Von Siegern und Besiegten
Ein Museum in Berlin-Karlshorst als Herausforderung für den Rückblick auf die DDR
Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, dem ehemaligen Sitz der sowjetischen Kommandantur bei Berlin, ist ein besonderer Ort. Nicht, weil vor dem Gebäude noch alte Panzer mit einem Roten Stern zu sehen sind und auch nicht, weil man hier noch irgendwie in der Luft den Hauch vergangener Zeiten zu verspüren glaubt. Sondern weil das Museum seit 1995 eine spezielle Verwandlung durchgemacht hat und wir an diesem Ort, sozusagen wie bei einer Operation am offenen Herzen sehen können, wie Geschichte produziert wird und wie sich unterschiedliche Interpretationen der Geschichte abwechseln. Und weiter können wir erkennen, dass das Museum nicht nur historische Schlachten wie etwa bei Stalingrad darstellt, sondern selbst ein Ort der Schlacht ist, ein Ort der ideologischen Auseinandersetzung über die Interpretation der Vergangenheit. In diesem Sinne gibt uns das Museum auch Auskunft über den derzeitigen Stand der ideologischen und aktuellen Kräfteverhältnissen in der Welt.
Um es konkret zu machen: Am 8. Mai 1945 wurde in Berlin-Karlshorst mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Das heutige Museums-Gebäude wurde zwischen 1936 und 1938 errichtet und war ursprünglich ein Offizierskasino der Wehrmacht. Ende April 1945 schlug im Kampf um Berlin die 5. sowjetische Stoßarmee unter Generaloberst Bersarin hier ihr Hauptquartier auf. Von 1945 bis 1949 war das Haus Sitz des Chefs der Sowjetischen Militäradministration und am 10. Oktober 1949 verlieh hier General Tschuikow der ersten Regierung der DDR die staatliche Vollmacht. Von 1967 bis 1994 erinnerte in diesem Haus ein Museum der sowjetischen Streitkräfte mit dem Namen "Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945" an den Sturm auf Berlin und die Kapitulation.
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| Kapitulationssaal. Bild: Deutsch-Russisches Museum |
Dieses Museum hatte eine klare Aufgabe: Den in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten sollten die Heldentaten der Väter und Großväter, die gegen das nationalsozialistische Deutschland gekämpft hatten, als Vorbilder für den eigenen Dienst gezeigt werden. Die Ausstellung umfasste drei Bereiche und Zentrum des Museums war der historische Saal, in dem in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die Oberbefehlshaber der Wehrmacht gegenüber den Alliierten die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hatten. Eingeleitet wurde der Rundgang durch die Ausstellung mit dem sogenannten Lenin-Saal, der die Geschichte der Oktoberrevolution und insbesondere das Wirken Lenins behandelte.
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| Deutsch-Russisches Museum in Karlshorst. Bild: Rudolf Stumberger |
1995 geschah eine wundersame Verwandlung des Museums. Die Verlierer des großen Krieges – die Deutschen – war inzwischen als Westdeutsche in neue geopolitische und ideologische Positionen eingerückt. Zusammen mit dem Westen und der Nato waren sie nun plötzlich auf der Siegerseite, während die Sowjetunion und mit ihr die DDR unterging. Den musealen Insignien des Triumphes über Hitlerdeutschland, dem Roten Stern und der Roten Fahne, war nicht nur der ideologische Unterbau des Kommunismus, sondern auch ganz konkret am Ort die militärische Machtbasis abhanden gekommen. 1994 verließen die ehemaligen Sieger das Land und kehrten zurück nach Russland, die Sowjetunion gab es seit 1991 nicht mehr.
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Die sowjetische Geschichtsdarstellung im Museum in Karlshort war zu diesem Zeitpunkt längst schon zu einer toten ideologischen Hülle geworden. Eine gemeinsame deutsch-russische Kommission erarbeitete ein neues Konzept: "Die schmerzhafte Bedeutung dieses Krieges für beide Länder führte zu der bisher einmaligen Gründung eines Museums, in dem die ehemaligen Kriegsgegner gemeinsam an diesen Krieg erinnern", so die Selbstdarstellung des neuen Museums. Die Ausstellungsstücke bleiben die gleichen, doch die Kalaschnikows, die Uniformen, Abzeichen und Fotografien erhielten nun durch einen neuen Kontext, durch neue Bildunterschriften ein neues Leben. Aus dem Museum der Sieger wurde nun ein Museum, das Sieger und Besiegte gleichberechtigt beherbergte – ein delikates Unterfangen. Denn, kann man Opfer und Täter gleichzeitig präsentieren? Lässt sich der Angehörige der Waffen-SS neben dem Rotarmisten stellen und so das Geschehen des Überfalls auf die Sowjetunion durch die neutrale Kategorie des "Krieges" ersetzen?
Wie das versucht wird, lässt sich anhand der Abteilung "Soldatenalltag" darstellen. Sie thematisiert die Lebensrealität der kämpfenden Truppe: "Fast zehn Millionen Deutsche und Österreicher waren kürzer oder länger als Soldaten der Wehrmacht an der Ostfront, auf sowjetischer Seite waren es mehr als 25 Millionen Männer und über eine Million Frauen. Die meisten von ihnen sind, ohne gefragt zu werden, aus dem zivilen Leben in ein durch massiven Zwang und Todesgefahr bestimmtes Leben als Soldat geschickt worden. Sie sind durch diesen Krieg geprägt und auch bei körperlicher Unversehrtheit verletzt worden."
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| Themenraum zum Soldatenalltag. Bild: Deutsch-Russisches Museum |
Die Perspektive der historischen Interpretation wird zu einer neutralen: "Kampfhandlungen machten nur einen sehr kleinen Teil des Soldatenlebens aus. Lange Märsche und körperliche Strapazen, Wachdienst und als sinnlos empfundenes Warten, Leben in einer zerstörten Umgebung mit provisorischen Unterkünften und Schlafgelegenheiten, oft unter extremen klimatischen Bedingungen, unregelmäßige, häufig unzureichende Mahlzeiten, Schmutz und Ungeziefer, dazu die permanente Angst vor Verwundung, Verstümmelung oder Tod - all das kennzeichnete den Alltag der Soldaten auf beiden Seiten." Hier werden die ideologischen Begriffe des "Kampfes gegen den Bolschewismus" und des "vaterländischen Kampfes gegen den Hitlerfaschismus" reduziert auf die nüchterne Empirie des Kriegsalltages.
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| Vitrine zu deutschen Kriegsgefangenen. Bild: Deutsch-Russisches Museum |
Das Museum von Karlshorst ist durchdrungen von der Absicht, den Krieg im Osten mithilfe von Fakten, Daten und Dokumenten möglichst "objektiv" und allseitig darzustellen: "Die ehemaligen Kriegsgegner haben die historische Stunde der politischen Veränderungen genutzt und sich auf eine gemeinsame Sicht auf den Krieg verständigt." So werden sowohl das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen in Deutschland als auch das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion dargestellt, beides wäre früher in einer gemeinsamen Ausstellung nur schwer vorstellbar gewesen. In insgesamt 16 Abteilungen widmet sich so das deutsch-russische Museum seinem Thema, von den "Deutsch-sowjetische Beziehungen 1917-1933" bis hin zu "Die Gegenwart des Krieges nach dem Krieg". So ist das Museum in Karlhorst eine faktenreiche und detailreiche und um Objektivität bemühte Ausstellung, freilich ohne Antwort auf die Frage nach Schuld und Sühne.
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| Themenraum zu sowjetischen Zwangsarbeitern. Bild: Deutsch-Russisches Museum |
Die besondere Konzeption des Museums, Sieger und Besiegte in einer Synthese zuzuführen, weckt allerdings Fragen, ob ein derartiges Verfahren nicht auch auf die jüngste Geschichte, also auf den Mauerfall und die DDR, anzuwenden wäre. Denn es ist nicht schwer darzulegen, dass die gegenwärtigen Erinnerungsperspektiven an die DDR vom Muster her dem des Sowjetmuseums gleicht: Es ist die Perspektive der Sieger. Man könnte also fragen, was würde es bedeuten, die asymmetrische durch eine symmetrische Darstellung zu ersetzen und neben der DDR sowohl auch die Bundesrepublik in den Focus der Aufklärung zu stellen.
Die Schwierigkeiten ähneln wohl denen der jetzigen Ausstellung in Karlshorst. Denn angenommen, dieses Prinzip würde angewandt, hieße es dann, neben den Menschenrechtsverletzungen und Haftbedingungen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen zum Beispiel auch die unmenschlichen Bedingungen 1947 im englischen Verhörzentrum in Bad Nenndorf bei Hannover, denen neben Nazis auch Kommunisten ausgesetzt waren, zu erwähnen?[1]
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| Themenraum zu sowjetischen Zwangsarbeitern. Bild: Deutsch-Russisches Museum |
Würden dann diese Menschenrechtsverletzungen in Ost und West nicht mehr nur an Regime gebunden sein, sondern wären Ausdruck der "neutralen" Kategorie "Kalter Krieg"? Und wäre dann dem Mangel an Rechtssicherheit in der DDR nicht die Üppigkeit der Rechtsauslegung in der BRD beizugesellen, etwa was das Verbot der KPD in den 1950er Jahren und die Berufsverbote in den 1970er Jahren anbelangt? Oder müsste man dann der flächendeckenden Präsenz der Stasi die flächendeckende Präsenz struktureller Gewalt, wie sie über Besitzformen und Vermögensverteilung sich äußerst, entgegenstellen? Würde dann der Mangel an Menschenrechten und Selbstbestimmung nicht mehr eine spezifische Kategorie der DDR, sondern eine allgemeine Kategorie, die auch auf die BRD anwendbar ist? Und ist es vorstellbar, dass das RAF-Mitglied Ulrike Meinhof neben dem DDR-Dissidenten Jürgen Fuchs ein gemeinsames Thema wäre? Oder ist es so, dass die ideologischen Uhrwerke noch immer arbeiten und eine derartige Schau der Dinge sich noch an dem Bibelwort der Offenbarung bricht, wonach der Herr den Lauen, der weder warm noch kalt ist, ausspucke?
In diesem Sinne ist die Ausstellung in Karlshorst über ihr eigentliches Thema hinausgehend von grundsätzlicher Bedeutung. Sie jedenfalls könnte helfen, Antworten auf obige Fragen zu finden und die Bedingungen zu klären, unter denen man derartige Fragen überhaupt stellen kann.
http://www.heise.de/tp/artikel/31/31672/1.html- Dein Beitrag ist für mich der Interessanteste ... (31.1.2010 0:36)
- Re: Kritische Anmerkung zu einem Detail (31.1.2010 0:12)
- Re: Warum eigentlich? (30.1.2010 23:51)
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