Abgesang aufs Auto

04.12.2009

Elektrofahrzeuge, CO2-Emissionen und alternative Verkehrs- und Beschäftigungskonzepte

Die Hamburger Abgeordnete des Europaparlaments, Sabine Wils (Die Linke) hatte zu einer Diskussion zum Thema "Auswirkung einer Einführung von Elektrofahrzeugen auf die Klimagasemissionen und die Konsequenzen für die Autoindustrie" eingeladen. Verkehrsexperten, Umweltschützer, VW-Betriebsräte und interessierte Parteimitglieder diskutierten unter dieser Fragestellung über das Thema Autokonversion, also Alternativen zum Autobau, im Hinblick auf Umweltschutz und Jobsicherung. Fazit der Veranstaltung: Der Privat-PKW ist passé, die ökonomische Krise kann nur durch gesellschaftlich notwendige und umweltfreundliche Produktion gelöst werden.

"Das Auto ist ökologischer und gesellschaftlicher Blödsinn", urteilte Uwe Fritsch in seinem Vortrag. "Und das hoch gelobte Elektroauto ist kein Garant für CO2-Reduktion, sondern nur der Versuch von Politik und Industrie, dem veränderten Umweltbewusstsein der Bevölkerung Rechnung zu tragen." Der Vorsitzende des Betriebsrats von VW-Braunschweig weiß, wovon er spricht, denn das Werk sei "das Zentrum für Elektromotoren" des Konzerns.

Fachleute wie der Verkehrsexperte Axel Friedrich, der ehemaliger Leiter der Verkehrsabteilung des Wuppertalinstituts, Rudolf Petersen, Heiner Mohnheim von der Universität Trier und Wolfgang Lohbeck von Greenpeace wiesen zu Beginn der Tagung auf die ökologischen Konsequenzen des Ausbaus des Individualverkehrs, z. B. die Folgen durch Bodenversiegelung beim Straßenbau, hin. Zwar seien nach der Wiedervereinigung 100% der Autoverbindungen von Ost nach West erneuert worden, allerdings nur sechs Eisenbahnstrecken, wurde bemängelt. Dieser ökologischen Katastrophe sei auch mit dem Elektroauto nicht zu begegnen.

Nach dem "Abgesang auf das Auto" durch die Verkehrsexperten, wie ein Teilnehmer witzelte, schilderte Fritsch seine Sicht aus der Perspektive eines Betriebsrats einer von der Wirtschaftskrise gezeichneten Branche. Zunächst erläuterte er, wieso das Elektroauto keine Alternative sei. "Hintergrund der Entwicklung von Elektroautos ist nicht etwa ein gewachsenes Umweltbewusstsein bei Managern von Autokonzernen, sondern Druck von außen, sprich das veränderte Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, das zu einem veränderten Kaufverhalten führt. Der Zusatz "umweltfreundlich" ist eine Marketing-Strategie, die dazu dienen soll, Autos auch in Zeiten der Klimakatastrophe zu verkaufen."

Dabei sei die vermeintliche CO2-Reduktion Augenwischerei, so Fritsch, denn bei den Berechnungen werde nicht der Gesamtzyklus eines PKW gesehen, z. B. werde der CO2-Verbrauch während der Produktion nicht einberechnet. Außerdem halte er Elektroautos für nicht praktikabel, denn ein Elektromotor für z. B. einen Golf würde etwa 250 kg wiegen. Damit werde eine Fahrleistung von maximal 200 km gewährleistet, bei Kälte nur 40-60 km. Danach müsse der Motor ca. acht Stunden lang wieder aufgeladen werden.

Zudem sei ein solcher Motor ein massiver Eingriff in designerische Möglichkeiten. "Wodurch drückt sich ein Autokonzern aus?", fragte Fritsch. "Durch das spezielle Design. Dem sind aber enge Grenzen gesetzt, wenn solche wuchtigen Motoren unterzubringen sind."

Das Elektroauto sei ein Pseudonym für einschneidende Veränderungen in der Automobilbranche, vergleichbar mit der Einführung der Container in der Schifffahrt, so Fritsch. Setze es sich als Zukunftsmodell durch, so blieben in der Autobranche 1/6 der jetzigen Arbeitsplätze erhalten. Doch schon jetzt sei das Anforderungsprofil an Qualifikationen im Autobau enorm gestiegen. "Früher waren wir ein Bäcker- und Fleischerbetrieb, damit will ich sagen, dass viele Branchenfremde in der Automobilindustrie unterkamen, weil sie in ihren Berufen keine Arbeitsplätze bekamen oder weil bei uns zwei Mark pro Stunde mehr bezahlt wurden", erläuterte Fritsch. "Unterdessen ist eine sehr viel höhere Eingangsqualifizierung notwendig, es werden immer weniger Menschen mit immer höheren Fachkompetenzen für die Produktion gebraucht." Das führe zum Abbau von Arbeitsplätzen und schließe das Klientel, das früher üblicherweise im Autobau beschäftigt gewesen sei, weitestgehend aus.

Außerdem stoße der Absatzmarkt an seine Grenzen. Prognosen zufolge würden im Jahre 2010 2,7 Millionen neue deutsche Autos verkauft, im Gegensatz zu 3,7 Millionen 2009. Das sei mehr als ein Viertel weniger, und bedeute ebenfalls massiven Abbau von Arbeitsplätzen. Die Abkehr von hochzylindrigen Motoren habe auch drastische Auswirkungen auf die Zuliefererbetriebe. "Ganze Bereiche, z. B. Motorenwerke, fallen weg, weil nur noch 2/3 der Beschäftigten notwendig ist, wenn statt 8-Zylinder 4-6-Zylinder-Motoren gebaut werden." Brauchbare Konzepte, den Arbeitsplatzabbau in der Branche aufzufangen, gebe es bis dato nicht. "Daran ändern auch die 500 Millionen Euro nichts, die laut dem Konjunkturpaket II für die Entwicklung von Elektromotoren zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Umstellung des VW-Werkes auf die Produktion von Elektroautos würde z. B. 5-7 Jahre dauern", schätzt Fritsch.

Die Lösung liegt für den Betriebsrat in einer umfassenden gesellschaftlichen Diskussion über die Zukunft der Arbeit: "Wir brauchen gesellschaftlich notwendige und nützliche Beschäftigung, die Autoproduktion gehört definitiv nicht dazu." Das in den Köpfen der Beschäftigten zu verankern, sei in einem Land, in dem das Auto das "zweite Wohnzimmer" sei, allerdings nicht so einfach. Die individuelle Mobilität könne in Zukunft nur ökologisch sinnvoll durch den Ausbau des öffentlichen Personen Nahverkehrs und des Schienennetzes gewährleistet werden. Auch die Wirtschaftskrise könne nicht durch den Ausbau des Individualverkehrs gelöst werden, sondern durch drastische Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich und die Förderung von sinnvollen Produktionszweigen wie z. B. Umwelttechnologie.

Der VW-Betriebsrat hat durchgesetzt, das ein Promille des Gesamtumsatzes in alternative Produktionskonzepte investiert werden müssen. "Das sind bei VW immerhin 100 Millionen Euro pro Jahr", so Fritsch. Das Werk in Braunschweig kooperiere mit dem Stromanbieter Lichtblick, dessen Blockheizkraftwerke bei VW gebaut würden. "Denkbar ist auch eine Umstellung der Autoproduktion auf Schienenfahrzeuge. Die einzige Alternative, die keine ist, jedenfalls keine ökologisch sinnvolle, ist das Elektroauto. Das ist eigentlich nichts anders als der letzte Versuch, so weiter zu machen wie bisher."

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