sich sogar, seinen plötzlich materialisierten Doppelgänger als Menschen zu betrachten, sagt "es" statt "er". Zwar gesteht Davidson dem Gehirn des Sumpfmanns die subjektiv gleichen Bewusstseinszustände zu wie seinem eigenen. Aber diese Zustände haben verschiedene Ursachen. Wenn der Sumpfmann zum Beispiel so tut, als würde er einen Freund des Originals wiedererkennen, dann trügen ihn seine Erinnerungen. Der Blitz hat sie verursacht, nicht jener Freund. Der Sumpfmann kann sich nicht an jemanden erinnern, dem er noch nie begegnet ist. Seinen Gedanken und Gefühlen, wenn er denn welche hat, fehlt der Bezug. Er glaubt zwar, sich zu erinnern, aber seine Erinnerungen sind falsch. Für Davidson war das Bewusstsein doch mehr als bloß Hirnphysiologie.

Unsere Doppelgänger in anderen Welten sind keine Sumpfmänner. Sie haben eine Vergangenheit und echte Gedanken und Erinnerungen. Aber sie erinnern sich an andere Dinge als wir, an Duplikate unserer Welt. Unser Leben spielt auf unserer Erde, ihres auf ihrer. Niemand lebt auf allen Erden gleichzeitig. Wir müssen nicht um unsere Identität bangen im Multiversum.

So oder so wäre es spannend, die Doppelgänger mal persönlich kennenzulernen. Das allerdings wird schwierig. Max Tegmark hat mithilfe von Quantentheorie und Wahrscheinlichkeitsrechnung überschlagen, wie weit unsere Doppelgänger von uns entfernt wohnen. Es ist eine grobe Schätzung, man kann sie auf eine Serviette im Restaurant kritzeln. In ungefähr 10 hoch 10 hoch 29 Metern Entfernung leben demnach die nächsten Kopien von uns. Das ist sehr weit weg, viel weiter als der Horizont unseres Universums. Zu weit, um von einem Doppelgänger jemals einen Anruf zu bekommen.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Die verrückte Welt der Paralleluniversen", das vor kurzem im Piper-Verlag erschienen ist.

Auf ihrer Website vielewelten.de bieten Tobias Hürter und Max Rauner Nachrichten aus dem Multiversum an.

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