Reformieren durch Privatisieren

30.11.2009

Warum Universitäten von Ballast befreit werden sollten

Im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität hängen derzeit viele Zettel. Einer davon erklärt zum Beispiel, dass die an der "Volxküche" Beteiligten keine Lust mehr hätten, für Andere abzuspülen. Gleich neben dieser an frühere Epochen der Studentenbewegtheit erinnernden Warnung vor dem "Streik im Streik" weist die Wirtschaftswissenschaften-Fachschaft per Anschlag darauf hin, dass sie den Protest gegen die Bologna-Katastrophe von Anfang an mittrug - dass aber die Leidtragenden bisher vor allem BWL-Erstsemester seien, weil das besetzte Auditorium Maximum zu einem großen Teil für ihre Vorlesungen genutzt wurde, die nun in zu kleine Hörsäle und auf unbeliebtere Zeiten verlegt wurden.

Die Wirtschaftswissenschafts-Fachschaften sehen die BWL-Studenten als unschuldige Opfer. Die Erstsemester mögen das tatsächlich sein. Doch das Studienfach an sich hat, wie Adam Soboczynski letzte Woche in einem ausgesprochen lesenswerten Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit darlegte, durch seine in bemerkenswerter Weise an den früher gescholtenen Bürokratismus des Ostens erinnernden aber tatsächlich den Wirtschaftsstudiengängen entstammenden Kontrollideologien die Grundlagen für die Bologna-Katastrophe geschaffen - und deren Lehrkörper vertritt diese Vorstellungen trotz ihres empirischen Scheiterns weiterhin zu einem großen Teil.

Was die Besetzung bei den BWL-Erstsemestern bewirkt ist allerdings eine andere Frage: Neben der Entwicklung eines gesunden Kritikvermögens gegenüber Kontrollexzessen könnten die Unbequemlichkeiten auch das religionsähnliche Beharren in den Ideologien verstärken. Dem könnte beispielsweise dadurch entgegengewirkt werden, dass man im Auditorium Maximum zu den Vorlesungszeiten der BWL-Erstsemester Veranstaltungen abhält, wo sie das lernen, was die naturwissenschaftlichen Fächer in den letzten Jahrzehnten in angemessenem, die kulturwissenschaftlichen in teilweise übertriebenem Umfang und die Wirtschaftsstudiengänge bisher gar nicht betrieben: Die Reflexion über die eigenen Grundlagen.

Die Betriebswirtschaftslehre ist - in Abgrenzung zur Volkswirtschaftslehre - weniger eine Wissenschaft, als vielmehr ein Gewerbe, das von Eugen Schmalenbach an die Hochschulen gebracht wurde und dessen Erkenntnisausbeute bisher von bemerkenswerter Schlichtheit war. Schmalenbach selbst war sich der mangelnden Wissenschaftlichkeit des von ihm begründeten Fachs noch bewusst und sprach deshalb von einer "Kunstlehre" - eine Einsicht die in der deutschen Universitätspraxis allerdings bald verloren ging. Die Betriebswirtschaftler bedienten sich mangels eines wirklichen Forschungsgebiets bei der anderen großen nichtwissenschaftlichen Universitätsdisziplin, der Theologie. Und so wurden statt Analysen Lehrsätze geschaffen.

Heute lesen sich BWL-Lehrbücher überwiegend wie alchemistische Schriften: schwer lesbare phantastische Thesen, angereichert mit magisch klingenden Schlagwörtern, die dem potentiellen Kapitalgeber (Feudalherr oder Venturekapitalist) suggerieren, dass man den Stein der Weisen hätte. Aus Blei Gold machen kann man damit allerdings nicht. Dazu passt auch die Entwicklung, dass der Manager im Werbefernsehen im letzten Jahrzehnt die Hausfrau als dümmstes Ansprechobjekt abgelöst hat: früher hatten nur Hausfrauen ein Lenor-Ego als zusätzliches Über-Ich, später auch die Manager in der Monster.de-Werbung.

Die "Verstaatlichung" der Betriebswirtschaftslehre hatte zur Folge, dass das, was früher "Kaufmann", "Krämer" und "Hausierer" hieß, sich heute "Bachelor", "Master" oder sogar "Professor" nennt - und letzteren gelang es, sich mit dieser scheinbaren akademischen Autorität nicht nur in die Politik einzumischten, sondern auch den eigentlich wissenschaftlichen Gegenpol, die Volkswirtschaftslehre, durch die Rolle der Fakultäten und Departments bei Stellenvergaben zunehmend unter den dunklen Schirm der eigenen theologischen Lehrsätze zu ziehen.

Würde man die Betriebswirtschaftslehre privatisieren und die staatlich geschützten Titel einziehen, dann könnten BWL-Theologen sich bei ihren Ratschlägen an die Politik nicht mehr öffentlich als Professoren oder Akademiker stilisieren. Eine solch konsequente Privatisierung brächte auch den Marketing- und Controlling-Stundenten ein wenig von der Medizin, die sie so gerne anderen verordnen: Dazu würde neben Lehrgeld zahlen statt Bafög beziehen auch ein Bibliotheksverbot gehören. Schließlich sprechen die Lehrsätze ja gegen solche "öffentlichen Dienstleistungen" weswegen sich die privatisierten Hausiererlehrlinge ihre Lehrbücher konsequenterweise kaufen und zu Hause lesen müssten. Dann könnten BWL-Azubis die Folgen von Digital-Rights-Management (DRM), die derzeit die Haushalte der öffentlichen Bibliotheken sprengen, am eigenen Leib erfahren.1

Und natürlich könnten mit den freiwerdenden Mitteln die wissenschaftlichen Fächer ohne Schwierigkeiten um so vieles besser ausgestattet werden, dass der Ruf nach Studiengebühren nur noch sehr mühsam zu begründen wäre. Doch leider steht zu befürchten dass auch eine Privatisierung der Betriebswirtschaftslehre nicht viel anders ablaufen würde als die Privatisierungen, die der Korruptionsforscher Werner Rügemer in seinem Buch "Privatisierung in Deutschland" untersucht hat. Er kam zu dem Ergebnis, dass Privatisierung in der Praxis nicht - wie öffentlich propagiert - der Verschuldung der öffentlichen Haushalte entgegenwirkte, sondern diese mit jener nur eine neue Form angenommen hat. Durch Haftungsausschlüsse und von der öffentlichen Hand finanzierte formelle Gewinngarantien wurden nur die Gewinne privatisiert, Risiken und Verluste aber sozialisiert. Das, was man früher "Subventionierung" nannte, kehrte unter dem Pseudonym "Privatisierung" als Turbo-Subventionierung zurück.

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