"Alles tun für einen festen Job"

21.11.2009

Studie sieht Qualität und Unabhängigkeit des Journalismus bedroht

Um den Zustand des Qualitätsjournalismus in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Die meisten Faktoren, die sich wesentlich auf die Güte und die mittel- bis langfristigen Rahmenbedingungen der journalistischen Arbeit auswirken, haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Hochschule Darmstadt. Heute stünden wir dem Problem "insbesondere der Güte und Unabhängigkeit journalistischer Berichterstattung" gegenüber, so Studienleiter Professor Geribert E. Jakob vom Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt in seinem Fazit.

Die Medienanalyse mit dem Titel Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus untersucht die Veränderung von zehn Faktoren wie Geld, Zeit, Organisation, Recht, Bildung oder Digitalisierung, die Einfluss auf die Qualität des Journalismus haben. Sie beruht auf der Durchsicht aktueller Literatur zum Thema, ergänzt durch Interviews mit Medienprofis.

Vorangestellt wird eine Definition dessen, was unter Qualitätsjournalismus zu verstehen ist. So wird der Dortmunder Journalistikprofessor Horst Pöttker zitiert, die Kernaufgabe von Journalisten bestehe darin, Öffentlichkeit für alle gesellschaftlichen Probleme und Tatbestände herzustellen, und zwar in einer verständlichen Weise. Und man solle als Journalist auch jene Themen aufgreifen, die die Gesellschaft nicht oder noch nicht hören wolle. Qualitätsjournalismus hieße also nicht, nur dem Leser nach dem Mund zu reden oder nur nach der Quote zu schauen, nur den Zuspruch der Rezipienten als Qualitätskriterium anzuerkennen, sei falsch. Letztendlich, so die Autoren der Studie, sei der Konflikt um den Qualitätsjournalismus "im Kern ein Konflikt zwischen Kommerz sowie einem kulturell zu definierenden journalistischen Anspruch".

Was Journalismus mit Kommerz zu tun hat, macht die Zustandsanalyse des ersten Faktorenfeldes "Geld" deutlich. Hier wird konstatiert, dass die wirtschaftliche Lage der Verlage sich in den vergangenen Jahren durch Anzeigenrückgänge verschlechtert habe. Eine Folge ist die Ersetzung von festangestellten Redakteuren durch freie Journalisten, die schlechter bezahlt und somit kostengünstiger sind. Für diese Freien waren die vergangenen Jahre keine guten Jahre: Ein Drittel der Freien verlor wichtige Auftraggeber oder berichtete von Honorarkürzungen. Das durchschnittliche Einkommen der Befragten lag bei rund 2.000 Euro monatlich. Seit Mitte 2008, dem Beginn der Finanzkrise, verzeichnet jeder dritte freie Journalist deutliche Einkommenseinbußen.

Ein freier Journalist beklagt in einem Interview der Studie den Unterschied zwischen Freien und Festangestellten: "Redakteure können heute nach guten Verhandlungen immer noch 80.000 Euro und mehr im Printjournalismus verdienen. Als Freiberufler ist das nahezu unmöglich, so viel zu verdienen. Die Honorare sind zum größten Teil so gering, dass man Schwierigkeiten hat, davon zu leben." Deshalb "blutet" der freie Journalismus sozusagen aus, die Journalisten hören auf, ihr Geld mit Journalismus zu verdienen: "Gerade die Guten mit Alternativen suchen sich etwas Besseres."

Die Betriebswirte haben die Herrschaft in den Redaktionen übernommen - die Journalisten haben es nur noch nicht bemerkt.

Geribert Jakob

Ein weiterer Faktor, der Einfluss auf den Journalismus nimmt, ist die Rekrutierung des Nachwuchses. Hier verweist die Studie darauf, dass Journalisten in der Regel aus der Mittelschicht stammen, unter den Absolventen von Journalistenschulen kommen die Kinder von Arbeitern so gut wie gar nicht vor. Dies begünstige einen marktkonformen Journalismus und den Trend zum Mainstream. Die Ausbildung in Journalistenschulen sei sehr praktisch und dabei sei die Rolle des anwaltschaftlichen Journalismus verloren gegangen. Durch die Ferne der Journalisten zu anderen Bevölkerungsschichten würden deren Themen in den Hintergrund gerückt. Aber nicht nur das: Sie empfinde den Nachwuchs als "sehr angepasst", so das Urteil einer Medienfrau im Interview. Ethik sei für viele ein Luxusgut oder gar ein Fremdland, manche junge Journalisten hätten so viel Angst vor der Zukunft, dass sie bereit wären, für einen festen Job alles zu tun.

Weitere Tendenzen: Da Zeit Geld ist, steht den Redakteuren immer weniger Zeit für die Recherche zur Verfügung. Arbeitsroutinen verändern sich, weniger das Sammeln als das Bewerten von Informationen wird wichtig, organisatorische Veränderungen wie die Zusammenlegung von Redaktionen können zum Verlust von Vielfalt führen. Zu den rechtlichen Rahmenbedingungen des Journalismus konstatiert die Studie, die Rechtspraxis habe sich in den vergangenen Jahren nicht zum Vorteil für die journalistische Recherche verändert. Weiter werde die Meinungsvielfalt durch Monopolisierungsprozesse bedroht, Werbung und PR gewännen immer mehr an Einfluss, während die Digitalisierung das Nutzerverhalten ändere.

Die Studie bleibt nicht bei der Zustandsbeschreibung, sondern bietet zu jedem Problemfeld auch Lösungsvorschläge. So werden zum Thema Geld auch alternative Finanzierungsmöglichkeiten von Medien wie etwa durch neue staatliche Förderinstrumente diskutiert. So fördere das niederländische Bildungsministerium seit 2002 über einen staatlichen Topf zahlreiche kleinste und kleine zivilgesellschaftliche Medieninitiativen. Die Projekte müssen zur Meinungsbildung, Partizipation und Informationsvermittlung im Internet beitragen können. Und zum Faktor Eigentum/Monopolisierung etwa verweist die Studie auf die Möglichkeit von Redaktionsstatuten, die die Unabhängigkeit der Redaktion gegenüber dem Eigentümer festschreiben.

Als Bilanz warnt die Studie vor einer Tendenz der "Verseichtung und Entertainisierung" in den Medien und deren Folgen: Eine weitgehende Unfähigkeit, "an gesellschaftlich-politischer Entwicklung teilzunehmen, mit katastrophalen Folgen für den europäischen Kulturraum", warnt Geribert Jakob.

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