Mehr Marines

Thomas Pany 01.12.2009

US-Präsident Obama hat sich für den Klassiker unter den US-Militärstrategien entschieden: Mehr kämpfende Soldaten und engere Zusammenarbeit mit der umstrittenen Führung des besetzten Landes

Wie andere US-Präsidenten vor ihm steckt der Hoffnungsträger Obama in einem Kriegs-Schlamassel und findet als Lösung, wohin es seine Vorgänger bereits in Vietnam und im Irak-Krieg drängte: den Einsatz von noch mehr amerikanischen Soldaten. Mehr als 30 000, vorwiegend Elitesoldaten aus dem Marine-Corps, Männer und Frauen sollen in den nächsten Monaten sukzessive nach Afghanistan entsendet werden. Demgegenüber steht eine lange Liste von Hindernissen und Widerständen, die sich der erfolgreichen Umsetzung der Strategie in den Weg stellen: Sie fängt mit Eseln an, die von den Taliban neuerdings als "Selbstmordbomber" eingesetzt werden, variiert das Thema Korruption in tausend Wiederholungen und hört bei der notwendigen Unterstützung durch die Bevölkerung - nicht nur in Afghanistan - auf.

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Wie genau die neue Strategie aussehen soll, will Obama heute in einer Rede vor der Militärakademie in West Point ausführen. Grundzüge sind allerdings schon in den letzten Tagen über verschiedene Medienberichte durchgesickert. Heute ist in allen großen Zeitungen der USA die große Linie nachzulesen. Etwa 30 000 zusätzliche Soldaten sollen in den kommenden Monaten das amerikanische Truppenkontigent in Afghanistan auf etwa 100 000 erhöhen. Mit schon bisher erfolgten Verstärkungen in seiner Amtszeit würde Obama damit die Zahl der US-Soldaten in Afghanistan verdreifacht haben, seit er Präsident ist.

Wie eine hochrangige Quelle aus dem Verteidigungsministerium der New York Timesverriet, sollen ab Januar "Tausende von Marine-Soldaten" in die Provinz Helmand entsandt werden, die nach und nach verstärkt werden. Nach Andeutungen geht es unter anderem darum, die dortigen Opiumfelder unter Kontrolle zu bringen. Ein anderer Schwerpunkt der militärischen Strategie hat insbesondere Kandahar im Auge, das als symbolträchtige Hochburg der Taliban gilt. Auch gegenwärtig sollen Talibankräfte Stadt wie Provinz in großen Teilen unter Kontrolle haben. Die für die großflächige Präsenz ungenügende Anwesenheit von US-Kräften wurde von militärischen Führern als großes Manko beklagt. Ob die jetzt beschlossene Aufstockung genügt, wird allerdings von Befürwortern einer deutlich größer dimensionierten Verstärkung bezweifelt. Schon jetzt zeigen sich manche im Generalstab, prominent vorneweg US-und Nato-Kommandeur McChrystal, über Obamas eingeschränkten Surge wenig zufrieden.

Kompromiss-Lösung

Die Strategie, die Obama allen Anschein nach gewählt hat, ist ein Kompromiss zwischen zwei unterschiedlichen konzeptuellen Herangehensweisen. Während McChrystal auf sehr viel mehr Soldaten baute, kamen aus dem Kreis des Vizepräsidenten Biden Vorschläge, die stattdessen auf weniger Truppenstärke, dafür aber konzentrierte Bekämpfung der terroristischen Elemente des Widerstands setzte. Man müsse sich auf die grundlegenden Ziele in Afghanistan rückbesinnen, hieß es, und vor allem in "Hotspots" gegen die extremistischen Milizen, insbesondere der Taliban und Al-Qaida, agieren; zielgenau. Dass es Obama mit der Mischung - etwas mehr Truppen, die in besonders umkämpften Zonen eingesetzt werden -, allen Seiten recht machen wolle, ist einer der Kritikpunkte, die jetzt laut werden.

Innenpolitisch hat es Obama mit einigen Widerständen zu tun - nicht nur auf Seiten des politischen Gegners von der republikanischen Partei, wo man eine größerer Verstärkung fordert. Auch von der eigenen Partei gibt es Kritik. Sie reibt sich u.a. an den enormen Kosten bei fallender Zustimmung für die Afghanistan-Mission in der US-Bevölkerung. Obama muss sich, um eine Mehrheit vor dem Kongress für seine Pläne zu sichern, um Stimmen aus der republikanischen Partei werben.

Forderungen an die Verbündeten

Auch außenpolitisch steht die Strategie auf brüchigem Boden. Obama braucht die Unterstützung der Allierten. Merkel, Westerwelle und Guttenberg können mit neuen Anfragen rechnen. Frankreich und Großbritannien haben schon reagiert. Frankreich mit einer Ablehnung, man könne keine zusätzlichen Truppen schicken. Großbritannien mit einer Zusage, zusätzliche 500 Soldaten nach Afghanistan zu entsenden. Den gestrigen Tag soll Obama länger mit Sarkozy, Brown, Australiens Rudd, dem russischen Präsidenten Medwedew und dem indischen Premier Manmohan Singh telefoniert haben; keine unilaterale Bush-Politik also, sondern Einbeziehung internationaler Staatschefs. Das größte Problem aber in Fragen der politischen Absicherung der Afghanistan-Politik stellt die afghanische Regierung.

Schwachpunkt: die afghanische Regierung

Wie an anderer Stelle ausgeführt wird, steckt die Formierung der neuen afghanischen Regierung fest. Die Frage stellt sich, mit wem es die amerikanische Regierung künftig zu tun haben wird und wie verläßlich die afghanischen Regierungsmitarbeiter sind, die sich zum Teil als Warlords und Drogenhändler einen Namen geschaffen haben. Ob sich grundlegend die Legitimationsdefizite der Regierung, die sich durch die fragwürdige Wahl ergeben haben, ausbügeln lassen, ist ein weiteres Fragezeichen. Dabei spielt die Zusammenarbeit mit der Regierung eine entscheidende Rolle für den Erfolg der amerikanischen Strategie. Ein großes Problem ist das Geld, das zur Unterstützung, Entwicklungshilfe und Aufbau neuer Infrastruktur gedacht ist und in Korruptionskanälen versickert:

The Afghanistan government presides over the fifth poorest country in the world. It has millions of dollars in aid to spend for the betterment of its constituents. But it actually managed to spend less on these tasks this year than in previous years, despite having more money.(...) The cabinet ministries are unable to spend the money allocated to them on things like education and rural development, and actually spent less in absolute terms last year than they did in the previous two years. Only half of the development projects for which money was allotted were even begun last year, and none was completed.

Afghanische Sicherheitskräfte

Die andere große Schwierigkeit betrifft der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte. Zwar hat Obama auch hier die hoch angesetzten Zahlen seines Afghanistan-Kommandeurs McChrystal realistisch nach unten korrigiert, ob er real weit unten genug ansetzt, wird sich zeigen. Seine Afghanistan-Strategie ist auf die Kooperation der afghanischen Truppen wesentlich angewiesen. Sie sollen mehr und enger mit amerikanischen Truppen zusammenarbeiten, bei gleichzeitiger Intensivierung von Rekrutierung und Ausbildung, damit die Verantwortung in "absehbarer Zeit" – einen genauen Zeitplan für den Anzug wird Obama heute wohl nicht nennen – von afghanischen Sicherheitskräften übernommen werden kann.

Folgt man Berichten, die von offiziellen Darstellungen abweichen (vgl. Vergeblicher Muskelaufbau in Afghanistan), so ist die Moral innerhalb der afghanischen Sicherheitskräfte nicht sonderlich hoch. Viele desertieren, dazu kommt, dass sie Verbindungen zu Taliban haben, wenn sich nicht gar Talibankräfte selbst des Soldes halber und aus anderen Gründen anheuern lassen, um bald wieder die Seiten zu wechseln. Ob sich das mit neuen Konzepten (siehe 10 Dollar, Taschen voll Gold und Millionen und Die ständige Verführung zum Seitenwechsel) ändern läßt, bleibt fraglich.

Zeitdruck und Unterstützung durch die Bevölkerung

Die größte Unbekannte - mal dahin gestellt, wie viel sich militärisch gegen den ortskundigen und dort vernetzten Widerstand ausrichten läßt – bleibt die Unterstützung der afghanischen Bevölkerung. Immer wieder bestätigen Berichte aus dem Land, dass sich der Wind gedreht hätte, dass sich der Unmut der Bevölkerung mehr und mehr gegen die ausländischen Soldaten richten würde. Ob die neue Strategie, nur um ein Beispiel zu nennen, weniger auf Luftschläge angewiesen ist? Ob es gelingt, die Bevölkerung noch einmal auf die Seite der Nato-Verbündeten zu ziehen, indem man Orte besser vor dem Zugriff der Guerillas sichern kann? Die Sicherung von bereits eroberten Gebieten hat jetzt taktische Priorität. Doch für wie lange? Die Taliban, so hat sich in den letzten Jahren seit Herbst 2001 deutlich gezeigt, haben eine andere Zeitrechnung. Wenn Kandahar zwei Jahre lang von westlichen Truppen gesichert wird, dann wird es eben nach drei Jahren wieder langsam und stetig zurückerobert.

Die Verbündeten stehen in Afghanistan währenddessen unter Zeitdruck. Die Stimmung innerhalb der westlichen Länder hat sich ebenfalls deutlich stärker gegen den Afghanistan-Einsatz gewendet. Erfolgsnachrichten könnten auch mit der neuen Strategie auf sich warten lassen, mehr Verlustmeldungen bei mehr Einsätzen von mehr kämpfenden Soldaten sind dagegen wahrscheinlicher.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31627/1.html
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