Kalte Gesellschaft, aufgefressen von Angst

05.12.2009

Deutsche und europäische Zustände: Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer beklagt, dass Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness erodieren

Alljährlich im Dezember schlägt ein Teil der deutschen Öffentlichkeit nachdenkliche Töne an und sorgt sich um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Der Grund ist aber nicht die Adventszeit, sondern die Veröffentlichung der neuesten Folge der Langzeit-Studie "Deutsche Zustände", die seit 2002 von einem Kreis von Wissenschaftlern um den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer herausgegeben wird (siehe Deutsche Zustände 2006).

Am vergangenen Freitag war es wieder soweit. Wie bei allen Studien, kommen die Kommentatoren zu denkbar unterschiedlichen Ergebnissen, die davon abhängen, welche Details sie besonders herausstreichen. So heißt es in der taz über die Deutschen Zustände:

Trotz der Wirtschaftskrise haben die Ressentiments in der Gesellschaft gegen Frauen, Muslime, Obdachlose, Behinderte, Langzeitarbeitslose, Nichtweiße und "Ausländer" im vergangenen Jahr nicht zugenommen, zum Teil sogar abgenommen. Aber es gibt zwei Ausnahmen: Vorurteile gegen Homosexuelle und gegen Juden sind etwas häufiger geworden.

In der Süddeutschen Zeitung hingegen ist die Einschätzung der Ergebnisse der Studie wesentlich pessimistischer:

Der aktuelle Jahresbericht, den das Forscherteam an diesem Freitag in Berlin präsentiert, kommt zu einem alarmierenden Befund: Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise bröselt der gesellschaftliche Zusammenhalt, werden zentrale Normen wie Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit von Menschen in Frage gestellt. So glauben fast 65 Prozent derjenigen Befragten, die sich von der aktuellen Krise selbst betroffen fühlen, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen.

Beide Einschätzungen können sich auf unterschiedliche Teile der Studie stützen. In einem in der Printausgabe der sz abgedruckten Interview stützt Heitmeyer die pessimistische Interpretation seiner Untersuchung.

Auf die Frage nach dem alarmierendsten Befund erklärt er:

Es zeigt sich im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass die Kernnormen, also Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness, zu erodieren beginnen. 75 Prozent der Befragten sind zum Beispiel der Meinung, dass die Bedrohung des Lebensstandards die Solidarität mit den Schwachen verringert.

Angst und Apathie

Heitmeyer kommt auf Grund der Untersuchung zu dem Schluss, dass ca. 92 % der Bürger der Ansicht sind, dass soziale Abstiege immer häufiger werden. "Es sind vor allem Ängste, die sich bei den Menschen breitmachen. Ängste im Hinblick auf den Lebensstandard, aber auch Ängste vor sozialer Desintegration", konkretisiert der Soziologe. Diese Angst werde verstärkt durch "eine weitverbreitete, politische Apathie bei Menschen, in den unteren und mittleren Segmenten der Gesellschaft.

In der taz wird der Befund mit Zahlen untermauert:

Knapp die Hälfte der Bundesbürger empfindet sich als von der Wirtschaftskrise bedroht, so die Studie. Persönlich betroffen fühlen sich fast 40 Prozent. Drei von vier Menschen in Deutschland sehen Fehler im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dass Banker und Spekulanten schuld an der Krise sind, glauben fast 90 Prozent der Befragten. 80 Prozent waren der Ansicht, dass "Leute wie ich" für die Fehler der Wirtschaft und Politik geradestehen - und letztlich die Wirtschaftskrise ausbaden müssten.

"Opfer der Krise" im europäischen Maßstab. Die Vorurteile

Vor zwei Wochen hat Heitmeyer eine Studie vorgestellt, die auf acht europäische Länder bezogen, zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Die Vorurteile gegen Migranten haben ebenso zugenommen, wie die Mär vom Einfluss der Juden auf Politik und Wirtschaft. Auch die Anzahl der Befragten, die Homosexuelle als unmoralisch bezeichnen, ist weiterhin sehr hoch ((http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/europaeische-zustaende/).

Diese Befunde legen nahe, dass man statt von Deutschen wohl eher von europäischen Zuständen reden könnte. Das Gefühl, Opfer der Krise zu sein, ohne die kapitalistischen Verwertungsbedingungen zu begreifen, kann - wie historisch schon häufiger geschehen - dazu führen, dass antisemitische Erklärungsmodelle der unterschiedlichsten Art wieder an Bedeutung gewinnen. Dafür sind Menschen anfälliger, die Angst vor der Krise mit einer verstärkten Ausgrenzung sogenannter Schwächerer kombinieren.

Solche Haltungen finden Nährboden bei Menschen, die solidarische Auseinandersetzungen mit den Krisenfolgen nie erlebt haben und sich das auch nicht vorstellen können. Das weitgehende Verschwinden der alten Arbeiterkultur, wo es zumindest noch in Schwundstufen so etwas wie gewerkschaftliche Solidarität gegeben hat und die gesellschaftliche Marginalisierung einer politischen Linken, die für solidarische Auswege aus der Krise propagiert, sind der politische Rahmen für die in den Studien beschriebenen Phänomene von Abstiegsangst, kombiniert mit der Abgrenzung von Schwächeren und einer Zunahme antisemitischer Erklärungsmuster.

Ergebnisse werden nicht eingeordnet

Die Studien von Heitmeyer und den Mitarbeitern blenden aber gerade diese gesellschaftlichen Zusammenhänge weitgehend aus. Die Ergebnisse werden gerade nicht eingeordnet und in einen gesellschaftlichen Kontext gestellt. Hier liegt das größte Manko der Arbeiten. Denn dadurch bekommen die alljährlichen Zustandsbeschreibungen schnell den Ruch von jährlichen Warnmeldern, die Auskunft darüber geben, dass der Wind rauer weht und die gesellschaftliche Kälte zunimmt.

Solche Befunde liest man nun seit mehreren Jahren, nicht nur aus dem Hause Heitmeyer (siehe Trübes in der deutschen Mitte) und auch lange vor der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise (siehe Das gesellschaftliche Klima für Langzeitarbeitslose wird rauer). Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob für die befragten Erwerbslosen die Angst vor der Krise nicht eher mit der Schwierigkeit zu tun hat, mit dem ALGII über die Runden kommen, als mit fallenden Aktienkursen. Auch die beschriebene Apathie vieler Erwerbsloser könnte mit den Schikanen und Demütigungen auf den Arbeitsagenturen zusammenhängen. Hier gäbe es noch viel Raum für weitere Studien.

Die Frage, ob der von der Heitmeyer Schule popularisierte Terminus der "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit", der auch in zahlreichen Initiativen gegen Rechts mittlerweile verwendet wird, wirklich tragfähig ist, bedarf ebenfalls noch einer kritischen Diskussion.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige

Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Jens Thomas 10.04.2007

Rechtspopulismus und Extremismus der Mitte: Beides auf dem Vormarsch?

Die Bürger in Deutschland erhoffen sich kaum mehr etwas von ihren politischen Entscheidungsträgern, da bringt auch der kleine Höhenflug der Wirtschaft bislang nichts. Dem Extremismus von Rechts öffnet das Tür und Tor. Nur sind es nicht nur die Extremisten, die mittlerweile den Glauben an die Regierung verloren haben

weiterlesen
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Hochwertiger Kaffee und Espresso aus Costa Rica: Die Telepolis-Edition für unsere Leser

Anzeige
Anzeige

"Es wird wieder einen Crash geben"

Sahra Wagenknecht über Kapitalismus und Marktwirtschaft

Das gekaufte Web Eine kurze Geschichte des Quantencomputers Die berechnete Welt
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.