Dämpfer für den Duce

Peter Mühlbauer 20.11.2009

In den Tagebüchern der Mussolini-Geliebten Clara Petacci erscheint der Führer des italienischen Faschismus antisemitischer als in anderen Quellen

Claretta oder "Clara" Petacci war die Tochter eines päpstlichen Leibarztes. Bekannt wurde sie als Geliebte Benito Mussolinis, die man im April 1945 zusammen mit ihm erschoss und in Mailand kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt dem Volk zu Schau stellte. Nun werden nach langem Hin und Her um Persönlichkeits- und Informationsrechte Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1932 bis 1938 veröffentlicht, aus denen der Corriere della Sera vorab Auszüge druckt.

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In ihnen schildert Petacci nicht nur ihren 1936 beginnenden amourösen Umgang mit dem fast dreißig Jahre älteren Duce, sondern auch politische Äußerungen des italienischen Staatschefs.

Clara Petacci (Bildmitte)

Benito Mussolini, der wie man unlängst herausfand, im Ersten Weltkrieg vom britischen Geheimdienst mit Geld unterstützt wurde, hatte vor Petacci eine jüdische Geliebte und intervenierte angeblich beim deutschen Bündnispartner, um internierte Intellektuelle zu retten. Und in der Anfangszeit der faschistischen Bewegung hatten - anders als im Nationalsozialismus - Juden wie Enrico Rocca oder Gino Arias durchaus tragende Rollen gespielt, weshalb Mussolini im Völkischen Beobachter teilweise als "Judenknecht" geschmäht wurde und sein deutscher Biograph Adolf Dresler noch 1924 meinte, er sei aus Polen zugewandert und heiße in Wirklichkeit "Mausler"

Duce-Zitate aus Petaccis Aufzeichnungen rücken dieses Bild in eine andere Richtung. In einem Tagebucheintrag vom 4. August 1938 schildert sie, wie Mussolini ihr auf einer Schiffsreise sagt, dass er bereits seit 1921 "Rassist" gewesen sei, weshalb ihm unverständlich wäre, wie Leute auf die Idee kommen könnten, er würde Hitler imitieren.

Am 28. August erregt sich der Duce seiner Geliebten zufolge über Meldungen von Beziehungen zwischen Italienern und einheimischen Frauen in den afrikanischen Kolonien und am 11. Oktober empört er sich über die "ekligen Juden", die "vernichtet gehören":

Ich werde sie massakrieren, so wie die Türken das [mit den Armeniern] gemacht haben. Ich habe [in Libyen] 70.000 Araber isoliert und ich kann problemlos 50.000 Juden in Schach halten. Ich richte eine kleine Insel her und verfrachte sie alle dort hin.

Diese und andere in sich widersprüchliche Äußerungen ließen italienische Kritiker die Vermutung äußern, die im Privaten gemachten Bekenntnisse Mussolinis könnten von einem (bewussten oder unbewussten) Anliegen mit bestimmt gewesen sein, der Nachfolgerin einer jüdischen Hauptmätresse durch besonders antisemitische Rhetorik die Angst vor der Ersatzrolle zu nehmen. Andererseits ist ebenso gut denkbar, dass der italienische Staatschef sich gegenüber seiner Geliebten einfach weniger zurücknahm als gegenüber politischen Mitarbeitern.

Petacci, Claretta: Mussolini Segreto. Diari 1932 - 1938. Mailand: Rizzoli 2009. 521 Seiten, 21 Euro. ISBN 9788817037372

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31535/1.html
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