Warum konnte Bin Laden 2001 flüchten?

Florian Rötzer 29.11.2009

Ein Bericht des Senatssausschusses für Auswärtige Politik sucht mit durchsichtigen Motiven der Vorgängerregierung die Schuld am gegenwärtigen Dilemma in Afghanistan und Pakistan zuzuschieben

Während in Großbritannien nun sehr spät die Tricksereien noch einmal aufgedeckt werden, durch die der damalige Premier Tony Blair, treu US-Präsident Bush ergeben, den Krieg gegen den Irak angezettelt hat, lenkt ein vom Senatsausschuss für Auswärtige Politik veröffentlichter Bericht noch einmal den Blick darauf, wie Osama bin Laden im Dezember 2001 den Amerikanern ebenso wie andere al-Qaida- oder Taliban-Führer, allen voran Mullah Omar, entkommen konnte. Kurz vor Bekanntgabe der weiteren Afghanistanstrategie von US-Präsident Obama wird damit noch einmal der vorhergehenden Regierung die Schuld am gegenwärtigen Dilemma zugeschrieben, da viele der damals Geflüchteten auch heute noch den immer tödlicheren Krieg in Afghanistan und Pakistan führen würden.

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Bislang gab es mehrere Versionen, wie Bin Laden, der sich Ende November in das Höhlensystem Tora Bora geflüchtet haben soll, der Belagerung durch einige US-Soldaten und vor allem durch von den USA bezahlte Kämpfer der Nordallianz entkommen sein soll. Spekulierte wurde zunächst auch, ob der al-Qaida-Führer nicht dort durch die Bombardierung getötet worden sein könnte, das schienen aber die vielen Videos und Tonbotschaften von Bin Laden widerlegt zu haben. Nach einer Version war er dort niemals gewesen. Andere Berichte gingen davon aus, dass er sich schon Ende November nach Pakistan abgesetzt und nur einmal die in Tora Bora Verbliebenen angerufen hatte. Das sei dann fälschlicherweise als Beleg dafür genommen worden, dass Bin Laden noch bis 10. Dezember in Tora Bora gewesen war.

In der Regel ging man davon aus, dass Bin Laden mit al-Sawahiri und hunderten anderen al-Qaida-Mitgliedern durch die Hilfe der Nordallianz und gegen gutes Geld fliehen konnten, da das Pentagon zur damaligen Zeit nur wenige Soldaten von Spezialeinheiten in den Kampf geschickt und sonst nach dem Rumsfeld-Konzept lieber auf den Krieg aus der Luft gesetzt hatte (Bin Ladin und das Satellitentelefon). Peinlich war dies vor allem deswegen, weil Bush in den Krieg gezogen war, um die Schuldigen "tot oder lebendig" aufzuspüren und praktisch keiner der vermuteten Drahtzieher der Anschläge vom 11.9. gefangen werden konnte. Schon Ende Dezember 2001 meldete sich Bin Laden mit einem Video zurück (Neues Bin Ladin Video)

Besonders gute Quellen gibt es aber offenbar immer noch nicht. Der Bericht verlässt sich beispielsweise auf Artikel aus der New York Times, um abzuschätzen, wie viele al-Qaida-Kämpfer getötet und verletzt wurden. Schuld wird dem Pentagon, allen voran dem damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und dem Oberkommandierenden der Streitkräfte, General Tommy Franks, gegeben, Ende 2001 nicht ausreichend Bodentruppen nach Afghanistan geschickt und sich zu sehr auf die Nordallianz verlassen zu haben. Zwar hätte das "Entfernen des al-Qaida-Führers aus dem Schlachtfeld vor acht Jahren nicht die weltweite extremistische Drohung eliminiert", heißt es, aber die Flucht ermöglichte es Bin Laden zu einer "mächtigen symbolischen Person" zu werden, die Fanatiker und Geld mobilisieren konnte. Das Scheitern, den "Job" zu erfüllen, habe "für immer den Kurs des Konflikts in Afghanistan und die Zukunft des internationalen Terrorismus verändert".

Der Bericht geht davon aus, dass Bin Laden tatsächlich in Tora Bora gewesen sei. Eine Durchsicht von Berichten und Interviews mit wichtigen Teilnehmern habe zweifelsfrei bestätigt, dass Bin Laden "in unserer Reichweite in Tora Bora" gewesen sei. Er selbst habe seinen Tod erwartet, sei aber am 16. Dezember zusammen mit zahlreichen Anhängern dann unbelästigt nach Pakistan geflohen. Das sei nur deshalb möglich gewesen, weil das Pentagon gerade einmal 100 Soldaten vor Ort eingesetzt und eine Erhöhung der eigenen Truppen abgelehnt habe. Man wollte seinerzeit nicht zu viele Soldaten ins Land schicken, um nicht die antiamerikanischen Ressentiments und damit den Widerstand zu stärken. Zudem wollte man eigene Verluste beim bislang erfolgreichen Blitzkrieg möglichst vermeiden, der dann, wie später auch im Irak, zu einem lange andauernden asymmetrischen Krieg wurde..

Neue Beweise legt der Bericht allerdings nicht vor, der vom Leiter des Ausschusses, dem demokratischen Senator John Kerry, in Auftrag gegeben wurde. Als Präsidentschaftsbewerber im Jahr 2004 hatte er immer wieder darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, Bin Laden zu fangen. Das verhalf ihm damals aber auch nicht zu einem Wahlsieg über Bush. Den Bericht jetzt an die Öffentlichkeit zu bringen, dürfte zumindest auch den Zweck haben, Obama zu entlasten, der durch den Afghanistankrieg immer weiter unter Druck gerät. Zumal wenn er weitere Soldaten nach Afghanistan schicken sollte, würde man von der Seite der Demokraten darauf hinweisen, dass Bush und die damalige republikanische Kongressmehrheit für die Probleme dort verantwortlich sind, die Obama jetzt ausbaden muss.

Möglicherweise ist das finanzielle Argument ja überzeugender. Für die Steuerzahler sei der Fehler zu Beginn des Krieges teuer geworden. Die ersten 8 Jahre hätten 243 Milliarden Dollar gekostet, für dieses Jahr seien bereits wieder 70 Milliarden bewilligt worden, weitere Kosten könnten durch eine Truppenerhöhung entstehen. "Doch der höchste Preis", so heißt es weiter, "wird täglich in Afghanistan und Pakistan gezahlt, wo 68.000 US-Soldaten und hunderte US-Zivilisten im neunten Jahr in dem sich hinziehenden Konflikt beschäftigt sind und das afghanische Volk ein drittes Jahrzehnt der Gewalt erleidet. Bislang haben 959 US-Soldaten und 600 Soldaten der Alliierten in der Operation Enduring Freedom ihr Leben verloren, deren Ausgang weiterhin sehr zweifelhaft ist, was sich zu einem großen Teil der Tatsache verdankt, dass die hinter der Gewalt steckenden Extremisten 2001 nicht eliminiert wurden." Die Alliierten, die sich an der ISAF-Mission beteiligen, könnten nun allerdings auch dank dieses Berichts den Amerikanern die Schuld in die Schuhe ziehen und sich schneller zurückziehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31611/1.html
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