Die drei Reiter der akademischen Apokalypse

19.11.2009

Interview mit Bastian Greshake von der Piratenpartei zu Bachelor, Master und Studiengebühren

Bastian Greshake studiert in Münster Biowissenschaften und ist Kandidat der Piraten für den nordrhein-westfälischen Landtag. In seiner Partei kümmert er sich besonders um Bildungspolitik, wobei er unter anderem die bundesweite Arbeitsgruppe Open Access koordiniert.

Herr Greshake - die aus Österreich herübergeschwappten Studentenproteste gelten als Web 2.0-Bewegung, basisdemokratisch organisiert über Twitter und Facebook. Mischt da auch die Piratenpartei mit?

Bastian Greshake: Dass wir Piraten online gut vernetzt sind, dürfte ja die wenigsten überraschen. Und natürlich mischen wir auch bei den Protesten mit. Viele unserer Mitglieder sind nicht nur vor Ort in die Proteste mit eingebunden, sondern twittern über das Geschehen und bloggen sich förmlich die Finger wund dazu.

Den basal-vernetzten Ansatz der Proteste finden wir natürlich großartig, denn das zeigt, dass die Idee der Direkten Demokratie der Piratenpartei funktioniert. Hier gab es keinen zentralen Starter, sondern die Bewegung hat sich aus der Mitte der Betroffenen selbstständig herausgebildet und ausgezeichnet vernetzt. Uni brennt ist damit ein Paradebeispiel, wie neue Medien unsere Gesellschaft verändern können.

Welche konkreten bildungspolitischen Ziele gibt es?

Bastian Greshake: Beim Thema Universitäten kommt natürlich gleich das Thema Studiengebühren aufs Tablett. Bildung ist ein Menschenrecht - und wir setzen uns dafür ein, dass dieses auch endlich umgesetzt wird. Dazu gehört natürlich auch der freie Zugang zu Bildung. Unabhängig von der gesellschaftlichen Schicht und der eigenen finanziellen Mittel. Man sollte hier nicht aus den Augen verlieren, dass die Gesellschaft als Gesamtheit am meisten von dem freien Zugang zu Wissen und Bildung profitiert.

Denn der Wandel zur Informationsgesellschaft lässt sich nicht mehr stoppen, und die einzige Ressource, die uns in Deutschland auf längere Sicht verbleiben wird, sind Wissen und Kompetenzen. Die Chance, daran teilhaben zu können, müssen wir als Gesellschaft - gerade von politischer Seite aus - jedem ermöglichen.

Nicht nur Studiengebühren - gegen die wir uns klar aussprechen - stehen dieser Entwicklung im Wege. Es fängt ja schon in den Schulen an, Stichwort Lehrmittelfreiheit. Wenn es Kindern von Geringverdienern nicht mehr möglich ist, problemlos am Schulalltag teilzunehmen, kann von Chancengleichheit keine Rede mehr sein. Bereits hier gilt es anzusetzen.

Ein anderes großes Problem, sowohl an Schulen als auch an Hochschulen, stellt der zweite Korb der Urheberrechtsnovelle dar. Lehrmittel können in Universitätsbibliotheken nur noch gegen fast unbezahlbare Summen zugänglich gemacht werden. Wo früher der Zugriff über Fernleihe erlaubt war, müssen nun analoge Kopien der Werke vorliegen. Hier sind flexible Modelle gefragt, welche den Bedürfnissen der Studierenden entsprechen. Von dem jetzigen Modell profitiert ein kleiner Teil von Anbietern während es Lehrern, Dozenten und auch Schülern und Studenten unglaublich schwierig gemacht wird, an Wissen zu gelangen und Wissen zu verteilen.

Als letzten Punkt, wo wir dringenden Verbesserungsbedarf sehen, möchte ich auch noch den Komplex Medienkompetenz ansprechen. Der Umgang mit neuen Medien lässt sich aus unserer modernen Welt nicht mehr wegdenken, und trotzdem wird dieser Umgang noch viel zu wenig vermittelt. Weder in den Schulen noch in den Hochschulen. Dabei gibt es keinen besseren Weg, sich vor groben Fehlern, sei es Kriminalität im Netz oder auch nur das Hochladen von Partyfotos, auf denen die betrunkenen Freunde zu sehen sind, zu schützen als ein gutes Wissen darüber, was man da gerade tut.

Bastian Greshake. Foto: Tobias Heyermann. Lizenz: CC-BY 3.0

Ein Studium mit Halbtagsjob war früher problemlos, nach Einführung von Regelstudienzeiten schwer und nach der Verschulung durch Bachelor und Master gar nicht mehr möglich. Welchen Sinn haben solche Regelstudienzeiten und Verschulungen eigentlich, wenn die Situation vorher doch relativ problemlos erlaubte, was immer propagiert wird: lebenslanges Lernen?

Bastian Greshake: Getrieben war diese Verschulung sicher zu einem guten Teil, ähnlich wie die Einführung der Regelstudienzeiten, von der Angst davor, dass die deutschen Studenten zu lange Zeit an der Uni verbringen und dann nachher auf dem internationalen Arbeitsmarkt keine Chancen mehr haben. Leider ist der Punkt lebenslanges Lernen dabei hintenüber gekippt und völlig aus den Augen verloren worden. Interessanterweise hat diese Umstellung nach Bologna auch nicht den Erfolg gebracht, den man sich erhofft hat.

Die Wirtschaft ist in den meisten Bereichen noch gar nicht auf das neue System eingestellt, und in den wenigsten Disziplinen hat man überhaupt die Chance, mit einem Bachelor eine Stelle zu bekommen. Dadurch, dass fast jeder Student seinen Master machen muss, hat sich die Studienzeit meist nicht wie gewünscht verkürzt, sondern eher dazu geführt, dass länger studiert werden muss. Und die Zugangsbeschränkungen zu den Master-Studiengängen führt auch nicht gerade dazu, dass man schneller auf den Arbeitsmarkt drängt.

Dass die Verschulung und damit mangelnde Zeit für einen Halbtagsjob - zusammen mit den Studiengebühren - dazu führt, dass man ganz vielen Menschen überhaupt die Möglichkeit nimmt, ein Studium abzuschließen, ist natürlich ein anderes großes Problem und etwas, dass man so nicht hinnehmen kann.

Man hat den Eindruck, dass die Bologna-Umbauten und ähnliche "Reformen" der letzten Jahre fast vom ganzen akademischen Betrieb abgelehnt werden. Professoren beschweren sich beispielsweise über vollkommen unsinnige "Zielvereinbarungen", die dazu führen, dass sie auch Idioten als Doktoranden annehmen und gute Studenten zur Abgaben einer Dissertation zwingen müssen, auch wenn diese noch gar nicht fertig ist. Alles Verschlechterungen, die erst in den letzten Jahren eingeführt wurden. Wer steckt Ihrer Ansicht nach hinter dieser Bürokratisierungswelle? Die Bertelsmannstiftung allein kann es ja wohl kaum sein - oder doch?

Bastian Greshake: Die Reformen der letzten Jahre, Bologna voran, sind mit einem hehren Ziel gestartet: Die Vergleichbarkeit von Leistungen und Abschlüssen in Europa zu stärken. Doch daraus wurde ein klarer Fall von "Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint". Bekommen haben wir eine extrem starke Bürokratisierung des ganzen Unibetriebs, unter der nicht nur Professoren und Studenten zu leiden haben, sondern die auch noch völlig an der Realität der meisten Universitäten vorbeigeht.

Ganz zu schweigen von den Studenten, die nun in künstliche Stundenpläne gezwängt werden und nun nicht mehr die Möglichkeit haben, sich während des Studiums ihren Neigungen nach zu verwirklichen. Denn dank Zugangsbeschränkungen, Anwesenheitspflichten und Co ist es fast unmöglich geworden, Vorlesungen zu hören, die nicht zum eigenen Stundenplan gehören.

Und auch die Standardisierung muss man skeptisch sehen. Das Ziel der Vergleichbarkeit und Einheitlichkeit wurde auch zum Großteil verfehlt. Hier gibt es noch viel Nachholbedarf.

Wenn sich ihre Untauglichkeit in der Praxis erwiesen hat, und Bachelor, Master und Studiengebühren jetzt als die Reiter der akademischen Apokalypse dastehen, wer hält dann noch an ihnen fest?

Bastian Greshake: Studiengebühren sind für Bund und Länder eine bequeme Alternative, um Geld zu sparen, da ist es verständlich, wieso viele noch daran festhalten wollen. Das muss man so platt sagen. Natürlich: Vorgegeben wird gerne, dass die Gebühren nur für eine Verbesserung der Lehre ausgegeben werden dürfen. Doch im Endeffekt halten sich viele Universitäten damit gerade so über Wasser, dass überhaupt ein Lehrbetrieb aufrecht erhalten werden kann. Dabei wäre dies die originäre Aufgabe von Bund und Ländern, so stehlen sie sich aus der Verantwortung.

Die Auswirkungen des Bologna-Prozesses, wie eine im Endeffekt verlängerte Studienzeit, sowie die mangelnde Akzeptanz seitens der Wirtschaft, werden leider erst jetzt - langsam - in vollem Ausmaße einer breiteren Masse bekannt. Und Politik und Presse reagieren zur Zeit sehr träge auf den Protest, der sich formiert hat. Und die Probleme wurden lange ignoriert. Wir müssen zurück zu einer echten Universität und weg von der Bildungsmaschine, die wir zur Zeit haben. Durch die Umstellung auf das Bachelor-Master-System geht das selbstbestimmte Lernen komplett verloren, genauso wie die Möglichkeit, interdisziplinär - außerhalb der Stundenpläne - zu lernen.

Nach Einschätzung der Initiative Mehr Demokratie sind Volksbegehren gerade bei Themen wie der Gestaltung des Bildungssystems ein geeignetes Mittel der Auseinandersetzung. Bietet sich hier eine Möglichkeit, Liquid Democracy in die Praxis umzusetzen?

Bastian Greshake: Der Schritt zu mehr Transparenz, und damit auch - im nächsten Schritt - überhaupt die Chance zur Mitbestimmung im Bildungswesen ist ein ganz wichtiger. Solange über die Köpfe der Beteiligten hinweg Politik gemacht wird, werden Entscheidungen an ihren Bedürfnissen vorbei gemacht. Deshalb ist es wichtig, sie direkt mit in die Entscheidungen einzubinden. Liebend gerne auch mit direkter Demokratie. Ob das Kind nun Volksbegehren oder Liquid Democracy heißt, ist da im ersten Schritt auch egal. Entscheidend ist, dass die Betroffenen vor Ort darüber mitentscheiden können.

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