Wikipedia soziologisch betrachtet

26.11.2009

Interview mit dem Netzwerkforscher Christian Stegbauer

Die deutschsprachige Wikipedia-Community steht nach Jahren kontinuierlichen Wachstums derzeit in der Kritik. Im September hatte sich ein offenbar länger gärender Unmut über die Löschkriterien entladen, die hierzulande restriktiver gehandhabt werden als im insoweit toleranteren englischsprachigen Vorbild, das etwa Stubs, also rudimentäre Artikelansätze zulässt. Auch die Rekrutierung neuer Autoren stagniert. International ist sogar von einem Autorenschwund, der sich innerhalb eines Jahres verzehnfacht habe, die Rede.

Urheber neuangelegter Artikel werden in der deutschsprachigen Wikipedia oft durch Löschungen vor den Kopf gestoßen; wer uneingeladen an Artikeln arbeitet, deren Struktur von einem etablierten Wikipedianer geprägt wurde, muss mit heftigem Gegenwind rechnen. Andererseits gilt die deutschsprachige Wikipedia als vergleichsweise anspruchsvoll, was nicht zuletzt der Aufmerksamkeit der aktiven Wikipedianer geschuldet ist, die jede Änderung argwöhnisch in Minutenschnelle kontrollieren. Die internen Machtstrukturen, welche zahlreiche potentielle Bearbeiter ausschließen, hat der Netzwerkforscher Christian Stegbauer in seinem Buch "Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation" (2009) analysiert.

Herr Stegbauer, wie beurteilen Sie die aktuelle Debatte über die Relevanzkriterien? Würde eine Lockerung der Hürden für eine "Enzyklopädie-Fähigkeit" Probleme lösen?

Christian Stegbauer: Die Relevanzdebatte wird bestehen bleiben, auch wenn es wieder zu einer Lockerung der Hürden kommen würde. Man kann auch bei einer geringeren Relevanzschwelle nicht jede Schulband aufführen. Das bedeutet, dass das Problem nicht lösbar sein wird, man kann es allenfalls entschärfen.

Es wurde vorgeschlagen, die Wikipedia in zwei Versionen aufzuspalten - eine restriktive und eine lässigere -, die ggf. sogar aus dem gleichen Datenbestand gespeist würden. Die den Hardlinern unerwünschten Artikel würden je nach Präferenz des Benutzers angezeigt oder unterdrückt. Welche Effekte wären von einem solchen Kompromiss für die Wikipedia-Community wohl zu erwarten?

Christian Stegbauer: Zum einen würde man die Autorinnen und Autoren, welche die als nicht relevant bezeichneten Artikel geschrieben haben, nicht abschrecken. Die Diskussion wird aber dadurch nicht beseitigt - schließlich ginge es dann um die Frage, welche Themen sofort sichtbar sind und welche erst auf besondere Anforderung.

In Ihrem Buch untersuchen Sie die Motivation für die häufig anonym editierenden Wikipedianer, die im Gegensatz zu konventionellen Autoren nicht durch Geld oder Anerkennung in der Fachwelt honoriert werden. Sie vertreten die Ansicht, ein wesentlicher Beweggrund läge insbesondere in der Verbesserung der Wikipedia-internen Position des Benutzers, also dem Ansehen bei anderen etablierten Wikipedianern, das sich u.a. auch über die Zahl der Editierungen definiert. Ein Großteil der Editierung besteht jedoch aus Löschung, sodass tendenziell destruktives Verhalten belohnt wird. Wäre es sinnvoll, stattdessen ein Bewertungskriterium einzuführen, das Erhaltung und Ausbau von Informationen belohnt?

Christian Stegbauer: Die Motivation längerfristig mitzuarbeiten ergibt sich aus der sozialen Integration - d.h. die Mitarbeiter müssen wissen, wofür sie zuständig sind, was wir als Position bezeichnen würden. Ferner muss ihre Mitarbeit für sie erkennbar geschätzt werden. Innerhalb dieser Position dann findet man Wettbewerb zwischen den Teilnehmern. Die meisten Aktivisten haben sich spezialisiert. Der Wettbewerb der sich in der Anzahl der Artikelbearbeitungen ausdrückt besteht nicht zwischen allen engagierten Teilnehmern. Die Zahl der Bearbeitungen ist besonders bei den sog. "Vandalismusbekämpfern" von Bedeutung. Bei den sog. "Qualitätsautoren" ist die absolute Zahl nicht so sehr wichtig. Dort geht es eher um die Zahl der als lesenswert oder exzellent anerkannten Artikel. Wettbewerb innerhalb der einzelnen Funktionspositionen ist sinnvoll und hilft die Qualität zu verbessern. Allerdings erschweren die vielen guten Schreiber den Einstieg für Neulinge und die andere Seite des Wettbewerbs ist die Frage, wie neue Teilnehmer gewonnen werden können. Hier scheint Wikipedia heute in weiten Teilen abschreckend zu wirken. Strengere Relevanz- und Qualitätskriterien als dies zu Anfang der Fall war, helfen bei der Gewinnung und Integration neuer Mitarbeiter jedenfalls kaum.

Sie beschreiben in einem Kapitel die typische Erfahrung eines Bearbeiters, der in einem Artikel editiert, den bereits ein anderer Autor als sein Revier betrachtet. Sie sprechen von "Artikelbesitzern", während Spötter diese Leute als "Blockwarte" bezeichnen, die nur Freunden das Mitbauen an ihren Sandburgen gestatten. Wie läuft solch ein typischer Konflikt ab?

Christian Stegbauer: Wir haben die Entstehung von Artikeln untersucht. Dabei hatten wir den Eindruck, dass Artikel, um die sich jemand kümmert, in einem besseren Zustand waren als solche, für die sich niemand zuständig fühlte. Eine Grundidee von Wikipedia wird in dem Slogan "Weisheit der Vielen" beschrieben. Empirisch beobachtbar ist aber, dass es meist sehr wenige sind, die an einem Artikel schreiben. Sehr häufig wird sogar die Autorenschaft für einzelne Artikel auf der Benutzerseite markiert. Wenn ein anderer Teilnehmer sich nun an der Konstruktion des anderen "vergreift", kommt es oft zu Auseinandersetzungen. So ein Streit kann schwierig zu lösen sein, weil es hier um Expertise geht und es so aussehen mag, als ob derjenige, der nachgibt, eine Niederlage erleidet. Die sozial durch die Mitarbeit an den Artikeln konstruierte Identität wird durch so eine Niederlage in Frage gestellt. Solche Kämpfe werden nach unseren Untersuchungen immer von den "formal" Ranghöheren "gewonnen", etwa dann, wenn es im Zuge der Auseinandersetzungen zu Artikelsperrungen kommt.

Wikipedianer treffen sich häufig auch offline. Welche Bedeutung hat der persönliche Kontakt für die Position bei Meinungskämpfen?

Christian Stegbauer: Der persönliche Kontakt der beim Besuch von Wikipedianertreffen hergestellt wird ist bedeutsam für die Integration in die soziale Gemeinschaft. Es ist beispielsweise kaum möglich, dass jemand zum Administrator gewählt wird, ohne Kontakte zu anderen Teilnehmern auf solchen Treffen geknüpft zu haben. Das gegenseitige Kennenlernen schafft sowohl Vertrauen, als auch Bindungen. Kommt es zu einem Streit, wird man zumindest in Zweifelsfällen eher den Standpunkt des Bekannten einnehmen. Die soziale Wirkung geht aber darüber hinaus. Die Einbindung in die soziale Gemeinschaft führt auch dazu, dass gemeinsame Standpunkte entwickelt werden. Diese weichen übrigens auch unter den Aktivisten selbst ab, je nachdem welche Position sie in der wikipediainternen Arbeitsteilung einnehmen.

Das gegenwärtige Machtmodell des ursprünglich anarchistisch anmutenden Projekts Wikipedia haben Sie "Oligarchie" genannt. Wie hat sich diese entwickelt?

Christian Stegbauer: Der Begriff der Oligarchie ist angelehnt an die klassische Beschreibung der Machtstrukturen in politischen Parteien von Robert Michels, die 1911 veröffentlicht wurde. Dort wird von der Zwangsläufigkeit der Herausbildung einer Oligarchie gesprochen. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Diejenigen, die sich für Wikipedia besonders eingesetzt haben, sind über die Zeit zu Experten geworden. Nicht nur, dass sie das Wikipediaprogramm genau beherrschen würden, sie kennen die anderen relevanten Teilnehmer und wissen, wie gute Artikel auszusehen haben. Sie sind es Leid, sich immer wieder denselben Diskussion, die sie ermüdet haben, zu stellen. An vielen Stellen zeigt sich, wie unsinnig lange Diskussionen sein können - sie führen sehr oft zu keinem Ziel. Aus dieser, gemeinsam mit den Mitstreitern gemachten Erfahrung heraus, versucht man, gewonnene Einsichten zu verteidigen. Zudem sind es nicht viele, die das gleiche Niveau erreicht haben, wer sonst sollte etwas zu sagen haben? Diejenigen, die neu hinzukommen besitzen nicht die Erfahrung und nicht das über die Jahre gesammelte Wissen.

Von einem technokratischen Standpunkt aus gesehen, kann man dies durchaus nachvollziehen. Klar ist aber auch, dass dies der Grundsatzidee von Wikipedia, der gemeinschaftlichen Erstellung einer Enzyklopädie, die mit einem Befreiungs- und Aufklärungsgedanken verbunden ist, widerspricht. Forderungen nach mehr innerwikipedianischer Demokratie werden häufig mit dem Argument, man könne über Wissen nicht abstimmen abgetan - dieses Argument dient implizit der Aufrechterhaltung der inzwischen weitgehend etablierten Machtstruktur - und was für Wissen in weiten Teilen richtig ist, kann aber nicht zählen bei Fragen der Organisation.

Wie beurteilen Sie Einfluss und Kompetenz der Wikipedia-Administration?

Christian Stegbauer: Häufig wird betont, dass es sich bei Admins um "normale" Teilnehmer handele, die lediglich über ein paar mehr Befugnisse verfügten. Formal mag das stimmen, tatsächlich wird das Projekt sehr stark von Administratoren beeinflusst, was sich etwa bei "Wahlen" zu Administratoren oder anderen Funktionen gut belegen lässt. Dort sind Admins ein starker Einflussfaktor, weil sich im Vergleich zu den Wahlberechtigten nur sehr wenige Nichtadmins an dem öffentlichen Procedere beteiligen. Man kann sagen, dass Admins selbst andere Admins bestimmen. Die Öffentlichkeit der Diskussion erzeugt zudem einen sozial stimulierten "Bekennerdruck", der freie Entscheidungen erschwert. Im Grunde handelt es sich bei Admins sicherlich um eher kompetente und im Grunde vernünftige Teilnehmer, wobei die Kompetenz hinsichtlich Artikelinhalte natürlicherweise auf bestimmte Fachgebiete begrenzt ist. Nach unseren Beobachtungen lässt allerdings die Mitarbeit an der Erstellung von Artikeln nach der Ernennung als Admin im Verhältnis zu anderen Aufgaben nach.

Wäre ggf. eine Kontrolle der Wächter durch eine installierte übergeordnete Wächterebene sinnvoll, die routinemäßig etwa "admins abuses" wie Befangenheit, Willkür und Missgriffe im Tonfall kontrolliert?

Christian Stegbauer: Demokratien leben davon, dass Macht beschränkt ist und nur auf Zeit verliehen wird. Wie genau eine Kontrolle auszugestalten wäre, müsste Thema der Auseinandersetzung sein. Eine solche Kontrolle ist aber grundsätzlich notwendig und bereits zumindest in Ansätzen vorhanden, möglicherweise aber noch lange nicht ausreichend.

Die strukturellen und kommunikativen Defizite der Wikipedia bzgl. Artikelbesitzern und Löschfanatikern werden schon seit Jahren innerhalb der Wikipedia diskutiert, etwa im "Club Diderot", was jedoch nahezu effektlos blieb, im Gegenteil von den Hardlinern zum Teil sogar sehr persönlich angefeindet wird. Ist die gegenwärtige Wikipedia entgegen der anarchistischen Grundidee ein geschlossenes System mit internen Selbsterhaltungsmechanismen?

Christian Stegbauer: Es ist schwer ein solch offenes Projekt gegenüber den vielen Herausforderungen zu behaupten. Man muss sich nur vorstellen, welches Wachstum zu bewältigen war mit dem gleichzeitig auch die Organisation mitwachsen musste. Mit der gestiegenen Popularität sind natürlich auch die Kritik und Einflussversuche massiver geworden. Dies ohne eine klare formale Hierarchie bewältigt zu haben ist eine große Leistung - es gibt sicherlich auch kaum jemanden, der das hätte vorhersagen können. Klar ist aber auch, dass es Probleme der Steuerung gibt, schließlich gibt es keine Vorbilder an denen man sich hätte orientieren können. Es ist aber auch eine Frage, wie man Steuerung überhaupt organisiert, wenn doch prinzipiell alle gleich sein sollten. Eine offizielle und klar entwickelte Hierarchie ist aber unter anderem aufgrund der Geschichte weitgehend tabuisiert. Hierdurch entstehen Unklarheiten darüber, wie die Steuerung funktioniert und woher diese ihre Legitimation nimmt. Ähnlich wie die momentane Auseinandersetzung über Relevanzkriterien würde die Etablierung einer explizierten Führung zu starken Auseinandersetzungen führen, die sicherlich auch zu Abspaltungen führen könnte. Wahrscheinlich wird dies aber notwendig sein - wobei die Kernfrage ist, wie diese demokratisch legitimiert wird.

Wo müsste man Ihrer Meinung nach ansetzen, um die Mitarbeit an der Wikipedia für Autoren wieder attraktiver zu machen?

Christian Stegbauer: Zwischen der Idee der freien Enzyklopädie und der Wirklichkeit der Produktideologie mit unausgesprochener Führung besteht ein Widerspruch der wahrscheinlich kaum auflösbar ist. Zudem steht ein Wandel vom "Aufbau" zur "Bewahrung" an, wobei Bewahrung ideologisch weit weniger attraktiv ist, als die "Erschaffung der größten Enzyklopädie" der Welt. Ich kann nicht genau sagen wie es geht, kann aber aus Sicht des Soziologen einige Probleme benennen. So war es kein großes Problem zu Zeiten des großen Zustroms an Beteiligungswilligen einige Leute abzuschrecken. Jetzt wo dieser Zustrom nicht mehr besteht, müsste viel mehr dafür Sorge getragen werden, dass gutwillige neue Mitarbeiter dabei bleiben. Die Mitmachideologie ist vor allem als Hintergrund für die Gewinnung von Mitarbeitern von Bedeutung, will man diese aber längerfristig binden, muss man diese sozial in die Organisation integrieren und ihnen einen Platz einräumen. Dies ist jedoch organisatorisch z.Zt. kaum zu bewältigen - zum einen, weil es grundsätzlich schwierig ist, so viele Leute zu binden. Hierfür sind Teilnehmer erforderlich, die dies übernehmen. Zum anderen weil heute kaum jemand genau sagen kann (oder dazu berechtigt ist), wo genau der rechte Platz für einen neuen Teilnehmer zu finden ist.

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