Vor dem Klima-Gipfel

Wolfgang Pomrehn 02.12.2009

Die Energie- und Klimawochenschau: Industriestaaten wollen vertagen, die Schwellenländer sich gemeinsam dagegen wehren und in der Ostantarktis tauen die Gletscher

Nächste Woche ist es so weit, dann beginnt in Kopenhagen der diesjährige UN-Klimagipfel. Zwei Wochen werden Vertreter so ziemlich aller Länder miteinander über die Fortschreibung der Klimaschutzverträge verhandeln. Über 85 Staats- und Regierungschefs haben sich angekündigt. Das ist ungewöhnlich, denn normaler Weise wird auf der Ministerebene verhandelt. Die erste Woche gehört den Beamten, die Minister treffen dann ab dem Montag oder Dienstag der zweiten Woche ein, wenn die Gespräche in die heiße Phase gehen.

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So wird es auch in diesem Jahr sein, nur dass sich zu den Ministern viele ihrer Vorgesetzten gesellen werden. Mehr als 85 Staats- und Regierungschefs haben ihr Kommen angekündigt. Das unterstreicht die besondere Bedeutung und die Erwartungen, die viele Staaten an den diesjährigen Gipfel haben. Immerhin hatte man sich vor zwei Jahren im indonesischen Bali darauf verständigt, in Kopenhagen einen Nachfolgevertrag für das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben.

US-Präsident Barack Obama will ebenfalls in die dänische Hauptstadt kommen. Allerdings wird er nur in der ersten Woche für einen Tag an der Konferenz teilnehmen, was nicht viel Sinn macht. Dies hat nur eine gewisse symbolische Bedeutung. Es scheint auch mehr eine Art Zwischenstopp zu werden, denn der US-Präsident reist nach Oslo, um sich seinen Friedensnobelpreis abzuholen. Hätte wohl schlecht ausgesehen, wenn er nicht auch in Kopenhagen reinschauen würde..

Räumliche Verteilung der Treibhausgasemissionen in CO2-Äquivalenten. Zahlenangaben sind in 1000 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Planquadrat (0,1 Grad x 0,1 Grad). Bild: WMO

Im Grunde ist dieser Abstecher nicht mehr als eine leere Geste. Obamas Amtskollegen werden erst eine Woche später vorbeikommen, und seine Hände werden leer sein: Um 17 Prozent will Obama bis 2020 die US-Emissionen gegenüber 2005 senken. Das hört sich nach viel an, ist aber gemessen an dem, was notwendig wäre, ziemlich wenig. 2005 haben die USA 5,9 Milliarden Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Energieträger und der Zementproduktion emittiert, wie ein internationaler Vergleich zeigt. Eine Minderung um 17 Prozent würden sie gerade auf das Niveau von 1990 zurückbringen, als sie 4,9 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen haben. Laut UN-Klimarahmenkonvention hätte dieses Ziel schon im Jahre 2000 erreicht sein sollen.

Zurückrudern

Vor diesem Hintergrund hat Dänemarks Premier Lars Løkke Rasmussen letzte Woche auf dem Gipfel der Commonwealth-Staaten in Trinidad y Tobago elegant den Bogen zu einer Vertagung der Verhandlungen geschlagen. Mit markigen Worten sprach er davon, dass "Kopenhagen der Wendepunkt werden kann, den wir alle wollen. Wir kennen das Problem. Wir kennen die Lösungen. Wir wissen, was wir tun müssen." Um dann der Vertagung das Wort zu reden: "Eine belastbare Absprache (a strong deal) auf der Führungsebene wird als klare und detaillierte Richtlinie für die Verhandlungsführer dienen, um rasch ein legales Rahmenwerk zu vollenden."

Zitiert hat ihn die Nachrichtenagentur Reuters, die in ihrem Bericht aus Trinidad y Tobago behauptet, die meisten Regierungen hätten die Hoffnung längst aufgegeben, in Kopenhagen könne ein Vertrag vereinbart werden. Der Malaysia Star berichtet hingegen, die 53 Commonwealth-Staaten hätten sich darauf verständigt, auf den Abschluss eines Vertrages zu drängen.

Schwellenländer einig

Auch die großen Schwellenländer weigern sich bisher, in die Abgesänge einzustimmen. Am Wochenende trafen sich hochrangige Klima-Diplomaten aus Brasilien, China, Südafrika, Indien und dem Sudan (als Vertreter der G77), um eine gemeinsame Verhandlungsposition zu verabreden. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters war man sich einig, dass es in Kopenhagen unter anderem darum geht, dass die Industriestaaten finanzielle Mittel und technologisches Know-how zu Verfügung stellen, damit in den Entwicklungsländern der Klimawandel bekämpft werden könne. Ziel des Gipfels müsse die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls sein, also mehr als die politische Erklärung, die von der Bundesregierung und vielen anderen westlichen Regierungen angestrebt wird.

Die indische Zeitung The Hindu schreibt, dass die von Indien, China, Brasilien und Südafrika unterschriebene zehnseitige Abschlusserklärung als Gegengewicht zu einer Verhandlungsplattform gedacht sei, die diese Woche von einigen Industriestaaten veröffentlich werden solle. Man wolle verhindern, zitiert das Blatt einen anonym bleibenden chinesischen Beamten, dass das Papier der Industriestaaten zur alleinigen Verhandlungsgrundlage werde.

An dem Treffen in Beijing nahmen unter anderem der indische Umweltminister Jairam Ramesh und Chinas Premier Wen Jiabao teil. In dem gemeinsamen Papier, das von der chinesischen Seite vorbereitet wurde, seien einige nicht verhandelbare Punkte aufgelistet. So wollen die Schwellenländer zum jetzigen Zeitpunkt keine völkerrechtlich verbindliche Verpflichtung akzeptieren, ihre Emissionen zu reduzieren. China und Brasilien haben allerdings in den letzten Wochen Zusagen gemacht, den weiteren Anstieg ihrer Emissionen erheblich abzubremsen. Auch verwahren sich die vier Staaten dagegen, den Klimaschutz zu nutzen, um neue Handelsbarrieren zu errichten. In den USA ist wiederholt der Ruf laut geworden, auf chinesischen Stahlimporte wegen der mit dessen Produktion verbundenen Emissionen Strafzölle zu erheben.

Methankonzentration steigt wieder

Nach dem CO2 ist Methan (CH4) das zweitwichtigste Treibhausgas. Obwohl seine Konzentration in der Atmosphäre erheblich geringer ist, liegt sein Anteil am Treibhauseffekt bei rund 20 Prozent. Gemeint ist hier natürlich der zusätzliche, von den Emissionen aus den industriellen Aktivitäten des Menschen verursachte Treibhauseffekt, der die natürlich Treibhausfunktion der Erdatmosphäre verstärkt und der immer mehr das globale Klima durcheinander wirbelt.

Positive und negative Anteile der verschiedenen Treibhausgase und Aerosoltypen am antropogenen Treibhauseffekt. Bild: IPCC

Seit Beginn der Industrialisierung ist der CH4-Anteil der Atmosphäre stark angestiegen. Wie im Falle von CO2 wissen wir aus der Untersuchung von Lufteinschlüssen in Eisbohrkernen, dass die derzeitigen CH4-Konzentrationen für die letzten 600.000 Jahre einmalig sind. Die "menschlichen" Methanquellen sind Mülldeponien, Lecks bei Förderung und Transport von Erdgas, Reisfelder, Verbrennung von Biomasse.

Immerhin gab es aber Ende der 1990er Entwarnung: Die CH4-Konzentration hatte aufgehört, weiter zu steigen. Doch damit ist es nun vorbei. Wie im jüngst veröffentlichten jährlichen Greenhouse Gas Bulletin der Weltmeteorologieorganisation WMO berichtet wird, ist die Konzentration bereits im zweiten Jahr in Folge wieder gestiegen, und zwar um jeweils sieben ppb (Milliardstel Volumenanteilen). 2008 lag sie mit 1797 ppb 157 Prozent über dem vorindustriellen Niveau.

Oben: Methan Konzentration im Milliardstel Volumenanteilen. Unten: Jährliches Wachstum der Konzentration. Bild: WMO

In den 1980er und 1990er Jahren war die CH4-Konzentration um durchschnittlich 14 ppb pro Jahr angestiegen, dann jedoch rund zehn Jahre konstant geblieben. Die Ursache für den erneuten Anstieg ist unbekannt. Es gibt allerdings Hinweise, dass in der Arktis die Ausgasung von CH4 aus dem Meeresboden zugenommen haben könnte (siehe Rettet China die Welt?).

Ostantarktis verliert Eis

Schlechte Nachrichten kommen derweil vom anderen Ende der Erde. Dort liegt das Land bekanntlich unter einer mehrere Kilometer dicken Eisschicht. Im Wesentlichen sind es zwei große Schilde, die die Antarktis bedecken. Über den kleineren davon, den westantarktischen Schild, machen sich die Wissenschaftler schon länger Sorgen, denn seine Stabilität ist ungewiss. Immerhin liegt dort genug Eis, um den Meeresspiegel weltweit um vier bis sechs Meter ansteigen zu lassen. Könnte also unter Umständen schon ziemlich ungemütlich werden, wenn dort etwas so richtig ins Rutschen gerät. Da das Eis größtenteils auf Felsen lagert, der unter dem Meeresspiegel liegt, ist das leider keineswegs auszuschließen.

Nur gut, dass zumindest der ostantarktische Eisschild, in dem beachtliche 50 bis 60 Meter Meeresspiegelanstieg "konserviert" sind, stabil ist. Tiefe Temperaturen sorgten dort dafür, dass die Massenbilanz stimmte. Doch damit scheint Schluss zu sein. Nach einem Bericht des Time-Magazine haben Wissenschaftler der Universität von Texas in Austin festgestellt, dass seit Neuestem auch in der Ostantarktis die Gletscher schrumpfen.

Chen Jianli vom Zentrum für Weltraumforschung hat mit seinen Kollegen die Daten des GRACE-Projekts ausgewertet. Dabei handelt es sich um zwei kleine Satelliten, die im kurzem Abstand hintereinander die Erde umkreisen. Mithilfe der Schwankungen in ihrer Bahn kann das Schwerefeld der Erde ziemlich genau vermessen werden, und aus dessen Veränderungen lassen sich wiederum Rückschlüsse auf die Massenbilanzen der Eisschilde ziehen. Wachsen sie, so nimmt die Schwerkraft lokal zu und umgekehrt.

Die Berechnungen sind nicht ganz einfach, unter anderem, weil auch die Aufwärtsbewegung des felsigen Untergrundes eine Rolle spielt, die ebenfalls das Schwerefeld verändert. Während der letzten Eiszeit waren die Antarktischen Eisschilde mächtiger -- der Meeresspiegel lag 120 Meter niedriger -- und haben den Untergrund in den plastischen Erdmantel gedrückt. Da er nun entlastet ist, steigt er langsam wieder auf. (Auch in Skandinavien ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Dort steigt das Land im Norden um bis zu einem Meter pro Jahrhundert und lässt entsprechend die Ostsee auslaufen.)

Jedenfalls kommen Chen und Kollegen zu dem Ergebnis, dass die Ostantarktis zur Zeit jährlich 57 Milliarden Tonnen Eis verliert, es können aber auch 52 Milliarden mehr oder weniger sein. Das so Chen sein, noch nicht dramatisch viel. Was Sorgen mache, sei der Trend. Anders als in Grönland schmilzt das Eis jedoch nicht an der Oberfläche ab, dafür ist es in der Ostantarktis nach wie vor zu kalt. Der Verlust muss vielmehr eine Folge verstärkter Abbrüche an den Rändern sein, wo das wärmere Meerwasser an den Gletscherzungen nagt.

Die große Frage wird sein, ob sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzt und womöglich verstärkt. Ganz so dramatisch wie in der Westantarktis wird es aber wohl kaum kommen können, denn der Felsen unter den östlichen Gletschern befindet sich über dem Meeresspiegel und die Lufttemperaturen werden dort auch im Extrenfall noch lange sehr kalt bleiben. Allerdings könnte wohl die Ostantarktis bis zu einigen Dezimetern pro Jahrhundert zum Meeresspiegelanstieg beitragen, was schon schlimm genug wäre.

China klotzt

Und zum Schuss die gute Nachricht der Woche, auch wenn sie schon fast zwei Wochen alt ist. Da sie aber hierzulande wenig beachtet wurde, ist sie immer noch erwähnenswert: China will mal wieder reichlich klotzen. In der Inneren Mongolei soll ein Fotovoltaik-Kraftwerk mit einer Leistung von zwei Gigawatt (GW) entstehen. Das wäre weltweit mit Abstand das größte seiner Art. Die Module soll die US-Firma First Solar liefern, die Verträge wurden anlässlich des Besuchs von US-Präsident Barack Obama Mitte November in Beijing (Peking) unterschrieben.

China ist zwar schon bisher einer der größten Hersteller von Solarmodulen, hat aber nach den Informationen von APA erst 90 Megawatt installiert. Bis 2020, so APA, werde eine installierte Leistung von zehn bis 20 Gigawatt angestrebt. (20 GW ergeben bei einer Sonnenscheindauer von 1.800 Stunden im Jahr 36 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie oder in etwa 0,8 bis ein Prozent des derzeitigen Verbrauchs der Volksrepubklik.) Im Frühjahr wurde, wie seinerzeit berichtet, erstmalig ein Förderprogramm für den Ausbau der Fotovotaik verabschiedet. Auf dem Gebiet der direkten Sonnenutzung für Warmwasser ist China bereits weltweit führend. Zehn Prozent der Haushalte sind schon mit Solarkollektoren ausgerüstet, schreibt der chinesische Umweltökonom Wang Tao.

Wang berichtet auch, dass allein 1,7 Billionen Yuan oder rund 170 Milliarden Euro aus dem vor einem Jahr beschlossenen vier Billionen Yuan schweren Konjunkturpaket in den Ausbau der Stromnetze gesteckt werden sollen. Anders als ihre deutschen Regierungskollegen ist sich die chinesische Führung offenbar durchaus bewusst, dass eine wichtige Voraussetzung für den Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energieträger ein gut ausgebautes Netz ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31630/1.html
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