Von Climategate, Klimalüge und dem Wissenschaftsbetrieb

01.12.2009

Leugner der Klimaerwärmung sehen sich angesichts der gehackten Mails von Klimaforschern im Aufwind

Der Hack in Server des Climatic Research Unit (CRU) kurz vor dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen, auf dem bindende Reduktionen der CO2-Emissionen ausgehandelt werden sollen, um die Klimaerwärmung zu begrenzen, ist für die Skeptiker, in aller Regel aus dem konservativen Lager, gerade noch rechtzeitig geschehen. Mehr als 1000 Mails sowie zahlreiche andere Dokumente wurden dadurch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie gewähren Einblick in den Alltag der Wissenschaftler und erlauben nun den Klimaerwärmungsskeptikern, gelegentlich auch "Coolists" genannt, ihre These von einer großen Verschwörung der "Warmists" berechtigter und eingängiger auszubreiten – zumal mittlerweile die Klimapolitik zum Mainstream wurde und Widerstand dadurch auch interessanter wird, selbst unter denjenigen, die bislang zu den "Warmists" zählten. Das CRU ist entscheidend am UN-Klimarat und dessen Publikationen zur Klimaerwärmung beteiligt.

Von Climategate ist die Rede, vom Beweis für den größten Betrug in der Geschichte der Wissenschaften. In Australien, dem größten Luftverschmutzer pro Kopf, sind aus Protest gegen ein Klimagesetz 10 Abgeordnete der Opposition zurückgetreten, in Großbritannien wurden Rufe nach dem Rücktritt des CRU-Direktors Phil Jones und nach einer öffentlichen Untersuchung laut, in den USA sammeln sich Rechte und Republikaner, die schon immer gegen das Kyoto-Abkommen und andere Klima-Abkommen waren und entweder die Klimaerwärmung überhaupt oder zumindest, dass sie von Menschen mit verursacht wird, leugnen. Hier wittert man gerne antiamerikanische Bestrebungen und kann die wachsende Klimamüdigkeit, die sich schon zuvor verbreitet hat, nun auch gegen US-Präsident Obama richten.

Es geht dabei etwa um Versuche, Daten zu "beschönigen" oder zu "verbessern", in einer Mail als "Trick" bezeichnet. In einer anderen Mail heißt es, man könne die Erwärmung leider nicht beweisen. Phil Jones schrieb, er würde die vom Institut gesammelten Klimadaten lieber vernichten, als sie über ein Gesuch nach dem Informationsfreiheitsgesetz an Klimaskeptiker herausgeben. Und er forderte seinen Kollegen, den US-Klimaforscher Michael Mann, auf, Emails zu löschen. Dieser wiederum gibt Kollegen zu bedenken, ob man nicht eine Wissenschaftszeitung boykottieren solle, weil dort Artikel von Klimaskeptikern veröffentlicht würden, die ansonsten vom Peer-Review-Prozess abgelehnt wurden. Und dazu kommt eine weitere Intention:

"I can't see either of these papers being in the next IPCC report. Kevin and I will keep them out somehow - even if we have to redefine what the peer-review literature is!

Das klingt alles nicht gut. Die Erklärung von Jones, dass sich sicherlich einige Mails "nicht gut lesen", dass manche in der Hitze des Augenblicks geschrieben wurden oder dass so eben Wissenschaftler gelegentlich untereinander kommunizieren, wird und kann niemand beruhigen. Vermutlich auch nicht, wenn das CRU mitteilt, dass 95 Prozent der Klimadaten veröffentlicht worden seien und dass viele der Daten gar nicht vom CRU stammen. Auch andere befleißigen sich jetzt der Transparenz. Das Vertrauen in die Experten ist gestört.

Futter für Verschwörungstheoretiker

Rupert Murdochs US-Sender Fox mischt natürlich wieder mit und spricht etwa von einer "koordinierten Kampagne zur Verschleierung von wissenschaftlichen Informationen". Die konservative britische Zeitung Telegraph (die nicht zu Murdochs Imperium gehört, wie hier urptünglich stand, d. Red.) ist – wenn auch vor allem in Blogs - ebenso dabei wie Murdochs Wall Street Journal. Hier ist der Tenor, dass die aufgedeckten Mails den viel beschworenen wissenschaftlichen Konsens über den anthropogenen Klimawandel in Frage stellen und von Klimalüge sprechen. Die Mails, die bis ins Jahr 1996 zurückreichen, würden nahelegen, so das Wall Street Journal, dass das "Klimaverfolgungsspiel" von Anfang an manipuliert war und es letztlich nichts bedeutet, wenn die Forschungsbeiträge pro Klimaerwärmung am meisten veröffentlicht und zitiert werden, weil das eben ein Plot ist. Wie der aber zustande gekommen ist, verraten die Klimaskeptiker nicht, die sich natürlich auch nicht darüber äußern, wie Teile der Industrie und der Politik lange versucht haben, die Klimaerwärmung herunterzuspielen.

Auch in Deutschland sehen die Anhänger der Klimalüge-Fraktion ihre Chancen steigen. So etwa das 2007 in Jena gegründete EIKE (Europäisches Institut für Klima und Energie e.V.), das "die Behauptung eines "menschengemachten Klimawandels" als naturwissenschaftlich nicht begründbar und daher als Schwindel gegenüber der Bevölkerung" ansieht. Man lehnt jede Art der Klimapolitik, die nur als Vorwand diene, "Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden und das Volk durch Abgaben zu belasten". Der jetzige "wissenschaftliche Skandal" komme "dem Einschlag einer Atombombe in das Gebäude der 'etablierten Klimaforschung' gleich", hofft man. Eine am 4. Dezember in Berlin organisierte Klimakonferenz sei bereits restlos ausgebucht.

Auch eine Versanstaltung zur Klimalüge in Berlin machen Manuel Bonik, "Künstler, Autor und Doktorand", und Andreas Schaale, "theoretischer Phsiker und Unternehmensberater". Für sie ist klar: "Die Berechnungen der sogenannten Klimaforscher beruhen auf fehlerhafter Mathematik, Manipulationen von Fakten und den Lügen von Lobbies. Wenn wir seit einigen Jahren auf eine Klimakatastrophe eingeschworen werden und demnächst in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll gesucht wird, erleben wir nichts anderes als einen Hype."

Und in Großbritannien freut sich auch die rechte Britisch National Party (BNP) über die angeblich aufgedeckte "Klimalüge", mindestens ebenso wie über die Abstimmung der Schweizer gegen Minarette und gegen die "islamische Kolonisierung". Nick Griffin, BNP-Führer, der seit den letzten Wahlen mit seiner Partei ins Europaparlament eingezogen ist, wird auch als Mitglied des Umweltausschusses am UN-Klimagipfel in Kopenhagen teilnehmen und die EU vertreten, was selbst bei den Konservativen auf Kritik stößt.

Griffin bezeichnet diejenigen, die vor der Klimaerwärmung warnen, schon mal als "Spinner". Natürlich haben auch für ihn diese Spinner eine Verschwörung ausgeheckt, einen "Orwellschen Konsens", der auf "Druck, Zensur und manipulierten Statistiken" beruht. Wie bei vielen anderen Klimaskeptikern wird da viel mit einer regen Fantasie und einem Schuss Paranoia sowie einer Abwehr gegen die Wissenschaft zusammengebraut: "Die antiwestlichen intellektuellen Spinner von der Linken erlitten einen kollektiven Zusammenbruch, als der Kommunismus kollabierte. Der Klimawandel ist ihre neue Theologie. … Aber die Häretiker werden in Kopenhagen eine Stimme haben und die Wahrheit wird sich zeigen. Der Klimawandel wird benutzt, um eine antimenschliche Utopie durchzusetzen, die so tödlich wie die von Stalin oder Mao ist."

Fehlende Transparenz des Wissenschaftsbetriebs

Der deutsche Klimawissenschaftler Hans von Storch vom GKSS-Forschungszentrum Geesthacht, der nach den Mails bei einigen seiner Kollegen unbeliebt war und vor Jahren als Herausgeber einer Klimazeitschrift sich mit Problemen des Peer Review verheddert hatte, fordert nun eine Debatte über die Normen der Wissenschaft: "Offensichtlich kann die Wissenschaft selbst nicht definieren, wie diese Normen aussehen sollten. Eine Hauptrolle in diesem Prozess sollten die Medien spielen – und es scheint, dass die Medien endlich anfangen sich ernsthaft dem Problem zu widmen. Ein Beispiel ist das Wall Street Journal."

Der Guardian-Journalist George Monbiot, der viel über Klimaforschung und Klimaerwärmung berichtet hat, fordert den Rücktritt von Phil Jones und Konsequenzen. Allerdings macht er auch deutlich, dass die "Klimarationalisten" höheren Maßstäben gehorchen müssten als die Klimaskeptiker, die seit Jahren gelogen, manipuliert, verschleiert und dreckige Tricks benutzt hätten. Die "Verleugnungsindustrie" und "Lügenkampagnen" der Klimaerwärmungsleugner würden es jedoch nicht rechtfertigen, Informationen zurückzuhalten oder zu "verbessern" oder den Peer-Review-Prozess zu manipulieren. Mobiot kritisiert freilich vor allem die falsche Vorgehensweise, man sei nicht offen genug gewesen und habe die kritischen Fragen nicht klar kommuniziert, das Verhalten von CRU, wo man zunächst abtauchte, habe die Situation noch verschlimmert. Noch schlimmer sei, dass durch das über die Mails bekannt gewordene Verhalten einiger Wissenschaftler unterzugehen drohe, wie lange die Industrie mit allen Mitteln versucht hat, die Klimaerwärmung zu verschleiern und die Wissenschaftler unter Druck zu setzen.

I can't see either … being in the next Intergovernmental Panel on Climate Change report. Kevin [Trenberth] and I will keep them out somehow – even if we have to redefine what the peer-review literature is!

CRU-Direktor Phil Jones über zwei Studien

Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des UN-Weltklimarats IPCC, erklärt nun, dass es doch "praktisch unmöglich" für einige Wissenschaftler sei, die Beratung für die Politiker zu beeinflussen, indem nicht genehme Forschungsberichte ausgeschlossen würden. Allein schon die große Zahl der Mitarbeiter und der strenge Peer-Review-Mechanismus würden bedeuten, dass dies schnell aufkäme. "Die Prozesse im IPCC sind so robust, so umfassend, dass selbst dann, wenn ein oder zwei Autoren eine besondere Neigung haben, es absolut unwahrscheinlich ist, dass dieses Vorurteil Eingang in den IPCC-Bericht findet." Wer einmal einen Verdacht hegt und misstrauisch ist, wird sich durch solche Behauptungen freilich nicht beruhigen lassen.

Bestärkt wird das Misstrauen dadurch, dass CRU zugeben musste, zahlreiche Rohdaten vernichtet zu haben, die in die Berichte des IPCC eingeflossen sind. Die Times, zum Murdoch-Imperium gehörend, interpretiert dies so, dass Vertrauen einfach eingefordert wird, weil die Ergebnisse anhand der Rohdaten nicht mehr überprüft werden können.

Klimaforschung und Politik

Dass Forschungsrichtungen, sind sie einmal etabliert, zirkulär und zum Paradigma werden, was auch heißt, dass sie öfter publiziert, zitiert und finanziert, dafür aber abweichende Positionen an den Rand gedrängt werden, ist keine spezifische der Eigenschaft der Klimaforschung. Dabei geht es um Anerkennung, Veröffentlichungen, Einfluss, Erhalt von Jobs und Institutionen und Forschungsgelder. Die Klimaforschung ist tatsächlich zu einer "Branche" geworden, der es nicht nur um die reine Wahrheit geht, sondern auch ums Über- und Weiterleben. Dass kommerzielle Interessen und ganze Wirtschaftszweige sich mit einer Forschungsrichtung verbinden, ist auch nichts Einzigartiges.

Allerdings ist wohl einmalig, dass Wissenschaftler zusammen mit Politikern, politischen Bewegungen und Unternehmen mit den von der Wissenschaft gelieferten Daten und Vorhersagen gemeinsam vor einer globalen Katastrophe warnen, um eine Umorientierung der Lebensweise, der Wirtschaft, der Techniken und der Energieressourcen zu erzwingen, die möglichst schnell erfolgen müsse – und das aufgrund von Daten, die nicht zweifelsfrei feststehen, und aufgrund höchst komplexer Bedingungen, die keineswegs als gänzlich erforscht gelten können, sondern weiterhin zahlreiche Unbekannte enthalten. Allerdings wird kaum jemand ernsthaft und glaubwürdig bezweifeln können, dass es seit der Industriellen Revolution einen scharfen Anstieg der CO2-Emissionen gegeben hat, deren Ursache kaum zu übersehen, geschweige denn zu leugnen sein dürfte.

Vorhersagen bleiben ungewiss, auch wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit der bislang vorliegenden Daten und der daraus abgeleiteten Modelle dafür spricht. Die Ungewissheit der Datenlage und ihrer Interpretation wurde tatsächlich von der Klimaerwärmungsfraktion eher heruntergespielt und damit die Wissenschaft und ihre Methoden simplifiziert, wenn nicht verschleiert. Das war ein Fehler, zu dem vermutlich kommt, dass auf der Hand liegt, dass wir so nicht weiter wirtschaften können. Das Klima ist nur ein Aspekt, die Ausbeutung der Ressourcen, die Zerstörung und Belastung der Umwelt, der drastische Artenschwund und das Dilemma, in der Spirale des permanenten wirtschaftlichen Wachstums gefangen zu sein, hat sich auch dazu geführt, dass das Klimathema, gut vorbereitet durch die früheren Warnungen vor einer neuen Eiszeit, zur Speerspitze derer wurde, die eine Veränderung der Lebensweise und der Produktion herbeiführen wollten. Ähnlich entstand die grüne Bewegung auch aus der gescheiterten Bewegung, eine gesellschaftliche Revolution anzustreben.

Die Politiker werden ihre Sache machen, unabhängig davon, was genau und mit welchen Vorbehalten die Wissenschaftler sagen. Aber es wäre wichtiger denn je für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler, der Wissenschaftsorganisationen und der Wissenschaft, wenn die Grundlagen der Theorien, Modelle und Behauptungen deutlicher gemacht werden. Wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben wollen, kann die Wissenschaft nicht zum Religionsersatz werden. Wissenschaft ist kein Glaube, sondern die Erstellung von begründeten Hypothesen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, die prinzipiell jeder Zeit widerlegt werden können. Das ist die Herrschaft der Vernunft, aufgeklärt und nüchtern. Die Politik muss trotz der Unsicherheit der Vorhersagen handeln.

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