Athen brennt nicht

Eine Chronik medialer Fehltritte und übertriebener Berichterstattung

Wenn etwas jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt wiederholt wird, dann spricht man von einer Tradition. Ein traditioneller Anlass wiederum liefert Journalisten ein leichteres Einkommen. Schließlich kann die gesamte Recherchearbeit gespart werden. In den Bericht des Vorjahres werden lediglich die neuen Daten eingetragen. Ein paar Sätze werden notdürftig umgestellt und fertig ist der Artikel. Wenn es sich sogar um Wochenendarbeit handelt, dann ist die Messlatte für den Einsatz der eigenen Arbeitskraft offenbar besonders niedrig.

So oder ähnlich muss es in einigen Redaktionsstuben an diesem Sonntag zugegangen sein, denn anders lässt sich die Berichterstattung über im berichteten Maß nicht stattgefundene Ausschreitungen in Athen nicht erklären.

Tradition und erwartete Ausschreitungen

Hellenische Tradition stand auf dem Programm. Die für ihre Demonstrationsbereitschaft bekannten hitzköpfigen Griechen sollten an diesem Tag dem erschossenen Alexis Grigoropoulos gedenken. Alexis war vor genau einem Jahr von einem Polizisten erschossen worden . Der fünfzehnjährige Schüler wurde Opfer von Schüssen aus der Dienstwaffe eines Wachmanns, als er mit einer kleinen Gruppe von Freunden im Athener Stadtviertel Echarchia unterwegs war. Dort sollte, so wurde erwartet, aus Anlass des ersten Todestages ein Aufstand stattfinden.

Spiegel Online bemerkt in einem heutigen Artikel dazu: "Der 15-jährige Schüler hatte am 6. Dezember 2008 mit Zehntausenden anderen Jugendlichen gegen die Regierung und die Perspektivlosigkeit demonstriert."

Der Spiegel Autor mit dem Kürzel "sam" beschreibt weiter, dass Besucher am Grab des ermordeten Jungen defiliert seien und belegt dies mit einem Foto. Dumm, dass die Aufnahme von der Stelle der Ermordung des Jungen stammt. Den gleichen Fauxpas begeht der Kollege in der Beschreibung eines weiteren Bilds der Fotostrecke. Hier wird das Blumenbeet, an dem der Junge stand, als er erschossen wurde, kurzerhand zum Grab erklärt.

Tatsache ist aber, die im Dezember 2008 regierende Nea Dimokratia unter Kostas Karamanlis reagierte damals hilflos auf die Erschießung des Jungen und Griechenland rutschte in eine fast dreiwöchige Periode anhaltender Jugendaufstände. Der Tod des Schülers wurde also zum Auslöser der Demonstrationswelle gegen die anhaltende Perspektivlosigkeit. An diesen Demos hatte der Junge nie teilnehmen können. Denn er war bereits tot.

Zu keiner Zeit hatte sich der Junge an Ausschreitungen im Rahmen von früheren Demonstrationen beteiligt. Diese Behauptung wurde lediglich vom Verteidiger des unter Mordanklage stehenden Wachmanns erhoben. Rechtsanwalt Alexis Kougias, ein für seine radikalen Ausfälle bekannter Advokat, steht deswegen selbst im Zielfeuer der Kritik. Ihm wird von mehreren Seiten die Verleumdung eines minderjährigen Gewaltopfers vorgeworfen. Der Spiegel schließt sich mit seinem Fehltritt offenbar der Meinung des Juristen an.

Parallel zum Bericht des deutschen Nachrichtenmagazins findet sich ein Artikel in der Onlineausgabe des bekanntesten deutschen Boulevardmagazins. Bild Online berichtet: "Der 15-jährige Schüler Alexandros Grigoropoulos hatte am 6. Dezember 2008 mit Zehntausenden anderen Jugendlichen gegen die Regierung und die Perspektivlosigkeit demonstriert." Gleicher Wortlaut, gleicher Fehler. Der Autor dieses Artikels hat allerdings löblicherweise den Gedenkstein am Todesort des Schülers als solchen identifiziert.

Analoge Berichte zum Thema gab es in Stern Online. Auch hier sah der Autor Krawalle und Festnahmen. Er war in seinen Formulierungen aber vorsichtiger. Ebenso vorsichtig und damit mit seiner Berichterstattung nahe der Realität war der Focus.

Google News lieferte am Wochenende mehrere hundert meist gleich lautende Artikel zum Thema. Tenor der Veröffentlichungen: Athen brennt wieder. Fakt ist aber, Athen brennt nicht. Athen hat ein nasskaltes, ungemütliches, verregnetes Wochenende erlebt und bereitet sich den Umständen der globalen Finanzkrise und der hiesigen Misswirtschaft entsprechend auf Weihnachten vor. Dies allerdings wäre kaum eine Schlagzeile wert.

Selbst die einheimische Presse registrierte lediglich "kleinere Zwischenfälle". Dabei werden Vorkommnisse wie der tätliche Angriff auf einen Athener Hochschulrektor zwar als "Mordanschlag" gewertet und die griechenlandüblichen Ausschreitungen am Rande von Demonstrationen mit "Schlachtfeld" beschrieben. Aber diese Wortwahl hat "Tradition".

Treu dem Protokoll folgend hat auch dieses Mal die Staatsmacht mit knapp 240 Festnahmen reagiert. "Business as usual." Die offiziellen Polizeiberichte über das ausgefallene heiße Wochenende konzentrieren sich hauptsächlich auf Demonstrationen in Thessaloniki und die Festnahmen im Rahmen der Räumung einer Besetzung des Rathauses des Athener Vororts Keratsini. Unter den dort Festgenommenen befanden sich unter anderem Sohn und Tochter eines Mitglieds des griechischen Parlamentspräsidiums. So etwas wäre vielleicht einer besonderen Meldung würdig. Aber, ungezogene Politikersprösslinge sind bereits weltweit so oft aufgefallen, dass auch dies keinen Hund hinter einem Ofen herholen könnte.

Was tatsächlich geschah

Bereits seit Wochen wurden Ausschreitungen für den 6. Dezember angekündigt. Auch die neue sozialistische Regierung unter Georgios Papandreou kann das Land nicht über Nacht von seinem Schuldenberg befreien. Der ersehnte Harry-Potter-Effekt blieb aus. Auch Sozialisten können in der realen Welt nicht zaubern. Die Volksseele aber verlangt nach einer schnellen Rückkehr ins Paradies. Ein Zustand, der biblischen Quellen zu Folge seit Adam und Eva besteht.

Dazu kommt, dass griechische Medien ihre Nachrichten gerne mit dramatischer Musik untermalen und in Trailern wie den Bericht über das Ende der Welt ankündigen. Die Schlagzeilen des erwähnten deutschen Boulevardblatts würden in Griechenland kaum einen Menschen zum Kauf animieren. Hellenische Medien sind durchaus geübter im Sport, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen.

Hier handelt es sich um eine alte Tradition. Standen doch bereits in den Berichten des Altertums bei der berühmten Thermopylenschlacht dreihundert tapfere Spartaner einem persischen Millionenheer gegenüber. Dass die Spartaner über einige Tausend Mann starke Hilfstruppen verfügten erwähnten die meisten antiken "Journalisten" dabei ebenso wenig wie die Tatsache, dass die persische Bevölkerung zwar Millionenstärke hatte, das Invasionsheer aber historisch verlässlichen Quellen und Forschungen zu Folge "nur" aus ca. einhunderttausend Kriegern bestand.

Treu der überlieferten Vorgabe folgend verkündeten die modernen griechischen Chronisten das Ende der griechischen Zivilisation. Für den 6. Dezember, so wurde berichtet, hätten sich "tausende hartgesottene und kampferprobte Autonome aus aller Welt auf die Reise nach Griechenland gemacht. Diese Ultras würden sich mit modernen Guerillataktiken auskennen und die hilflose, ungebildete und schlecht bezahlte griechische Polizei sicher vernichtend demütigen. Dabei stünde die Zukunft Athens auf dem Spiel.

Der extrem rechte Politiker Georgios Karatzaferis sprach in seiner Parlamentsrede am Freitag vor dem erwarteten Katastrophenwochenende gar von einem drohenden Krieg. Der um die Zukunft seiner Heimat fürchtende Politiker korrigierte die medial gepuschte Zahl der einreisenden fremdländischen Krawallkrieger in der gleichen Rede aber auf "ca. 150 Chaoten".

Karatzaferis ein polarisierender Populist, der mit seinen extremen Ansichten bisher erfolgreich auf Stimmenfang war, fürchtet derzeit, dass seine rechten Protestwähler zurück zur Nea Dimokratia wandern. Diese hat mit Antonis Samaras einen neuen Vorsitzenden, der ideologisch als Rechtskonservativer eingeordnet wird.

Samaras selbst hat aber, frisch gewählt, momentan mehr mit der Organisation der nach Wahlschlappen geschwächten eigenen Partei als mit der Tagespolitik zu tun. Ein guter Zeitpunkt für Karatzaferis und weitere Law-and-Order-Fans, um auf eine Profilierung anlässlich brennender Innenstädte zu hoffen. Gleichzeitig hoffte die andere extreme Ideologie, zahlreiche, heillos zerstrittene linke Gruppierungen, auf einen heißen Dezember. Dieser könnte das "endgültige Ende des bankrotten kapitalistischen Systems" bringen. Die gebeutelten Medien schließlich hofften auf Schlagzeilen, Einschaltquoten und daraus resultierenden höheren Werbeeinnahmen.

Eine Demo, die ins Wasser gefallen ist

In der Tat sah es im Vorfeld dieses Wochenendes nach Unruhen aus. Bereits am Freitag griffen jugendliche Banden Polizeistreifen an und verletzten zwei Streifenpolizisten schwer. Bürgerschutzminister (der neue Name fürs Innenministerium) Michalis Chrysochoidis hatte Athen mit mehreren Tausend Polizisten bewachen lassen, Polizeihubschrauber und Flugzeuge kreisten im Minutentakt über das Stadtzentrum. Alle Passanten, die den geringsten Anlass zum Verdacht lieferten, wurden sofort kontrolliert und im Zweifelsfall festgenommen.

Seit Freitagnachmittag hatte nun aber ein intensiver Dauerregen für ein unangenehmes feuchtes Klima gesorgt und die aufgrund des Müllarbeiterstreiks bestehenden Abfallberge in den Straßen in undefinierbare feuchtnasse, zerfließende Hügel verwandelt. Zwischen diesen Müllansammlungen stelzten in gewohnter eleganter Manier aber eiliger als sonst die für den üblichen Wochendausflug herausgeputzten Athener Schönheiten nebst Herrenbegleitung. Der Wochenendausgang ist ein Muss für den Athener von Welt. Viele potentielle Demonstranten fürchteten sich aber offenbar vor einer Erkältung oder gar schlimmer vor der Schweinegrippe. Nur das Auge des Gesetzes war immer und überall und zeigte Präsenz.

Eine ganz persönliche Chronik der Ereignisse

Besonders hilfreich erwiesen sich die Beamten bei der Sportberichterstattung. Der Autor des vorliegenden Artikels konnte aufgrund seiner Vorort-Recherche seiner Sportleidenschaft nicht frönen und war deshalb auf Auskünfte über den Polizeifunk angewiesen. Selbst Bundesligaexperten konnten unter den Ordnungshütern identifiziert werden.

Am Rande der griechischen Erstligaspiele gab es, man glaubt es kaum, gewalttätige Ausschreitungen. Selbst die türkischen Kollegen berichteten darüber.

Aber halt, da war noch was. An einigen Stellen der Innenstadt tauchten bis spät in den Abend Jugendliche auf. Diese versuchten mit dem bereits abgedroschenen Schlachtruf "Bullen, Schweine, Mörderbande", ihre Gegenüber zum Schlagabtausch zu animieren. Die meisten dieser Versuche endeten nach dem Wurf von Bierflaschen mit einer Feststellung der Personalien. Eine Gruppe von Passanten, die sich als Methadontherapie-Patienten herausstellte, beschwerte sich über die "ausgefallene Möglichkeit, sich einmal abzureagieren.

Als zeitweiligem Bewohner des Athener Stadtzentrums fällt es mir leicht, Ungereimtheiten in der Berichterstattung über lokale Ereignisse zu erkennen. In der Tat war auch ich auf mögliche Ausschreitungen vorbereitet. Selbst Augenzeuge und Berichterstatter der letztjährigen Unruhen hatte ich dieses Jahr bereits im Vorfeld der Aktionstage mit Recherchen begonnen. Am 6. Dezember 2008 befand ich mich zur Zeit der Todesschüsse zufällig nur einen Kilometer entfernt vom Tatort.

Praktisch dabei war, dass das Zentrum des bekannten Autonomenviertels Echarchia lediglich 10 Minuten Fußweg entfernt von meiner Bleibe im Viertel Kypseli liegt. Auch in diesem Jahr nutzte ich die Nähe zum Zentrum des Geschehens für meine Recherchen. Ebenso wie die lokale Nähe sind in solch einem Zusammenhang Netzwerke mit journalistischen Kollegen und Anwohnern wichtig. Schnell kann so der aktuelle Brennpunkt ermittelt werden.

Mobil- und Festnetztelefone erweisen sich dabei hinsichtlich der Kommunikation als hilfreich, ersetzen aber nicht den Besuch vor Ort. Denn wie erwähnt neigen die meisten Griechen zu Übertreibungen. Das Telefon blieb am heutigen Sonntag merkwürdig still. Also galt es auf eigene Faust die üblichen "Schlachtfelder" abzuklappern.

Echarchia ist ein Viertel, in dem es ständig zu Reibereien zwischen Polizei, Anarchisten, Linksradikalen und drogensüchtigen Aussteigern kommt. Regelmäßig kommt es dabei zu Festnahmen, abgefackelten Autos und eingeschlagenen Schaufensterscheiben. Direkt am Rand von Echarchia liegt das traditionsreiche Hauptgebäude der Technischen Universität. Dort kam es am 17. November 1973 zu einer blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte gegen die damalige Militärregierung. Seitdem beginnen und enden alle Athener Unruhen an dieser Stelle.

Dies ist tatsächlich wieder eine Tradition.

Ebenso üblich sind die Treffen unter Journalisten am Rand von Aufsehen erregenden Ereignissen. Am zentralen Echarchia-Platz gibt es eine der besten und bekanntesten Gyros-Buden der Stadt. Ein guter Treffpunkt zum Gedankenaustausch. Gern unterhält man sich dabei über die neuesten Gerüchte. Dieses Wochenende fiel auch der Kollegenklatsch aus, offenbar war den meisten das Wetter zu schlecht.

Etwas neu und ungewohnt ist seit diesem ansonsten traditionsreichen Wochenende die Häme und der Spott der griechischen Journalistenkollegen. Diese haben sich entgegen den überlieferten Pflichten den Besuch der Demonstrationen schlicht gespart. Einige konnten sich aber einen nächtlichen Telefonanruf nicht verkneifen. Es gab eine "Gratulation zum deutschen Qualitätsjournalismus".

Deutsche Medien, so bemerkte eine Kollegin, würden damit endlich die griechische Tradition würdigen. Denn, im Juni 2009 berichtete das renommierte Blatt "To Vima" über ein Treffen zwischen dem damaligen Ministerpräsidenten Karamanlis und seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan. Es gab Exklusivfotos und sogar "geheime" Details der Politikergespräche.

Dumm gelaufen, denn Erdogan wollte Athen zwar anlässlich der Eröffnung des neuen Akropolismuseums besuchen, musste aber kurzfristig absagen. Vima Chefredakteur Psyharis begründete damals seinen Fauxpas mit Sparmaßnahmen und "dem üblichen Verfahren an Wochenenden". Zu erwartende Ereignisse, so der große Doge des hellenischen Journalismus, "müsse man halt bereits im Vorfeld beschreiben können".

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Wolfgang J. Koschnick analysiert den Niedergang der entwickelten parlamentarischen Parteiendemokratien. Das verbreitete Klagen über "die Politiker" und die allgemeine "Politikverdrossenheit" verstellt den Blick dafür, dass alle entwickelten Demokratien in einer fundamentalen Strukturkrise stecken.

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