Der Kampf um den Schleier

Die feministische Muslimin Asra Nomani über den Schleier, den Gender Dschihad und den Islam als Modephänomen

Seit Oktober dieses Jahres dürfen das Lehrpersonal und die rund 500.000 Mädchen der Al-Azhar-Universität und der ihr angeschlossenen Bildungsinstitutionen in Kairo keinen Nikab mehr tragen. Das Verbot des Gesichtsschleiers, der nur einen Sehschlitz frei lässt, initiierte kein geringerer als Mohammed Sayed al-Tantawi, Großscheich der Kairoer Universität und Imam der Al-Azhar-Moschee. Er hatte den Nikab als religiös nicht zulässig erklärt. "Das ist eine Tradition und hat mit Religion nichts zu tun". Ein Urteil, das in Zukunft auch in der europäischen Debatte um das Recht der muslimischen Frau auf Verschleierung eine wichtige Rolle spielen kann. Alle Gegner der Verhüllung des weiblichen Gesichts können sich nun auf einen der höchsten Rechtsgelehrten des sunnitischen Islam berufen.

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Eine von ihnen ist die 44-jährige US-Amerikanerin Asra Nomani. Die aus Indien stammende gläubige Muslimin war 15 Jahre lang Reporterin für das Wallstreet Journal, bevor sie als feministische Muslimin für den Gender Dschihad zu kämpfen begann.

Bild: Michaela Simon, Ägypten 2009

Das Urteil von Mohammed Sayed al-Tantawi bedeutet für Musliminnen in Europa, die auf ihr Recht bestehen, einen Schleier zu tragen, wohl einen herben Tiefschlag. Jeder Richter oder Politiker kann nun argumentieren, der Schleier habe nichts mit dem Islam zu tun. Gerade für alle rechts von der Mitte ist es eine Trumpfkarte.

Asra Nomani: Das mag schon sein. Aber ich finde es gut, dass die Al-Azhar-Universität eine Führungsrolle übernommen hat. Wir brauchen die Führer des Mainstreams des Islams, um endlich wieder Vernunft in die Religion zu bringen. Ich bin richtig froh, dass al-Tantawi sich mit einer Ideologie angelegt hat, die wirklich erschreckend ist.

Was ist so erschreckend am Nikab, den Sie am liebsten ganz verbieten würden?

Asra Nomani: Er ist ein Symbol für eine sehr puritanische und gefährliche Interpretation des Islams. Wenn man sich für den Nikab entscheidet, dann entscheidet man sich für eine sehr wörtliche Auslegung des Korans. Für mich wird das problematisch, wenn man Verse benutzt, um häusliche Gewalt und Selbstmordattentäter zu rechtfertigen, oder wenn einem gesagt wird, man dürfe mit Juden und Christen keine Freundschaft schließen. Oft entschuldigen wir den Nikab in einem Akt der politischen Korrektheit als eine freie Entscheidung von Frauen und vergessen dabei, dass wir unseren Kirchen auch nicht erlauben, Rassismus zu predigen. Der Islam sollte an den gleichen Standards gemessen werden.

Vielen Musliminnen würden jetzt die Haare zu Berge stehen. Sie sind nämlich stolz, den Nikab oder auch den Hidschab (Kopftuch) zu tragen. Eine saudische Journalistin schrieb, dass Frau jetzt bald Angst haben müsse, nicht mehr ihrer inneren Überzeugung folgen zu können.

Asra Nomani: Die puritanische Interpretation des Islams hat den Nikab und den Hidschab als freie Wahl hingestellt. Amerikanische junge Frauen glauben, sie seien stark und unabhängig, wenn sie ihr Haar oder ihr Gesicht bedecken. Dabei wird übersehen, dass es um Sexualisierung und Dämonisierung von Frauen geht, die die Männer vom richtigen Weg ablenken.

Bild: Michaela Simon, Ägypten 2009

Musliminnen sagen, die Bedeckung würde sie vor sexuellen Avancen bewahren, wäre eine Art Schutzfaktor.

Asra Nomani: In Ägypten gab es 2008 vom Zentrum für Frauenrechte eine Studie, die zeigte, dass Frauen, die sich gemäß dem islamischen Kleidungscode anziehen, am häufigsten sexuell belästigt werden. Ich habe das einmal selbst am eigenen Leib erfahren, als ich in Nordindien war, in einer der konservativsten muslimischen Regionen. Mein Hidschab hat mich nicht davor bewahrt, sexuell belästigt zu werden. Das ist auch ein Mythos, der verkauft wird und Frauen fallen darauf herein.

Saudi-Arabien konnte nahezu unkontrolliert eine rigide Form des Islam international propagieren

Al-Tantawi, der Großscheich von der Al-Azhar-Universität behauptet, der Nikab sei nur Tradition. Tatsächlich gab es den Schleier bereits vor 5000 Jahren, als sumerische Tempelpriesterinnen ihn bei der sexuellen Initiation von jungen Männern trugen. Wann kam der Nikab zum Islam?

Asra Nomani: Nehmen wir ein Beispiel aus jüngerer Zeit. Es gibt Koranübersetzungen aus Saudi-Arabien, in den man den Nikab einfach einfügte und ihn so islamisch machte. Mit dem Hidschab ist es nicht anders. Er wird auch zur Pflicht gemacht, obwohl alles nur auf Interpretation beruht.

Was sagt der Koran über die weibliche Bekleidung? Gibt es Vorschriften für die Frau, was sie zu tragen hat?

Asra Nomani: Es gibt keine Anordnung, dass sie ihr Gesicht oder ihre Haare bedecken müsste. Nichts von einem Schal, Kopftuch oder Schleier, nichts von einer Farbe, sei es nun Pink oder Schwarz. Genau so wenig etwas davon, dass die Hände bedeckt werden müssten und sie nur die Augen zeigen könnte. Das sind alles Regeln von Männern. Gemäß der Interpretation, an die ich glaube, muss eine Frau nur maßvoll sein.

Bild: TP, Istanbul 1986

In den Koranausgaben aus Saudi-Arabien, das im letzten Jahrzehnt eine Missionierungskampagne mit Moscheen in aller Welt führte, ist aber alles anders, sagen Sie.

Asra Nomani: Ja und das macht mich als Muslimin sehr betroffen. Die Regierung von Saudi-Arabien konnte nahezu unkontrolliert eine rigide Form des Islam international propagieren. Als Land der Heiligen Stätten des Islams produziert es Koran-Übersetzungen und verteilen sie zum einen an die Millionen von Pilgern, die zur Wallfahrt nach Mekka kommen. Ein anderer Weg ist über die Moscheen, die in aller Welt gegründet wurden. Die Übersetzungen sind sexistisch und intolerant. Ich bekomme immer wieder Korane, in denen steht, ich soll mich mit keinem Juden oder Christen anfreunden, mein Gesicht bedecken, ausgenommen ein Auge, das sichtbar bleiben kann.

Cool ist, einen Glauben zu praktizieren, der abseits westlicher Interpretationen liegt

Saudi-Arabien ist also für die Popularität eines extremen Islam verantwortlich. Ein lukratives Geschäft könnte man beinahe sagen, denkt man an den Krieg gegen den Terror und die gestiegenen Ölpreise, die Saudi-Arabien wie noch nie zuvor Geld verdienen ließ.

Asra Nomani: Das kann man wohl sagen. Und wir machen die saudische Regierung nicht für ihre Komplizenschaft bei der Kreierung dieser gefährlichen Ideologie verantwortlich. Zuerst wurde sie nach Pakistan exportiert, das heute ein Eldorado von militanten Islamisten ist. Danach wurden Proxy-Gemeinden in aller Welt gegründet, die auf Hass und Gewalt basieren. Ich spreche jetzt nicht von irgendwelchen Dörfern in Pakistan, sondern von meiner meine Heimatstadt Morgantown in West-Virginia.

Wie soll das funktionieren?

Asra Nomani: Sie übernehmen Moscheen und lehren eine wahabistische und salafistische Ideologie und der Rest der Gemeinde muss dabei mitmachen. Das funktioniert sehr gut. Männer lassen sich Bärte mit einer bestimmten Länge wachsen, sonst sind sie keine richtigen Muslime. Und Frauen verschleiern sich.

Aber da muss auch ja auch ein Bedürfnis geben. Propaganda alleine ist wohl zu wenig. Gemeinschaftsgefühl, Mode, cool sein?

Asra Nomani: Natürlich gibt es da auch ein Bedürfnis. Cool ist man, wenn man einen Glauben praktiziert, der abseits westlicher Interpretationen liegt. So können junge Frauen denken, sie sind Rebellen, wenn sie den Hidschab tragen.

Bild: Michaela Simon, Ägypten 2009

Auf breiter Ebene eine Fashion-Protestbewegung?

Asra Nomani: Ich glaube ganz bestimmt, dass Religion eine Konsumgüterindustrie ist. Konservative wie liberale Ideen innerhalb des Islam zu verkaufen, ist ein Geschäft. Es gibt eine Modeindustrie: Eine Abaya für 10.000 Dollar in einer Boutique am Golf, Wallfahrtskleidung oder islamisch-moderate Badeanzüge über das Internet. Auf dem liberalen Sektor beispielsweise mit T-Shirts und aufgedruckten Sprüchen wie: So sieht ein radikaler Muslim aus. Ich bin immer wieder erstaunt, was und wie man immer etwas Neues verkauft. Zurzeit ist es islamische Musik. Das Lustigste, was ich kürzlich gesehen habe, war islamische Unterwäsche. Ein G-String und hinten stand drauf bismillah (Im Namen Allahs)

Ob Bewegung oder Mode. Alles hat sein Ende. Wie lange noch?

Asra Nomani: Ich glaube in 20 Jahren ist es zu Ende mit dem Islam als einer monolithischen Religion, die den Frauen den Schleier oder das Kopftuch aufzwingen will. Mohammed Sayed al-Tantawi ist einer der ersten Führer, der indirekt gesagt hat, jetzt ist es genug. Das ist ein guter Trend.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31513/1.html
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