Das Gute ist besser als das Beste
Überforderte Eltern, überforderte Kinder – Der Ruf nach mehr Lässigkeit geht meist in Konkurrenzängsten unter
Eltern in New York stecken Tausende von Dollar in Nachhilfestunden für ihre Zöglinge, die noch im Kindergartenalter möglichst optimal auf Schuleingangsprüfungen vorbereitet werden. Sie hoffen auf ein überdurchschnittliches Abschneiden bei den Multiple-Choice-Tests, dann winkt ein Stipendium für begabte Kinder. Als Begründung wird von Eltern die schlechte Wirtschaftslage angegeben, die den Besuch von teuren Privatschulen unmöglich macht. Möglicherweise nicht der einzige Grund für solche exzessiven Erziehungsmaßnahmen, die Fünfjährige in sogenannte "bootcamp"-Programme schicken.
Die Ausbildung an den staatlichen Schulen, so fürchten die Eltern, bietet keine ausreichende Qualifikation. Der im Hintergrund aufflackernde Widerspruch in der Argumentation, zu wenig Geld hier, üppige Ausgaben für Kindergartenkinder dort, weist neben der elterlichen Sorge um den Lebenslauf der Kinder auf eine mögliche weitere Quelle der Frühförderungsmaßnahmen: elterlicher Narzissmus. Dass mit diesem Faktor zu rechnen ist, zeigt auch ein anderer Bericht aus dem amerikanischen Erziehungsalltag, der auf das Gegenteil von überwältigender elterlicher Kümmerbemühungen aus ist und seit einiger Zeit mehr Lässigkeit im Umgang mit Kindern beobachtet.
Der Aufstand
Das Nachrichtenmagazin Time, derzeit mit dem Konzept des pointierten meinungsstarken essayistischen Journalismus auf Suche nach mehr Auflage, behauptet in der aktuellen Ausgabe einen neuen Trend, ja eine Revolution: Mehr und mehr amerikanische Eltern würden umdenken und sich von der lange Zeit gehypten allzu großen Nähe und Sorge um Kinder verabschieden und den Kindern mehr Zeit und längere Leine geben. Schluss mit den Helikopter-Eltern, zurück zu gesunden Basics.
All great rebellions are born of private acts of civil disobedience that inspire rebel bands to plot together. And so there is now a new revolution under way, one aimed at rolling back the almost comical overprotectiveness and overinvestment of moms and dads. The insurgency goes by many names — slow parenting, simplicity parenting, free-range parenting — but the message is the same: Less is more; hovering is dangerous; failure is fruitful. You really want your children to succeed? Learn when to leave them alone. When you lighten up, they'll fly higher. We're often the ones who hold them down.
"Entfernen Sie die Kinder, bevor Sie den Wagen zusammenfalten"
Die Reportage kann aus dem Vollen schöpfen: das Phänomen des "overprotective parenting" erzeugt viele schöne Wortschöpfungen[1], herrliche Alltagssatire, wie etwa die Aufschrift am Kinderwagen, die empfiehlt, dass sich Kinder sich in einiger Entfernung aufhalten sollten, wenn der Wagen von den Erwachsenen zusammengeklappt wird: "Remove Child Before Folding." Anekdoten über Verhaltensweisen überbesorgter Eltern sind unerschöpflich; genannt soll hier nur jene werden, die von einer Mutter erzählt, die jeden(!) Morgen ihre Kinder fotografiert, damit sie ein aktuelles Fahndungsbild für Polizei und Medien hat, falls die Kinder nicht von der Schule zurückkehren.
Gerade am Schulweg dokumentiert der Bericht auch den neuen Trend, der mit Interviews und vielen Postings in Elternforen unterlegt wird: Während es noch eigene Fahrspuren für Eltern mit Schulkindern in Zeitnot und eigens nach dem Vorbild von Behindertenparkplätzen eingerichtete Stellplätze vor amerikanischen Schulen gibt, plädieren Väter und Mütter neuerdings wieder dafür, dass die Schüler ohne elterliche Begleitung in die Schule gehen. Entsprechende Zwischenrufe kennt man ja auch hierzulande von Älteren, die in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren ihre Wege allein zur Schule geschafft haben. Überhaupt gilt in den von Time befragten Elternkreisen das Motto: "Downsizing" der Mühen, Verlangsamung, Nachlassen der Überwachung. Kinder sollen wieder mehr alleine machen, die Aufsicht lässiger werden, die Selbstständigkeit gefördert.
|
|
Spielen im Dreck
Im Prinzip eine begrüßenswerte Entwicklung, die, sollte sie sich ausbreiten, sicher einigen kollektiv generierten Druck von Eltern nimmt, deren Verhalten wie das von Kindern häufig durch Nachahmung geleitet wird. Doch geht es bei der Kindererziehung um zwei große, prekäre Felder: Gegenwart und ganz besonders um Zukunft. Das tägliche Zusammenleben mit den jungen Unangepassten ist schon komplex genug - und manchmal auch in den USA wohl überkomplex, so dass sich TV-Hundetrainertipps als Vorbild für die Erziehung des menschlichen Nachwuchses wachsender Beliebtheit erfreuen.
Dass nun hier mehr Leine gelassen werden darf, davon kann man aufgeklärte Eltern auch hierzulande vermutlich leicht überzeugen. Etwa mit aktuellen wissenschaftlichen Studien, die der besseren Abwehrkräfte zuliebe zum Spielen im Dreck raten. Möglicherweise reagieren auf solche Erkenntnisse auch Mütter, die sofort jedes gerade mit großer Tiefenschärfe und Leidenschaft geführte Gespräch über angemessene Weihnachtsgeschenke unterbrechen und zur Einjährigen sprinten, weil diese gerade den Importsand aus Polen probiert.
Das Drama der begabten Kinder
Wenn es um die Zukunft der Kinder geht, ist das spielerische Moment schnell vergessen. Und gerade das zeigt auch die Reportage des Time-Magazins. Der Haken, an dem sich Eltern, ob nun "overprotective" oder lässig auf dem Spielplatz, für absurde Erziehungs-Programmatik ködern lassen, ist der Narzissmus, der sich hinter gut gemeinten Ehrgeiz versteckt, der von sich sagt, dass man den Kindern "nur das Beste" zukommen will. So berichtet die Time von einer Mutter, die sämtliche Förderprogramme für ihr Kind studiert hat und sich Telefonnummern von Kunstkursen aller Schattierungen besorgt hatte, nachdem ein Kunstlehrer das "G-Wort" fallen ließ: "giftet" sei ihr kleiner Junge, sagte der Lehrer im persönlichen Gespräch mit der Mutter. Die Gelegenheit und die Möglichkeiten, die ihre diese Expertise eröffnete, wollte sie auf keinen Fall ungenutzt lassen. Die zu Bildern künftigen Künstlerruhms angeregte Phantasie machte sich sofort auf die Suche nach Action. Der Stundenplan war bald voll, der Junge entgegnete darauf, dass er doch nur zeichnen wolle.
Das Phänomen des begabten Kindes und der ehrgeizigen Eltern ist allgegenwärtig, besonders in der Mittelschicht. Dazu braucht man keine transatlantischen Magazine zu lesen. Gespräche mit Eltern genügen. Wenn es um die Schulausbildung geht, die seit einigen Jahren von zusätzlichen Förderprogrammen und Angeboten komplettiert wird, die allesamt als notwendig dargestellt werden, dann ist immer die Rede davon, dass der Konkurrenzdruck so groß geworden ist, dass Angst und Sorge gewachsen sind, dass dem Nachwuchs die Zukunft schon ganz früh verbaut wäre, wenn man nicht fördere, usw.. Die Wirtschaftskrise und ungewisse Aussichten liefern zusätzliche Argumente, die für Seriosität und Verantwortung bürgen.
Kinder: neue Lichter für das graue Funktionsleben der Mittelständler
Obwohl andererseits dauernd von Grenzen, die unbedingt zu ziehen sind, gesprochen wird, wenn es um Kindererziehung geht, fällt hier auf, dass eine Grenze pausenlos missachtet wird: Eltern projizieren ihre Arbeitsplatzängste, für die es weiß Gott reale Gründe gibt, auf Kindergartenkinder, Grundschüler und Übertrittskinder, der Leistungsdruck, den man gerne der Schule und dem Schulsystem zuschiebt, wird zuhause nochmal erhöht. Subtil zwar, aber erkennbar wie die Gereiztheit in der Stimme der Flugpassagierin, die ihr lautes Kind mit freundlichen Worten zur Ruhe bringen will. Der weitergegebene Leistungsdruck wird schließlich noch mit Narzissmus aufgeheizt. Die lange Leine schnurrt beim Thema Förderung und Ausbildung schnell auf allerkürzeste Entfernung, möglichst nah dran an den zwanghaften Wünschen der Eltern ein herzeigbares erfolgreiches Leben zu führen.
Der Konkurrenzdruck ist enorm, das zu leugnen wäre weltfremd, ebenso wenig wie man die kollektive Ausrichtung nach Optimierung in allen Lebensbereichen ignorieren kann - aber muss man dabei mitmachen, indem man Kinder, die eigentlich außergewöhnlich genug sind, weil sie Kinder sind und die Dinge anders begreifen, zu außergewöhnlichen Talenten erklärt, die sich nach Vorgaben aus der Erwachsenenwelt zu beweisen haben, um dem grauen Funktionsleben der Mittelständler neue Lichter aufzustecken?
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31563/1.html- Danke, eine nette Mittelschichtkritik... (28.11.2009 12:04)
- Nee, das is doch jetz verlegt! kwt (26.11.2009 2:01)
- Das 19. Jahrhundert (26.11.2009 1:59)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2
