Im Mediengewitter ratlos

06.12.2009

Der Informationsoverkill beeinträchtigt und gefährdet Frank Schirrmacher in seinem seelisch-geistigen Wohlbefinden. Von einer Daten- oder Mediendiät will er hingegen nichts wissen

"Payback", das Buch des FAZ-Mitherausgebers, das nach "Überalterung" im "Methusalem-Komplott" (2004) und "Kinderlosigkeit" (Die Familie ist tot, es lebe die Familie) in "Minimum" (2006) diesmal zum "Information Overkill" in der "Wissens- und Informationsgesellschaft" Stellung nimmt, hat etwas sehr Rührendes. Und zwar in doppelter Hinsicht. Nachdem Mitte November die Sperrfrist für die Besprechung abgelaufen war, stürzten sich die Kollegen wie die Geier auf den Text. Allen voran Adrian Kreye, Kulturleiter des Konkurrenzblattes von der Isar (Die Ich-Erschöpfung), der es sich nicht verkneifen konnte, dem Kollegen eine gewisse Inkompetenz in Sachen neuer Technologien zu unterstellen.

Das ist kein Pamphlet gegen Computer Frank Schirrmacher

Das Tweed-Mem

Schirrmacher (oder seinem Korrektor) war bereits im zweiten Satz ein dummer Fehler unterlaufen. Aus "Tweets", den Meldungen des Nachrichtendienstes "Twitter", waren nämlich "Tweeds" geworden, eine Textile, die reifere Herren gern bei Tagungen tragen.

Dass zwei Seiten weiter der Fehler korrigiert und fortan tatsächlich von "Tweets" die Rede ist, das wiederum übersah Herr Kreye. Entweder hatte er das Buch nicht richtig gelesen – eine heutzutage gängige Praxis. Oder ihm lag bei Abfassung seiner Kritik nur ein unkorrigiertes Typoskript vor.

Bemerkenswert ist der Hinweis, vor allem das Gewicht, das ihm in Kreyes Besprechung zugewiesen wird, aber allemal. Nicht nur, weil er ein Schlaglicht darauf wirft, wie sorglos, schlampig oder kühl berechnend bisweilen recherchiert und besprochen wird – auch und vor allem in sogenannten "Qualitätsmedien". Sondern auch, weil am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom nicht nur der Autor, sondern offenbar auch sein Kritiker leidet.

Auch der "Feuilletonist" Kreye gehört, wie wir seinem gleichnamigen Blog entnehmen, längst selbst jener Riege von Selbstdarstellern an, die meinen, ihrer Mitwelt ständig und überall mitteilen zu müssen, wo sie was gerade wie hören oder lesen.

Vollends zur Komik gerät die "Tweed"-Story, weil andere Kritiker (Maschinen regieren), diesen Lapsus gierig aufgegriffen(Jauch und Schirrmacher scheitern am Internet) und die Geschichte ungeprüft einfach an ihre Leser weiter gereicht haben.

Weniger ist Mehr

Zum Rührenden, das das Buch im Leser weckt, trägt aber auch der Verfasser selbst bei. Obzwar sich Schirrmacher bitterlich über den "Informationsoverkill" beklagt, dem er sich als professioneller Nachrichtenhändler und Kulturvermittler Tag für Tag ausgesetzt fühlt, hatte er nach Erscheinen seines Buches nichts Eiligeres im Sinn, als bei "Beckmann" (…und dann ist man leer), in "Bild" (Das Internet vermanscht unser Hirn), bei TTT seine persönlichen Befindlichkeiten, Sorgen und Kümmernisse, die er dort ausbreitet, vor einem Massenpublikum zu präsentieren.

Denn wenn es stimmt, dass das "Ich" des FAZ-Herausgebers sich zunehmend überfordert fühlt, es von Erschöpfungszuständen geplagt wird und er ein Burn-out befürchten muss, dann sollte er ihm lieber längere und ausgiebige Pausen und Ruhephasen gönnen, als von Kanal zu Kanal zu hetzen.

Keiner zwingt ihn, auf irgendwelche dummen Empfänge zu gehen, mit der Kanzlerin zu speisen oder mit Herrn Ackermann zu antichambrieren; keiner zwingt ihn zu twittern, sich neue Apps aufs iPhone zu laden, auf Facebook sein Profil zu schärfen oder sich auf dem Handy mit unnötigen Botschaften zusimsen zu lassen; und keiner zwingt ihn demnächst auch zu Maischberger auf die Couch oder ins Studio zu Anne Will und Maybrit Illner.

"Verhungern", wie er es nennt, wird er deswegen nicht. "Selbstkontrolle" ist eine Tugend, die jeder lernen und praktizieren kann – auch ein FAZ-Mitherausgeber. Schirrmacher könnte sich einfach zurücklehnen und alle Fünfe mal grade sein lassen. Auch ohne sein Zutun wird sich das Buch durch den Wirbel, den Kritiker entfachen, sowie die großformatige Werbung, die sein Verlag soeben in Tageszeitungen schaltet, blendend verkaufen.

Vielleicht sollte Schirrmacher in einer ruhigen Minute mal in Sloterdijks Diätetiken blättern, die dieser in: "Du musst dein Leben ändern" angedacht hat. Oder er sollte bei Gelegenheit einen Blick in Carl Schmitts schmales Büchlein über den "Machthaber" werfen. Dann wüsste er, dass "Unerreichbarkeit" und "Offline-Sein" das bevorzugte Privileg des mittelalterlichen Machthabers war. Abgeschirmt von der Menge und vom Tagesgeschäft hatte nur ein exklusiver Personenkreis Zugang zu ihm. Wer zu ihm vorgelassen oder was zu ihm durchgestellt wurde, war und wurde vorher streng kontrolliert.

Doch davon will der moderne Selbstdarsteller und Wichtigtuer, der bekanntlich mehr oder minder in jedem von uns steckt, nichts wissen. Er will lieber überall dabei sein, nichts verpassen und auch auf nichts verzichten. Statt sich zurückzunehmen, aus der Tiefe des Raums zu agieren, wie die wirklich einflussreichen Menschen dieses Landes, die Albrechts oder Quants, Otto Beisheim oder vormals Leo Kirch, beklagt er sich lieber laut über das üppige Angebot und macht weiter wie bisher.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich der FAZ-Mann kaum von Junkies, Rauchern oder Fettleibigen, die vom Stoff, Nikotin oder Schweinshaxen auch nicht lassen können.

In permanenter Zerstreuung

Sieht man von diesem komisch-absurden Theater ab, das Autor und Kritiker um das Buch aufführen, dann hat das Traktat, das der "Klinsmann des deutschen Feuilletons" vorlegt, aber ein durchaus ernsthaftes Anliegen. Es geht darin nämlich um die Frage, wie wir im Meer der Daten, die dank neuer Möglichkeiten mobiler Technologien und Dienstleistungen minütlich auf uns einstürzen, nicht den Über- und Durchblick verlieren und Gehaltvolles vom Belanglosen und Trashigen trennen können.

Mittlerweile kann jeder an sich selbst oder an anderen, bei öffentlichen Anlässen, privaten Treffen oder bei Recherchen im Web, an der Bushaltestelle, beim Livekonzert oder in der Südkurve studieren, wie der Umgang mit digitalen Gadgets und sozialen Netzwerken, mit Handys, Suchmaschinen und Webbrowsern das eigene Denken und Verhalten, die Expressivität oder das soziale Miteinander nachhaltig verändern.

Die Menschen, denen man dort begegnet, werden von all dem mobilen Zeug, das sie ständig mit sich herumschleppen, nicht nur immer abhängiger. Ständig befinden sie sich in Alarmbereitschaft, sie ziehen Handy, iPhone oder Blackberry aus der Tasche, gucken verzweifelt auf das Display oder tippen etwas hastig und unkoordiniert in sie hinein.

Sie werden dabei auch immer unruhiger, zerstreuter und unkonzentrierter. Sie merken sich kaum noch etwas und können aufgrund der schieren Informationsfülle kaum noch unterscheiden, was wichtig oder unwichtig ist. Das Leben im Zustand der permanenten Zerstreuung gerät für sie zur Normalform.

Es verwundert daher nicht, dass nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch viele Erwachsene an veritablen Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen leiden, an ADHS oder ADS, die man versucht, medikamentös in den Griff zu bekommen, mit Ritalin, Medinet oder auch Kokain. Und es verwundert auch nicht, dass Leute, die beruflich mit dem Web arbeiten, zu Zappelphilipps werden, wenn sie gezwungen sind, längere Texten oder gar Bücher zu lesen.

Multitasking, vor Jahren noch als die Zukunftskompetenz der "Wissensgesellschaft" gepriesen, wird, wie jüngste Studien belegen, als höchst problematisch angesehen. Das menschliche Gehirn ist offenbar nicht in der Lage, die vielen Informationspartikel, die täglich auf es einstürzen, aufzunehmen.

Frank Schirrmacher zitiert zustimmend den Neodarwinisten Daniel Dennett, der darauf hinweist, dass wir zwar derzeit eine Explosion des Wissens und der Ideen erleben, wir aber nicht über genügend Gehirnmasse verfügen, um sie angemessen zu verarbeiten.

Datenkrake

Handgreiflich wird das etwa daran, wie Wissen mittlerweile von der Firma Google organisiert wird und der Dienstleister dadurch laut Autor Macht über unser Denken bekommt. "Ohne Google", schreibt Schirrmacher resigniert, "wäre ich aufgeschmissen und nicht mehr imstande, einen Handwerker zu bestellen oder zu recherchieren."

Darin muss man ihm nicht in jedem Fall folgen. Vor allem, was die Suche nach einem Handwerker, die Vereinbarung eines Termins beim Friseur oder die Durchführung des Kundendiensts am eigenen Wagen angeht. Das zu koordinieren oder in Auftrag zu geben, scheint höchstens ein Problem im Hause Schirrmacher-Casati zu sein.

In vielen anderen Fällen hilft uns der Suchmaschinenanbieter Zeit, Mittel und Wege zu sparen. Mussten wir früher, wenn wir nach etwas suchten, den ebenso langwierigen wie mühseligen Weg zum Kiosk oder in die Bibliothek antreten, uns dabei an die dortigen Öffnungszeiten halten und tage-, und manchmal auch wochenlang auf das gewünschte Dokument warten, so machen wir das jetzt bequem und im Minutentakt vom Schreibtisch aus.

Wir clicken auf unseren Netzbrowser, geben auf der Webseite ein Suchwort ein und schon durchkämmt das Google-Netzwerk eine aus Milliarden von Webseiten bestehende Datenmasse. In meist weniger als einer Sekunde listet es alle vermeintlich passenden Seiten nach ihrer Wichtigkeit auf den eigenen Bildschirm.

Während Millionen Menschen das tun, sitzen im Auftrag von Google eine Unzahl von Programmierern vor ihren Bildschirmen und versuchen entlang der Ergebnisse, die sie aus unseren Suchanfragen extrahieren, jenen Algorithmus zu kreieren, der am effizientesten jene geistige Bewegung ausführt, die wir heutzutage als "Wissensarbeit" beschreiben.

Ob durch den page rank, den Google derweil aufbaut, die Firma "über die Existenz von Menschen, Dingen und Gedanken" befindet, wie der Autor fürchtet, sei mal dahingestellt. Diesen Selektionsmechanismus hat bislang noch jede Redaktion vorgenommen, auch und erst recht die Zeitung von der Hellerhofstraße in Frankfurt/Main.

Profilbildung

Gewiss werden die User durch ihr Tun digital immer transparenter. In der Datenwolke fertigen intelligente Bots durch Abgleich und Verknüpfung höchst eigenwillige "virtuelle" Datenkörper aus den Anfragen und Einträgen an. Genius, jene Software von Apple, die anhand vergangener Präferenzen unseren Musikgeschmack avant la lettre erkennt, zeigt, wie fortgeschritten die erkennungsdienstliche Tätigkeit hier bereits gediehen ist.

Und was den Umgang und digitalen Abgleich mit unseren persönlichen Vorlieben, Neigungen und Interessen angeht, ist der Internethändler und -grossist Amazon bereits ein Stück weiter als alle anderen. Er hat bereits Softwareprogramme entwickelt, die durch Zugriff auf Online-Datenbanken selbst bei Anonymisierung unglaubliche Korrelationen und Profile herstellen können.

Gleichwohl ist die Schuldzuweisung an Google, Amazon und Co. nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Seit Menschen aus kaum nachvollziehbaren Gründen beschlossen haben, ihre Intimsphäre auf sozialen Plattformen vor aller Augen auszubreiten und all ihre Bilder, Wünsche, Hobbys und Abneigungen ins Netz zu stellen, braucht es keine Macht, die diese Daten hinter dem Rücken der Nutzer auf heimliche Weise sammelt.

Ausgelagert

Völlig neu ist die Erfahrung, die Schirrmacher seinen Lesern in einer verständlichen und sinnlich begreifbaren Weise mitteilt, hingegen nicht. Wie überhaupt man sagen muss, dass der Kulturchef der FAZ wieder mal ein unglaubliches Gespür zeigt, den Zeitgeist aufzuspießen.

Aus Platons "Phaidon" wissen wir, dass bereits der Philosoph Sokrates, von dem bekanntlich nichts Schriftliches übermittelt ist, schon damals, beim Übergang von der Sprache zur Schrift, befürchtet hat, dass das Gedächtnis der Menschen künftig lückenhafter werde und sie daher immer vergesslicher würden, sollten sie ihre Gedanken veräußerlichen und sich zunehmend auf das geschriebene Wort verlassen.

Nun muss man Schirrmacher, der an diese Worte des Sokrates zwar nicht erinnert, sie mit seinem Lamento aber ständig umkreist, nicht unbedingt für einen unverbesserlichen alteuropäischen Kulturpessimisten halten, weil sein Kopf mit den Informationsfluten "nicht mehr mitkommt", oder weil er der Auffassung ist, dass sein bildungsbürgerliches Ich durch die digitalen Maschinen auf die Stufe eines Lurches "herabgewürdigt" werde. An den klaren Worten des Philosophen wird jedoch deutlich, was passiert, wenn das Denken den menschlichen Körper verlässt und es sich auf anderen Plattformen abspielt.

Das Medium denkt mit

Deutlich wird aber auch, dass Medien unmittelbar am Arbeits- und Denkprozess beteiligt sind. Als etwa der Philosoph Nietzsche wegen eines Augenleidens, das mit heftigen Kopfschmerzen verbunden war, auf eine Malling-Hansen Schreibkugel umsteigt, ändert sich auch sein Schreibstil. An die Stelle von Argumenten treten Aphorismen, an die Stelle ausgefeilter Gedanken Wortspiele und SMS.

Dank Friedrich Kittler, der diese Geschichte vor Jahren wieder ausgegraben und dabei noch all jene Blaupausen, Zahlenreihen, Schaltpläne aufgedeckt hat, die jeden Denkprozess im Zeitalter der Technik begleiten, wissen wir, dass unser Schreibgeräte an unseren Gedanken mitschreiben.

Wie aktiv sie daran mitwirken, ist in der aktuellen Medientheorie zwar heftig umstritten. Das Beispiel zeigt aber, welche sozialkulturelle Transformationen mit der ungehemmten Externalisierung und Technisierung des Wissens auf Datenträger, die ausschließlich auf der Basis von Nullen und Einsen funktionieren, möglicherweise einhergehen könnten, und die Welt nur noch nach algorithmischen Prinzipien wahrgenommen wird.

Im Übrigen auch von Journalisten, die im Netz nach algorithmischen Regeln produzieren müssen. "Texte", weiß Schirrmacher zu berichten, " müssen nach (umgekehrten – RM) Pyramidenstrukturen verfasst werden, in denen das Neue nach oben gehört, der Hintergrund nach unten". Damit Google diese Texte besser findet, werden "Schlüsselbegriffe vorgeschrieben und Wortlisten angelegt".

Menschmaschine

Doch Schirrmacher geht es um mehr als um sein von Datenfluten "angefressenes" Gehirn. Er fürchtet, dass sich unser Gehirn unter dem Dauerbombardement von Online-News, E-Mails, SMS, Tweets und Telefonaten nach und nach in eine Maschine umbaut und wir allmählich "die Kontrolle über unsere Gedanken und Handlungen" verlieren. Es könnte uns mithin wie weiland Gregor Samsa in Kafkas "Die Verwandlung" ergehen, der bekanntlich eines Morgens aufwacht und feststellen muss, dass er sich über Nacht in einen großen Käfer verwandelt hat.

So bedrohlich Schirrmacher an dieser Stelle auch den Zeigefinger ausfährt – neu ist auch das wieder nicht. Alan Turing hat das schon vor mehr als siebzig Jahren im sogenannten "Turing-Test" belegt. Zur Beantwortung der Frage nach der Denkfähigkeit von Maschinen schlug der Mathematiker Turing einst ein Imitationsspiel vor.

Ein Zensor C befragt zwei unsichtbare Gegenüber A und B, von denen der eine Mensch, der andere Maschine ist. Die Aufgabe des telekommunikativ mit A und B verbundenen Zensors ist es, aus den in Maschinenschrift erteilten Antworten herauszufinden, wer von beiden Befragten nun die Maschine ist. Sowohl A als auch B haben die Möglichkeit, Antworten zu simulieren oder den Fragenden zu belügen. Löst die Maschine alle potentiellen Fragen, ohne dass der Interviewer C eine eindeutige Entscheidung treffen kann, so ist nach Turing die Unmöglichkeit einer solchen Unterscheidung bewiesen.

Gleichgültig die Frage, ob es wirklich jemals gelänge, einen Computer so weit zu programmieren, dass er diesen Test bestehen und den Menschen damit ersetzen könnte, bewies dieses technische Arrangement doch folgendes: Durch die Fragen und Antworten vermittelnde Tätigkeit des Druckers und seines Ausdrucks wird der Mensch selbst zur Maschine. Angeschlossen an das System digitaler Verarbeitung bilden Mensch und Maschine einen integrierten Schalt- und Regelkreis.

Störfaktor

Dieses Prinzip des Interface besagt: Der Apparat macht nur, was der Nutzer will. Und dieser verwirklicht wiederum nur das, wofür die Maschine programmiert ist. Der Mensch mag zwar vor dem Bildschirm noch anwesend sein, in seiner ehemaligen Funktion als Ordnung stiftender Macher verschwindet er aber. Beide, Mensch und Maschine, laufen nach Programm.

Zwar kann er in Datenbanken eindringen, er kann Informationen abfangen, sie umleiten und stehlen; er kann Urheberrechte aushebeln und Programme für Finanzprodukte schreiben, die sich hinterher in Luft auflösen (Die Revolution der Piraten); und er kann Viren in Kreisläufe einspeisen und ganze Netzwerke zum Einsturz bringen: Aber über sie erheben kann er sich nicht.

Die Synergien von Mensch und Maschine, Feedback und Trackback, signalisieren das Verschwinden der Autorschaft des modernen, mit Willen und Bewusstsein ausgestatteten selbstständig handelnden Menschen der Aufklärung. An Netzwerke und Datenbanken angekabelt, ist er allenfalls noch Störgröße, Durchgangsstation oder Knotenpunkt von Daten und Informationsströmen, die er nach fest vereinbarten Instruktionen ein- und weitergibt.

Den beliebten Einwand. der an dieser Stelle immer formuliert wird, dass Computer nicht denken können, weil sie immer erst programmiert werden müssen, konterte Jacques Lacan schon in den 1950ern mit dem dezenten Hinweis, dass Menschen dann, weil sie ja dieselben Operationen durchführen wie diese Maschinen, eben deshalb auch nicht denken können.

Darum hat es erneut und damit zum dritten Mal auch inhaltlich etwas Rührendes, wenn Schirrmacher "Unberechenbarkeit", "Kontingenz" oder "Fehlbarkeit" des Menschen anführt, "Intuition", "Heuristik" und "Bauchgefühl", um einerseits dem "Zwang von Berechenbarkeit, Vorhersage und Kontrolle", den Computer ausüben, zu entgehen und andererseits das Menschliche, was immer das auch ist, vor dem Maschinellen zu retten.

Ziel von Verfolgung

Noch während WK II kümmerte sich das National Defense and Research Comittee unter Leitung von Vannevar Bush genau um diese Problem, wie nämlich das von Maschinen prinzipiell unerreichbar "Andere", – "der Mensch" im Schirrmacherschen, ein Flugobjekt im militärischen, das "Reale" im psychoanalytischen Sinn – trotz alledem zielpunktgenau verfolgt und abgefangen werden kann.

Claude E. Shannon, der Begründer der Nachrichtentechnik, von den Bell Labs und Norbert Wiener, Vater der Kybernetik, vom MIT schlugen dafür damals unterschiedliche Lösungen vor. Während Wiener das "trunkene" Bewusstsein zum Ziel seiner Forschungen erklärte, dessen künftige Bewegungen er mit statistischen Zeitreihen und mathematischen Kalkülen zu treffen und vorherzusagen hoffte, analysierte Shannon ausschließlich die Beziehung Maschine-Maschine (Kommunikation ohne Menschen), die geometrischen Parametern gehorcht.

Gleich, woran man sich auch immer orientieren will, am Verhalten von Bomberpiloten oder an den erwartbaren Flugeigenschaften eines beweglichen Flugobjektes, unter den Bedingungen elektronischer Kommunikation wird die Beziehung zwischen digitalem Dienstleister und Nutzern (Wählern, Käufern, Kunden, Bloggern …) eine Theorie der Steuerung, Verfolgung und Kontrolle erfordern, und zwar unabhängig davon, ob es sich beim Zielobjekt um einen Menschen oder eine Maschine handelt.

Aufgespießt

Durch das Kommunizieren in der Matrix oder Wolke wird dieses Problem gewiss nicht geringer. Bekanntlich werden dabei komplexe Softwareanwendungen, die bisher ausschließlich auf privaten Computersystemen in Haushalten oder Büros liefen, durch zentralisierte, vernetzte Dienste ersetzt, die das Internet den Usern bietet. Statt Softwareprogramme zu kaufen und sie auf dem Heimrechner zu installieren, verwenden wir nun unseren Webbrowser. Auf diese Weise werden wir zu Anwendern von Programmen, Daten und Codes, die aus der Tiefe eines undurchschaubaren weltweiten Datennetzes zu uns kommen.

Als Amazon beispielsweise Orwells Roman "1984" den Kunden wegen ungeklärter Urheberrechtsfragen urplötzlich und wie von Geisterhand vom Speicher ihres Lesegeräts nahm; und als Facebook Anfang des Jahres sich selbst die Vollmacht erteilte, mit Privatfotos seiner Nutzer Werbung zu machen, dürfte nicht nur den Usern, sondern auch der Öffentlichkeit schlagartig wieder bewusst geworden sein, dass hinter tief gestaffelter Oberflächen einige wenige die Macht, das Privileg und die Möglichkeit haben, die Normen und technischen Standards der Kommunikation zu bestimmen.

Etwas schlicht und einfältig

Schirrmacher sollte sich daher nicht täuschen und sich hüten, trügerische Illusionen bei sich oder seinen Lesern zu schüren. Längst haben auch Psychologen, Kognitionsbiologen und Meinungsforscher den Jagdgedanken verinnerlicht und das "nervöse", quirlige" und "sprunghafte Bewusstsein" (N. Luhmann) zu ihrem Jagdziel erklärt.

Auch Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut in Berlin, den Schirrmacher gern zitiert. Ihm geht es bei seinen Forschungen zum "Bauchgefühl" weniger um den Nachweis der Unmöglichkeit von rationalen Entscheidungen, als vielmehr um das Aufzeigen ihrer Grenzen. Sie möchte er ausfindig und für Entscheidungen zugänglich machen, um diese dadurch effizienter zu gestalten. Bei Lichte betrachtet will auch er das Bewusstsein zerlegen und ihm seine "intuitiven" Geheimnisse rauben, um es anschließend, auf dieser Grundlage, neu zu programmieren.

Mit etwas mehr "Achtsamkeit", wie Schirrmacher "Mindfulness" übersetzt, und subjektivem Trotz wird man da nicht viel ausrichten können. Und mit einem Schuss "Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart", die "Computer nicht haben und worum sie uns beneiden müssten", auch nicht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum der Verlag das Buch in ein knalliges Grün gepackt hat, die Farbe der Hoffnung.

So kommt das Buch trotz des gewaltigen Aufwands, den es mit Zahlen und Statistiken treibt, mit kognitionspsychologischen Studien und Experteninterviews, die Schirrmacher in Labors oder auf Edge.org mit den besten Köpfen auf diesen Gebieten geführt hat, am Ende doch nicht über den Status eines schlichten Ratgebers hinaus, das zu "Entschleunigung", Skepsis und zu mehr "Bauchgefühl bei Entscheidungen" (Der Bauch irrt auch) mahnt, aber von "Beschleunigung", mobilen Zeugs und sozialen Plattformen nicht die Finger lassen kann und will.

Frank Schirrmacher, Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über uns Denken zurückgewinnen, München: Blessing 2009, 17,95 €, 240 Seiten

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