Glocken als Feuerlöscher

Ohne einen neuen gesellschaftlichen Taktgeber wird die Klimakatastrophe kaum zu bewältigen sein

Die Kirchenglocken in Kopenhagen wie auch in anderen Gemeinden weltweit haben am Sonntag 350 Mal geläutet. Viele Menschen stimmten mit Trommeln, Tröten und Hörnern in das Konzert ein. Es war die bislang wohl spektakulärste Aktion der vom US-Autor Bill McKibben vor drei Jahren entwickelten Kampagne www.350.org rund um die Zahl 350. Sie soll das Bewusstsein für die Gefährdung des Erdklimas schärfen: 350 ppm (parts per million) Kohlendioxid gelten als Obergrenze für die Konzentration des Treibhausgases in der Erdatmosphäre, jenseits derer dramatische und unumkehrbare Klimaveränderungen drohen sollen. Gegenwärtig ist die Grenze mit 390 ppm deutlich überschritten.

Ob das Sturmgeläut die derzeit in Kopenhagen versammelten Politiker aufrütteln konnte, . Die 350 Glockenschläge sind gewiss ein wichtiger symbolischer Akt im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Doch die Aktion nutzt ein Medium der Vergangenheit. Sie knüpft an eine Kultur an, die es nicht mehr gibt und die sich nicht wiederbeleben lassen wird.

Glocken waren lange Zeit das wichtigste Massenkommunikationsmittel. In Europa gaben sie über tausend Jahre lang den Takt des Alltags und der Feiertage vor. Ihr Geläut begleitete die Menschen durch den Tag, durchs Jahr, durchs Leben. Sie mahnten zum Innehalten, riefen zu den Mahlzeiten, verkündeten den Tod von Dorfbewohnern oder begrüßten hohe Gäste. Die Sprache der Glocken folgte einem komplexen Code, der von allen Menschen verstanden wurde.

Glocken feierten zugleich auch immer die Kraft des Feuers. Sie waren das Großartigste, was sich mit seiner Hilfe formen ließ. Metall, aus Gestein erschmolzen, bekam eine Gestalt, die selbst bei Massen von mehreren Tonnen noch harmonisch abgestimmte Wohlklänge mit vielen Ober- und Untertönen hervorbringen konnte. Und das mit einer Lautstärke, die ihresgleichen suchte. Glockengeläut stellte den Kontakt zur himmlischen Sphäre her und war bis ins späte 19. Jahrhundert hinein der einzige künstliche Klang, der dem Donner ebenbürtig war - neben dem der Kanone.

Die Kanone betritt im 14. Jahrhundert, wenige Jahrhunderte nach der großen Kirchenglocke, die historische Bühne und entwickelt sich rasch zur ernsthaften Konkurrentin, nicht nur bei der Geräuschentwicklung, sondern auch bei der Verwendung der Bronze. In Kriegszeiten wurden nun Kirchenglocken beschlagnahmt, um sie zu Kanonen umzugießen. Nach Friedensschluss wurden erbeutete Kanonen dann häufig wieder zu Glocken verwandelt. Fast jede Kirchengemeinde beklagt in ihren Chroniken den kriegsbedingten Verlust ihrer Glocken. Und immer wieder kam es zu Metamorphosen wie bei der 26 Tonnen schweren Kaiserglocke im Kölner Dom, die 1873 aus 22 französischen Kanonen gegossen und im Jahr 1918 wieder zerlegt und als kriegswichtiges Material abtransportiert wurde.

Dampfmaschinen und Verbrennungsmotoren haben das Klangmonopol der Glocken gebrochen

Im 20. Jahrhundert kam diese unfriedliche Koexistenz der beiden Bronzemächte zum Ende. Für Kanonen wurden zunehmend andere Materialien wie Stahl interessanter, zudem verloren sie gegenüber Raketenwaffen mehr und mehr an Bedeutung. Das Zeitalter der Glocken endete für den französischen Historiker Alain Corbin im November 1918, als das Ende des Ersten Weltkriegs in Frankreich durch ein nationales Geläut zugleich verkündet und gefeiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Macht des tönenden Metalls zum einen bereits durch visuelle Medien wie Plakate und Zeitungen ausgehöhlt. Vor allem aber hatten Dampfmaschinen und Verbrennungsmotoren das Klangmonopol der Glocken gebrochen.

Die Dampfmaschine gab einen neuen Takt vor. Hatten sich die Glocken noch am Wechsel von Tag und Nacht, an der Abfolge der Jahreszeiten und an den verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens orientiert, wurde jetzt das regelmäßige und pausenlose Stampfen der Zylinder zum Maß aller Dinge.

Die neuen Rhythmen ertönten zuerst an der Brennstoffquelle. Dort kamen die ersten Dampfmaschinen zum Einsatz, um das Grundwasser aus den Bergwerken zu pumpen. Dort wurden auch die ersten Eisenbahngleise verlegt. Dampflokomotiven beförderten anfangs keine Passagiere, sondern zogen die mit Kohle beladenen Wagen aus den Stollen. Kohle wurde verbrannt, um schneller Kohle zu fördern. Das war der Auftakt zu der bis heute anhaltenden und sich immer noch weiter beschleunigenden Symphonie der Maßlosigkeit.

Das Ende des Feuerzeitalters

Die industrielle Produktion trieb die Beherrschung des Feuers auf die Spitze. Jede einzelne Flamme in den ungezählten Fahrzeugmotoren, Kraftwerken oder Flugzeugtriebwerken brennt heute extrem kontrolliert. Störungen sind erstaunlich selten. Doch all diese Flammen zusammen bilden den gewaltigsten Flächenbrand, den die Erde je erlebt hat. In den vergangenen 350 Millionen Jahren, seit es genug Sauerstoff in der Erdatmosphäre gibt, um ein Feuer zu entfachen, hat unser Planet nicht so gebrannt wie jetzt. Dieses Feuer hat niemand unter Kontrolle. Und keine noch so laute Alarmglocke kann es stoppen.

Wir erleben das turbulente Ende des Feuerzeitalters. Etwa 1,5 Millionen Jahre bildeten die züngelnden Flammen das Fundament unserer Zivilisation. Wir haben den Umgang mit ihnen so weit perfektioniert, dass wir auf ihnen sogar ins Weltall reiten können. Doch damit sind die Grenzen der Feuernutzung erreicht. Wenn der Übergang ins solare Zeitalter gelingen soll, wenn wir uns dauerhaft im Sonnensystem einrichten und in den kommenden Jahrtausenden nach und nach um die Sonne als neues nukleares Lagerfeuer versammeln wollen, müssen wir den Flächenbrand auf der Erde eindämmen.

Auf Dauer wird sich die globale Feuersbrunst nur beherrschen lassen, wenn es gelingt, einen neuen gesellschaftlichen Taktgeber zu etablieren, der den Fluch des sich beschleunigenden quantitativen Wachstums durchbricht und das Zusammenleben der Menschen wieder stärker an die natürlichen Rhythmen anbindet. In den vergangenen tausend Jahren haben das Glocken aus Bronze geleistet. Welches Medium dieses Erbe antreten könnte, ist dagegen noch völlig offen.

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