10 Dollar, Taschen voll Gold und Millionen

Thomas Pany 17.11.2009

Afghanische Missverhältnisse und die besten Waffen gegen die Aufständischen

Die britische Anti-Guerilla-Taktik in Afghanistan kennt einen neuen Trumpf: Geld. Etwas märchenhaft mit "Bags of Gold" umschrieben, empfiehlt das neue Armee-Handbuch nun, Geldgeschenke an Afghanen zu verteilen, um sie davon abzuhalten, sich dem Feind anzuschließen. Die Londoner Timeszitiert dazu Major-General Paul Newton: "Die besten Waffen gegen die Aufständischen schießen nicht. 'Bags of Gold' können die Sicherheitsdynamik verändern. Aber das muss mit Maß und Überlegung praktiziert werden. Man kann nicht einfach Geld hinauswerfen."

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Das Maß sind zehn Dollar, die ein normaler Fußsoldat von den Taliban täglich bekommen würde, so die britische Zeitung. Vergleicht man diese Einnahme mit Zahlungen, wie sie offiziell an Regierungsmitarbeiter in der Polizei und in der Armee geleistet werden, dann können sich 10 Dollar am Tag sehen lassen. Laut einer Ausschreibungs-Listeeiner amerikanischen Regierungsseite verdient ein General in der afghanischen Nationalarmee, bzw. bei der afghanischen Polizei 900 Dollar im Monat. Rangniedrige Offiziere, Lieutenants, müssen sich mit 210 Dollar monatlich begnügen, Unteroffiziersdienstgrade wie Sergeants mit 150.

Demgegenüber schätzt das Budget-Office des Weißen Hauses die Kosten für jeden zusätzlichen US-Soldaten, der in Afghanistan die amerikanischen Truppen verstärken soll, auf etwa eine Million Dollar jährlich. Die 30 bis 40 000 Mann Verstärkung für Afghanistan, die im Gespräch sind, würden entsprechend das Staatsbudget mit zusätzlichen 30 bis 40 Milliarden Dollar im Jahr belasten. Auch wenn es das Pentagon anders rechnet und nur die Hälfte der Kosten ansetzt, 500 000 Dollar im Jahr pro zusätzlichen Soldaten, ein gigantisches Missverhältnis bleibt: die Kosten der westlichen Militärmaschinerie gegenüber dem Geld, das afghanische Soldaten bekommen.

Sehr anschaulich wird dies in Beobachtungen beschrieben, die der französische Militärspezialist Michel Goya, Leiter des Institut de recherche stratégique de l'École militaire, in Afghanistan gemacht hat. In seinem Bericht schildert er die Koalitionstruppen wie ein teure Maschinerie, die sich "um sich selbst und für sich selbst dreht" und mit der afghanischen Gesellschaft nur am Rande zu tun hat. Das surreale Moment dieser Präsenz kam ihm besonders an den üppigen Buffets im amerikanischen Camp Poenix zu Bewusstsein.

Goya, der dienstlich als Beobachter der Ausbildung von afghanischen Offiziere in Afghanistan war, mag nicht ganz nachvollziehen, weshalb afghanische Soldaten so schlecht bezahlt werden. Umso mehr als ihm afghanische Generäle mehrfach versichert hätten, dass es an Personal ganz sicher nicht mangeln würde, wenn man nur den Sold deutlich erhöhen würde. Eine Verdoppelung des Soldes würde laut Michel Goya etwa 200 bis 300 Millionen Euro jährlich kosten, dem stellt er die Milliarde Dollar gegenüber, die wöchentlich für die US-Militärmaschine ausgegeben wird. Mit den Kosten eines durchschnittlichen Einsatz eines modernen Jagdbombers, ohne dass dieser feuere, könne man, so Goya, den monatlichen Sold eines afghanischen Bataillons bestreiten.

Merkwürdig sei zudem, dass die afghanischen Offiziere mehr Kurse durchlaufen würden als französische und sich danach "verschlechtern". Es sei für ihn rätselhaft, weshalb Afghanen, die zu den besten Kämpfern der Welt gezählt werden, die seit mehreren Jahrzehnten "mit dem Gewehr aufwachsen", von diesen Eigenschaften nichts mehr zeigen, sobald sie vom Westen ausgebildet worden sind.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31521/1.html
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