Auch Energieeinsparung führt zu höherem Energieverbrauch
Ein Klimaforscher betrachtet die Gesellschaft als deterministische "Wärmemaschine" mit interessanten Folgen
Klimaskeptiker wittern kurz vor dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen Aufwind, nachdem Hacker mehr als tausend Emails und andere Dokumente von einem Computer des britischen Klimaforschungsinstituts CRU der University of East Anglia geklaut haben und dort kompromittierende Äußerungen über Kollegen, Veröffentlichungspraxen und die Forschung fanden. Das gibt durchaus interessante Einblicke in die Wissenschaftlergemeinschaft, in der hart geholzt wird, großer Druck herrscht und sicherlich immer wieder versucht wird, Ergebnisse ein wenig zu "verschönern". Auch wenn nun Einsicht in einige dunkle Seiten der Klimaforschergemeinschaft entstanden ist, so dürfte dies – ebenso wie die "Argumente" der Klimaskeptiker und ihres Anhangs - eher die Wissenschaftssoziologen interessieren, der Stand der Klimaforschung, dass Erwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfindet, dass sie zu einem guten Teil von Menschen verursacht wird und dass sie unangenehme Folgen haben wird, wird davon, bei aller wissenschaftlich normalen Unsicherheit der Datenlage und –interpretation, prinzipiell nicht berührt.
Interessanter scheint allerdings eine neue Studie zu sein, deren Hypothese teils sehr verwegen und überzogen, gleichzeitig aber auch realistisch und wenig optimistisch auftritt. Tim Garrett, ein Klimaforscher der University of Utah, geht in seiner Studie "Are there basic physical constraints on future anthropogenic emissions of carbon dioxide?", die im Laufe der Woche in der Zeitschrift Climatic Change erscheinen soll, nachdem sie bereits von einigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften zurückgewiesen wurde, von der Hypothese aus, dass die in Gang gesetzte Klimaerwärmung nicht mehr angehalten werden kann. Das wird vom Gros der Wissenschaftler aber noch immer angenommen – und von denjenigen übernommen, die mit mehr oder weniger katastrophischen Bildern schnelle (energie)technische Veränderungen einfordern.
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Garrett versucht die Kulturentwicklung physikalisch als eine den Gesetzen der Thermodynamik unterworfene Wärmemaschine zu erklären, um daraus ein Modell der wirtschaftlichen Entwicklung abzuleiten. Die Grundannahme ist einfach, aber schlagend, wenn sie nicht widerlegt werden kann: In der ganzen Geschichte, so Garrett, habe es eine einfache physikalische Konstante gegeben, die den globalen anthropogenen Energieverbrauch mit der inflationsbereinigten wirtschaftlichen Produktivität verbindet, nämlich 9,7 Milliwatt (+/- 0,3) pro inflationsbereinigten US-Dollar von 1990. Impliziert dabei ist, dass Bevölkerungswachstum oder Lebensstil und andere gesellschaftlichen Faktoren schlicht Variablen des Energieverbrauchs sind. Geht der Energieverbrauch wirklich nach unten, sinkt der Lebensstil.
Die thermodynamische Alternative: Pro Tag ein AKW bauen oder das Ende des Wirtschaftswachstums
Wenn die Wirtschaft wächst, was ja auch das Hauptanliegen aller Politiker ist, dann wird auch ohne Berücksichtigung demografischer Faktoren oder des Lebensstils der Energieverbrauch wachsen, also nach Garrett pro Dollar BIP um 9,7 Milliwatt, und damit die CO2-Emissionen. Auch das Setzen auf Energieeinsparung und –effizienz, das ja auch durch technische Innovationen das wirtschaftliche Wachstum anstoßen soll, bringt nach Garrett keine wirkliche Energieeinsparung, da durch Wirtschaftswachstum immer auch der Energieverbrauch steige.
Wann also würde sich der Ausstoß der Treibhausgase so stabilisieren, dass die Temperaturen nicht weiter steigen? Durch einen wohl dann einigermaßen anhaltenden Zusammenbruch der Weltwirtschaft oder durch den Bau eines Atomkraftwerks pro Tag, so Garrett provokativ. Man müsste nämlich dazu 300 Gigawatt jährlich CO2-freie Energie erzeugen, was für ihn nur mit Atomkraftwerken ginge: "Physikalisch gibt es keine andere Option, abgesehen davon, die Wirtschaft zu killen." Oder sonst müssten jährlich 2,1 Prozent der Energie zusätzlich durch erneuerbare Energien erzeugt werden, um eine Chance zu haben, die Treibhausgase auf dem Stand von heute einzufrieren.
Garrett habe seine "Konstante" anhand der Statistiken der Vereinten Nationen für das globale BIP, der Daten des US-Energieministeriums für den globalen Energieverbrauch (1970-2005) und anhand von anderen Studien überprüft, die die den Umfang der Weltwirtschaft bis vor 2000 Jahren abgeschätzt haben. Allein aber schon eine wie auch immer inflationsbereinigte Währung zugrunde zu legen, lässt die "Konstante" zumindest für frühere Zeiten, für die es keinerlei statistische Daten gibt, als pure Spekulation erscheinen. Das dürfte dann auch das Problem der Vorhersage betreffen, die sich nur auf den geschätzten Energiebedarf, also den gesellschaftlichen Metabolismus, stützt, ohne irgendwelche weiteren gesellschaftlichen Faktoren einzubeziehen.
"Die Kultur entwickelt sich als spontaner Feedback-Kreislauf, der sich nur durch den Energieverbrauch und die Einverleibung von Materie aus der Umwelt erhält", sagt er und vergleicht dies mit der Entwicklung eines Kindes, das durch Aufnahme von Lebensmitteln wächst, um dann noch mehr Lebensmittel zu verzehren, um weiter zu wachsen. Das aber ist ein wohl unpassender Vergleich, denn im Vergleich zu dem physikalisch verstandenen System der Wirtschaft kann zwar der Gesellschafts- oder Menschheitskörper weiter wachsen, der einzelne menschliche Körper hört aber mit dem Wachstum schon im Lebensalter zwischen 20 und 25 Jahren auf, auch wenn die Menschen seit dem 19. Jahrhundert und besonders im 20 Jahrhundert tatsächlich größer geworden sind und dann wohl auch als bloße Körper mehr Energie verbrauchen. Auch Garrett weiß das und erklärt, dass das Wachstum zu einem Stillstand und damit Energieverbrauch und Wärmeabgabe zu einem Gleichgewicht kommen, zieht aber daraus keine Schlüsse.
Allerdings könnte der Hinweis, dass stärkere Energieffizienz nicht zu weniger Verbrauch führt, sondern nur dazu, dass die Wirtschaft schneller wachsen und mehr Energie verbrauchen kann, durchaus eine Berechtigung haben. Beobachten lässt sich das ja durchaus auch gegenwärtig, dass der gesamte Energieverbrauch nicht durch Geräte sinkt, die im einzelnen immer weniger verbrauchen, weil ständig neue Geräte auf den Markt kommen und der Gerätepark mit den Ansprüchen wächst. Garrett verweist dabei auch auf Jevons Paradox. William Stanley hat in seinem Buch "The Coal Question" aus dem Jahr 1865 bereits beobachtet, dass nach Leistungssteigerungen der Dampfkraft (Dampfmaschine von Watts) die Preise für Kohle sanken, dafür aber der Verbrauch weiter anstieg. Energieeinsparung sei zwar nett und gut, meint Garrett, aber sie mache keinerlei Unterschied im Energieverbrauch. Und er zweifelt konsequent nach seinem Ansatz auch daran, ob politische Entscheidungen überhaupt einen Einfluss auf den künftigen Verlauf der Zivilisation haben können.
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31557/1.html- Dilletantischer Sophismus, kläglich gescheitert [kT] (27.11.2009 0:37)
- Re: Ok, ich erkläre es ihnen mal einfach. (27.11.2009 0:27)
- Re: Ich erzähle es doch schon seit Jahren... (26.11.2009 12:49)
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