Statt Lohn nur Trinkgeld für Einpackkräfte

Rudolf Stumberger 04.12.2009

Erst nach Medienberichten gehen Handelsketten auf Distanz

Noch vor kurzem standen sie an den Kassen des Supermarktes im Münchner Olympiazentrum und packten dort den Kunden die Waren in eine Papiertüte: Schüler und Studenten, bekleidet mit einem gelben T-Shirt, auf denen in Blau der Firmenzug Friendly Service prangte. Seit 2006 vermittelt Firmengründer Martin Lettenmeier aus Ingolstadt die Einpackkräfte vor allem an die Filialen der Einzelhandelskette Edeka. Lohn erhalten die Arbeitskräfte dafür nicht, sie arbeiten gegen Trinkgeld, das ihnen die Kunden in eine kleine gelbe Sparbüchse werfen, die mit einer Kette am Kassentisch festgemacht ist. Seitdem diese Geschäftspraktik durch Presseberichte publik wurde, hagelt es Kritik und Proteste. Und die Geschäftsleitung von Edeka Südbayern erklärte nun, das "bestehende Geschäftsverhältnis mit 'Friendly Service' wird aufgrund der aktuellen Berichterstattung geprüft".

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"Der Kassenbereich ist ihre Bühne, Kunden und Kassiererinnen die Mitspieler. Die Motivation kommt beim Spielen. Und mit dem Applaus des Publikums – dem Trinkgeld – geht alles leichter von der Hand." So sieht der 47-jährige Unternehmer Lettenmeier in der Fachzeitschrift "Lebensmittel Praxis" (LZ) die Arbeit seiner Kontraktnehmer.

Das sind vor allem Gymnasiasten und Studenten, die mit "Friendly Service" einen Dienstleistungsvertrag als Selbständige abschließen. Sie erhalten keinen Lohn, dürfen aber für eine bestimmte Zeit an den Kassen der Supermärkte als Einpackhilfe arbeiten und erhalten dafür das eingesammelte Trinkgeld. Der Stundenverdienst liege zwischen sieben und 14 Euro. Bei bis zu sechs Einsätzen pro Monat bleiben alle unter dem sozialversicherungsfreien Betrag von 340 Euro, so Lettenmeier laut der "Lebensmittel Zeitung". Für die Anwerbung, Pflege von Kundenkontakten und Organisation der Einpackkräfte erhält der Ingolstädter von den Märkten dafür zwischen 5.000 und 20.000 Euro pro Jahr, 2008 habe Lettenmeier nach eigenen Angaben laut LZ 150.000 Euro umgesetzt, was für ihn zu einem monatlichen Verdienst von 770 Euro geführt habe. Das sei ein "ziemlich kapitalistisches Konzept", das jedoch "allen Beteiligten nur Vorteile bringe", so der Ingolstädter.

Auf die Idee dieses "kapitalistischen Konzeptes" kam Lettenmeier, der evangelische Theologie studiert und eine zeitlang in den USA gelebt hat, 2006 bei einem Arbeitsmarktprojekt des Diakonischen Werkes Ingolstadt. Bei diesem "Dienstleistungstraining" sollten Hartz-IV-Empfänger, die vorher ein Auswahlverfahren durchlaufen hatten, für den Arbeitsmarkt geschult werden. Dazu gehörten Verträge, in denen "höfliches und freundliches Verhalten" festgeschrieben wurde ebenso wie "Kleidungs- und Stilberatung". "Präzise und strenge Forderungen" seien nötig, um Menschen aus einer persönlichen Abwärtsspirale von Misserfolg und fehlendem Selbstbewusstsein heraus zu holen, wird Lettenmeier in einem Artikel des evangelischen Presseverbandes zitiert. Danach habe der "Marketing- und Kommunikationsberater" das Programm für das Dienstleistungstraining selbst entwickelt.

Die Erfahrungen aus dem Programm setzte Lettenmeier dann bei seiner "Friendly Service"-Firma um. Nur freundliche und kommunikationsstarke Einpackhilfen sieht das Firmenkonzept vor, deshalb würden vor allem Gymnasialschüler und Studenten eingesetzt. Unter jungen Leuten sei der Job höchst begehrt, doch höchstens einer von drei Bewerben schaffe es in ein neues Team. Wer das meiste Trinkgeld bekomme, habe dann Vorrang bei der Personal-Einsatzplanung. Lohnend sei das System erst in Märkten ab 5.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. "Mittlerweile zählen über 20 Märkte in ganz Bayern sowie in Berlin zum Netzwerk an Märkten, die mit Friendly Service Ihren Kunden ein entspanntes Einkaufen ermöglichen", ist noch auf der Homepage der Firma zu lesen.

Doch deren Zukunft ist ungewiss. "Ich habe fast alle Kunden verloren, die Firma geht jetzt kaputt", so Lettenmeier auf Anfrage von Telepolis. Grund seien Medienberichte. So titelte das Wirtschaftsmagazin Impulse einen Artikel über "Friendly Service": "Die Geburt der Null-Euro-Jobber", über "Deutschland schwappt eine neue Welle der Niedrig-Lohn-Alternativen aus den USA herüber". Gewerkschafter sprachen von Ausbeutung, der Hamburger Einzelhandelsverband nannte das System "äußerst fragwürdig". "Hier wird alles verdreht und auf den Kopf gestellt", so Lettenmeier, der eine Richtigstellung allerdings nur "persönlich" vornehmen will und dafür mindestens "eineinhalb Stunden Zeit" brauche. Die Hamburger Drogeriekette Budnikowsky jedenfalls stoppte nun aufgrund der Presseberichte einen Test mit den Einpackern von "Friendly Service". "Wir haben den Test abgebrochen, weil wir keine Menschen ausnutzen wollen", so Drogerie-Chef Cord Wöhlke.

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31638/1.html
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